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- 8135 - Leonard Cohen zum 10. Todestag: eine Biografie
Ein Song zum Mitsingen, hier in einer Country-, Skiffle-Fassung von 1972. Meist wird dieser Titel – „Passing through“ – Cohen zugeordnet, doch stammt dieser alte Folksong von 1947. Christophe Lebold hakt diesen „Lieblingsfolksong“ Cohens, wie er schreibt, nur kurz zu Beginn ab. Dabei ist es einer der Songs, die Cohens Wesen besonders gut abbilden: der einsame Wolf auf Menschenfang, der ewig Fremde auf der Durchreise. Oder, wie Christophe Lebold an einer Stelle schreibt.
Das Leben ist ein Traum und Menschen sind Schatten, die vorüberziehen.
Quelle: Christophe Lebold – Im Schatten der Engel
Ein Zen-Bruder im Geiste
Nach der umfangreichen Biografie von Sylvie Simmons aus dem Jahr 2012, die der aktuelle Biograf, Christophe Lebold, im Übrigen wenig galant als „seelenlos“ abfertigt, ist dies nun die zweite umfangreiche Darstellung zum Leben und Werk von Leonard Cohen. Hier schreibt ein Kenner, ein Liebhaber, ja, ein Bruder im Geiste, Zen-Bruder, der am Ende mit dem sterbenskranken Dichter sogar noch zum persönlichen Gespräch kommen konnte. Eine intime Studie also, wie der Verlag anpreist. Klar, dass hier Entdeckungen zu machen sind. Cohens späterer Welthit, „Suzanne“, hier in einer frühesten Aufnahme von 1966, interpretiert von The Stormy Clovers, eine Band, die Cohen selbst zusammengestellt hatte.Zunächst zittrig und verzagt
Erst danach wagte er sich dann, im Februar 1967, allein auf die Bühne, zittrig und verzagt neben seiner Förderin Judy Collins, die „Suzanne“ zum Hit gemacht hatte. Doch das Publikum liebte Cohen von Beginn an, so hilflos und fremd er sich auch geben mochte.So stand er also da: besiegt und (wie man sich sofort vorstellt) mit seinem typischen verlegenen Lächeln. Ein kleiner Junge, zu schüchtern, um ohne seine Mami an seiner Seite zu singen.
„So fand Leonard mit dreiunddreißig, dem Alter Christi, heraus, dass Hitler metaphysische Kriege zu erklären, nur die eine Sache ist, und in der Öffentlichkeit zu singen, eine ganz andere", schreibt Lebold. Etwas jedoch bemerkte er an jenem Tag nicht, Collins jedoch erwähnte es jedes Mal, wenn sie die Anekdote erzählte: wie sehr das Publikum jubelte, als er zurückkam. Sie hatten sich in den zitternden Dichter verliebt – eine Liebesgeschichte, die mehrere Jahrzehnte andauern sollte.“Quelle: Christophe Lebold – Im Schatten der Engel
Lebensstationen, Anekdoten, Meisterwerke
Lebold läuft die Lebensstationen ab, durchaus konventionell, doch stilistisch gewandt. Er gibt Anekdoten zum Besten, kürt verschiedene Meisterwerke, durchleuchtet die Songtexte in langen Passagen, analysiert auch die Musik und kommt zu griffigen Bewertungen:Leonards dreifache Berufung bestimmte eine dreifache Karriere: die des Hohepriesters, des Dichters und des Frauenhelden. Das Ergebnis ist ein Leben, dessen Held Leonard Cohen ist.
„Christophe Lebold schreibt weiter: „Ein Leben, das natürlich wie alle Leben improvisiert war, aber eines, das so dramatisch war, dass es wie ein Roman komponiert gewesen zu sein scheint. Das Ergebnis sind einhundertvierzig Songs, zwei Romane und mehr als tausend Seiten kompromissloser Poesie.“Quelle: Christophe Lebold – Im Schatten der Engel
Leonard Cohen – ein Heiliger?
Ein Jammer aber ist es, dass der Autor nicht mit nahen Angehörigen, Bekannten oder Musikern gesprochen hat, um einen Blick hinter die Kulissen dieses Phänomens „Leonard Cohen“ zu ermöglichen. Christophe Lebold zeichnet Cohen in seinem liebevollen Buch als Heiligen, als Gesandten, als Propheten. Von diesem Heiligenschein abgesehen, erfahren wir viel über Cohens Lebensweg, seine Lyrik, seinen Geist, seine Musik – und seine Bedeutung für die Menschheit. Freiheit zu erlangen, wenn auch nur als Versuch, so drückte es Cohen in „Like a bird on a wire“ aus, und gab dem Publikum Wärme und Kraft mit auf den Weg. Es dankte mit Ovationen.Wed, 4 Nov 2026 - 04min - 8134 - Grönlandgletscher, Seegfrörne und tiefgekühlte Gefühle: „Das große Eis“ von Sonja Sophie Kreis
Debütroman der Zürcher Künstlerin und Kunstpädagogin Sonja Sophie Kreis
In den letzten Jahren häufen sich die Familienromane, mit denen die Kinder der Kriegskinder ihre ererbten Traumata zu ergründen versuchen. Auch im Debütroman der Zürcher Künstlerin und Kunstpädagogin Sonja Sophie Kreis notiert die Ich-Erzählerin Anna, wie die Autorin, Jahrgang 1963, Erinnerungen an ihre verstorbene Mutter Hannah, an die Geschwister, an die deutschen Großeltern.Eine Familiengeschichte – und zugleich viel mehr
Aber darin erschöpft sich Kreis‘ Buch mitnichten. „Das große Eis“ ist vielmehr ein literarisches Gemälde, in dem immer neue Facetten zu entdecken sind. Die ersten Sätze werfen Schlaglichter auf Annas Kindheit, den Tag ihrer Geburt im Jahr der letzten Seegfrörne, wie die Einheimischen es nennen, wenn der Bodensee vollständig zufriert. Spätestens die Erwähnung des Hotelzimmers im grönländischen Illulisat lässt ahnen, dass es bei Annas Notaten um mehr geht als um heilendes Journaling.Geschwister, Eis und Schnee
Ich schreibe mit Blick auf die Eisberge, diese Sturzgeburten, geschliffen von Wind und Wetter. Nach ihrer Reise durch den Fjord versammeln sie sich hier vor der Küste, liegen da wie eine wartende Flotte:
„Irgendwann werden sie verschwunden sein und als namenlose weiße Inseln im offenen Meer treiben. Aus der Luft gesehen ein zufälliges Muster aus kleinen und größeren Formen mit Rundungen und Ecken. Weiß auf Schwarzgrün. Auf keiner Karte verzeichnet.“ Anna ist nach Grönland gereist, um endlich ihren elf Jahre älteren Bruder wiederzusehen, der sich für ein Leben in Eis und Schnee entschieden hat. Seit Jahrzehnten beschränkt sich der Kontakt der Geschwister auf sporadische Telefonate. Enger, aber nicht viel wärmer ist Annas Verbindung mit ihrer Schwester, die ins hochalpine, gletschernahe Zermatt geheiratet hat.Quelle: Sonja Sophie Kreis – Das große Eis
Eisige Natur als Leitmotiv und Gestaltungsaufgabe
Das Davontreiben der Eisberge, der rieselnde, alles bedeckende Schnee, die knackende Kälte der Seegförne macht Anna zu Leitmotiven ihrer Aufzeichnungen. Darin spiegeln sich die tiefgekühlten Gefühle und eingefrorenen Erinnerungen ihrer Familie. Zugleich sind sie bildliche Sujets. Die Fotografin Anna hat ihre Kamera zu Hause gelassen. Jetzt fokussiert sie, schildert und speichert in Erzählung, was sie nicht fotografieren kann. Allein diese sinnlichen Eindrücke machen „Das große Eis“ zur abwechslungsreichen Lektüre. Hinzu kommt ein souverän konstruiertes Ineinander der Erzähl- und Zeitebenen. Das Grundgerüst ist eine Autofahrt durch Schneegestöber. Im Januar 1951 wird die junge Hannah von der deutschen Seite des Untersees Richtung Schweizer Ufer kutschiert, wo sie den Tierarzt Paul heiraten wird. Die Braut trägt schwarz und ist schwanger.Beschwiegene Erinnerungssplitter
Sie wollte nicht in die Schweiz. Nur das Kind half ihr beim Tapfersein, das Kind beschützte sie. Den ganzen Morgen hatte sie versucht, an nichts zu denken, nichts zu empfinden, nicht den Kloß im Hals, nicht das Frösteln im Herzen.
„Gegen Tränen gab es ein paar Tricks, Rückwärtszählen oder das penible Beschreiben von Dingen, die sie vor sich sah. Das Ordnen der Welt in Himmelsrichtungen, in Farben, Stoffe, Materialien.“ Dazwischen schieben sich Annas Beobachtungen an der grönländischen Diskobucht und ihre Gegenwart in Zürich. Und immer häufiger die zersprengten, lange beschwiegenen Erinnerungssplitter ihrer Mutter: Hannahs Jugend im Krieg, ihr Aufwachsen in der Grenzregion zwischen Nazi-Deutschland und der Schweiz – als Tochter regimekritischer Eltern, die eng befreundet waren mit dem Maler, Nazigegner, Pensionswirt und Fluchthelfer Otto Marquardt, einer historischen Figur.Quelle: Sonja Sophie Kreis – Das große Eis
Zeitgeschichte, deren Augenzeugen fast verschwunden sind
Ein Stück Zeitgeschichte grundiert also die Familiengeschichte: die Flucht von Verfolgten des NS aus dem Deutschen Reich in die Schweiz und der Transport verbotener Flugblätter und Schriften in die Gegenrichtung. Vielleicht nicht ganz zufällig handelt auch „Querfeldein“, der aktuelle Roman des wenig älteren Alex Capus, von diesem Kapitel Schweizer Historie, dessen Augenzeugen immer weniger werden. Sprachbewusst und elegant fügt Sonja Sophie Kreis die Elemente ihres Romans zusammen. Für ihr spätes Debüt „Das große Eis“ hat sich die Autorin Zeit gelassen. Die hat sie gut genutzt.Tue, 3 Nov 2026 - 04min - 8133 - Mareike Fallwickl: „Unser Frauenleben ist sehr erfüllt ohne einen Mann darin“
Feministische und politische Bücher
„Haltet euch fest“ heißt der neue Roman von Bestsellerautorin Mareike Fallwickl. Freundschaften haben darin denselben Wert wie romantische Beziehungen. Es geht um Wahlfamilien und ein Haus, das Zuflucht bietet. Mareike Fallwickl gelingt mit ihren Büchern etwas Besonderes: Sie schreibt feministische, politische Bücher, Bücher, die uns herausfordern und die in diesen Zeiten, in denen es feministische Ideen schwer haben, trotzdem zu Bestsellern werden. Ein Gespräch über den Wert von Freundschaften und darüber, warum immer mehr Frauen auf ein Leben ohne Männer setzen.„Man merkt ein großes Dating-Burnout“
Kristine Harthauer:Die Frauen in „Haltet euch fest“ leben ein Leben, das sich nicht um Männer und Dating kreist. Es gibt eine Figur, Marle, die schleppt sich zunächst noch zu enttäuschenden Dates, bis sie sich dann selbst einen Dating-Burnout diagnostiziert und sich dazu entscheidet, als Single Mutter zu werden. Bevor die Rufe nach den Männer hassenden Feministinnen laut werden: Geht es den Figuren in Ihrem Roman darum, Männer zu verbannen oder eher darum, neue Formen, neue Werte für Beziehungen zu finden? Mareike Fallwickl:Boy Sober, sagt man ja auch, wenn Frauen keine Männer mehr daten. Hetero-Pessimismus, Hetero-Fatalismus, eben auch diese Frage, ist es peinlich, einen Freund zu haben, einen Freund zu wollen. Frauen beschämen sich selbst dafür und beschämen auch andere Frauen dafür. Decentering oder Decentralizing Men, sagt man dazu. Alle diese Dinge finde ich wahnsinnig faszinierend, weil ich es liebe, mich rechts und links umzuschauen, Zeitgeistiges einzufangen, mir zu überlegen, warum haben wir diese Geschlechter-Klischees, wie verändern die sich, auf was für eine Art von Zukunft steuern wir zu. Man merkt ein großes Dating-Burnout: Nur noch 30 Prozent aller jungen Menschen daten überhaupt, man nennt es auch Dating-App-Fatigue. Der Marktwertverlust beträgt aktuell 40 Milliarden Dollar für Dating-Apps. Und alles davon finde ich interessant. Meine Idee ist dann, zu schauen, wie lässt sich das literarisch verarbeiten, wie lässt sich das in eine spannende Geschichte gießen.Studien zeigen: Frauen priorisieren Freundschaften
Kristine Harthauer:Decentering Men, Heterofatalismus, vielleicht für jemanden, der es jetzt zum ersten Mal hört in unserem Gespräch, was genau verschiebt sich da gerade? Was haben Sie da beobachtet? Mareike Fallwickl: Die Studien sagen sehr konkret, dass zum Beispiel 45 Prozent aller Frauen zwischen 25 und 44 Jahren bis 2030 in den westlichen Ländern unverpartnert sein werden. Inzwischen priorisieren sogar 47 Prozent der Frauen Freundschaft. Man nennt sich oft auch hetero-pausal, das ist auch so ein schöner Neologismus. Dass Frauen, die hetero sind, eine Pause einlegen beim Dating und dass sie sich dann auf Freundschaften konzentrieren, auf Reisen, auf Fortbildungen, auf das eigene Wohlbefinden. Unser Frauenleben ist sehr, sehr erfüllt ohne einen Mann darin. Ein Mann müsste inzwischen einfach eine Bereicherung sein, ein Partner auf Augenhöhe und das finde ich sehr faszinierend. Da kommt, glaube ich, eine große Umwälzung auf uns zu, die natürlich mit einer gewissen neuen Unabhängigkeit, einer wirtschaftlichen, finanziellen Unabhängigkeit der Frauen zu tun hat. Frauen haben jetzt Zugang zu Bildung und Beruf. Das ist auch so ein Punkt, wo ich immer sage, ja, aber können wir uns kurz daran erinnern, wer Frauen den Zugang zu Bildung und Beruf über Jahrhunderte verwehrt hat?Weg von den klassischen Narrativen
Kristine Harthauer: In Ihrem Roman spielt ein Haus eine zentrale Rolle und mehrere Frauen, denen wir durch die Zeit folgen. Es gibt große Zeitsprünge zwischen dem Ende der 1970er-Jahre, als dieses Haus gebaut wird und unserer Gegenwart. Und wir lernen da unter anderem Luzia kennen, eine der tragenden Figuren. Als erwachsene Frau ist sie eine Theaterregisseurin und als Kind wächst sie in diesem Haus auf mit zwei Großmüttern, zwei Müttern, zwei Vätern und vielen Geschwistern. Was ist das für ein Haus, was ist das für eine Familie, in der sie aufwächst? Mareike Fallwickl:Das Haus ist eine Queer-Blended-Family, wie man heute sagt, oder Chosen-Family, Wahlfamilie, und besteht einfach aus sehr vielen Menschen, die Unterschlupf brauchen, die das gemeinsam gestalten, gemeinsam aufbauen, die sich Care-Arbeit und Lohnarbeit teilen. Der Roman zeigt aber durch die Jahrzehnte, welche Herausforderungen so eine Familie hat und auch Regenbogenkinder bis heute haben, wenn sie in einer sehr homofeindlichen und heteronormativen Welt aufwachsen. Luzia ist sehr stark von Jorinde Dröse inspiriert. Das ist die Theaterregisseurin meiner Romane, die „Die Wut, die bleibt“ und „Alle so still“ mit großer Wucht und Kraft auf der Bühne inszeniert hat und heute auch nicht mehr wegzudenken ist aus meinem Leben als Freundin. Sie ist eine Freundin, die wirklich oft sagt, ich hab dich lieb, ich liebe dich. Und diese Gespräche, die wir führen, sind teilweise ins Buch eingeflossen. Jorinde Dröse arbeitet sehr stark daran, am Theater, in diesem wahnsinnig patriarchal geprägten Machtapparat, Hierarchien zu verändern und Dinge aufzubrechen, die wir für verkrustet halten. Und das wollte ich auch unbedingt erzählen, also weggehen von diesen klassischen Narrativen, alles ist ungerecht und wir können das nicht ändern, sondern einfach zu zeigen, wie könnte es denn anders sein.Ein Haus ohne Herrenzimmer
Kristine Harthauer: Gebaut wurde dieses Haus von Frida und Sigrid Ende der 1970er-Jahre. Beide haben ihre gewalttätigen Ehemänner verlassen und wollten sich etwas Neues schaffen, auch architektonisch. Das fand ich an diesem Haus auch interessant. Was haben sie da auch architektonisch verändert? Es gibt einen Satz in Ihrem Roman, der lautet, „In diesem Haus gibt es kein Herrenzimmer“. Was gibt es stattdessen? Mareike Fallwickl: Wenn man sich einmal überlegt, sprachlich: Was bedeutet uns Herrenhaus, was bedeutet uns Frauenhaus? Es ist wie ein Loft, ein großer offener Raum, einfach nur mit tragenden Säulen, aber keine Wände, keine Zimmer, die gibt es im ersten Stock. Unten gibt es eine große Matratzeninsel, große Tische, Dinge, die einfach irgendwie wild und chaotisch herumliegen, Menschen, die sich das so gemeinsam gestalten. Mir war auch die Frage in den Raum zu werfen, mit wem bauen wir ein Haus, mit wem gestalten wir unsere ganzen Wochenenden, Wocheneinkäufe, Dinge wie Kinderbetreuung, Urlaube, Weihnachten. Wir leben aktuell so, als gäbe es keine andere Wahl, als romantische Partnerschaften ins Zentrum zu stellen und Freundinnen oder Freund*innenschaften zu seinem Extra zu machen, während das vielleicht gar nicht die einzige Art zu leben sein muss. Und es gibt auch noch ein schönes Wort, nämlich Emotionships. Wenn wir viele Emotionships haben, sprich verschiedene Beziehungen, tragfähige Bindungen in unserem Leben, auf die wir unsere Bedürfnisse aufteilen können, dann sind wir glücklicher, als wenn wir das alles nur von einer einzigen Person erwarten.Freundschaften sind kein Extra
