Podcasts by Category

SWR Kultur lesenswert - Literatur

SWR Kultur lesenswert - Literatur

SWR

Die Sendungen SWR Kultur lesenswert können Sie als Podcast abonnieren.

8135 - Leonard Cohen zum 10. Todestag: eine Biografie
0:00 / 0:00
1x
  • 8135 - Leonard Cohen zum 10. Todestag: eine Biografie

    Ein Song zum Mitsingen, hier in einer Country-, Skiffle-Fassung von 1972. Meist wird dieser Titel – „Passing through“ – Cohen zugeordnet, doch stammt dieser alte Folksong von 1947. Christophe Lebold hakt diesen „Lieblingsfolksong“ Cohens, wie er schreibt, nur kurz zu Beginn ab. Dabei ist es einer der Songs, die Cohens Wesen besonders gut abbilden: der einsame Wolf auf Menschenfang, der ewig Fremde auf der Durchreise. Oder, wie Christophe Lebold an einer Stelle schreibt. 

    Das Leben ist ein Traum und Menschen sind Schatten, die vorüberziehen. 

    Quelle: Christophe Lebold – Im Schatten der Engel

     

    Ein Zen-Bruder im Geiste 

    Nach der umfangreichen Biografie von Sylvie Simmons aus dem Jahr 2012, die der aktuelle Biograf, Christophe Lebold, im Übrigen wenig galant als „seelenlos“ abfertigt, ist dies nun die zweite umfangreiche Darstellung zum Leben und Werk von Leonard Cohen. Hier schreibt ein Kenner, ein Liebhaber, ja, ein Bruder im Geiste, Zen-Bruder, der am Ende mit dem sterbenskranken Dichter sogar noch zum persönlichen Gespräch kommen konnte. Eine intime Studie also, wie der Verlag anpreist. Klar, dass hier Entdeckungen zu machen sind.  Cohens späterer Welthit, „Suzanne“, hier in einer frühesten Aufnahme von 1966, interpretiert von The Stormy Clovers, eine Band, die Cohen selbst zusammengestellt hatte.

    Zunächst zittrig und verzagt

    Erst danach wagte er sich dann, im Februar 1967, allein auf die Bühne, zittrig und verzagt neben seiner Förderin Judy Collins, die „Suzanne“ zum Hit gemacht hatte. Doch das Publikum liebte Cohen von Beginn an, so hilflos und fremd er sich auch geben mochte. 
    So stand er also da: besiegt und (wie man sich sofort vorstellt) mit seinem typischen verlegenen Lächeln. Ein kleiner Junge, zu schüchtern, um ohne seine Mami an seiner Seite zu singen.

    Quelle: Christophe Lebold – Im Schatten der Engel

    „So fand Leonard mit dreiunddreißig, dem Alter Christi, heraus, dass Hitler metaphysische Kriege zu erklären, nur die eine Sache ist, und in der Öffentlichkeit zu singen, eine ganz andere", schreibt Lebold. Etwas jedoch bemerkte er an jenem Tag nicht, Collins jedoch erwähnte es jedes Mal, wenn sie die Anekdote erzählte: wie sehr das Publikum jubelte, als er zurückkam. Sie hatten sich in den zitternden Dichter verliebt – eine Liebesgeschichte, die mehrere Jahrzehnte andauern sollte.“ 

    Lebensstationen, Anekdoten, Meisterwerke 

    Lebold läuft die Lebensstationen ab, durchaus konventionell, doch stilistisch gewandt. Er gibt Anekdoten zum Besten, kürt verschiedene Meisterwerke, durchleuchtet die Songtexte in langen Passagen, analysiert auch die Musik und kommt zu griffigen Bewertungen: 
    Leonards dreifache Berufung bestimmte eine dreifache Karriere: die des Hohepriesters, des Dichters und des Frauenhelden. Das Ergebnis ist ein Leben, dessen Held Leonard Cohen ist.

    Quelle: Christophe Lebold – Im Schatten der Engel

    „Christophe Lebold schreibt weiter: „Ein Leben, das natürlich wie alle Leben improvisiert war, aber eines, das so dramatisch war, dass es wie ein Roman komponiert gewesen zu sein scheint. Das Ergebnis sind einhundertvierzig Songs, zwei Romane und mehr als tausend Seiten kompromissloser Poesie.“ 

    Leonard Cohen – ein Heiliger? 