Kristine Harthauer: Man muss auch sagen, Sigrid und Frida, die eben ihre Ehemänner verlassen haben, die sind nicht in einer erotischen Beziehung. Das sind zwei Freundinnen, die aber ihre Freundschaft auch als Liebe empfinden. In unserer Sprache ist es ja häufig so: Wenn ein Mann und eine Frau Dinge miteinander unternehmen und man sich fragt, haben die was miteinander? Dann heißt es oft, nee, die sind nur Freunde. Wie haben Sie sich als Autorin auch mit unserer Sprache auseinandergesetzt? Mareike Fallwickl: Sprache bildet die Wirklichkeit ja nicht nur ab, sondern stellt sie auch her und da finde ich es eben sehr interessant genau hinzuschauen: Wie sprechen wir über diese Dinge? Wir sagen dann auch gern mehr als Freunde. Dieses mehr ist dann natürlich der Sex, der irgendwie dazukommt. Die Frage ist natürlich, was haben wir für eine Intimität in Freundschaften, was haben wir für eine Sprache dafür? Wenn wir Liebe sagen, meinen wir immer die romantische Liebe, erst recht wenn wir die große Liebe sagen. Auch wenn wir jemanden fragen: Bist du mit jemandem zusammen? Bist du in einer Beziehung? Dann meinen wir immer romantische Liebe. Wir sind sprachlich wahnsinnig eingeschränkt. Wir haben nur zwei, drei Schubladen, die die Gesellschaft für uns aufmacht und alles, was da nicht reinpasst, da stehen wir einigermaßen hilflos daneben. Auch wenn wir sagen, mein Freund, meine Freundin, brauchen wir eine Konkretisierung, so wenig klar ist die Sprache für diese vielen Facetten von Liebe und von Gefühlen. Aber platonische und romantische Gefühle lassen sich nicht unbedingt differenzieren und das ist okay.Liebe gibt es auch in Freundschaften
Kristine Harthauer:Und das zeigen und leben auch Ihre Romanfiguren. In Ihrem Buch steckt eben auch viel feministische Theorie. Ich habe in einigen Rezensionen gelesen, dass Ihnen vorgeworfen wird, Sie würden Ideenromane schreiben. Empfinden Sie das als Vorwurf? Mareike Fallwickl:Nein, erstens, weil es auch wahnsinnig viele Rückmeldungen gibt, die da ganz krass dagegenhalten. Jetzt auch zum neuen Buch. Menschen, die mir schreiben, sie fühlen sich gesehen, sie fühlen, dass das Buch ihnen zeigt, es kann einen anderen Weg geben. Es sind auch schon mehrere Frauen auf mich zugekommen, die gesagt haben, sie haben schon länger überlegt, als beste Freundinnen zu heiraten und das Buch hat ihnen Bestätigung gegeben, das vielleicht auch jetzt wirklich zu tun. Wenn es immer heißt, es sind politische Bücher und in der deutschen Literatur darf man keine Agenda haben, dann muss man immer anschauen, dass alles, was wir als standardisiert und als Norm betrachten, wo wir festgelegt haben, das ist die „normale“ Literatur und alles andere ist das Abweichende, das ist auch politisch. Es ist genauso politisch, ständig diese patriarchalen Narrative zu bedienen und wieder und wieder zu reproduzieren. Es geht schlicht und ergreifend nur darum mit diesen Schlagworten oder diesen Dingen, die als Ideen unterbreitet werden, zu zeigen, es könnte auch anders gehen und eventuell die Menschen dazu zu bringen, nachzudenken und dann vielleicht auch nachzulesen. Okay, wo hat sie diese Infos her? Und wenn sie dann ein bisschen mehr sich damit beschäftigen und andere Autorinnen lesen und darauf kommen, da gibt es einfach noch wahnsinnig viel. Freundschaft zum Beispiel hat sich durch die Jahrhunderte immer schon anders definiert. Als ich von diesem Buchprojekt erzählt habe, gab es ganz oft die Reaktion meines Gegenübers: „Aber wenn Frauen das alles nicht mehr machen, also wenn die nicht mehr in Dating-Apps rumwischen, wenn die sich nicht damit beschäftigen, wie soll ich aussehen, was muss ich anziehen, was schreibt er mir, keine Screenshots an ihre Freundinnen schicken, nächtelang grübeln und wachliegen, warum hat er mich geghostet - was tun die dann?“ Das ist so kurios, weil offensichtlich die große Mehrheit der Menschen denkt, das ist die Ausrichtung der Frauen und die Zeit, die sie investieren und das Ziel, das sie anstreben sollen. Und jetzt gibt es einfach 425 Seiten, die zeigen, sie tun sehr viel und es ist eine krasse patriarchale Denkweise, so ein Frauenleben wäre leer, ohne Männer darin. Kristine Harthauer: „Haltet euch fest“ ist der Titel Ihres Romans. Was soll man festhalten und was soll man vielleicht loslassen? Mareike Fallwickl: Das darf natürlich jede Person für sich selbst entscheiden, aber generell finde ich an dem Titel schön, dass es auch so ein bisschen ein Aufruf ist, zu schauen, was lohnt sich festzuhalten. Generell ist es ein Plädoyer dafür, sich im eigenen Leben umzuschauen und festzustellen, da ist sehr viel Liebe und die darf auch als solche benannt werden.Fri, 6 Nov 2026 - 11min - 8132 - Eine neue Sicht auf die Geschichte Haitis von Toni Keppeler
Der Titel signalisiert bereits, dass hier nicht die üblichen Protagonisten im Vordergrund stehen: Die historisch verbürgten Präsidenten, Opponenten, Generäle und Revolutionäre, sondern die einfachen Menschen, deren Vorfahren einst aus Afrika hierher verschleppt und versklavt wurden und dennoch 1804 etwas Einzigartiges schufen: „Die weltweit erste schwarze Republik“. Doch in dem neuen Staat hatten nicht sie das Sagen, die gegen die Kolonialherren gekämpft und den Sklavenhaltern Widerstand geleistet hatten, sondern – wie Toni Keppeler schreibt: „Eine neue Elite aus führenden Militärs und farbigen Plantagenbesitzern, Männern, die sich oft genug gegen die eigenen Leute gestellt hatten und nun zu offiziellen Helden gemacht wurden. Diese Elite dominierte den Staat. Ihre Sprache war Französisch, und ihre politischen und wirtschaftlichen Vorstellungen waren an Europa orientiert.“
Haitis neue Herrschaftselite
Unter ihr herrschten allerdings divergierende Interessen. Kolonialmächte wie Frankreich nutzten sie hemmungslos aus, um ihre ökonomischen Ziele auf der zuckerreichen Insel durchzusetzen. Frankreich erkannte z.B. 1804 die Unabhängigkeit erst an, nachdem Haiti zu immensen Entschädigungszahlungen für die Enteignung der Sklavenhalter bereit war.Es erpresste Lösegeld für die Freiheit und machte das Land zum Modell des postkolonialen Schuldnerstaats.
Denn die Abzahlung der schließlich vereinbarten 90 Millionen Goldfrancs dauerte bis 1947. Unter dem Schuldendienst litt besonders die ländliche Bevölkerung, weil die Steuern für ihre Produkte ständig erhöht wurden. Viele Menschen flüchteten vor den Geldeintreibern in die Berge. Als eine besondere Form der Selbstbehauptung entstand damals der Vodou.Quelle: Toni Keppeler – Haiti. Sklaven, Vodou und ein endloser Kampf um Befreiung
Vodou als Religion des Aufstands
„Diese Religion war eine der wichtigsten Voraussetzungen des Aufstands der Schwarzen. Sie gab ihnen die Überzeugung, dass sie gemeinsamen mit ihrem Gott, ihren Ahnen und mit Hilfe der Natur die Weißen vertreiben können. Der Vodou prägt die Kultur Haitis und das Denken der Haitianer bis heute.“ Erst 2003 wurde er offiziell als Religion anerkannt. Toni Keppler widmet ihm ein besonderes Kapitel in seiner Geschichte Haitis. Denn er erzählt sie nicht einfach linear, an den historischen Ereignissen entlang, sondern gliedert sie thematisch in großen Bögen wie „Der neokoloniale Schuldenstaat“ oder „Das Erdbeben und andere Katastrophen“, zu denen die Profiteure derartiger Desaster zählen. „Die internationale Staatengemeinschaft hat Haiti mehr als 10 Milliarden US-Dollar als Not- und Wiederaufbauhilfe versprochen. Tatsächlich wurden weniger als 10 Prozent über die Regierung Haitis kanalisiert. Zu den größten Empfängern von Hilfsgeldern gehörte das Beratungsunternehmen Chemonics aus den USA. Auch die US-Armee hat heftig abgesahnt.“Kultureller Reichtum: die Literatur
Haiti ist ein gebeuteltes Land, verraten von einer skrupellosen internationalen Politik, zerrissen von inneren Konflikten, Korruption und Gewalt. Obwohl jedoch die Mehrheit der Bevölkerung arm ist, viele weder lesen noch schreiben können, existiert hier seit langem ein kultureller Reichtum: die Literatur.Wer Romane haitianischer Schriftsteller liest, dem fällt auf, dass ihre Geschichten oft in historischen Zusammenhängen spielen, die in Büchern von nicht haitianischen Autoren zur Historie des Landes meist nur am Rand erwähnt werden.
Toni Keppeler beschreibt die Besonderheiten der literarischen Szene und überhaupt die kulturellen Hintergründe des historischen Geschehens ausführlich. Seine Geschichte Haitis ist ein Ereignis an sich: durch die Originalität der Darstellung und die Überzeugungskraft des Dargestellten.Quelle: Toni Keppeler – Haiti. Sklaven, Vodou und ein endloser Kampf um Befreiung
Mon, 2 Nov 2026 - 03min - 8131 - „Fights!“: Feinfühlige Hillbilly-Literatur von Scott McClanahan
Kann ein trockener Alkoholiker gute Bücher schreiben? Natürlich, das hat zuletzt Christoph Peters mit seinem Roman „Entzug“ gezeigt. Der 2021 verstorbene Independent-Verleger Giancarlo DiTrapano dürfte da anderer Meinung gewesen sein. DiTrapano, ein enfant terrible der Indie-Szene, gründete 2009 den Independent-Verlag „New York Tyrant“, wo er zwei Romane des Schriftstellers Scott McClanahan verlegte: „Hill William“ und „The Sarah Book“.
Nachruf auf Indie-Verleger
In McClanahans neuem Roman „Fights!“, übersetzt von Clemens Setz, geht es um das schwierige, aber produktive Verhältnis zu DiTrapano, der seinem Schützling nicht immer den besten Rat gab: „Er erklärte mir, ich sei inzwischen einfach zu glücklich im Leben, da leide das Schreiben darunter. Er faltete die Hände wie zum Gebet und erklärte, er habe wirklich lange versucht, mich cool aussehen zu lassen, aber dieses Buch sei leider alles andere als cool.“, meint der Verleger.„Ich wusste, dass es ein Fehler war, als du mit dem Trinken aufgehört hast“, sagte er. Dann scherzte er, dass es besser gewesen wäre, ich hätte mich einfach gleich umgebracht.
Ein Schriftsteller, der so einen Verleger hat, braucht keine Feinde. Die titelgebenden „Fights!“, Kämpfe also, beziehen sich auf das Verhältnis zu DiTrapano. Der drogensüchtige Exzentriker wirkt im Roman als Kontrastfigur zum Erzähler Scott McClanahan, der seine Alkoholsucht hinter sich lassen, ein guter Ehemann für seine Frau Juliet und ein noch besserer Vater für seine zwei Kinder sein möchte.Quelle: Scott McClanahan – Fights!
Ich zeigte auf Gian, genau wie mein Vater es immer tat, wenn er mir eine Standpauke hielt. Ich sagte, ich hätte ihn und diesen ganzen Cool-Kid-Scheiß satt. Ich wolle nicht mehr cool sein, sondern warmherzig.
Quelle: Scott McClanahan – Fights!
Ringen mit sich selbst
Fights gibt es auch zwischen Scott und Juliet: Sie sieht nicht ein, dass Scott ständig in Gians Eskapaden hineingezogen wird. Für Gian aber steht Scott neuerdings unter Spießerverdacht. Aus diesem Beziehungsstrudel kann Scott sich nicht lösen. Der entscheidende Kampf ist dabei Scotts schriftstellerisches Ringen mit sich selbst, mit der Angst, als Autor nicht zu genügen. Das Cool-Kid möchte er nicht mehr sein, aber was dann? Als Leserinnen und Leser begleiten wir Scott beim Schreiben eines Romans, der die Machart seiner früheren Bücher übertreffen soll. Dieser Roman ist „Fights!“ „Ich fragte Gian, wie ihm mein neues Buch ‚Fights!‘ bislang gefalle, und er atmete aus und sagte: ‚Keine Ahnung, Mann. Es ist irgendwie ziemlich scheiße.‘ Er sagte, ich wiederhole mich einfach, sieben Jahre später. ‚Du hast doch schon in deinem letzten Buch über einen Streit mit jemandem geschrieben.‘“ Dieses ‚letzte Buch‘ hieß „The Sarah Book“. McClanahan verarbeitet darin das Scheitern seiner ersten Ehe und dokumentiert ausführlich sein Alkoholproblem. In „Fights!“ kämpft McClanahan aktiv gegen diese persönlichen Probleme an. Und er hebt auch sein schriftstellerisches Können auf eine neue Ebene: Die große Stärke der Indie-Literatur – das Rohe, Emotionale, Ungefilterte – verbindet McClanahan mit persönlicher Selbstreflexion und einem formalen Spiel um das eigentliche „Fights!“.Tragik und Komik im Mountain State
Der Roman präsentiert sich als eine Art Manuskript, das noch in Arbeit ist, nicht als abgeschlossenes Buch mit klarer Handlung. In Fights! schauen wir einem Schriftsteller zu, der sein Leben und sein Schreiben bewältigt – ein Leben, dem McClanahan die Tragik seines Heimatbundestaats West Virginia einschreibt, diese Welt der Hillbillys und ihrer Drogenprobleme, ihrer Waffengewalt und Perspektivlosigkeit. Es ist aber auch ein Leben, dem es an schreikomischen Episoden nicht fehlt. Etwa, wie Scott bei einer vermeintlichen Polizeiverfolgung plötzlich eine Pistole auf dem Schoß liegt, die er loswerden muss; oder wie er achtzehn Stunden lang Auto fährt, um vor vier Personen aus seinem neuen Buch zu lesen und dabei gerade mal zwanzig Dollar zu verdienen. Giancarlo DiTrapano kann dieses Buch nicht mehr lesen. Die Antwort auf die Frage, ob Scott McClanahan auch ohne Alkoholproblem und mit ein wenig Glück im Leben großartige Bücher schreiben kann, lautet: Ja.Sun, 1 Nov 2026 - 04min - 8130 - Paulus Hochgatterer: Mio und die Unsterblichkeit
Ein schwerkranker Jugendlicher, der über sein Leben und den Tod nachdenkt. Eine Katze, die ihre eigenen Wege geht. Ein schmaler Roman von großer Menschenfreundlichkeit.
Sun, 1 Nov 2026 - 17min - 8129 - Petra Morsbach: Orion
Eine vermeintlich unspektakuläre Lebensgeschichte wird in den Lektüren der Hauptfigur gespiegelt. Raffiniert erweitert Morsbach den Erkenntnishorizont.
Sun, 1 Nov 2026 - 15min - 8128 - Jiří Weil: Moskau - die Grenze | Lesung und Diskussion
Ein Klassiker der tschechischen Literatur des 20. Jahrhunderts: Weil zeigt in seinem 1937 erschienenen Debüt die Tristesse und Brutalität des Stalinismus.
Sun, 1 Nov 2026 - 22min - 8127 - Andrew Miller: Das Land im Winter
England im Winter 1962. Zwei junge Ehepaare, die sich für ein Leben auf dem Land entschieden haben. Es braut sich ein Sturm zusammen – in mehrfacher Hinsicht.
Sun, 1 Nov 2026 - 18min - 8126 - SWR Bestenliste November | Diskussion über vier Bücher
Cornelia Geißler, Martin Ebel und Klaus Nüchtern diskutieren über vier Bücher, die auf die SWR Bestenliste des Monats November gewählt wurden. Eine Wiederentdeckung, ein Roman, dessen Figuren mitsamt ihren Gefühlen eingefroren sind, ein blitzgescheiter Jugendlicher mit einer schrecklichen Krankheit – und ein Lebensroman, über den kontrovers diskutiert wurde. Cornelia Geißler, Martin Ebel und Klaus Nüchtern sprachen über zwei deutschsprachige Romane und zwei Übersetzungen. Den Anfang im 1537 erbauten Ulmer Schuhhaussaal macht das Gespräch über Jiří Weils 1937 publizierten und von Reinhard Fischer aus dem Tschechischen ins Deutsche übersetzten Roman „Moskau – Die Grenze“, der nun in einer neuen Ausgabe im Wagenbach Verlag vorliegt. Der Roman steht auf Platz 7 der SWR Bestenliste. Gelobt wurde die intensive Beschreibung des Moskau der frühen 1930er Jahre, das der Autor aus eigener Erfahrung kannte. Die wechselhafte und tragische Biografie des Schriftstellers Jiří Weil, der Maxim Biller unlängst eine Novelle widmete, war ebenfalls Thema: Als kommunistischer Jude geriet Weil zwischen alle ideologischen Fronten des 20. Jahrhundert und wurde dort zerrieben. Großes Lob von allen drei Jurorinnen und Juroren erntete auch Andrew Millers Roman „Das Land im Winter“, der auf der Shortlist des Booker Prize stand und im November Platz 4 der SWR Bestenliste belegt. Das Buch spielt im Winter 1962/1963, einem der kältesten in England überhaupt seit dem Beginn der Aufzeichnungen. Im Mittelpunkt stehen zwei Ehepaare, deren Gefühlsleben ähnlich der südenglischen Landschaft, in der sie leben, eingefroren zu sein scheinen. Begeistert zeigte sich die Kritiker-Runde auch von der Subtilität, mit der Miller die Nachbeben des Zweiten Weltkriegs in seinen Text eingearbeitet hat. Kontrovers wurde es hingegen bei der Diskussion um Petra Morsbachs neuen Roman „Orion“, der auf Platz 3 der SWR Bestenliste im November steht. Während Martin Ebel die elegante Figurenzeichnung und die Eleganz lobte, mit der Morsbach das scheinbar unspektakuläre Leben einer Lehrerin und Leserin darstellt, waren Cornelia Geißler und Klaus Nüchtern wenig begeistert vom pädagogischen Impetus der Autorin. Begeisterung hingegen rief der Spitzenreiter der November-Bestenliste hervor: Der österreichische Kinderpsychologe und Schriftsteller Paulus Hochgatterer erzählt in „Mio und die Unsterblichkeit“ von einem blitzgescheiten 16-jährigen Jungen, der an spinaler Muskelatrophie leidet und im Rollstuhl sitzt. Ingemar, so heißt der Junge, unterhält sich mit einem 94-Jährigen über Philosophie, denkt über die großen Dinge des Lebens nach und ist in seiner aufgesetzten Altklugheit eine grundsympathische Figur. Und eines Tages taucht Mio, eine Katze, auf. Im Gegensatz zu Ingemar haben Katzen bekanntlich viele Leben. Ein trauriges, lustiges und vor allem sehr humanes Buch, befinden die Kritiker. Aus den vier Büchern lasen Mareike Köhler und Dominik Eisele.
Durch den Abend führte Christoph Schröder.Sun, 1 Nov 2026 - 1h 13min - 8125 - „Amseln“ von Anna Baar: Nah an der großen Weltliteratur | Buchkritik
Die Geschichte der Weltliteratur ist bevölkert von Frauenfiguren, die an einer kalten Welt und ihrem haltlosen Liebesunglück verzweifeln, verrückt zu werden drohen. Ob Esther Greenwood in Sylvia Plaths „Die Glasglocke“, Erika Kohut in Elfriede Jelineks „Die Klavierspielerin“ oder die namenlose Ich-Erzählerin in Ingeborg Bachmanns „Malina“, sie alle sind befallen von dem, was die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Elaine Showalter einmal „The Female Maladie“ genannt hat und was bei Sigmund Freud „Hysterie“ heißt: Sie sind aus Sicht der Gesellschaft überempfindlich, zu phantasiebegabt, stehen im Weg durch ihr unkonventionelles, unangepasstes Verhalten. Auch Elda Vera ist eine von ihnen:
Alles sollst du erfahren, auch wie ich inzwischen geliebt, gehasst und gewartet habe, auch dass ich mit Tauben rede und Amseln gefangen halte.
Quelle: Anna Baar - Amseln
Aufzeichnungen aus einem Koffer
In einer Rahmenhandlung gibt die Erzählerin von Anna Baars Roman zu Protokoll, dass sie einen Koffer geöffnet hat, der Aufzeichnungen der aufgrund einer Sexualstraftat inhaftierten Elda Vera enthält. Nicht alle sind datiert, ihre Vollständigkeit kann nicht überprüft werden. Doch nicht nur für die Erzählerin und ihre Figur gilt: „Auf jeden neuen Anlauf, ein Leben nachzuerzählen, folgen Erschütterungen des Gewissgeglaubten. Sobald man am Schaurohr dreht, purzeln die Einzelstücke munter durcheinander und fügen sich zusammen zu immer neuen Mustern – ein jedes mehr als die Summe immergleicher Teile.“ Elda Vera war Ärztin, Tochter gefühlskalter Eltern. Früh beginnt sie mit dem Sammeln erotischer Erfahrungen. Auf jeden Sex folgt das Gefühl schrecklicher Leere. Auf jeden Versuch, mit einem Mann zusammen zu sein die Erfahrung schrecklichen Scheiterns. Anna Baars Erzählerin fügt Elda Veras Geschichte aus den Puzzleteilen der schriftlichen Erinnerungen im Koffer zusammen, nicht ohne vorher besonders auf eine Notiz ihrer Hauptfigur hingewiesen zu haben:Wir sind, was wir verschweigen.
Baars Roman ist also nicht nur einer über das Empfinden der unausweichlichen, auch durch Alkohol und Drogen nicht zu lindernden inneren Leere, es ist auch einer, in dem sich von Beginn an das Wissen der Erzählerin um die Unergründlichkeit der Menschen ausdrückt. Obwohl die Schnipsel den Schein des Dokumentarischen tragen, bleiben sie auch in ihrer Aneinanderreihung fragmentarisch.Quelle: Anna Baar - Amseln
Wahrheit und Einbildung
Nie weiß man, ob, was Elda Vera datiert und undatiert über ihre Verhältnisse zu ihren Liebhabern, zu ihren Eltern und ihrer Schwester schreibt, nur eingebildet ist oder der Wahrheit entspricht: Wenn sie sagt:Ich habe keine Geschichte. Nur die Momentaufnahmen.
Warum Liebe unglücklich macht, kann man nicht nur bei der Soziologin Eva Illouz in deren gleichnamigem Sachbuch-Bestseller nachlesen. Auch in „Amseln“ lässt sich darüber herzzerreißend viel erfahren. Elda Vera, die aufgewachsen ist in einem Milieu, in dem schon die Eltern ihr Unglück im Alkohol ertränkt haben, als Ärztin unter dem Chauvinismus ihrer Vorgesetzten zu leiden hatte, erscheint zugleich als Irre, die mit Vögeln mehr anfangen kann als mit den Männern, von denen mit Milan und Kleiber manche selbst die Namen von Vögeln tragen.Quelle: Anna Baar - Amseln
Prägnanz und sprachliche Wucht
Anna Baar verwebt Elda Veras Geschichte mit Motiven aus einem Gedicht der Weltliteratur, mit Conrad Ferdinand Meyers „Zwei Segel“. Ihr Stil ist präzise, ihr Respekt vor den Figuren groß, ihre Entschlossenheit, das Schmerzhafteste und Erschütterndste im Leben ihrer Figur zu zeigen, verstörend. „Amseln“ ist eine kritische Studie eines weiblichen Ich-Zerfalls zwischen Opfer und Täterschaft, aufrüttelnd und nüchtern, nichts für zart Besaitete, in seiner Prägnanz und sprachlichen Wucht nahe an den großen weltliterarischen Geschwistern dieses Romans.Wed, 28 Oct 2026 - 04min - 8124 - Ruprecht Polenz plädiert für die Wahrheitsfindung in der unübersichtlichen Medienlandschaft
Ruprecht Polenz hat offenkundig genug: von der im Wortsinne ahnungslosen Erregung, mit der in den sogenannten sozialen Medien über Politik schwadroniert wird. Denn hier sieht er das Einfallstor für eine neue Form politischer Gleichgültigkeit: eine Form, in der die Menschen sogar wüssten, dass sie von manchen Politikern belogen werden – es sei ihnen aber dennoch egal, solange sie sich weiter verbal austoben können.
Aufklärung für das 21. Jahrhundert
Das Gegenmittel ist jahrhundertealt: es sind die Gedanken der Aufklärung, angewandt auf das Deutschland des 21. Jahrhunderts. Polenz schreibt: „Es gibt nur die mühsame, aber unverzichtbare Arbeit an den Bedingungen von Vernunft: Bildung, Medienkompetenz, unabhängige Wissenschaft, pluraler Journalismus, faire digitale Räume, politische Verantwortung. Und es gibt die Verantwortung jedes Einzelnen.“ Nach einem ausführlichen Problemaufriss wartet das Buch mit praxisnahen Vorschlägen auf. Der Autor warnt besonders vor dem sogenannten Bestätigungsfehler: dass der Mensch nämlich von jeher besonders empfänglich ist für diejenigen Informationen, die seine vorhandene Überzeugung stützen. Also rät Polenz, den Verstand einzuschalten:Suchen Sie aktiv nach Gegenargumenten für Ihre Überzeugung. Seien Sie sich bewusst, dass starke Emotionen wie Angst oder Wut den Bestätigungsfehler verstärken.
Allerdings: Arbeit allein auf der Ebene des Individuums genüge nicht. Polenz plädiert dafür, dem digitalen Stammtisch mit seiner ressentimentgeladenen Halbbildung eine neue, eine institutionalisierte mediale Sphäre entgegenzusetzen:Quelle: Ruprecht Polenz – Wie ein Volk den Verstand verliert - und was wir dagegen tun können
Der Staat sollte dringend öffentliche Gegenrede-Strukturen schaffen, in Partnerschaft mit der Zivilgesellschaft. Diese müssen transparent und plural besetzt sein. Sie müssen rein faktenbasiert arbeiten.
Quelle: Ruprecht Polenz – Wie ein Volk den Verstand verliert - und was wir dagegen tun können
Für einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk
Hier blitzen Parallelen auf: zum öffentlich-rechtlichen Rundfunksystem. Und folgerichtig hält Polenz dieses System, von ihm ÖRR genannt, für einen unverzichtbaren Pfeiler der freiheitlichen Demokratie. Auch wenn das Geld kostet. Denn:Der verpflichtende Rundfunkbeitrag aller Haushalte sichert nicht nur die Rundfunkfreiheit gegenüber dem Staat oder Kapitalinteressen, sondern bietet auch eine solide Basis für Qualitätsjournalismus.
Es macht Mut, dass ein solches Plädoyer heute von christdemokratischer Seite kommt. Denn vor Jahrzehnten war es gerade die CDU, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk politisch bekämpfte und ihn gefügig machen wollte: mit der unverblümten Drohung, anderenfalls einer privat-kommerziellen Konkurrenz den Weg zu ebnen. So formulierte es der CDU-Medienreferent Wolfgang Fischer 1978, und so ist es später unter der Kohl-Regierung Realität geworden. Von diesem Denken hat sich Polenz deutlich entfernt. Er setzt darauf, den Menschen fundierte Information an die Hand zu geben, damit sie beitragen können zu einem – wie er es nennt – liberalen System der Wahrheitsfindung.Quelle: Ruprecht Polenz – Wie ein Volk den Verstand verliert - und was wir dagegen tun können
Seine Stärke liegt gerade darin, dass es Irrtum zulässt, Kritik ermöglicht und Korrektur einbaut. Wer dieses System schwächt, schwächt die Fähigkeit einer Gesellschaft, sich selbst zu verstehen.
Quelle: Ruprecht Polenz – Wie ein Volk den Verstand verliert - und was wir dagegen tun können
Medienerziehung so wichtig wie nie
Ruprecht Polenz trifft ins Schwarze: mit beiden Teilen seines lesenswerten Buches. Freilich: Was seine Diagnose sagt, das versteht sich für Leser, die ihren Verstand nutzen, von selbst. Im Detail hätte Polenz etwas weiter ausholen können: indem er etwa die von ihm scharf kritisierte Politik der USA nicht nur ihrem Präsidenten und seiner Regierung angelastet hätte, sondern auch die jahrzehntelange destruktive Vorarbeit der Republikanischen Partei skizziert hätte: Ruprecht Polenz’ Therapie wiederum umfasst überwiegend Denkschritte der Medienerziehung, die zumindest vor einer Weile noch zum Einmaleins des Mittelstufen-Deutschunterrichts gehört haben. Dass man indes 2026 für sie so engagiert plädieren muss, wirft auf die politische Mündigkeit der deutschen Gesellschaft ein denkbar trübes Licht.Tue, 27 Oct 2026 - 04min - 8123 - Psychoanalyse eines Preppers: Julia von Lucadous „Zeiten erhöhter Gefahr“
Julia von Lucadous neuer Roman beginnt wie ein Krimi, nämlich mit einem Leichenfund. Nur dass es um diese Leiche bald schon gar nicht mehr geht, sondern um den, der sie gefunden hat. Lucadous Hauptfigur heißt Jot und ist ein von Krisenängsten gebeutelter Mittfünfziger und Prepper. In einem Steinbruch stolpert er über besagte Leiche, für ihn offensichtlich das Opfer eines Sexualverbrechens. Dass dieser Steinbruch der Autorin als Metapher für vergangene Lebensphasen und vergessene Erlebnisse dient, wird erst am Ende klar. Merkwürdig wird es bereits, als Jot die Polizei über seinen Fund informiert. Denn für die Ermittler ist der Fall rasch abgeschlossen. Genau genommen gebe gar keinen Fall. Der Tote sei zweifelsfrei ein Selbstmörder, erklärt der junge Polizeibeamte Tage später.
Kontrollverlust des Protagonisten
„Jot musterte das Milchbubengesicht des Mannes. Er sei ja, wie er wisse, kein Angehöriger, entgegnete er. Er sei als Zeuge hier, um der Polizei eine Panne zu ersparen. Man müsse nicht Polizist sein, um zu verstehen, dass sich niemand freiwillig in einer solchen Körperstellung das Leben nehme. Mit heruntergezogener Hose“, erklärt sich der Protagonist.„Wovon sprechen Sie?“ Der Polizist wirkte sichtbar verwirrt. Der Tote sei körperlich unversehrt gewesen. Und vollständig bekleidet.
Es dauert eine Weile, bis Lucadous Protagonist begreift, dass mit seiner Erinnerung etwas nicht stimmt. Der Anblick der Leiche hat etwas in ihm ausgelöst, seitdem kann er seiner Wahrnehmung nicht mehr trauen. Das wäre für jeden ein Schock, umso mehr für einen um Kontrolle und Risikovorsorge bemühten Verstandesmenschen wie Jot. In der Schweiz arbeitet er für ein Sicherheitsunternehmen, das Bunker an Superreiche verkauft. Zuhause hat Jot seinen privaten Sicherheitsraum, jetzt wird er dem Albtraumgeplagten zum nächtlichen Zufluchtsort.Quelle: Julia von Lucadou – Zeiten erhöhter Gefahr
Opfer unterdrückter Erinnerungen
Während Jots Leben, auch beruflich, immer mehr aus den Fugen gerät, erhofft er sich Antworten aus dem Abschiedsbrief des Toten aus dem Steinbruch. Darin geht es um anhaltende Scham- und Schuldgefühle und um Kafkas „Process“-Roman. Doch der vermeintliche Schlüssel erweist sich ebenso rasch als Sackgasse wie die Studien einer amerikanischen Psychologin über das Phänomen gefälschter Erinnerungen. Mit allen Mitteln versucht Jot, den Kontakt zu dieser Forscherin herzustellen, etwa über seine Tochter, die in den USA Psychologie studiert. Doch erkennt Martha rasch, dass ihr Vater nicht an gefälschten Erinnerungen leidet als vielmehr an unterdrückten, nämlich aus seiner Kindheit in einem Internat. Und diese Erinnerungen versuchen jetzt, wie in einer Fallgeschichte Sigmund Freuds, an die Oberfläche zu kommen, selbst im Telefonat mit seiner Tochter. „Eine Figur allein auf dem Gang zum Toilettentrakt, im Dunkeln. Callas auf dem Gang, allein, mitten in der Nacht. Sein Rücken zuckt. Dazu ein Ton, ein Wimmern oder Winseln wie ein Tier.“„Ich hatte immer solche Mühe, dich zu verstehen“, sagte die Stimme seiner Tochter, „aber wenn ich deine Protokolle lese, sind mir deine Gefühle und dein Verhalten plötzlich klar.“
Quelle: Julia von Lucadou – Zeiten erhöhter Gefahr
Ist die wahre Katastrophe längst passiert?
Kafka und Freud: Die Namen verweisen auf die Literatur nach 1900, in der immer wieder Zwangscharaktere die Kontrolle über ihr Leben verlieren. In „Zeiten erhöhter Gefahr“ verknüpft die 44-jährige Autorin tradierte Motive mit aktuellen Themen wie die um sich greifende Katastrophenangst und Prepperhysterie. Aber am Ende auch mit einem sexuellen Missbrauch in der Kindheit. Die wahre Katastrophe, so die Botschaft des routiniert erzählten Romans, ist längst passiert; heutige Ängste haben ihre Quellen in der Kindheit. Das freilich ist leider eine allzu simple Antwort auf eine Welt, die immer mehr aus den Fugen gerät. Und in der sich längst nicht nur Superreiche und Missbrauchsopfer nach einer sicheren Zuflucht sehnen.Mon, 26 Oct 2026 - 04min - 8122 - Der fatale Wunsch nach Übersichtlichkeit: Jens Balzers „Confusion Is Next“
Unsere Gegenwart ist immer das Resultat von Ereignissen, Entscheidungen, Erschütterungen vorausgegangener Jahrzehnte. Jens Balzersfortlaufende Kultur- und Mentalitätsgeschichte unserer Zeit begann deshalb schon mit den „entfesselten“ 1970ern, führte über die „pulsierenden“ 80er und die freiheitstrunkenen 90er nun mit dem vierten Band in ein „Jahrzehnt des Umbruchs“: die Nullerjahre. Immer näher rückt er damit unserer unmittelbaren Gegenwart, immer deutlicher erkennbar werden die Weichenstellungen, die uns in eine krisenhafte Jetztzeit geführt haben. Tatsächlich manifestiert sich in den 2000er Jahren ein Wandel, der die Welt durchschüttelt und auf den Kopf stellt. Die Nullerjahre beginnen nicht mit dem befürchteten und dann doch nicht eingetretenen Kollaps der Informationssysteme zum Jahrtausendwechsel, sondern gut anderthalb Jahre später mit dem Einsturz des World-Trade-Centers: „Die Anschläge des 11. September 2001 gelten auch dieser Idee einer kulturellen Hybridität; sie gelten der Idee, dass die Globalisierung etwas Positives, etwas Fortschrittliches ist; sie wollen eine Rückkehr zu überkommenen Identitäten, zu überkommenen Freund-Feind-Linien herbeibomben.“
Etwas Neues entsteht
Der 11. September ist ein eindrückliches Fanal – und ein Symbol für die Konflikte, mit denen wir es bis heute zu tun haben. Aber auch auf der Mikroebene häufen sich in den Nullerjahren die Zeichen, dass etwas Neues und Bedrohliches im Entstehen begriffen ist. Es wird über „Leitkultur“ gestritten und darüber, was deutsch ist; im breitenwirksamen Gangsta-Rap und im Rechtsrock werden eigentlich längst obsolete Männlichkeits-Bilder aufgerufen, gepaart mit Sexismus, Homophobie und Antisemitismus – unvorstellbare sprachliche Entgleisungen, die in den Zehnerjahren von rechtspopulistischen Bewegungen weiter in den Mainstream getragen werden. Durch Laptops, die Weiterentwicklung von Mobiltelefonen bis hin zum iPhone verwischen die Grenzen zwischen privat und öffentlich, Freizeit und Arbeit. Der Hipster der Nullerjahre ist das, was die Soziologie als „flexiblen Menschen“ oder „digitalen Nomaden“ bezeichnet. Die Individualisierung ist auf dem Vormarsch, ganz entgegen der Versprechungen, die aufkommende soziale Netzwerke wie Facebook in die Welt setzen. Und weil jeder sein eigenes Ego-Unternehmen ist, gewinnen Methoden der Selbstoptimierung an Bedeutung. In manchen Milieus, sprichwörtlich im gentrifizierten Prenzlauer Berg, entsteht ein „Bionade-Biedermeier“, ein neuer bürgerlicher Moralismus, der die Wokeness-Debatten der Zehnerjahre vorwegnimmt. Peter Thiel, zusammen mit Elon Musk durch PayPal zu Reichtum gekommen, entwirft erstmals seine libertären, antidemokratischen Vorstellungen, die in den USA irgendwann in der MAGA-Bewegung ihren vulgären Ausdruck finden werden. Und am Ende der Nullerjahre steht eine weitere Zäsur, die das folgende Jahrzehnt bestimmen wird – die Finanzkrise von 2008:Gnadenlose Durchsetzung von Interessen
„So zeigt sich in der Krise und insbesondere in der Art der Bewältigung dieser Krise, dass es in jenem Wirtschaftssystem, das sich bis zum Ende der Nullerjahre entwickelt hat, in Wirklichkeit nicht um die völlige Freiheit des Wirtschaftens geht, sondern vielmehr um die Durchsetzung der Interessen von Großbanken und Großkonzernen“, schreibt der Autor.Den Institutionen des demokratischen Staates kommt in diesem Weltbild lediglich noch die Funktion zu, im Fall der Krise mit Steuergeldern subventionierend einzugreifen.