    Ein Jammer aber ist es, dass der Autor nicht mit nahen Angehörigen, Bekannten oder Musikern gesprochen hat, um einen Blick hinter die Kulissen dieses Phänomens „Leonard Cohen“ zu ermöglichen. Christophe Lebold zeichnet Cohen in seinem liebevollen Buch als Heiligen, als Gesandten, als Propheten. Von diesem Heiligenschein abgesehen, erfahren wir viel über Cohens Lebensweg, seine Lyrik, seinen Geist, seine Musik – und seine Bedeutung für die Menschheit. Freiheit zu erlangen, wenn auch nur als Versuch, so drückte es Cohen in „Like a bird on a wire“ aus, und gab dem Publikum Wärme und Kraft mit auf den Weg. Es dankte mit Ovationen.
    Wed, 4 Nov 2026 - 04min
  • 8134 - Grönlandgletscher, Seegfrörne und tiefgekühlte Gefühle: „Das große Eis“ von Sonja Sophie Kreis

    Debütroman der Zürcher Künstlerin und Kunstpädagogin Sonja Sophie Kreis

    In den letzten Jahren häufen sich die Familienromane, mit denen die Kinder der Kriegskinder ihre ererbten Traumata zu ergründen versuchen. Auch im Debütroman der Zürcher Künstlerin und Kunstpädagogin Sonja Sophie Kreis notiert die Ich-Erzählerin Anna, wie die Autorin, Jahrgang 1963, Erinnerungen an ihre verstorbene Mutter Hannah, an die Geschwister, an die deutschen Großeltern. 

    Eine Familiengeschichte – und zugleich viel mehr 

    Aber darin erschöpft sich Kreis‘ Buch mitnichten. „Das große Eis“ ist vielmehr ein literarisches Gemälde, in dem immer neue Facetten zu entdecken sind. Die ersten Sätze werfen Schlaglichter auf Annas Kindheit, den Tag ihrer Geburt im Jahr der letzten Seegfrörne, wie die Einheimischen es nennen, wenn der Bodensee vollständig zufriert.  Spätestens die Erwähnung des Hotelzimmers im grönländischen Illulisat lässt ahnen, dass es bei Annas Notaten um mehr geht als um heilendes Journaling.  

    Geschwister, Eis und Schnee

    Ich schreibe mit Blick auf die Eisberge, diese Sturzgeburten, geschliffen von Wind und Wetter. Nach ihrer Reise durch den Fjord versammeln sie sich hier vor der Küste, liegen da wie eine wartende Flotte:

    Quelle: Sonja Sophie Kreis – Das große Eis

    „Irgendwann werden sie verschwunden sein und als namenlose weiße Inseln im offenen Meer treiben. Aus der Luft gesehen ein zufälliges Muster aus kleinen und größeren Formen mit Rundungen und Ecken. Weiß auf Schwarzgrün. Auf keiner Karte verzeichnet.“  Anna ist nach Grönland gereist, um endlich ihren elf Jahre älteren Bruder wiederzusehen, der sich für ein Leben in Eis und Schnee entschieden hat. Seit Jahrzehnten beschränkt sich der Kontakt der Geschwister auf sporadische Telefonate. Enger, aber nicht viel wärmer ist Annas Verbindung mit ihrer Schwester, die ins hochalpine, gletschernahe Zermatt geheiratet hat.  

    Eisige Natur als Leitmotiv und Gestaltungsaufgabe 

    Das Davontreiben der Eisberge, der rieselnde, alles bedeckende Schnee, die knackende Kälte der Seegförne macht Anna zu Leitmotiven ihrer Aufzeichnungen. Darin spiegeln sich die tiefgekühlten Gefühle und eingefrorenen Erinnerungen ihrer Familie. Zugleich sind sie bildliche Sujets. Die Fotografin Anna hat ihre Kamera zu Hause gelassen. Jetzt fokussiert sie, schildert und speichert in Erzählung, was sie nicht fotografieren kann.  Allein diese sinnlichen Eindrücke machen „Das große Eis“ zur abwechslungsreichen Lektüre. Hinzu kommt ein souverän konstruiertes Ineinander der Erzähl- und Zeitebenen.   Das Grundgerüst ist eine Autofahrt durch Schneegestöber. Im Januar 1951 wird die junge Hannah von der deutschen Seite des Untersees Richtung Schweizer Ufer kutschiert, wo sie den Tierarzt Paul heiraten wird. Die Braut trägt schwarz und ist schwanger.  