Balzers „Confusion Is Next“ – das Zitat stammt aus einem Song von Sonic Youth – zeichnet gut nach, wie sich ein Fundament bilden konnte, auf dem heutige gesellschaftliche Verwerfungen, Polarisierungen und politische Disruptionen fußen. Ganz zurecht nennt er seine Kulturgeschichte im Untertitel ein „Jahrzehnt des Umbruchs“. Ein Ereignis jener Zeit, das vermutlich ebenfalls Anteil an der rechtspopulistischen Wende in Deutschland hatte, wird bei Balzer allerdings nicht einmal in einem Nebensatz erwähnt: Das „Sommermärchen 2006“, die heimische Fußballweltmeisterschaft, wo eine patriotische Lockerungsübung sondergleichen stattfand und unter fröhlichen Vorzeichen schon mal geübt wurde, nationale Symbole auf der Straße spazieren zu tragen.Quelle: Jens Balzer - Confusion Is Next
Sun, 25 Oct 2026 - 04min - 8121 - Aufbruch ins Offene – Lauren Groffs Bilder aus Amerika
Man hält den Atem an, während man diese Geschichten von Lauren Groff liest, weil man weiß: Gleich wird etwas passieren. Und es wird keine Kleinigkeit sein. Bereits der knappe Titel des Sammelbandes „Raufbold“ weckt Assoziationen an Gewaltausbrüche. Eine misshandelte Mutter mit drei Kindern auf der Flucht vor ihrem brutalen Ehemann. Eine aggressive junge Turmspringerin, die den Kick im Schwimmbecken sucht, um ihr trostloses Zuhause zu vergessen. Oder der gescheiterte Erbe einer Bankerdynastie auf dem schlingernden Weg in den Abgrund. Lauren Groffs Geschichten sind präzise Milieustudien, scheinbar locker hingetupft, die durch Details eine unheimliche Sogwirkung entwickeln. Oft werden sie aus der Perspektive von jungen Protagonistinnen erzählt, die früh Verantwortung übernehmen in fragilen Familiensystemen. Träume von Aufbruch und Aufstieg Die 17-jährige Joanie bringt nach dem Tod der Mutter ihren kognitiv beeinträchtigten Bruder Buddy in das Pflegeheim „Sunland“ und man ahnt, dass Buddys Zukunft kaum so sonnig sein wird, wie der euphemistische Name suggeriert. Lauren Groff lässt uns die Busreise der Geschwister im Jahr 1957 aus der Perspektive der allwissenden Erzählerin miterleben.
Ich will zu Mama, sagte Buddy und fing an zu weinen. Ach Buddy, nicht, sagte sie. Nicht jetzt. (…) Als wär’s nicht schon schwer genug. (…) Im Bus war es glühend heiß, (…) Die Koffer nahmen sie auf den Schoß, denn Leuten, die mit dem Bus fahren, kann man nicht trauen, flüsterte sie.
„Jeder, dem man trauen kann, hat ein eigenes Auto und würde im Leben nicht mit dem Bus fahren. Eines Tages, sagte sie träumerisch, würde sie sich selbst ein großes dickes Auto kaufen, perlweiß und mit so weichen Ledersitzen, dass man sich vorkommen würde, als wäre man in einem kühlen weißen Bett unterwegs“, schreibt die Autorin. Es ist diese Mischung aus Verlorenheit und stiller Entschiedenheit, mit der viele Protagonistinnen in Groffs Geschichten aufbrechen zu neuen Zielen. Die starken sozialen Unterschiede in den USA werden in diesem Band immer wieder thematisiert. Im überhitzten Bus reisen die ärmeren, übermüdeten Fahrgäste durch das tropische Florida. Joanie, Tochter einer alleinerziehenden Mutter, bricht nicht nur geografisch in eine Gegenwelt auf: Sie will sich mit ihrem Collegestipendium im kühlen Maine den finanziellen Aufstieg sichern, den das weiße Traumauto symbolisiert.Quelle: Lauren Groff – Raufbold
Überlebensstrategien
Groffs Protagonistinnen sind keine hilflosen Opfer der Verhältnisse. Joanie verlässt ihren Bruder, Freundinnen verraten einander und kleine Mädchen räumen Rivalen rücksichtslos zur Seite. Als Leserin hält man neugierige Distanz zu diesen Hauptfiguren, die nicht zur Identifikation einladen. Groff findet beeindruckende Landschaftsbilder für die Schauplätze ihrer Geschichten. Über den kalifornischen Hügeln liegen „gestärkte Laken aus Nebel“ und Kirschbäume sind so „üppig berüscht, dass es einem das Herz brach.“ Die mit über siebzig Seiten längste Geschichte „What's the time, Mr. Wolf?“ über den Bankierserben Chip kann man als deutliche Kritik an einem Gesellschaftssystem lesen, in dem Geld alle Wege ebnet, aber letztlich kein gelingendes Leben garantiert.Bei den Zulassungstests fürs Studium war er verkatert (…)
„Chip wurde trotz mittelmäßiger (…) Noten angenommen, während das Mädchen, das (…) in drei verschiedenen Sportarten Mannschaftskapitänin war und glänzende Testergebnisse hatte, abgelehnt wurde, und als sie erfuhr, dass sie auch über die Warteliste keinen Platz bekommen würde, bekam sie (…) einen Weinkrampf.“Quelle: Lauren Groff – Raufbold
Privilegien sind ein wucherndes Unkraut
„Früher dachte ich immer, Privilegien seien Gift“, schreibt Lauren Groff in ihren Anmerkungen zu dieser Geschichte. „Je länger ich lebe, desto klarer wird mir, dass sie eigentlich wucherndes Unkraut sind.“ Kleine Risse öffnen sich in diesen sorgfältig komponierten Short Storys unvermutet zu Kratern, die Hoffnungen und Pläne unbarmherzig verschlingen. Wann und wie genau das geschieht, macht die Spannung in diesen Geschichten aus, die inhaltlich und sprachlich zum Besten zählen, was die aktuelle US-Literatur zu bieten hat. Dem klassischen Genre der Short Story setzt Lauren Groff mit diesen Geschichten neue Glanzlichter auf.Fri, 23 Oct 2026 - 04min - 8120 - Mit neuen Büchern von Sebastian Fitzek, Lauren Groff, Mattias Timander und Attica LockeFri, 23 Oct 2026 - 55min
- 8119 - Zwischen Nähe und Distanz
HÖRSPIEL – Auftakt: Bericht (BE) / Monolog (MO) / Analyse (AN)
(BE): Aus dem Fenster der Kabine sieht sie bemerkenswerte Formationen, (MO): frei flottierende Kuppeln und Türmchen, Stalagmiten, die aus der relativen Dunkelheit des weit unter ihr liegenden Tieflands zu erwachsen scheinen. (AN): So wird sie es später beschreiben, als sie im künstlichen Licht des kleinen Auditoriums steht, (MO): Wolkensäulen, Streben, Baldachine, (AN): und es wird sie in diesem Moment das plötzliche Gefühl befallen, es handle sich bei ihrer Schilderung um eine Indiskretion, eine Zudringlichkeit, (BE): es verletze ihre Benennung dieser Dinge ein unausgesprochenes Gebot. Eine Stimme, aber sie bleibt nicht dieselbe. Mal berichtet sie, dann zieht sie sich zurück, wird analytisch, fast intim und wieder sachlich. Im Produktionsmanuskript stehen dafür Kürzel: Bericht, Monolog, Analyse. Später kommen Liebe dazu, Zorn, Wut. Insgesamt neun Figuren. Schauspielerin Britta Hammelstein spricht sie alle.Ein Hörspiel, eine Sprecherin
Und genau das ist der Trick dieser Hörspielfassung: Sie versucht gar nicht erst, aus Dorothee Elmigers vielstimmigem, verschachteltem Roman ein klassisches Hörspiel mit sauber verteilten Rollen zu machen. „Deswegen lege ich durch die Bestimmung von Haltungen die Ränder des Spiels genau fest. Also ich ziehe Leitplanken ein und behaupte, innerhalb dieser Leitplanken kann der Schauspieler, die Schauspielerin die größtmögliche Freiheit erleben“, ...sagt Ulrich Lampen, der Regie führte und den Text bearbeitete. „Das sind teilweise technische Parameter, Stimmanteil, Abstand zum Mikro, Monolog, reiner Gedanke, nicht nach außen“Besondere Herausforderungen
Leitplanken für einen Text, der selbst ständig aus ihnen auszubrechen scheint. Elmiger schickt eine Schriftstellerin nach Panama. Ein Theatermacher will dort das Verschwinden zweier realer niederländischer Studentinnen rekonstruieren. Doch die vermeintliche Kriminalgeschichte zerfällt immer weiter in andere Geschichten. Alles ist zugleich erlebt, berichtet, zitiert, vielleicht erfunden. Eine Herausforderung für Britta Hammelstein: „Die Autorin schreibt grundsätzlich oder durchgehend im Konjunktiv. Dadurch hat man eine, ich will es positiv formulieren, eine Distanz, aber man hat dadurch auch eine Herausforderung im sich Annähern. Man muss den Text, die Formulierung teilweise wie ignorieren, um an eine Person heranzukommen.“Fünfzehn Mikrofone im Einsatz
Also muss Hammelstein Nähe herstellen, ohne diese Distanz einfach wegzuspielen. Und dafür bekommt jede Haltung ihren eigenen Klang. Als Soundtechniker ist es Andreas Völzings Aufgabe diesen im Blick zu haben: „Die Sprecherin spricht aber in verschiedenen Haltungen. Das heißt, sie spricht nicht den ganzen Text in einer Erzählmanier durch, sondern mal ruhig, mal zornig, mal wütend. Die Wut haben wir in dem eher reflektionsarmen Raum aufgenommen, der so klingt, als wäre es draußen. Die liebevollen Sachen haben wir in einem kleineren Raum aufgenommen mit einer wärmeren Akustik.“ Für laut und wütend ein anderes Mikrofon als für nah und leise. Insgesamt kamen ungefähr fünfzehn Mikrofone zum Einsatz. Eine Stimme wird so zu einer ganzen akustischen Landschaft. Und manchmal verlässt diese Stimme sogar das Studio. Eine Idee von Ulrich Lampen. „Wir waren auch mit einer Haltung draußen in der Fußgängerzone, weil ich mir verspreche, dass es etwas vollkommen anderes gibt“, beschreibt der Regisseur. Im Manuskript heißt diese Haltung schlicht: Headset. In Bewegung, mitten im Alltag. Das ist eine ziemlich genaue Antwort auf Elmigers Roman: Denn auch der springt ständig zwischen unmittelbarer Erfahrung und der Erzählung darüber.HÖRSPIEL – Haltungswechsel: Zorn (ZO) / Bericht (BE) / Wut (WU) / Liebe (LI)
(ZO): In der vierten Nacht — und es seien stets die Nächte gewesen, in denen sich alles zugespitzt habe — sei sie gestürzt, sagt sie, ein simpler Fehltritt, bei dem sie sich das rechte Handgelenk verstaucht habe. (BE): Vieles von dem, was in den Tagen danach geschehen sei, habe sie deshalb mit der linken Hand aufgeschrieben, (WU): Dutzende Seiten Text, über denen sie später, beim Versuch, sie abzutippen, immer wieder verzweifelt sei. (LI): Aber in der ungelenken Schrift, den zahllosen Verschreibern und durchgestrichenen Passagen habe sich ihr ein Zustand gezeigt, eine fiebrige Haltlosigkeit, eine Erosion, die sich im Laufe jener Tage zwischen den Wendekreisen vollzogen haben müsse.Keine eindeutige Auflösung
Man muss diese Kürzel im Manuskript beim Hören nicht kennen. Entscheidend ist, dass man ihre Wirkung spürt. Die Stimme verschiebt sich. Nähe und Entfernung verändern sich. Ein Satz wird plötzlich dringlicher, der nächste kühl. Und Hammelstein sagt, dass genau diese Bewegungen beim Einsprechen nicht vollständig planbar waren: „Wir haben uns dann eben durch die Vorgaben der verschiedenen Ebenen gearbeitet, die auch nicht fest waren. Wir haben auch das gemeinsam herausfinden können.An einem Tag ist man emotionaler gewesen. Die Erzählung war vielleicht auch eine emotional lautere. Dann gab es zurückgenommene Sachen.“ Vielleicht passt dieses Verfahren gerade deshalb so gut zu den „Holländerinnen“. Denn Elmigers Roman misstraut der Vorstellung, dass eine Geschichte einfach wahr wird, wenn man nur nah genug an sie herangeht. Die beiden realen Frauen verschwanden in Panama. Es gibt Fotos, Dokumente, Spekulationen und Verschwörungstheorien. Aber Elmiger rekonstruiert ihren Tod gerade nicht. Auch Lampens Hörspiel verweigert die eindeutige Auflösung. Unheimlich wird das bei den 91 Nachtaufnahmen einer Kamera.HÖRSPIEL – Nachtbilder / Diaprojektor: Bericht (BE) / Analyse (AN)
(BE): Fast ausnahmslos, fährt sie dann fort, zeigten diese Bilder nur die Nacht — Bild um Bild ein nachtschwarzer Himmel, der temporär vom Blitzlicht der Kamera erleuchtet werde. (AN): Beinahe neunzig Mal habe jemand mit der Kamera in die Luft gezeigt und die leere Nacht fotografiert, oft im Abstand von nur wenigen Sekunden. Womöglich, sagt sie, um ein Signal zu geben oder, so die vielleicht plausibelste Erklärung, um etwas sehen zu können. Aber auf den Bildern zeige sich nichts. Etwas sehen wollen. Immer wieder hinschauen. Und feststellen: Da ist nichts, was die Geschichte endgültig erklärt. Das ist vielleicht auch die eigentliche Bewegung dieses Hörspiels. Ulrich Lampen will Elmigers Roman deshalb ausdrücklich nicht leichter konsumierbar machen: „Wir machen das hoffentlich nicht, um Dinge zu trivialisieren oder um Dinge leichter konsumierbar zu machen, sondern wir machen das, weil wir glauben, eine akustische Qualität entdeckt zu haben in diesem Werk. Und damit kommt etwas hoffentlich dazu.“ Etwas kommt dazu. Nicht die Erklärung. Sondern Klang, Raum, Nähe und Distanz. Aus einer Sprecherin werden viele Haltungen. Aus einer Geschichte immer neue Geschichten. Und aus einem Roman, der sich jeder eindeutigen Wahrheit entzieht, ein Hörspiel, das genau dieses Schwanken hörbar macht.Fri, 23 Oct 2026 - 06min - 8118 - Die Hoffnung nicht aufgeben: Attica Lockes „Führe mich heim“
„Der Anstand gebietet es, zu kämpfen, immer und überall.“ Das ist das Credo, nach dem Texas Ranger Darren Matthews bisher gelebt hat. Ein Credo, das ihm sein Onkel vermacht hat, einer der ersten Schwarzen Texas Ranger. Doch nach der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA weiß er in Attica Lockes fulminanten, düsterem Roman „Führe mich heim“ nicht mehr, ob er diesem Credo weiterhin folgen kann. „Er fragte sich, was die jungen Leute, die für die Bürgerrechte und gegen den Vietnamkrieg auf die Straße gegangen waren, über den heutigen Zustand des Landes gedacht hätten.“
Er fragte sich, was mehr schmerzte: In einem Land zu leben, das nie auch nur eines seiner Versprechen gehalten hatte, oder mitzuerleben, wie es eine Zeit lang seine Fähigkeiten zum Guten einsetzte und weiterentwickelte, um dann voll gegen die Wand zu fahren.