    Beschwiegene Erinnerungssplitter

    Sie wollte nicht in die Schweiz. Nur das Kind half ihr beim Tapfersein, das Kind beschützte sie. Den ganzen Morgen hatte sie versucht, an nichts zu denken, nichts zu empfinden, nicht den Kloß im Hals, nicht das Frösteln im Herzen.

    Quelle: Sonja Sophie Kreis – Das große Eis

    „Gegen Tränen gab es ein paar Tricks, Rückwärtszählen oder das penible Beschreiben von Dingen, die sie vor sich sah. Das Ordnen der Welt in Himmelsrichtungen, in Farben, Stoffe, Materialien.“  Dazwischen schieben sich Annas Beobachtungen an der grönländischen Diskobucht und ihre Gegenwart in Zürich. Und immer häufiger die zersprengten, lange beschwiegenen Erinnerungssplitter ihrer Mutter: Hannahs Jugend im Krieg, ihr Aufwachsen in der Grenzregion zwischen Nazi-Deutschland und der Schweiz – als Tochter regimekritischer Eltern, die eng befreundet waren mit dem Maler, Nazigegner, Pensionswirt und Fluchthelfer Otto Marquardt, einer historischen Figur. 

    Zeitgeschichte, deren Augenzeugen fast verschwunden sind 

    Ein Stück Zeitgeschichte grundiert also die Familiengeschichte: die Flucht von Verfolgten des NS aus dem Deutschen Reich in die Schweiz und der Transport verbotener Flugblätter und Schriften in die Gegenrichtung. Vielleicht nicht ganz zufällig handelt auch „Querfeldein“, der aktuelle Roman des wenig älteren Alex Capus, von diesem Kapitel Schweizer Historie, dessen Augenzeugen immer weniger werden.   Sprachbewusst und elegant fügt Sonja Sophie Kreis die Elemente ihres Romans zusammen. Für ihr spätes Debüt „Das große Eis“ hat sich die Autorin Zeit gelassen. Die hat sie gut genutzt.
    Tue, 3 Nov 2026 - 04min
  • 8133 - Mareike Fallwickl: „Unser Frauenleben ist sehr erfüllt ohne einen Mann darin“

    Feministische und politische Bücher

    „Haltet euch fest“ heißt der neue Roman von Bestsellerautorin Mareike Fallwickl. Freundschaften haben darin denselben Wert wie romantische Beziehungen. Es geht um Wahlfamilien und ein Haus, das Zuflucht bietet. Mareike Fallwickl gelingt mit ihren Büchern etwas Besonderes: Sie schreibt feministische, politische Bücher, Bücher, die uns herausfordern und die in diesen Zeiten, in denen es feministische Ideen schwer haben, trotzdem zu Bestsellern werden. Ein Gespräch über den Wert von Freundschaften und darüber, warum immer mehr Frauen auf ein Leben ohne Männer setzen.

    „Man merkt ein großes Dating-Burnout“

    Kristine Harthauer:Die Frauen in „Haltet euch fest“ leben ein Leben, das sich nicht um Männer und Dating kreist. Es gibt eine Figur, Marle, die schleppt sich zunächst noch zu enttäuschenden Dates, bis sie sich dann selbst einen Dating-Burnout diagnostiziert und sich dazu entscheidet, als Single Mutter zu werden. Bevor die Rufe nach den Männer hassenden Feministinnen laut werden: Geht es den Figuren in Ihrem Roman darum, Männer zu verbannen oder eher darum, neue Formen, neue Werte für Beziehungen zu finden? Mareike Fallwickl:Boy Sober, sagt man ja auch, wenn Frauen keine Männer mehr daten. Hetero-Pessimismus, Hetero-Fatalismus, eben auch diese Frage, ist es peinlich, einen Freund zu haben, einen Freund zu wollen. Frauen beschämen sich selbst dafür und beschämen auch andere Frauen dafür. Decentering oder Decentralizing Men, sagt man dazu. Alle diese Dinge finde ich wahnsinnig faszinierend, weil ich es liebe, mich rechts und links umzuschauen, Zeitgeistiges einzufangen, mir zu überlegen, warum haben wir diese Geschlechter-Klischees, wie verändern die sich, auf was für eine Art von Zukunft steuern wir zu. Man merkt ein großes Dating-Burnout: Nur noch 30 Prozent aller jungen Menschen daten überhaupt, man nennt es auch Dating-App-Fatigue. Der Marktwertverlust beträgt aktuell 40 Milliarden Dollar für Dating-Apps. Und alles davon finde ich interessant. Meine Idee ist dann, zu schauen, wie lässt sich das literarisch verarbeiten, wie lässt sich das in eine spannende Geschichte gießen.

    Studien zeigen: Frauen priorisieren Freundschaften

    Kristine Harthauer:Decentering Men, Heterofatalismus, vielleicht für jemanden, der es jetzt zum ersten Mal hört in unserem Gespräch, was genau verschiebt sich da gerade? Was haben Sie da beobachtet? Mareike Fallwickl: Die Studien sagen sehr konkret, dass zum Beispiel 45 Prozent aller Frauen zwischen 25 und 44 Jahren bis 2030 in den westlichen Ländern unverpartnert sein werden. Inzwischen priorisieren sogar 47 Prozent der Frauen Freundschaft. Man nennt sich oft auch hetero-pausal, das ist auch so ein schöner Neologismus. Dass Frauen, die hetero sind, eine Pause einlegen beim Dating und dass sie sich dann auf Freundschaften konzentrieren, auf Reisen, auf Fortbildungen, auf das eigene Wohlbefinden. Unser Frauenleben ist sehr, sehr erfüllt ohne einen Mann darin. Ein Mann müsste inzwischen einfach eine Bereicherung sein, ein Partner auf Augenhöhe und das finde ich sehr faszinierend. Da kommt, glaube ich, eine große Umwälzung auf uns zu, die natürlich mit einer gewissen neuen Unabhängigkeit, einer wirtschaftlichen, finanziellen Unabhängigkeit der Frauen zu tun hat. Frauen haben jetzt Zugang zu Bildung und Beruf. Das ist auch so ein Punkt, wo ich immer sage, ja, aber können wir uns kurz daran erinnern, wer Frauen den Zugang zu Bildung und Beruf über Jahrhunderte verwehrt hat?

    Weg von den klassischen Narrativen

    Kristine Harthauer: In Ihrem Roman spielt ein Haus eine zentrale Rolle und mehrere Frauen, denen wir durch die Zeit folgen. Es gibt große Zeitsprünge zwischen dem Ende der 1970er-Jahre, als dieses Haus gebaut wird und unserer Gegenwart. Und wir lernen da unter anderem Luzia kennen, eine der tragenden Figuren. Als erwachsene Frau ist sie eine Theaterregisseurin und als Kind wächst sie in diesem Haus auf mit zwei Großmüttern, zwei Müttern, zwei Vätern und vielen Geschwistern. Was ist das für ein Haus, was ist das für eine Familie, in der sie aufwächst? Mareike Fallwickl:Das Haus ist eine Queer-Blended-Family, wie man heute sagt, oder Chosen-Family, Wahlfamilie, und besteht einfach aus sehr vielen Menschen, die Unterschlupf brauchen, die das gemeinsam gestalten, gemeinsam aufbauen, die sich Care-Arbeit und Lohnarbeit teilen. Der Roman zeigt aber durch die Jahrzehnte, welche Herausforderungen so eine Familie hat und auch Regenbogenkinder bis heute haben, wenn sie in einer sehr homofeindlichen und heteronormativen Welt aufwachsen. Luzia ist sehr stark von Jorinde Dröse inspiriert. Das ist die Theaterregisseurin meiner Romane, die „Die Wut, die bleibt“ und „Alle so still“ mit großer Wucht und Kraft auf der Bühne inszeniert hat und heute auch nicht mehr wegzudenken ist aus meinem Leben als Freundin. Sie ist eine Freundin, die wirklich oft sagt, ich hab dich lieb, ich liebe dich. Und diese Gespräche, die wir führen, sind teilweise ins Buch eingeflossen. Jorinde Dröse arbeitet sehr stark daran, am Theater, in diesem wahnsinnig patriarchal geprägten Machtapparat, Hierarchien zu verändern und Dinge aufzubrechen, die wir für verkrustet halten. Und das wollte ich auch unbedingt erzählen, also weggehen von diesen klassischen Narrativen, alles ist ungerecht und wir können das nicht ändern, sondern einfach zu zeigen, wie könnte es denn anders sein.