Wie weitermachen unter Donald Trump? Donald Trumps Wahl hat ihn in seinen Grundfesten erschüttert, er leidet, er befürchtet, dass etwas Schreckliches bevorsteht, er weiß nicht, wie er weitermachen soll. Also trinkt er zu viel und quittiert den Dienst. Ausgerechnet seine Mutter, die ihn verlassen und von seinen Onkeln hat aufziehen lassen, die ihn belogen und verraten hat, tritt nun abermals in sein Leben und bringt den Fall in diesen Kriminalroman: Eine Schwarze Studentin ist verschwunden, niemand sucht nach ihr. Darren Matthews soll herausfinden, ob sie tot ist. Seine Ermittlungen führen in die Abgründe moderner Arbeitsabhängigkeiten und die Folgen jahrhundertelanger Ausbeutung. Jedoch macht nicht dieser Fall diesen Roman bemerkenswert, sondern die Figur Darren Matthews. „Führe mich heim“ ist der Abschluss der Trilogie um den Schwarzen Texas Ranger – und um Matthews‘ Fallhöhe gänzlich zu verstehen, ist es hilfreich, die vorherigen Bände zu kennen. Einst hoffnungsvoll, nun verzweifelt Denn er verkörperte in dem Auftakt „Bluebird, Bluebird“ die Hoffnung vieler Schwarzer US-Amerikaner, die USA zu einem besseren Ort für alle Menschen zu machen. Darren Matthews wollte Vorbild sein und für Gerechtigkeit sorgen in seinem Heimatstaat: Ost-Texas mit seinen dichten Kiefernwäldern und feuchtschwülen Bayous, dessen Ambivalenzen und Schönheiten sich in der reichen, bildhaften Prosa von Attica Locke wiederfinden. Aber die Wirklichkeit ist gegen Darren Matthews – nicht nur die politische: Schon in „Bluebird, Bluebird“ hat er sich mit einer Neo-Nazi-Organisation angelegt – und als er dann glaubte, ein alter Freund hätte einen weißen Rassisten ermordet, hat er Beweise manipuliert und einem anderen den Mord angehängt. Er hat sein Gerechtigkeitsempfinden über das Recht gestellt.Quelle: Attica Locke – Führe mich heim
Er könnte so weitermachen, ein Cop auf Abwegen, der Selbstjustiz übte, der ein selbst zusammengeschustertes Recht vollstreckte, aber dann würde er von innen heraus verfaulen, bis ihm der Gestank aus allen Poren drang.
Allzu oft nehmen in Kriminalromanen Gesetzeshüter bedenkenlos die Dinge selbst in die Hand – in „Führe mich heim“ frisst Darren Matthews seine Selbstjustiz regelrecht von innen auf. Aber er weiß: Als Schwarzer Ex-Gesetzeshüter würde er im texanischen Gefängnis nicht überleben. Die Kraft der Hoffnung Meisterlich fängt Attica Locke in ihrem verzweifelten Roman die Ambivalenzen des Daseins von Darren Matthews ein. Seine Enttäuschung, seine Angst. Wie viel Mut und Kraft es kostet, an Überzeugungen festzuhalten, wenn die Welt um einen herum jegliche Moral einbüßt und sich überall Lügen türmen. Und letztlich wird dadurch sehr eindringlich deutlich: Hoffnung ist eine Entscheidung.Quelle: Attica Locke – Führe mich heim
Sie war ein kostbares Gut, das in der Familie Mathews von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Klar, oft wurde einem Hoffnung statt echter Veränderung verkauft, ein billiger Platzhalter für bessere Zeiten. Aber sie hielt einen auch am Leben.
„Ohne Hoffnung konnte man keine Tomate, keine Paprika, keinen Pfirsich ziehen. Man musste daran glauben, dass das Land, auf dem man stand, Früchte tragen würde, wollte man die Mühen auf sich nehmen. Man musste sich den gedeckten Tisch vorstellen können“, schreibt Locke. Deshalb ist „Führe mich heim“ nicht nur ein sehr guter Abschluss für Attica Lockes Trilogie, sondern auch ein Roman, der perfekt in unsere Gegenwart passt.Quelle: Attica Locke – Führe mich heim
Fri, 23 Oct 2026 - 04min - 8117 - „Sie werden ja wohl ahnen, warum ich Sie anrufe?“
Ein Anruf, mit dem niemand rechnet
Wer einen der großen Literaturpreise bekommt, erhält irgendwann einen Anruf. Völlig unerwartet. Han Kang etwa wollte gerade zuhause einen Kamillentee trinken, Anne Carson machte einen Spaziergang in Island am Strand, und Annie Ernaux hat den Anruf gleich ganz verpasst. Nobelpreisträgerinnen. Beim Georg-Büchner-Preis ist das ähnlich, erinnert sich Terézia Mora, bei der das Telefon im Sommer 2018 klingelte: „Es erreicht einen immer unerwartet oder zumindest mich, weil ich es nicht in meinem inneren Kalender aufgeschrieben habe, wann in etwa die Entscheidungen getroffen werden. Und ich wurde tatsächlich aus dem Kalten erwischt an einem fürchterlichen Tag im Übrigen, weil ich am gleichen Tag die Nachricht bekommen habe, dass ein Freund von mir gestorben ist.“Verarschen Sie mich?
Ich spreche mit Terézia Mora über Teams. Sie sitzt in ihrem Arbeitszimmer, hat das Mikrophon auf einem Stapel bunter Notizbücher platziert. Es sind die Notizen für ihren nächsten Roman. „Und unmittelbar kurz danach kommt dieser Anruf. Das heißt, wie sollen Sie das jetzt emotional überhaupt einordnen? Aber ich weiß, was mein erster Satz war gegenüber Ernst Osterkamp, dem damaligen Präsidenten der Akademie, der mich anrief“, beschreibt Mora diesen Moment. „Zuerst sagte er, Sie werden ja wohl ahnen, warum ich Sie anrufe, und ich: warum sollte ich das ahnen, ich war ganz woanders. Und dann, als er gesagt hat, dass ich den Büchner-Preis bekomme, war meine Gegenfrage: Verarschen Sie mich?“ Keine Verarsche, alles echt. Drei Monate später wurde der Preis verliehen, der als der renommierteste deutsche Literaturpreis gilt. Dazu gab es ein hübsches Honorar: „Der Büchner-Preis, der ist relativ hoch dotiert, konkret mit 50.000 Euro, und als das bei meiner Bank ankam, haben sie es wieder zurückgeschickt an den Absender, weil sie gesagt haben, das ist eine verdächtige Summe“, erinnert sich Terézia Mora. „Solche Summen kommen hier normalerweise nicht an. Das muss ein Irrtum sein. Und ich musste dann tatsächlich bei der Bank anrufen und ihnen erklären, dass das alles seine Richtigkeit hat. Und das Preisgeld musste noch einmal überwiesen werden.“Niemals mit einem Preisgeld rechnen!
Ein Preisgeld stützt, aber man darf niemals, wirklich niemals darauf rechnen, sagt Terézia Mora, die ihre Ehrenurkunden im Schrank lagert. Preise sind unplanbar. Auch nicht für einen geübten Gewinner wie den Suhrkamp-Verlag, zu dem sieben der letzten zwölf Büchner-Preisträger gehören. Ich treffe den Verleger Jonathan Landgrebe im Berliner Suhrkamp-Haus, in einem Raum mit Regalen bis unter die Decke. Darin: Nobelpreisträger wie Hesse und Beckett, Handke und Ernaux. Und auch Büchner-Preisträger wie Clemens Setz, Lutz Seiler und Oswald Egger. Allerfeinste Gesellschaft. Aber macht der Büchner-Preis auch Kasse? „Beim Büchner-Preis würde ich zum Beispiel sagen, dass die Direktwirkung gar nicht so groß ist, aber die Tatsache, dass ein Autor oder eine Autorin diesen Preis gewonnen hat“, erklärt der Verleger. „Das kommt dann schon an, nach und nach, bei allen, dass das eine Rolle spielt, dass das eine Würdigung ist, dass man da von Literatur spricht, die lesenswert ist und Qualität hat, und das muss sich dann gar nicht unbedingt zu dem Zeitpunkt auswirken, sondern das hat eine langfristige Wirkung für das Werk eines Autors, einer Autorin.“Einzelne Bücher machen Kasse
Langfristige Prestigesteigerung – auf jeden Fall! Auch später werden die großen Preise in Klappentexten, Zeitungsartikeln und Anmoderationen immer wieder erwähnt. Kurzfristig aber ist ein Büchner-Preis nicht notwendig ein Kassenschlager. Das könnte beim Nobelpreis ähnlich sein. Denn beide zeichnen ein umfangreiches Gesamtwerk aus. Nicht selten fragt sich dann der ratlose Käufer im Laden: Und welches der Bücher soll ich jetzt nehmen? Schnellere Wirkung erzielen Preise, die nur ein einzelnes Buch auszeichnen. „Dazu zählt sicherlich der Deutsche Buchpreis, bei dem die Monate seit der Verkündung von Oktober bis Weihnachten eine riesige Rolle für die Verkäufe spielen. Dann gibt es das Halbjahr danach, da spielt das auch noch eine Rolle. Und dann mit der Zeit verliert es sich ein bisschen“, sagt Jonathan Landgrebe.Verlagswechsel beim Deutschen Buchpreis
Weihnachtsgeschäft als saisonaler Vorteil. Der letzte Deutsche Buchpreis liegt für Suhrkamp aber schon etwas zurück. Tatsächlich wechseln sich die Verlage beim Deutschen Buchpreis stärker ab. Zuletzt feierten Kiepenheuer & Witsch, Hanser und Klett-Cotta. Auch der erst 2004 neugegründete Verlag Matthes & Seitz mischt zunehmend mit im Preisgeschehen. Verleger Andreas Rötzer erinnert sich: „Den größten ökonomischen Effekt hatte mit Sicherheit Frank Witzels „Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“. Ich liebe es, diesen Titel auszusprechen! Das war der Deutsche Buchpreis 2015. Das war ein Preis, der uns plötzlich ganz viel Aufmerksamkeit verschafft hat und Reputation und natürlich auch Verkäufe.“ „Und fünf Jahre später dann mit Anne Weber „Annette. Ein Heldinnenepos“ dann nochmal den Deutschen Buchpreis. Schon davor ist das Buch gut gelaufen, es war eine Art Lieblingsbuch von vielen Lesern und hat dann durch den Preis den Weg in die ganz große Öffentlichkeit bekommen“, erklärt Rötzer.Wenn auch das Ausland hellhörig wird
Sobald ein Buch einen Preis bekommt, verkaufen sich auch seine Übersetzungslizenzen besser. Aktuell kümmert man sich bei Matthes & Seitz aber erstmal um Anne Carson. In den Verlagsfenstern hängen Bilder der Kanadierin, frisch ausgedruckt. In den Verlagsräumen: ein meterhohes Porträt. Darauf steht gedruckt: „Nobelpreis für Literatur 2026“. Vier Bücher von Anne Carson hat der Verlag im Programm. Die Nachricht kam während der Frankfurter Buchmesse: „Wir hatten tatsächlich gar kein Buch am Stand, weil wir natürlich bei über 100 Titeln im Jahr eine Auswahl treffen müssen von Titeln, die wir am Stand haben in Frankfurt“, erzählt Andreas Rötzer von Matthes & Seitz. „Aber ein Mitarbeiter konnte in einer befreundeten Buchhandlung in Frankfurt zum Glück noch ein Exemplar des letzterschienenen Buchs auftreiben, sodass wir eine Trophäe hatten. Und dann kamen am nächsten Tag aber schon aus dem Lager die Bücher, die wir dann auch dort ausstellen konnten.“ Und wie ist aktuell die Lage am Lager? „Im Grunde ist es bei dem Nobelpreis so, dass in dem Moment der Verkündigung diese Bücher im Lager quasi verdampft sind, also alle ausverkauft sind. Dann werden natürlich die Buchhandlungen bedient, dann die Großhändler und dann geht es ans Nachdrucken. In dem Fall war mein erster oder mein zweiter Telefonanruf natürlich gleich der beim Drucker, um die Nachdrucke zu organisieren.“Nobelpreisbücher im Lager schnell verdampft
Wie viele Bücher dann aber im Laden auch tatsächlich gekauft wurden, lässt sich erst in einigen Wochen oder sogar Monaten beziffern. Ähnliches gilt für das druckfrische Papageien-Buch, das die Büchner-Preisträgerin Christine Wunnicke für Matthes & Seitz geschrieben hat. Wie stark ein Verlag die Auswirkungen eines Preises spürt, hat übrigens auch mit seiner Größe zu tun, sagt Suhrkamp-Verleger Jonathan Landgrebe: „Wenn ein kleiner Verlag so einen Preis gewinnt, dann kann das so viel Umsatz bringen, dass das das übertrifft, was ein Verlag normalerweise überhaupt an Umsatz macht. Und je größer ein Haus wird, desto stärker relativiert sich das.“ „Wir sind ein großes mittleres Haus, vielleicht sagt man es so. Bei uns spielt das eine Rolle, wir nehmen das wahr, das ist auch wichtig. Aber natürlich ist es auch nicht so, dass nun alles daran hängt“, so Landgrebe.Die große Ermutigung
Verkaufszahlen sind wichtig, aber sie sind nicht alles. Viel wichtiger ist die große Ermutigung, die mit einem Literaturpreis verbunden ist. Findet Terézia Mora. Für den Verlag und für die Autorin. „Ich habe gleich mit meinem allerersten Text, das war die Erzählung „Durst“, Anerkennung bekommen und Geld, öffentlich. Denn meinen allerersten Text, den ich geschrieben habe, habe ich eingereicht beim Open Mike. Und ich habe diesen Open Mike gewonnen“, erinnert sich die Autorin. „Ich habe einen Verlagsvertrag bekommen. Und ab da schien es so zu sein, als wäre das unvermeidlich, als wäre das mein Schicksal, das von vornherein für mich vorbestimmt war, dass ich Autorin werde und davon lebe.“Fri, 23 Oct 2026 - 08min - 8116 - Frankfurter Buchmesse 2026: Edgar Selge, Johanna Sebauer und Thomas von Steinaecker
Edgar Selges neuer Roman „Juras letzter Winter“
Zweimal geht es um die Rekonstruktion einer Identität: Edgar Selge erzählt in seinem neuen Roman „Juras letzter Winter“ von einem Jungen, der bei der Blockade Leningrads durch die Wehrmacht verhungert ist. Der Erzähler des Romans findet Juras Tagebuch und hat immer stärker das Gefühl, den toten Jungen gekannt zu haben.Skurrile Doppelgänger in Johanna Sebauers „Popóm“:
Was tun, wenn plötzlich ein Mensch auftaucht, der das ältere Abbild von einem selbst ist? Johanna Sebauer spielt in ihrem Roman „Popóm“ mit dem Unwahrscheinlichen, auf ganz realistische Weise.Thomas von Steinaeckers zwei „Schwestern“
Thomas von Steinaeckers siebter Roman „Schwestern“ untersucht Verantwortungen und Lebensentscheidungen: In der bayrischen Provinz der 1980er Jahre wachsen die Schwestern Simone und Bettina auf. Interessiert hat von Steinaecker beim Schreiben das vermeintlich Banale, das Alltägliche, die Momente, in denen die großen Lebensentscheidungen gefällt werden.Fri, 23 Oct 2026 - 56min - 8115 - Sebastian Fitzek: Das ist das Geheimnis seines Erfolgs
Erfolgreicher Karrierestart
Sebastian Fitzeks Schreibkarriere begann nicht mit einem Senkrechtstart, sondern mit einem Irrtum: Sein erster Thriller spielte ursprünglich an der Ostküste der USA. Dann gab ihm sein Literaturagent den Tipp, für seine Bücher einen Schauplatz zu suchen, an dem er sich auskennt – deshalb spielen alle Thriller von Sebastian Fitzek in Westberlin. „Der Nachtzug“ beginnt in einer Villa in Lichterfelde. Hier lebt der Staranwalt Adrian Corvin mit Frau und Kind – bis sich auf den ersten Seiten alles ändert und er Berlin erst einmal verlassen muss. Die eigentliche Handlung spielt zwischen Prag und Berlin, und zwar im luxuriösen Royal Rail Express: „Es war 23:15 Uhr. Zwanzig Minuten vor Abfahrt des Nachtzugs, für den er ein Ticket auf seinem Telefon hatte. Abgeschickt von dem ersten Menschen auf der Welt, dem er den Tod wünschte."Falsche Fährten
Abgeschickt von der Person, die seine Frau erstochen und den fünfjährigen Emil entführt hat. Um seinen Sohn zu retten, muss Adrian eine „Schnitzeljagd des Todes“ bestehen, wie er es nennt. Die Kapitel sind kurz, und sie enden so, dass man gar nicht anders kann, als weiter zu lesen: „Er verließ die Suite und eilte einen Waggon weiter zu Abteil Nummer 312. Zuerst schnellen Schrittes, die letzten Meter rannte er fast. Als er die Tür öffnete, war er innerlich darauf vorbereitet, heute seine zweite Leiche zu sehen. Doch es kam schlimmer" Man hangelt sich von Cliffhanger zu Cliffhanger, folgt falschen Fährten, verliert zwischendurch auch mal den Überblick. Fragt man Sebastian Fitzek, was ihm beim Schreiben wichtig sei, dann ist es überraschenderweise nicht in erster Linie der Plot. Ein guter Thriller besteht für ihn aus zwei Reisen: Die äußere Reise, in diesem Fall die Nachtfahrt von Prag nach Berlin, mag zwar für Aufregung sorgen... „... aber das ist nicht der Grund, weswegen man mit auf die Reise geht. Das ist die innere Entwicklung," meint Sebastian Fitzek. „Also wie entwickeln sich durch die ganzen Probleme und durch den großen überlagernden Konflikt, wie verändern sich die Figuren auf der Reise?"Ein moralischer Überbau
Diesen Anspruch allerdings vermögen seine Thriller kaum einzulösen. Nehmen wir Adrian Corvin aus „Der Nachtzug“. Er ist ein Mann von Prinzipien. So lässt er es sich nicht nehmen, seine Gegnerin, die ihn die ganze Zugfahrt quälen wird, juristisch zu belehren: Er erklärt ihr, dass das Recht der Allgemeinheit über dem Recht des Einzelnen steht, philosophiert über die Todesstrafe und so weiter. Dass er in dieser Nacht seine Prinzipien über den Haufen werfen wird, macht ihn nicht interessanter, denn der moralische Überbau wirkt ebenso aufgesetzt wie seine inneren Nöte – Stichwort Kindheitstrauma, Gedächtnisstörungen. Von den Nebenfiguren gar nicht zu reden: der seltsam gutmütige Polizist, der so gern Kreuzworträtsel löst, die Mörderin, deren Befehle Adrian befolgen muss oder die Bediensteten, die wohl nicht ahnen, was in diesem Nachtzug eigentlich vorgeht. Sie alle gehorchen nicht ihrem Innenleben, sondern dem Plot. Eine echte innere Entwicklung würden den Plot nur behindern, der von einem Twist zum nächsten jagt. Sebastian Fitzek legt es darauf an, dass man beim Lesen mitraten kann „Ich verteile immer Schlüssel am Anfang in der Geschichte und seltsamerweise passen viele dann davon in das große Schloss am Ende, was ich aber manchmal gar nicht so vor Augen hatte. Wo ich denke, ja, ist ja klar. Und dann, ach, da passt doch genau die Szene dazu, die du am Anfang beschrieben hast. Ja, das erklärt sogar das Verhalten sogar."An der Grenze zur Plausibilität
Im Unterschied zu den Figuren ist die Handlung von aufwändiger Komplexität. Zu Fitzeks Stilmitteln gehören Perspektivwechsel und Zeitsprünge – selbstverständlich leserfreundlich aufbereitet: Drei Tage späterBerlin, 35 Jahre zuvorGegenwart, Benjamin-Franklin-Krankenhaus So die Regieanweisungen am Anfang der Kapitel. Die Geschichte und ihre Auflösung fordern einem einiges an Goodwill ab, denn Sebastian Fitzek operiert hart an der Grenze der Plausibilität, auch das gehört zu seinen Markenzeichen: Das Ausreizen von psychischen Ausnahmezuständen, oft bis ins Groteske. Dass man beim Lesen trotzdem dranbleibt, liegt an der Suggestivkraft des Texts. Auch dafür setzt Sebastian Fitzek bestimmte Stilmittel ein. So lässt er uns immer wieder ins Innere einer Figur schauen. Die betreffenden Passagen sind sicherheitshalber kursiv gesetzt. Ein Beispiel aus „Der Nachtzug“: Als Adrian im Speisewagen dem Polizisten begegnet, wundert er sich über dessen Kreuzworträtselheft: „Der Beamte schien Adrians Irritation wahrgenommen zu haben, denn er sagte: »Hab ich immer dabei. Hält mich vom Handy ab und geistig fit. Ich nutze jede freie Minute fürs Knobeln!«
Er nahm einen weiteren Bissen vom Muffin, dessen kläglicher Rest jetzt wie ein zerklüfteter Felsen aussah.