    Ein Haus ohne Herrenzimmer

    Kristine Harthauer: Gebaut wurde dieses Haus von Frida und Sigrid Ende der 1970er-Jahre. Beide haben ihre gewalttätigen Ehemänner verlassen und wollten sich etwas Neues schaffen, auch architektonisch. Das fand ich an diesem Haus auch interessant. Was haben sie da auch architektonisch verändert? Es gibt einen Satz in Ihrem Roman, der lautet, „In diesem Haus gibt es kein Herrenzimmer“. Was gibt es stattdessen? Mareike Fallwickl: Wenn man sich einmal überlegt, sprachlich: Was bedeutet uns Herrenhaus, was bedeutet uns Frauenhaus? Es ist wie ein Loft, ein großer offener Raum, einfach nur mit tragenden Säulen, aber keine Wände, keine Zimmer, die gibt es im ersten Stock. Unten gibt es eine große Matratzeninsel, große Tische, Dinge, die einfach irgendwie wild und chaotisch herumliegen, Menschen, die sich das so gemeinsam gestalten. Mir war auch die Frage in den Raum zu werfen, mit wem bauen wir ein Haus, mit wem gestalten wir unsere ganzen Wochenenden, Wocheneinkäufe, Dinge wie Kinderbetreuung, Urlaube, Weihnachten. Wir leben aktuell so, als gäbe es keine andere Wahl, als romantische Partnerschaften ins Zentrum zu stellen und Freundinnen oder Freund*innenschaften zu seinem Extra zu machen, während das vielleicht gar nicht die einzige Art zu leben sein muss. Und es gibt auch noch ein schönes Wort, nämlich Emotionships. Wenn wir viele Emotionships haben, sprich verschiedene Beziehungen, tragfähige Bindungen in unserem Leben, auf die wir unsere Bedürfnisse aufteilen können, dann sind wir glücklicher, als wenn wir das alles nur von einer einzigen Person erwarten.

    Freundschaften sind kein Extra

    Kristine Harthauer: Man muss auch sagen, Sigrid und Frida, die eben ihre Ehemänner verlassen haben, die sind nicht in einer erotischen Beziehung. Das sind zwei Freundinnen, die aber ihre Freundschaft auch als Liebe empfinden. In unserer Sprache ist es ja häufig so: Wenn ein Mann und eine Frau Dinge miteinander unternehmen und man sich fragt, haben die was miteinander? Dann heißt es oft, nee, die sind nur Freunde. Wie haben Sie sich als Autorin auch mit unserer Sprache auseinandergesetzt? Mareike Fallwickl: Sprache bildet die Wirklichkeit ja nicht nur ab, sondern stellt sie auch her und da finde ich es eben sehr interessant genau hinzuschauen: Wie sprechen wir über diese Dinge? Wir sagen dann auch gern mehr als Freunde. Dieses mehr ist dann natürlich der Sex, der irgendwie dazukommt. Die Frage ist natürlich, was haben wir für eine Intimität in Freundschaften, was haben wir für eine Sprache dafür? Wenn wir Liebe sagen, meinen wir immer die romantische Liebe, erst recht wenn wir die große Liebe sagen. Auch wenn wir jemanden fragen: Bist du mit jemandem zusammen? Bist du in einer Beziehung? Dann meinen wir immer romantische Liebe. Wir sind sprachlich wahnsinnig eingeschränkt. Wir haben nur zwei, drei Schubladen, die die Gesellschaft für uns aufmacht und alles, was da nicht reinpasst, da stehen wir einigermaßen hilflos daneben. Auch wenn wir sagen, mein Freund, meine Freundin, brauchen wir eine Konkretisierung, so wenig klar ist die Sprache für diese vielen Facetten von Liebe und von Gefühlen. Aber platonische und romantische Gefühle lassen sich nicht unbedingt differenzieren und das ist okay.

    Liebe gibt es auch in Freundschaften

    Kristine Harthauer:Und das zeigen und leben auch Ihre Romanfiguren. In Ihrem Buch steckt eben auch viel feministische Theorie. Ich habe in einigen Rezensionen gelesen, dass Ihnen vorgeworfen wird, Sie würden Ideenromane schreiben. Empfinden Sie das als Vorwurf? Mareike Fallwickl:Nein, erstens, weil es auch wahnsinnig viele Rückmeldungen gibt, die da ganz krass dagegenhalten. Jetzt auch zum neuen Buch. Menschen, die mir schreiben, sie fühlen sich gesehen, sie fühlen, dass das Buch ihnen zeigt, es kann einen anderen Weg geben. Es sind auch schon mehrere Frauen auf mich zugekommen, die gesagt haben, sie haben schon länger überlegt, als beste Freundinnen zu heiraten und das Buch hat ihnen Bestätigung gegeben, das vielleicht auch jetzt wirklich zu tun. Wenn es immer heißt, es sind politische Bücher und in der deutschen Literatur darf man keine Agenda haben, dann muss man immer anschauen, dass alles, was wir als standardisiert und als Norm betrachten, wo wir festgelegt haben, das ist die „normale“ Literatur und alles andere ist das Abweichende, das ist auch politisch. Es ist genauso politisch, ständig diese patriarchalen Narrative zu bedienen und wieder und wieder zu reproduzieren. Es geht schlicht und ergreifend nur darum mit diesen Schlagworten oder diesen Dingen, die als Ideen unterbreitet werden, zu zeigen, es könnte auch anders gehen und eventuell die Menschen dazu zu bringen, nachzudenken und dann vielleicht auch nachzulesen. Okay, wo hat sie diese Infos her? Und wenn sie dann ein bisschen mehr sich damit beschäftigen und andere Autorinnen lesen und darauf kommen, da gibt es einfach noch wahnsinnig viel. Freundschaft zum Beispiel hat sich durch die Jahrhunderte immer schon anders definiert. Als ich von diesem Buchprojekt erzählt habe, gab es ganz oft die Reaktion meines Gegenübers: „Aber wenn Frauen das alles nicht mehr machen, also wenn die nicht mehr in Dating-Apps rumwischen, wenn die sich nicht damit beschäftigen, wie soll ich aussehen, was muss ich anziehen, was schreibt er mir, keine Screenshots an ihre Freundinnen schicken, nächtelang grübeln und wachliegen, warum hat er mich geghostet - was tun die dann?“ Das ist so kurios, weil offensichtlich die große Mehrheit der Menschen denkt, das ist die Ausrichtung der Frauen und die Zeit, die sie investieren und das Ziel, das sie anstreben sollen. Und jetzt gibt es einfach 425 Seiten, die zeigen, sie tun sehr viel und es ist eine krasse patriarchale Denkweise, so ein Frauenleben wäre leer, ohne Männer darin. Kristine Harthauer: „Haltet euch fest“ ist der Titel Ihres Romans. Was soll man festhalten und was soll man vielleicht loslassen? Mareike Fallwickl: Das darf natürlich jede Person für sich selbst entscheiden, aber generell finde ich an dem Titel schön, dass es auch so ein bisschen ein Aufruf ist, zu schauen, was lohnt sich festzuhalten. Generell ist es ein Plädoyer dafür, sich im eigenen Leben umzuschauen und festzustellen, da ist sehr viel Liebe und die darf auch als solche benannt werden.
    Fri, 6 Nov 2026 - 11min
  • 8132 - Eine neue Sicht auf die Geschichte Haitis von Toni Keppeler

    Der Titel signalisiert bereits, dass hier nicht die üblichen Protagonisten im Vordergrund stehen: Die historisch verbürgten Präsidenten, Opponenten, Generäle und Revolutionäre, sondern die einfachen Menschen, deren Vorfahren einst aus Afrika hierher verschleppt und versklavt wurden und dennoch 1804 etwas Einzigartiges schufen: „Die weltweit erste schwarze Republik“. Doch in dem neuen Staat hatten nicht sie das Sagen, die gegen die Kolonialherren gekämpft und den Sklavenhaltern Widerstand geleistet hatten, sondern – wie Toni Keppeler schreibt:   „Eine neue Elite aus führenden Militärs und farbigen Plantagenbesitzern, Männern, die sich oft genug gegen die eigenen Leute gestellt hatten und nun zu offiziellen Helden gemacht wurden. Diese Elite dominierte den Staat. Ihre Sprache war Französisch, und ihre politischen und wirtschaftlichen Vorstellungen waren an Europa orientiert.“ 

    Haitis neue Herrschaftselite 

    Unter ihr herrschten allerdings divergierende Interessen. Kolonialmächte wie Frankreich nutzten sie hemmungslos aus, um ihre ökonomischen Ziele auf der zuckerreichen Insel durchzusetzen. Frankreich erkannte z.B. 1804 die Unabhängigkeit erst an, nachdem Haiti zu immensen Entschädigungszahlungen für die Enteignung der Sklavenhalter bereit war.  
    Es erpresste Lösegeld für die Freiheit und machte das Land zum Modell des postkolonialen Schuldnerstaats.