Oder wie eine aufgerissene Fleischwunde …" ... denkt Adrian in kursiv, und man schaudert, wie vom Autor gewünscht. Die Thriller sind flüssig geschrieben, trotzdem stolpert man über manche Formulierungen. „Adrian sah über sich zur Tunneldecke, an der sich Leitungen und Kabel entlangzogen wie ein nicht enden wollender Strom düsterer Überlegungen" oder „Irgendwo in den Katakomben seines Gedächtnisgefängnisses schien eine Erinnerung sanft von innen gegen die Kerkertür zu klopfen."Eskapismus ist kein Schimpfwort
Sebastian Fitzek versteht sich als Unterhaltungsschriftsteller, trotzdem gibt es in den meisten seiner Thriller auch eine politische Dimension. Diese jedoch dient nur als Garnitur: Die Spannung ist die Message. Eskapismus ist für Sebastian Fitzek kein Schimpfwort, im Gegenteil: Mit dem manchmal grausig inszenierten Horror will er uns einen Urlaub verschaffen von den kleinen und großen Ängsten des Alltags. Dass ihm dies gelingt, ist vielleicht das Geheimnis seines Erfolgs: „Dann wählen wir ein Buch, das uns aus der Realität rausreißt, in dem die Welt durchgeschüttelt wird wie so eine Schneekugel, aber am Ende setzt sich doch wieder alles zu einem halbwegs erträglichen Bild zusammen", vermutet Fitzek. Auch „Der Nachtzug“, dies sei verraten, hat ein Ende, mit dem wir alle gut leben können.Wed, 21 Oct 2026 - 06min - 8114 - Ein gelungener Roman über das Putzen! „Saubere Häuser“ von María Agúndez
Sol ist eine junge Frau in der spanischen Metropole Madrid. Beruflich hat sie wenig Ehrgeiz, die Wohnung teilt sie mit ihrem Freund, der von morgens bis spätabends arbeitet. Als Sol ihren Job als Assistentin eines Künstlers verliert, übernimmt sie den Hausputz.
Heute verbringe ich den Tag mit Putzen. Dienstags ist der Großputz dran. (…) Wenn ich gerade nicht putze, denke ich ans Putzen.
Quelle: María Agúndez – Saubere Häuser
Sol – die putzbesessene Romanfigur
Für Sol, die Ich-Erzählerin des Romans Saubere Häuser, ist Putzen mehr als eine lästige Pflicht – es ist eine Obsession. Sie liebt es, wenn die Küche glänzt, das Bad in makelloser Frische erstrahlt und nirgendwo ein Staubkörnchen zu sehen ist. Eigentlich hat Sol gar nichts dagegen, zu putzen – sie tut es sogar gern. Doch sie weiß, dass das auf ihr Umfeld nicht gerade emanzipiert wirkt, und schämt sich vor der feministischen Nachbarin. Und auch vor ihrem Freund. Dem wiederum ist es irgendwie peinlich, dass nur seine Partnerin für die Wohnungsreinigung zuständig ist – was ihn aber nicht dazu bringt, selbst mal den Staubwedel zu schwingen. Dann wird Sol schwanger und das Paar engagiert eine Putzhilfe, die aus Lateinamerika stammt und ihre Schwester mitbringt. Die Protagonistin hat ambivalente Gefühle, die hier zur Schau kommen: „Jacqueline hat zu mir gesagt, dass sie mit Diana zusammen die ganze Wohnung in anderthalb Stunden putzen kann, aber weil sie die ganze Zeit quatschen, brauchen sie immer länger, und dann frage ich mich: ...“Muss ich ihnen jetzt mehr bezahlen? Sie brauchen nicht länger, weil es viel Arbeit ist, sondern weil sie die ganze Zeit quasseln. Oder bezahle ich sie wie vereinbart für die anderthalb Stunden?
„Ich schäme mich wieder schrecklich und fürchte, dass die Nachbarn von gegenüber nicht mehr und nicht weniger als zwei lateinamerikanische Frauen sehen, die mir die Wohnzimmerfenster putzen, das Sofa verschieben, die Teppiche zurückschlagen und auf eine Leiter klettern, um oben auf dem Kühlschrank Staub zu wischen“, gibt Sol zu.Quelle: María Agúndez – Saubere Häuser
Putzen oder putzen lassen?
Egal, ob sie selber putzt oder putzen lässt – die Romanprotagonistin Sol hat immer ein schlechtes Gewissen. Das Verhältnis zu ihren Reinigungskräften ist ambivalent: Sie braucht sie und ist zugleich genervt, wenn sie in ihre Privatsphäre eindringen. Ständig schwankt Sol zwischen dem Bemühen, ihre Putzhilfen fair und freundlich zu behandeln, und der Sorge, diese könnten schlecht arbeiten, plötzlich kündigen oder gar klauen. Ironisch und unverblümt schreibt María Agúndez über ein Thema, das viele moderne Großstadtmenschen betrifft, über das aber nur wenig – und wenn, dann oft verschämt – gesprochen wird: Mache ich meinen Schmutz selbst weg oder überlasse ich das anderen? Und: Wer sind diese anderen und wie ist mein Verhältnis zu ihnen?Ein Roman über Klassismus, Rassismus und Heuchelei
In Agúndez Heimat Spanien ist es verbreitet, Haushaltshilfen zu beschäftigen – oft sind es Latinas. Sol, die Romanfigur aus der Mittelschicht, ist kein Gutmensch, aber vermittelt dennoch einen eher empathischen Blick auf die Immigrantinnen und ihr prekäres Arbeitsleben. Dagegen kommen Sols Bekannte und Verwandte in dem Roman nicht gut weg. Die Oma etwa tyrannisiert eine Hausangestellte nach der anderen – auch die junge Jessica aus Honduras, die deswegen immer wieder Herzrasen bekommt, schließlich flüchtet und zu Sol sagt:„Es tut mir so leid um Ihre Großmutter, aber sie hasst mich, ich kann da nicht mehr leben.“ „Ich weiß“ , antworte ich, und die Scham frisst sich dabei durch meine Rippen. Sie diese Worte aussprechen zu hören, ist möglicherweise das Traurigste, was ich je erlebt habe.
„Saubere Häuser“ handelt von Klassismus und Rassismus, Heuchelei und auch von Männern, die sich fortschrittlich geben, denen ihre Partnerinnen aber jedes Zugeständnis im Haushalt und bei der Kinderbetreuung abringen müssen. María Agúndez ist es gelungen, einen Roman übers Putzen zu schreiben, der nachdenklich macht und mit seinem spöttisch-humorvollen Ton bis zum Ende unterhaltsam ist – auch wegen der überraschenden Wendung, die Sols Leben nimmt – und die natürlich mit Putzen zu tun hat.Quelle: María Agúndez – Saubere Häuser
Wed, 21 Oct 2026 - 04min - 8113 - Bedrohtes Paradies: Wie die Welt der Vögel schwindet | Buchkritik
Robert Macfarlane gelingt es, uns immer wieder zu überraschen: So viele erstaunliche und verblüffende Geschichten weiß er aus dem Leben der Vögel zu berichten. Dabei sind seine Beispiele eigentlich eher ein Anlass zur Trauer, denn die Vogelwelt ist dabei, zu verschwinden, auch in England, auf das sich das Buch konzentriert.
In Großbritannien sind es sind es dreiundsiebzig Millionen weniger, weltweit sind mehr die Hälfte aller Vogelarten bedroht. Was einmal „gewöhnlich“ hieß, wird zunehmend selten.
Quelle: Robert Macfarlane, Jackie Morris (Illustration) – Das Buch der Vögel
Die schwindende Vogelwelt
Macfarlane fragt im Vorwort, was uns mit den Vögeln verloren geht und meint: vor allem ihre Schönheit. Doch nicht nur sie, es gehe um viel mehr:Vögel sind unsere Ortsgestalter, Gedächtnisträger, Uhren und Kalender. Sie fügen die Teile der Welt zusammen: Erde zu Himmel, Fluss zu Wald, Berg zu Meer, Land zu Land, Hemisphäre zu Hemisphäre. Ohne sie beginnt alles auseinanderzufallen.
An 56 Vogelarten zeigt der Autor, welche extremen Schwierigkeiten sie meistern müssen, um zu überleben. Die Natur, die sie brauchen, schwindet rasant. Sie brauchen Nahrung, das heißt Gräsersamen, Früchte wie Vogelbeeren, aber auch Schnecken und Lurche sowie alle möglichen Sorten von Insekten, von Läusen bis zu Libellen. Raubvögel wie Sperber, Turmfalken oder Seeadler schlagen Mäuse, Ratten und sogar junge Kaninchen. Käuze und Uhus jagen nur nachts. Doch auch sie sind rar geworden, weil ihr Lebensraum wie naturbelassener Wald deutlich kleiner geworden ist. Die Waldwirtschaft lässt alte Bäume selten stehen, doch genau diese morschen Stämme sind für einige Arten wie den Waldkauz überlebenswichtig. In ihnen verbergen sich seine Nisthöhlen, gut getarnt.Quelle: Robert Macfarlane, Jackie Morris (Illustration) – Das Buch der Vögel
Bedrohte Nahrungsquellen
Die Nahrungsquellen der Vögel sind in der industrialisierten Agrarlandschaft massiv bedroht. Pestizide wie Pilz- und Insektengifte und Unkrautvernichter zerstören die Pflanzen, die zur ihrer eigenen Fortpflanzung Samen produzieren. Sie sind oft auf bestimmte Vögel angewiesen, um sich fortpflanzen zu können. Die Vögel fressen sie und scheiden sie dann wieder aus. So kommt es zu einer natürlichen Symbiose. Verschwindet diese Vogelart oder diese Pflanze, ist das das Ende von beiden. Wir Menschen bekommen das normalerweise nicht mit. Der Autor richtet unseren Blick gezielt auf diese Zusammenhänge, denn sein Buch enthält für jede Vogelart mindestens drei farbige Bilder, gestaltet von der Illustratorin Jackie Morris: Je ein Bild für jedes Entwicklungsalter, denn viele Arten wechseln ihr Gefieder, ihr Federkleid mit Alter und Jahreszeit. Sie passen sich überhaupt an ihre Umgebung an wie der Autor an mehreren Beispielen zeigt, darunter das Schneehuhn. Sein weißes Gefieder ist wie eine Tarnung: Es fällt im Schnee nicht auf.Unbekannte Begriffe
Macfarlanes Sprache ist leider etwas gewöhnungsbedürftig: Seine Beschreibungen strotzen vor Begriffen, die in keinem Wörterbuch zu finden sind. Erfundene Wörter, die die Übersetzerin Daniela Seel aus dem Englischen übernommen hat. Die deutsche Sprache kennt sie jedenfalls nicht. Dennoch ist Robert Macfarlanes Buch eine Schatzkammer unbekannten Wissens und all jenen ans Herz zu legen, die sich für die faszinierende, leider schwindende Vogelwelt interessieren.Tue, 20 Oct 2026 - 03min - 8112 - Das Kind, das er nicht haben konnte: Ulf Erdmann Zieglers „Mann ohne Kind“
Ein Liebender wird verlassen, leckt seine Wunden und erinnert sich an das vergangene Glück: Das ist eine bekannte Erzählsituation. Im Fall von Ulf Erdmann Zieglers „Mann ohne Kind“ ist jedoch einiges ungewöhnlich, nicht zuletzt der Altersunterschied: Ole, der Erzähler, ist 57, das Objekt seiner Liebe dagegen eine Siebzehnjährige namens Miki. Steht Zieglers Roman also in der Tradition von Vladimir Nabokovs Skandalroman „Lolita“? Durchaus nicht, behauptet der – übrigens glücklich verheiratete – Erzähler. Schließlich sieht er sich gegenüber Miki, die ihren leiblichen Vater vor Jahren verloren hat, in der Rolle eines Ersatzvaters. Das aus Japan stammende Mädchen ist für ihn, wie er unermüdlich betont, ein „Kind“ – das Kind, das er selbst im Leben nicht haben konnte. So erklärt er es sich und dem Leser, so erklärt er es aber auch seiner Frau Dolly. „Ich esse mit Dolly zu Abend, unser Ritual, und ich verwickle sie in meine Ambivalenzen, die auf Hochtouren laufen“, heißt es im Roman.
„Ja, was ist denn mit ihr“, fragt sie, „worum geht es denn eigentlich?“ Ich rufe: „Ich liebe dieses Kind!“ Dolly: „Du liebst sie?“, und ich spreche jetzt leiser und sage: „Ja, ich liebe sie. Als Kind.“ Kein Zurück mehr, es ist gesagt.
Quelle: Ulf Erdmann Ziegler – Mann ohne Kind
Ein unzuverlässiger Erzähler und viele Verdachtsmomente
Kann das gutgehen? Oder macht der Erzähler sich – und den Lesern – nur etwas vor? So viel kann man verraten: Wie jede Liebe hat auch diese viel mit Illusionen und Projektionen zu tun. Und auch in diesem Fall gilt die Regel: So glücklich die Anfangszeit, so leidvoll das Ende. Kennen lernen sich die beiden an einem Wissenschaftskolleg in Berlin: Dort forschen Oles Frau, eine Germanistin, und Mikis Mutter Haruko als Fellows. Ole selbst, ein Kunstexperte, hat viel Zeit für sich. Mit der orientierungslosen Heranwachsenden freundet er sich zielstrebig an: Er gibt ihr Sprachunterricht, hilft ihr bei ihren Schulproblemen. Und braust mit ihr auf dem Motorroller durchs Berliner Umland. Verdächtig ist natürlich, wie sehr er dabei die Unbefangenheit feiert, mit der Miki als sein Sozius die Arme um ihn legt. Noch irritierender ist sein Wunsch, mit ihr an einen FKK-Strand am Wannsee zu gehen. Dazu kommt es zwar nicht, dennoch erscheint selbst dem Protagonisten dieser Gedanke im Nachhinein als erklärungsbedürftig: „Wenn ich zu mir ehrlich war, dann hatte ich Miki längst in jene Utopie einbezogen, die deutsche Freikörperkultur, dass man sich „einfach“ entkleidet und gemeinsam, definitiv sich nicht beglotzend, zum Meer geht“, gesteht der Erzähler.Eine Art Freundschaftssiegel, dass man das kann, sich nicht schämt und sich in der Konsequenz nicht begehrt: die Gewissheit, dass die Sehnsucht, in der Natur aufzugehen, stärker ist als die Natur in uns.
Quelle: Ulf Erdmann Ziegler – Mann ohne Kind
Wer ist hier wirklich das Kind?