    Quelle: Toni Keppeler – Haiti. Sklaven, Vodou und ein endloser Kampf um Befreiung

      Denn die Abzahlung der schließlich vereinbarten 90 Millionen Goldfrancs dauerte bis 1947. Unter dem Schuldendienst litt besonders die ländliche Bevölkerung, weil die Steuern für ihre Produkte ständig erhöht wurden. Viele Menschen flüchteten vor den Geldeintreibern in die Berge. Als eine besondere Form der Selbstbehauptung entstand damals der Vodou.  

    Vodou als Religion des Aufstands 

    „Diese Religion war eine der wichtigsten Voraussetzungen des Aufstands der Schwarzen. Sie gab ihnen die Überzeugung, dass sie gemeinsamen mit ihrem Gott, ihren Ahnen und mit Hilfe der Natur die Weißen vertreiben können. Der Vodou prägt die Kultur Haitis und das Denken der Haitianer bis heute.“  Erst 2003 wurde er offiziell als Religion anerkannt. Toni Keppler widmet ihm ein besonderes Kapitel in seiner Geschichte Haitis. Denn er erzählt sie nicht einfach linear, an den historischen Ereignissen entlang, sondern gliedert sie thematisch in großen Bögen wie „Der neokoloniale Schuldenstaat“ oder „Das Erdbeben und andere Katastrophen“, zu denen die Profiteure derartiger Desaster zählen.  „Die internationale Staatengemeinschaft hat Haiti mehr als 10 Milliarden US-Dollar als Not- und Wiederaufbauhilfe versprochen. Tatsächlich wurden weniger als 10 Prozent über die Regierung Haitis kanalisiert. Zu den größten Empfängern von Hilfsgeldern gehörte das Beratungsunternehmen Chemonics aus den USA. Auch die US-Armee hat heftig abgesahnt.“ 

    Kultureller Reichtum: die Literatur 

    Haiti ist ein gebeuteltes Land, verraten von einer skrupellosen internationalen Politik, zerrissen von inneren Konflikten, Korruption und Gewalt. Obwohl jedoch die Mehrheit der Bevölkerung arm ist, viele weder lesen noch schreiben können, existiert hier seit langem ein kultureller Reichtum: die Literatur. 
    Wer Romane haitianischer Schriftsteller liest, dem fällt auf, dass ihre Geschichten oft in historischen Zusammenhängen spielen, die in Büchern von nicht haitianischen Autoren zur Historie des Landes meist nur am Rand erwähnt werden. 

    Quelle: Toni Keppeler – Haiti. Sklaven, Vodou und ein endloser Kampf um Befreiung

    Toni Keppeler beschreibt die Besonderheiten der literarischen Szene und überhaupt die kulturellen Hintergründe des historischen Geschehens ausführlich. Seine Geschichte Haitis ist ein Ereignis an sich: durch die Originalität der Darstellung und die Überzeugungskraft des Dargestellten.
    Mon, 2 Nov 2026 - 03min
  • 8131 - „Fights!“: Feinfühlige Hillbilly-Literatur von Scott McClanahan

    Kann ein trockener Alkoholiker gute Bücher schreiben? Natürlich, das hat zuletzt Christoph Peters mit seinem Roman „Entzug“ gezeigt. Der 2021 verstorbene Independent-Verleger Giancarlo DiTrapano dürfte da anderer Meinung gewesen sein. DiTrapano, ein enfant terrible der Indie-Szene, gründete 2009 den Independent-Verlag „New York Tyrant“, wo er zwei Romane des Schriftstellers Scott McClanahan verlegte: „Hill William“ und „The Sarah Book“.  