In Wahrheit zeigt sich immer wieder, wie sehr sich dieser Erzähler mit seiner Freundschaftsutopie in die Tasche lügt, wie obsessiv und besitzergreifend seine Beziehung zu Miki ist: Etwa, wenn er stolz schreibt, er habe Miki erfolgreich „isoliert“ und wolle sie ganz für sich haben. Oder wenn er sie später bei seinem Besuch in Tokio dazu bringt, das vereiste, gesperrte Dach eines Museums zu betreten. Umso aufschlussreicher, dass Miki hinterher wütend auf ihn ist: Offensichtlich ist nicht sie das Kind in dieser Konstellation. Wie Ulf Erdmann Ziegler seinen unzuverlässigen Erzähler sich um Kopf und Kragen erinnern lässt, ist durchaus gekonnt. Dennoch verspürt man an fast jeder Stelle dieser seltsamen Beziehung eine Art Dauerunbehagen bei der Lektüre. Zumal die Schreibmotivation des Autors bis zuletzt im Dunkeln bleibt. Am plausibelsten scheint die Annahme, hier solle der schmale Grat zwischen berechtigter Fürsorge und unangemessenem Paternalismus ausgelotet werden. Was ein ehrenwertes Vorhaben wäre. Fragt sich nur, ob dafür ein weniger problematischer Erzähler nicht besser gewesen wäre.Mon, 19 Oct 2026 - 04min - 8111 - New York mal anders: „Im Land der begrenzten Möglichkeiten“ von Oliver Weiss
Wenn ich es in New York schaffe, dann schaffe ich es überall. Der Refrain dieser bekannten Hymne auf „die Stadt, die niemals schläft“, mag dem Autor Oliver Weiss durch den Kopf gegangen sein, als er 1995 in New York ankommt. Der junge Illustrator aus Berlin will es wissen: Schafft er es, im „Big Apple“ genügend Aufträge zu akquirieren, um dort seinen Lebensunterhalt zu bestreiten? Seit Oliver Weiss 1981 als Schüler mit seiner Familie ein Jahr in Kalifornien lebte, war der junge Deutsche mit dem Amerikavirus infiziert: „Mein Leben war auf den Kopf gestellt worden. Darüber, dass die USA das bessere Land waren, bestand kein Zweifel. Lange Zeit thronte die Flagge nach unserer Heimkehr über meinem Bett. Die Voice of America wurde mein geistiges Zuhause. Ich musste zurück nach Amerika. Koste es, was es wolle.“
New York als Verheißung
Als Wohnort kommt für den ambitionierten Illustrator Mitte der 1990er Jahre nur New York in Frage, der Sitz vieler Zeitungsredaktionen und Verlage. In sechs Kapiteln nimmt Oliver Weiss die Leser mit auf seine Reise durch Untermietzimmer in Harlem, Queens und Brooklyn. Die Flut von Absagen, die er sich zunächst beruflich einfängt, bringt ihn nicht ab von seinem Amerika-Traum: Der aufstrebende Künstler möchte mit Green Card unter einer New Yorker Adresse leben – am liebsten im bekannten Künstlerviertel Greenwich Village. Dass er hier die Miete nicht zahlen kann, merkt er schnell. Als Weiss endlich die ersehnte Green Card erhält, haben sich schon erste Zweifel an seinen New Yorker Zukunftsträumen eingeschlichen.Matt gelaufener Glanz
Wegen der astronomisch hohen Lebenshaltungskosten in der lauten, hektischen Stadt kann er sich nur verwohnte, schmuddelige Mini-Apartments leisten, in denen ihn der Straßenlärm oder die Dauerpartys der Nachbarn nerven. Überhitzte Heizungen, ratternde Klimaanlagen und skurrile, profitgierige Vermieter, denen er sich hilflos ausgeliefert fühlt, deuten schon früh an, dass hier ein lang gehegter Lebenstraum zu scheitern droht. „Man erliegt dem Locken eines Abenteuers, das man vor Jahren plante, als man noch Teenager war, und dessen Glanz sich längst matt gelaufen hat, ohne dass man es merkte. Immer genau zu wissen, was man will, ist eine amerikanische Tugend und zählt nicht unbedingt zu meinen Stärken.“ Kritische Selbstanalysen wie diese hätte man sich öfter gewünscht. Leider karikiert und überzeichnet Oliver Weiss stattdessen viele Alltagsszenen, was zwar einen gewissen Unterhaltungswert hat, sich aber als Stilmittel auf Dauer abnutzt.Entzauberung eines Sehnsuchtsorts
Mit jedem Monat in New York sehnt sich der Autor stärker nach Berlin zurück. Künstlerisch ist in den New Yorker Redaktionen Spezialisierung mit Wiedererkennungswert gefragt, aber eine Zukunft als „stumpfsinnig programmierter Zeichenroboter“ findet der Autor abschreckend. Es gibt eben nicht viele Ausnahmetalente wie etwa Charles M. Schulz, der als Erfinder der Peanuts-Comics reich wurde. „I love your work“, ist die unverbindliche Leerformel, mit der desinteressierte New Yorker Art Direktoren sich selbst und dem Autor eine klare Absage ersparen. Man kann die oberflächliche Freundlichkeit entweder als hilfreiches Schmiermittel in einer durch harte soziale Gegensätze geprägten Stadt empfinden oder als schlichte Lüge.Eine Trennung auf Amerikanisch
Es dauert, bis Oliver Weiss sich von seinem Lebenstraum und seiner New Yorker Freundin verabschiedet. Eine Trennung auf Amerikanisch, wenn man so will:Beim Abschied umarmen wir uns wie früher. ‚So nice to see you again!‘, heucheln wir beide, bevor ich mich losreiße und in den dampfenden Schacht der Subway eintauche. Wir sahen uns nie wieder.
Die flott formulierten Alltagsgeschichten, die sich zum Abschied vom Sehnsuchtsort New York verdichten, hat der Autor aus der Retrospektive mehrerer Jahrzehnte geschrieben. Sie fügen sich gut ein in die aktuelle Stimmungslage, in der es um transatlantische Enttäuschungen und den Abschied von falschen Amerikabildern geht. Die Frage, welche Rolle hierbei die eigenen Selbsttäuschungen spielen, regt dieses Buch auf humorvolle Weise an.Quelle: Oliver Weiss – Im Land der begrenzten Möglichkeiten
Sun, 18 Oct 2026 - 04min - 8110 - Neue Bücher von Juli Zeh, Yang Shuang-zi, Helga Schubert, Martina Hefter und Lutz SeilerFri, 16 Oct 2026 - 55min
- 8109 - Neues Label für menschengemachte Kinderbücher
Schnell gemacht: ein Buch pro Stunde
Woran Autorin und Illustratorin oft ein ganzes Jahr sitzen, hat KI in nur einer Stunde erstellt: ein Kinderbuch. Es braucht nicht mehr als einen Prompt zu Story und bildlicher Gestaltung, schon wirft die KI das ganze Produkt aus. Das gelingt ihr, weil die großen Tech-Konzerne sie längst mit Millionen vorhandener Bücher trainiert hat. Zumeist wurden diese Bücher ohne Zustimmung der verantwortlichen Autoren oder Verlage eingescannt, also illegal.18 Verlage stellen ein neues Label vor
Es sind Einzelpersonen oder kleine Teams, die die Kinder- und Jugendbücher mit Hilfe von KI erstellen. Als Büro reicht der heimische Küchentisch. Gedruckt wird als Print-on-Demand. Die im Selfpublishing produzierten Bücher findet man vor allem bei Amazon, wo mittlerweile mehr Bücher aus Selfpublishing-Produktion als von Verlagen eingestellt werden. Deswegen haben 18 deutsche Kinder- und Jugendbuchverlage nun ein Label für ihre menschengemachten Bücher entwickelt: „Von Menschen geschrieben – gestaltet – geprüft“. Dieses Label wurde auf der Frankfurter Buchmesse 2026 vorgestellt.Verantwortung für kleine Menschen
Maria A. Kafitz ist eine der beteiligten Verlegerinnen. Sie leitet den Stuttgarter Verlag Freies Geistesleben & Urachhaus. Im Gespräch mit SWR Kultur sagt sie: „Es geht uns nicht darum, KI zu verteufeln, sondern darum, die menschliche Intelligenz und Kreativität zu stärken.“ Das Label wurde entwickelt, „um unseren kreativen Kolleg*innen – den Autor*innen, den Übersetzer*innen, den Illustrator*innen, den Designer*innen – Respekt zu zollen für das, was sie tun“. Zugleich soll das Label natürlich auch Hilfestellung für Eltern sein, die KI-generierte von menschengemachten Büchern nicht mehr unterscheiden können. Dabei geht es den Verlagen aber nicht nur um die eigenen Einkünfte. „Wir sind ja auch verantwortlich für die Menschen, für die wir die Bücher machen“, unterstreicht Kafitz. „Nämlich für die kleinen Menschen, die mit Lust am Lesen aufwachsen sollen, um selbstbewusste Bürgerinnen und Bürger zu werden, die sich ein Urteil bilden können.“Bewusstes Einkaufen
Verlage, Buchhandlungen, Schulen und Eltern müssen ab sofort noch mehr Verantwortung für Kinder übernehmen: Welches Buch kaufe ich? Welches Buch biete ich einem Kind an – und welches nicht? Wer in Buchhandlungen kauft, ist vor KI-generierten Kinder- und Jugendbücher aktuell noch weitgehend gefeit. „Da Bücher Überlebensmittel sind“, unterstreicht Kafitz, „wird es immer wichtiger, dass wir sehr bewusste Kaufentscheidungen treffen.“Fri, 16 Oct 2026 - 09min - 8108 - Das misshandelte Baumhaus
„Bullshit“ – in leuchtendem Orange prangt dieses Wort auf dem Kunstwerk der Installationskünstlerin Iona Bartschok. Herto Straus, ein Künstlerkollege hat es auf ihr schwarzes Baumhaus gesprüht. Mit dieser Attacke beginnt Martina Hefter ihren Roman „Nach der Sonne schauen“. Das Baumhaus bedeutet Iona enorm viel. Es ist für sie mit ihrer Kindheit auf einer Alm verbunden, mit einer Zeit großer Freiheit, aber auch mit einem traumatischen Erlebnis, das sie bis heute beschäftigt. Das Baumhaus sei zu privat, zu harmlos und damit künstlerisch uninteressant, urteilt Herto Straus – und sprüht los. „Herto Straus hat im Zusammenhang mit seinem Sprühdosen-Anschlag in ein paar Interviews mit dem MDR, mit der Leipziger Volkszeitung und sogar mit dem Spiegel davon gesprochen, dass es wehtun müsse, ein Kunstwerk zu betrachten. Er habe nicht anders gekonnt, als etwas auf mein Baumhaus zu sprühen, es gehe nicht gegen mich persönlich. Es sei ihm nur um die Kunst gegangen.“
Nachhall eines Buchpreis-Eklats
Da denkt man unwillkürlich an den Eklat um den Deutschen Buchpreis 2024, als der Autor Clemens Meyer die Auszeichnung für Martina Hefters Roman „Hey guten Morgen, wie geht es dir?“ als eine „Schande für die Literatur“ bezeichnete. Auch hier prallen zwei Vorstellungen davon aufeinander, was große Kunst sein soll. Im Roman bekommt Iona den Angriff nicht mehr aus dem Kopf. Sie zieht sich in eine ehemalige Industriehalle an einem künstlichen Tagebausee südlich von Leipzig zurück. In dieser vom Braunkohletagebau gezeichneten Landschaft will sie an einer neuen Installation arbeiten. Ihre Vision: ein Modell der Gegend, wie sie in 5000 Jahren aussehen könnte. Doch mit der Arbeit kommt sie kaum voran. Stattdessen erkundet sie die Umgebung, kümmert sich um eine streunende Hündin und um Robyn, einen virtuellen KI-Hund, den ihr der Besitzer der Halle zur Pflege überlassen hat.Die Natur und ihre Bewahrung
Robyn lebt auf einem riesigen Bildschirm, und wird lebendiger, je mehr Aufmerksamkeit er bekommt.Robyn konnte nicht bellen. Er konnte auch nicht heulen oder knurren, so weit schien diese App noch nicht gediehen zu sein. Aber er wurde immer blasser und langsamer und schien zu schrumpfen, je weniger man ihn beachtete.
Dass ausgerechnet ein künstlicher Hund auszutrocknen droht, passt zu diesem Roman, in dem sich vieles um die Natur und ihre Bewahrung dreht. Die Landschaft rund um Ionas Industriehalle ist vom Menschen gezeichnet. Der See ist aus einem ehemaligen Braunkohletagebau entstanden, sein Wasser muss regelmäßig mit Kalk entsäuert werden, damit darin überhaupt Leben möglich ist.Quelle: Martina Hefter – Nach der Sonne schauen
Die Schönheit des ehemaligen Tagebaus
Mit großer Aufmerksamkeit beschreibt Martina Hefter diese Landschaft: das Licht auf dem Wasser, die Bewegungen der Tiere, die Spuren menschlicher Eingriffe. Immer wieder geht es darum, wie verletzlich das Leben ist - und wie widersprüchlich unser Umgang damit. Als Ionas echte Hündin Bella einen Molch mit zwei Schwänzen fängt, schleudert Iona das Tier erschrocken fort, der Molch stirbt. Ausgerechnet Iona, die sich so sehr um Tiere und Natur sorgt, hat ein Lebewesen getötet.Ich stürzte hin, kniete mich neben den Molch, nahm ihn vorsichtig in die Hand, die ganze Zeit sagte ich, wie leid es mir tue, und ich setzte das Tier ins Wasser, wo es eine Weile reglos sitzen blieb.
„Dann stieß es sich vom Untergrund ab und versuchte zu schwimmen, aber es klappte nicht. Der Molch kippte zur Seite und kam nicht voran, kippte wieder, auf die andere Seite, rang nach etwas, nach Luft oder einem Halt, und irgendwann gab er auf.“Quelle: Martina Hefter – Nach der Sonne schauen
Schönheit oder Schmerz – Was muss Kunst leisten?
Doch so eindringlich einzelne Szenen sind, so wenig Sog entwickelt der Roman insgesamt. Die Motive sind geschickt verknüpft: Natur und Künstlichkeit, Fürsorge und Zerstörung, Kunst und Verletzlichkeit. Aber das alles wird ständig erklärt und eingeordnet und obwohl die Ich-Erzählerin viel von sich preisgibt, bleibt sie erstaunlich fremd. Es geht um Ängste, Schuldgefühle, Erinnerungen. Aber wirklich nahe kommt man ihr nicht. „Ich habe zwei Baumhäuser gebaut. Ich kann Kühe in den Melkstand treiben, ich kann eine Kreissäge bedienen, ich habe einen Zaun aus Haselruten vor die Alm meiner Eltern geflochten. Und ich habe ein Kalb in meinen Armen aus einem Gewitter getragen. Das sollte eigentlich genügen. Aber es genügt nie und Herto Straus hat trotzdem mein Baumhaus angesprüht.“ Es geht in „Nach der Sonne schauen“ auch um die Frage, was Kunst eigentlich leisten muss. Muss sie aufrütteln und wehtun, oder darf sie auch einfach tröstend und schön sein? Ausgerechnet das Baumhaus, das Herto Straus für zu harmlos hält, erzählt von Ionas Leben, und dazu gehören auch Verlust, Schuld und Gewalt. Der Roman verteidigt die „leise“ Kunst, eine die wirkt, ohne zu brüllen. Nur leider vertraut Martina Hefter ihren eigenen Bildern oft zu wenig. Sie erklärt, wo sie erzählen könnte – und nimmt ihrem Roman damit einiges von seiner Kraft.Fri, 16 Oct 2026 - 05min - 8107 - Sie wollen es doch schön haben: „Abschiedssommer“ von Jochen Missfeldt
Autobiographische Literaturprojekte kommen selten an ein Ende – denn das eigene Leben, sobald man sich auch in seine zerklüfteten Schluchten hinabwagt, ist selten auserzählt. Jochen Missfeldt veröffentlichte 1989 den Roman „Solsbüll“, der die Geschichte dreier Generationen der Familie Hasse in einem fiktiven Ort zwischen Kiel und Flensburg erzählt. Der jüngste Spross Gustav, der dann in weiteren von Missfeldts Büchern auftauchen sollte, teilt mit dem Autor das Geburtsjahr 1941. Auch im neuen Roman des inzwischen 85-Jährigen begegnen wir seinem Alter Ego wieder. „Bettina, so hieß meine leibliche Mutter, brachte mich 1941 in Hamburg zur Welt. Ich war das einzige Kind. Mein Vater, Grets jüngerer Bruder Gustav Hasse, dessen Namen auch ich trage, fiel im August 1941 in Russland, Bettina starb 1943 bei einem Bombenangriff auf Hamburg“, erzählt Gustav über seine Familie.
So kam ich zu meiner Tante Gret nach Solsbüll-Mühle; und hier betreute sie ihren Hebammenbezirk.
Quelle: Jochen Missfeldt – Abschiedssommer
Jazz und Rock’n‘Roll
Kurz vor einer Operation, der sich der alt gewordene Erzähler unterziehen muss, tauchen die Bilder aus einem vergangenen Sommer auf, ganz lebensecht und zugleich phantasmagorisch. Es ist das Jahr 1959. Für den achtzehnjährigen Gustav ist die Welt vor allem: verlockend und rätselhaft. Verlockend sind der Rock’n’Roll und der Jazz, die er mit seiner Band Die Flamingos spielt. Noch verlockender sind die Mädchen – Lidia, die in einem Waisenhaus aufwächst und eine Episode bleibt; und Johanna, die er schon seit Kindertagen kennt und die ihm so viel bedeutet, dass er vor Eifersucht die Fassung verliert:Das Universum drehte sich langsamer, dann stand der Himmel über Flensburg still.
„Du spinnst, Gustav. Du bist verrückt.“
Das war’s, das reichte. Ich holte aus, und da, ich knallte ihr eine.Quelle: Jochen Missfeldt – Abschiedssommer
Die Rätsel der Liebe
Die Ohrfeige schallt laut durch den Roman – sie hallt nach, führt weniger zu Gewissens-, mehr zu Rechtfertigungskonflikten. Gustav leidet. Claude, Johannas Mutter, klärt die Sache dann mit jenem Pragmatismus, der Nachkriegsfrauen wahrscheinlich eigen war, zumal, wenn sie eine Flucht hinter sich hatten. Die Rätsel der Liebe, die dem unerfahrenen Gustav zu schaffen machen, dominieren diesen Sommer; aber prägender sind andere Geheimnisse, die nur andeutungsweise in Erscheinung treten: etwa in Form eines Geschirrs, das Gustav anvertraut wird und auf dessen Rückseite noch das Hakenkreuz prangt. Oder in der Geschichte des jüdischen Mädchens Ganka Sonnenstern, der Claude während des Kriegs begegnet und die irgendwann verschwunden war.Die Arbeit an der Normalität
Claude wusste im Dezember 1943 natürlich doch etwas von den Transporten und wohin sie führen, sie hatte ja Augen und Ohren im Kopf. Näheres wollte sie aber nicht wissen, weil es dann mit den Gedanken eng und ungemütlich werden würde.
Und erst dem alten Gustav Hasse wird von einem Freund ein anderes Rätsel gelöst, über das er sich als junger Mann nie Gedanken gemacht hatte: Sein ehemaliger Kunstlehrer nämlich war Kriegsmaler gewesen, und überdies der Schwager von Rudolf Höß. Auschwitz hat er öfter besucht und dort die Familie gezeichnet. Nach dem Krieg fand er rasch in ein bürgerliches Leben. Geschickt, aber unspektakulär verknüpft Missfeldt die verschiedenen Bedeutungsfäden seines Romans, seines Helden, seines eigenen Lebens. Manchmal wirkt die Sprache fast betulich, ja, altbacken, viel weniger ambitioniert als etwa in seinem Roman „Steilküste“. Aber dieses behutsame Erzählen, das sich Ausflüge ins Traumhafte, buchstäblich Theatralische und schwerelos Fantastische gestattet, ist Programm: Der „Abschiedssommer“ schildert die mühevolle Arbeit an der unverfänglichen Normalität, die nach der moralischen Bankrotterklärung Deutschlands anbrechen sollte. Dass die Verdrängung nicht immer gelang, auch das verrät sich zuweilen in der Sprache, wenn etwa der neueste Judenwitz angekündigt wird oder von einem „warmen Bruder“ die Rede ist, der im KZ war. Meist aber gilt die Parole, die von Claude ausgegeben wird: „Lass uns nicht ungemütlich werden. Wir wollen es doch schön haben.“Quelle: Jochen Missfeldt – Abschiedssommer
Wed, 14 Oct 2026 - 04min - 8106 - Überleben mit Planwirtschaft? Kohei Saitos „Am Ende des Fortschritts“
Das kennt man sonst nur von Sekten und als Taktik Rechtsextremer: Das penetrante Läuten des Sterbeglöckchens. Hier tut’s ein Marxist. „Die Zukunft heißt Faschismus!“ steht gleich über dem Vorwort. Der Autor Kohei Saito präzisiert: „Endzeitfaschismus“.