    Nachruf auf Indie-Verleger  

    In McClanahans neuem Roman „Fights!“, übersetzt von Clemens Setz, geht es um das schwierige, aber produktive Verhältnis zu DiTrapano, der seinem Schützling nicht immer den besten Rat gab:  „Er erklärte mir, ich sei inzwischen einfach zu glücklich im Leben, da leide das Schreiben darunter. Er faltete die Hände wie zum Gebet und erklärte, er habe wirklich lange versucht, mich cool aussehen zu lassen, aber dieses Buch sei leider alles andere als cool.“, meint der Verleger.
    „Ich wusste, dass es ein Fehler war, als du mit dem Trinken aufgehört hast“, sagte er. Dann scherzte er, dass es besser gewesen wäre, ich hätte mich einfach gleich umgebracht.

    Quelle: Scott McClanahan – Fights!

    Ein Schriftsteller, der so einen Verleger hat, braucht keine Feinde. Die titelgebenden „Fights!“, Kämpfe also, beziehen sich auf das Verhältnis zu DiTrapano. Der drogensüchtige Exzentriker wirkt im Roman als Kontrastfigur zum Erzähler Scott McClanahan, der seine Alkoholsucht hinter sich lassen, ein guter Ehemann für seine Frau Juliet und ein noch besserer Vater für seine zwei Kinder sein möchte.   
    Ich zeigte auf Gian, genau wie mein Vater es immer tat, wenn er mir eine Standpauke hielt. Ich sagte, ich hätte ihn und diesen ganzen Cool-Kid-Scheiß satt. Ich wolle nicht mehr cool sein, sondern warmherzig. 

    Quelle: Scott McClanahan – Fights!

    Ringen mit sich selbst  

    Fights gibt es auch zwischen Scott und Juliet: Sie sieht nicht ein, dass Scott ständig in Gians Eskapaden hineingezogen wird. Für Gian aber steht Scott neuerdings unter Spießerverdacht. Aus diesem Beziehungsstrudel kann Scott sich nicht lösen. Der entscheidende Kampf ist dabei Scotts schriftstellerisches Ringen mit sich selbst, mit der Angst, als Autor nicht zu genügen. Das Cool-Kid möchte er nicht mehr sein, aber was dann? Als Leserinnen und Leser begleiten wir Scott beim Schreiben eines Romans, der die Machart seiner früheren Bücher übertreffen soll. Dieser Roman ist „Fights!“   „Ich fragte Gian, wie ihm mein neues Buch ‚Fights!‘ bislang gefalle, und er atmete aus und sagte: ‚Keine Ahnung, Mann. Es ist irgendwie ziemlich scheiße.‘ Er sagte, ich wiederhole mich einfach, sieben Jahre später. ‚Du hast doch schon in deinem letzten Buch über einen Streit mit jemandem geschrieben.‘“  Dieses ‚letzte Buch‘ hieß „The Sarah Book“. McClanahan verarbeitet darin das Scheitern seiner ersten Ehe und dokumentiert ausführlich sein Alkoholproblem. In „Fights!“ kämpft McClanahan aktiv gegen diese persönlichen Probleme an. Und er hebt auch sein schriftstellerisches Können auf eine neue Ebene: Die große Stärke der Indie-Literatur – das Rohe, Emotionale, Ungefilterte – verbindet McClanahan mit persönlicher Selbstreflexion und einem formalen Spiel um das eigentliche „Fights!“.  

    Tragik und Komik im Mountain State  

    Der Roman präsentiert sich als eine Art Manuskript, das noch in Arbeit ist, nicht als abgeschlossenes Buch mit klarer Handlung. In Fights! schauen wir einem Schriftsteller zu, der sein Leben und sein Schreiben bewältigt – ein Leben, dem McClanahan die Tragik seines Heimatbundestaats West Virginia einschreibt, diese Welt der Hillbillys und ihrer Drogenprobleme, ihrer Waffengewalt und Perspektivlosigkeit.  Es ist aber auch ein Leben, dem es an schreikomischen Episoden nicht fehlt. Etwa, wie Scott bei einer vermeintlichen Polizeiverfolgung plötzlich eine Pistole auf dem Schoß liegt, die er loswerden muss; oder wie er achtzehn Stunden lang Auto fährt, um vor vier Personen aus seinem neuen Buch zu lesen und dabei gerade mal zwanzig Dollar zu verdienen.   Giancarlo DiTrapano kann dieses Buch nicht mehr lesen. Die Antwort auf die Frage, ob Scott McClanahan auch ohne Alkoholproblem und mit ein wenig Glück im Leben großartige Bücher schreiben kann, lautet: Ja.
    Sun, 1 Nov 2026 - 04min
Show More Episodes