Ich sage es ganz unverblümt: Wir stehen sprichwörtlich am Rande des Abgrunds, der zu unserer Auslöschung führen wird.
Quelle: Kohei Saito – Am Ende des Fortschritts
Droht die Apokalypse?
Auf die Frage, ob er denn persönlich Angst habe vor dieser von ihm geweissagten Apokalypse, sagt er: ja, schon allein wegen seiner beiden Kinder. Ein Verdienst kommt Saito unbestritten zu: Er nimmt die Polykrise, die uns auf allen Ebenen förmlich einkreist, ins Visier und macht einen Vorschlag, wie ihr zu begegnen sei. Damit die Dringlichkeit auch jedem Leser einleuchtet, geht er vom Schlimmstmöglichen aus: Krieg, Pandemien, Artensterben, Klimakollaps. Chaos, Plünderung, Hunger. Und dann packt er sein Rezept für ein Überleben in der Apokalypse aus. Dieses Rezept ist alt und denkbar unspektakulär: die kommunistische Planwirtschaft soll es retten, manchmal nennt er sie auch sozialistisch und manchmal demokratisch. Auf jeden Fall müsse der Kapitalismus weg, denn der habe den Karren in den Dreck gezogen, meint Kohei Saito. „Viele hier denken vielleicht, dass der Kapitalismus den Menschen erlaubt, frei zu sein und dass er demokratisch sei. Ich glaube, das ist falsch. Denn der Kapitalismus ist nicht kompatibel mit der Demokratie“, meint Saito. „Warum? In diesem System werden zwar viele Dinge produziert. Aber wir, die Konsumenten, werden nicht gefragt, ob wir diese Dinge haben wollen. Reiche Leute monopolisieren diese gigantische Produktionskraft und benutzen sie, um mehr Profit zu machen.“Schwächelnder Kapitalismus
Interessanterweise beklagt ausgerechnet er, wir seien gefangen in einem Dualismus, nämlich der Wahl zwischen entweder Kapitalismus oder Kommunismus. Der Kommunismus stoße im Westen auf kategorische Ablehnung, denn wir hätten nur Klischees im Kopf: Terror, Lager, Versorgungsengpässe. Wobei nicht erkannt werde, dass der aktuelle Kapitalismus zu einem Erpressungssystem geworden sei: Die großen US-Techkonzerne monopolisierten die Marktplätze und zwängen mit ihrer Herrschaft über alle Vorgänge der Digitalisierung selbst klassische Industrien in die Knie. Aber, so tröstet er seine Leser, dies sei ohnehin die letzte Erscheinungsform, die der schwächer werdende Kapitalismus angenommen hätte. Falls aber die Zeit für die sozialistische Planwirtschaft reif sei, dann könne man die Instrumente der Techkonzerne, speziell die Künstliche Intelligenz, für eigene Zwecke nutzen.Man kann zum Beispiel das Verhalten und die Arbeitsabläufe von Arbeitern lückenlos erfassen, durch KI analysieren lassen und so die Effizienz steigern.
Genau das gefällt den Arbeitern in den Fabriken und Logistikzentren, ob kommunistisch oder kapitalistisch geführt, schon heute nicht.Quelle: Kohei Saito – Am Ende des Fortschritts
Kein überzeugender Plan B
Alles in allem ist es gut, dass ein junger Idealist herkommt und einen Plan B unterbreitet für alle, die nicht reich genug sind, um sich in Sicherheit zu bringen, falls es zu einem Systemkollaps kommen sollte. Aber es ist der falsche Plan B. Saito macht es sich zu leicht, wenn er schreibt, der Kapitalismus sei schuld am Klimawandel, der Kapitalismus hätte in China Fabriken für Billigprodukte hochgezogen und so weiter. Sprachlich bedient er sich dabei aus dem Steinbruch kommunistischer Theorietexte, was die Lektüre meist zu einer Art Strafarbeit macht. Dass in Saitos Buch neben unzähligen männlichen Denkern keine einzige Frau vorkommt, nicht mal eine bekämpfenswerte Kapitalistin, passt denn auch ins Bild. „Kommunismus ist eine Illusion“, sagte Freud. Für den Ernstfall brauchen wir etwas Besseres.Tue, 13 Oct 2026 - 04min - 8105 - Nehmt euch vor Dichtern in Acht! „Peck & Peck“ von Bonnie Garmus
Schauplatz New York
New York, 1982. Ein gefährliches Pflaster. Jederzeit war damit zu rechnen, in der U-Bahn ausgeraubt zu werden. Aber zugleich war Big Apple vor dem Aids-Schock die Stadt, in der alles möglich schien. Und in dem New York, das Bonnie Garmus zum Schauplatz ihres neuen Romans macht, ist noch ein bisschen mehr möglich. Zum Beispiel der kometenhafte Aufstieg von der miserabel bezahlten Hilfskraft im Kopierkeller zum Herausgeber der weltweit bedeutendsten Lyrik-Zeitschrift „Peck & Peck“. Dies gelingt Batter Gray, einem Jungen aus der Provinz, ohne Beziehungen, ohne Geld, ohne Gaben außer einer.Ein Dichter, der nicht schreibt – das wird nichts
Aber von vorn. Der Ich-Erzähler, geboren wie seine Erfinderin im Jahr 1957, trägt schon an seinem Vornamen schwer. Benannt ist er nach dem verstorbenen Hund seiner Mutter, einem, wie ihre Geschichten besagen, heldenhaften Tier. Hinzu kommt, dass Batter Teil eines Zwillingspaars hätte sein sollen, sein Bruder aber tot zur Welt kam. Damit nicht genug, will er Dichter werden, von Kindesbeinen an. Allerdings schreibt Batter nicht. Aber er hat ein „Ohr“ für Poesie, das absolute Gehör für Gedichte. Und zwar, weil er liest, was die Schulbibliothek hergibt. Folgerichtig, dass er sich für ein entsprechendes Hauptfach am College entscheiden möchte, und logisch, dass daraus nichts wird. „,Lyrik‘?, sagte mein Vater, ‚aber kein Mensch – kein Mensch studiert Lyrik. Da könntest du auch gleich Makramee studieren. So was macht keiner vorsätzlich.‘ ,Batter‘, sagte meine Mutter, ‚sieh es doch mal so. Wenn es morgen keine Gedichte mehr gäbe, wäre das ein Weltuntergang?‘ Ich stellte mir vor, wie der letzte flugunfähige Dodo totgeschlagen wurde.“ Damit ist der Ton gesetzt. Dass Gedichte schon in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts als fundamental abtörnendes Minderheitenthema galten, wie Bonnie Garmus voraussetzt, nimmt man lesend einfach mal hin, schließlich hat sie die Zeit erlebt, und vor allem schreibt sie ja einen Roman für heute.Retro-Verpackung für Gegenwartsbezüge
Wie schon in ihrem Erstling „Eine Frage der Chemie“ siedelt Garmus ihre Handlung in zurückliegenden Jahrzehnten an, mit denen sich allerlei Nostalgie verbindet. Nach den zukunftsoptimistischen Fifties sind es nun die Sechziger, Siebziger und Achtziger mit ihren Beat- und Pop- und Camp-befeuerten Aufbrüchen. Und im schmucken Retro-Look dieser Pralinenschachtel verpackt sie eine Menge gut beobachteter Gegenwartsbezüge. So äußert sich der ebenso ignorante wie cholerische Chef des Verlagshauses Peck & Peck, der den dauerklammen Batter Gray als Copy-Boy einstellt, in seinem ganzen Hass auf das eigene Metier bevorzugt in herrischen Sätzen, die im Druck konsequent in Versalien erscheinen, als hätte der derzeitige Präsident der Vereinigten Staaten sie in sein Smartphone getippt.,Also WARUM‘, sagte er mit vor Zorn anschwellender Stimme, ‚WARUM gehen all diese miesen BLÖDMÄNNER abends von ihren Jobs als Klempner und Koch und Opernsänger nach Hause und beschließen, GEDICHTE zu schreiben?‘
Im Gegensatz zu ihm lieben die meisten Beschäftigten im Inneren der als überirdisch schön beschriebenen Architektur des Verlagshauses in Manhattan Gedichte. Aber vor kaum etwas haben sie mehr Angst als vor den Dichtern draußen.Quelle: Bonnie Garmus - Peck & Peck
Legitime Nachfolgerin großer Fabulierkünstler
Scheinbare und tatsächliche Paradoxien wie diese durchziehen den Roman, dessen wendungs- und windungsreiche 550-Seiten-Handlung zusammenzufassen sinnlos wäre. Der fantastische Einfallsreichtum der Autorin, ihre Sympathie für die Pechvögel im Reich menschlicher wie tierischer Fauna und ein erzählerischer Atem, der mühelos die Lösungen für 25 Jahre und 300 Seiten zurückliegende Rätsel präsentiert, machen Bonnie Garmus zur legitimen Erbin effektsicherer Fabulierkünstler wie John Irving. Vermutlich wird „Peck & Peck“ nicht in jedem die Lust auf Lyrik wecken. Aber es ist ganz große Unterhaltung.Tue, 13 Oct 2026 - 04min - 8104 - Die Zerstörung der Vernunft: Robert Misiks „Die Kunst des Widerstands“
Die Verschwurbelung der Welt schreitet voran, der gesellschaftliche Diskurs wird immer aggressiver. Die radikale Rechte trägt dazu mehr als nur ein Scherflein bei. Eines ihrer wirksamsten Instrumente: die Grenzen zwischen Verschwörungswahn, völkischer Hetze und raunender Esoterik mehr und mehr zu verschieben. Damit betreiben die Rechtsautoritären das, was der Philosoph Georg Lukács einmal „Die Zerstörung der Vernunft“ genannt hat, meint der Wiener Publizist Robert Misik: „Ich glaube, wir erleben eine Zerstörung der Vernunft in zweierlei Hinsicht. Einerseits in dieser alltäglichen Form: vielleicht zweimal nachdenken, die verschiedenen Seiten einer Sache zu betrachten und so weiter. Das ist heutzutage im Schwarz-Weiß-Denken der allgemeinen Empörung, die immer mehr zutage tritt, nicht mehr so en vogue.“ „Und andererseits, in einem viel breiteren Sinne, versucht die rechtsradikale Agitation, die immer mehr Raum einnimmt, Vernünftigkeit und Vernunft grundsätzlich zu zerstören, die Menschen zu verwirren“, führt der Autor fort. „Weil die Konfusion und das Gefühl, man kennt sich überhaupt nicht mehr aus, man durchschaut überhaupt nichts mehr, es ist alles gleich viel wert, denen eigentlich in die Karten spielt.“
Ein aufgeweckter Kopf
Robert Misik zu lesen ist ein Gewinn, auch für Menschen, die seine weltanschauliche Grundposition nicht teilen – einen für Grüne und Liberale offenen Sozialdemokratismus. Der Autor, ein aufgeweckter Kopf, argumentiert schlüssig und ohne dogmatische Verkrampfungen. In seinem aktuellen Buch plädiert Misik für einen kämpferischen Linksliberalismus: „Aber gleichzeitig hat natürlich auch der Linksliberalismus seine Schwächen. Der denkt so lange nach – und bedenkt alle Seiten und ist immer vorsichtig und moderat – bis er überhaupt nichts mehr zuwege bringt. Das ist die Hauptschwäche des Linksliberalismus.“Wenn man die Stärken des Linksliberalismus bewahren will, dann bräuchte es so etwas wie einen „radikalen Linksliberalismus“, also einen Linksliberalismus, der nicht so lahm daherkommt. Zumindest in diese Richtung sollte man denken.
Quelle: Robert Misik
Linkspopulismus als Sackgasse
Womit Robert Misik wenig anfangen kann: mit linkspopulistischen Konzepten, wie sie der britisch-argentinische Philosoph Ernesto Laclau und später auch Sarah Wagenknecht formuliert haben – die autoritäre Rechte zu besiegen, indem man sich selbst rechter Argumentationsmuster bedient. Das kann nicht klappen, so Misik. Er wählt dafür ein einleuchtendes Beispiel: Aus Trump-Wählern Bernie-Sanders-Wähler zu machen, indem man ein bisschen rede wie Trump, das funktioniere nicht. „Ich glaube nicht, dass Linkspopulismus, so wie man sich das vorstellt, funktionieren kann. Schon alleine deswegen, weil das Reservoir für linke Parteien, das Wählerpotential, aus einer ganzen Breite von Bevölkerungsteilen besteht“, erläutert Misik. „Und wenn ich jetzt versuche, mit einer Versimpelung der Sprache und plumpem Schwarz-Weiß-Denken verärgerte, frustrierte Wähler zu gewinnen, dann schrecke ich mindestens genauso viele Wähler und Wählerinnen ab, die das gar nicht so toll finden, die auch Komplexität und Uneindeutigkeit aushalten wollen.“Kämpferische Widerständigkeit
„Die Kunst des Widerstands“: Robert Misiks Essaysammlung ist eines der Bücher der Stunde. Zum einen bietet der Band eine profunde Gegenwartsdiagnose, zum anderen zeigt der Autor, auch im Rückgriff auf emanzipatorische Geister wie George Orwell und Pier Paolo Pasolini, gangbare Wege kämpferischer Widerständigkeit auf. Wobei sich Misik in einem sicher ist: Die „terribles simplificateurs“, die schrecklichen Vereinfacher, kann man nicht schlagen, indem man selbst zum schrecklichen Vereinfacher wird. Gegen den autoritären Irrationalismus hilft letztlich nur eines: Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung – und der Mut, sie offensiv und lustvoll zu verteidigen.Sun, 11 Oct 2026 - 04min - 8103 - Frankfurter Buchmesse 2026Sun, 11 Oct 2026 - 54min
- 8102 - Shida Bazyar: „Wir müssen uns selbst misstrauen – wir denken alle, wir gehören zu den Guten“
Ein Roman gegen die Gleichgültigkeit
„Ich schreibe nicht, um Preise zu bekommen“, sagt Shida Bazyar auf der Frankfurter Buchmesse. Ihr Roman „Die Lücken“ ist in diesem Jahr mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. Eine vorteilhafte Auswirkung von solchen Auszeichnungen gebe es trotzdem, nämlich, dass wir „über die betroffenen Bücher sprechen und ins Gespräch kommen“. „Man versteht als Autorin nur, dass man einen Text geschrieben hat, wenn es eine Resonanz darauf gibt“, meint Bazyar.Vergessene Namen, gefüllte Lücken
Bazyars Roman erzählt von Terror, Verfolgung und Verrat im fiktiven Ort Heimesbach im Hunsrück. Das Buch umfasst fast 100 Jahre deutscher Geschichte. Ausgangspunkt ihres Schreibens war ein lokalhistorisches Buch von Heinz Ganz-Ohlig, das die Namen von 21 ermordeten Jüdinnen und Juden im rheinland-pfälzischen Geburtsort der Autorin Hermeskeil sichtbar machte. „Ohne diese Recherche wären diese Personen vergessen“, sagt Bazyar im SWR Kultur lesenswert Magazin. Erst durch diese wichtige Erinnerungsarbeit habe sie begriffen, „wie immens meine eigenen Lücken sind“, weil sie sich davor nie mit der nationalsozialistischen Vergangenheit ihres Heimatortes auseinandergesetzt habe. Ein Ort, den die Nationalsozialisten zum „Gaumusterdorf“ machten.Der Blick einer Toten auf Täter
Wie näherte sich die Autorin literarisch den monströsen Taten der NS-Zeit in Hermeskeil an? In „Die Lücken“ erzählt ein Geist einer toten Frau. Er ist eine klare, sprechende Erzählinstanz, die durch den Text führt und auf die Täterinnen und Täter blickt. „Man darf nicht so tun, als hätten die Menschen keine Wahl gehabt“, betont Bazyar. Ihr Geist „sieht mehr als die Personen selbst und weiß um den Verlauf der Dinge“, ohne die Autorin selbst ins Zentrum zu rücken.Erinnerung, Angst und Misstrauen
„Nach der Diktatur der Nationalsozialisten herrschte hier die Diktatur der Gleichgültigkeit“, heißt es im Roman. In ihrer Preisrede betonte Bazyar, dass jede Minderheit im Land gerade in Angst lebe, antisemitisch und rassistisch motivierte Straftaten seien auf dem Höchststand. Gleichzeitig wurde in Sachsen-Anhalt ein rechtsextremer Politiker zum Landtagspräsidenten gewählt: „Es ist keine Fußnote, es ist eine existenzielle Angst,“ meint die Buchpreisträgerin. Darüber müsste man mehr sprechen. „Ich weiß nicht, ob Gleichgültigkeit der richtige Begriff ist, aber es geht schon sehr stark in diese Richtung“. Zugleich fordert sie ein Misstrauen gegen das eigene Selbstbild: „Wir denken alle immer, wir gehören zu den Guten – das denken aber auch die Bösen.“Sun, 11 Oct 2026 - 12min - 8101 - Friedenspreis für Philippe Sands: Was in seiner Rede wichtig war
Feierliche Stimmung in der Frankfurter Paulskirche
„Mit seiner Rede hat Philippe Sands zur feierlichen Stimmung beigetragen,“ beschreibt SWR Kultur Literaturredakteur Christoph Schröder die Atmosphäre in der Paulskirche. Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geht 2026 an den Völkerrechtler und Menschenrechtsanwalt Philippe Sands, in Frankfurt wurde dieser heute überreicht. Die Dankesrede Philippe Sands‘ stand unter dem Titel „Der Albatros des Schweigens“.„Unser Schweigen war ein deutsches Schweigen“
Christoph Schröder saß im Publikum. Ihm fiel auf: Das Schweigen spielte eine besondere Rolle in Sands Ansprache. So führte der Preisträger in seiner eigenen Familiengeschichte aus: „Unser Schweigen war ein deutsches Schweigen, geboren aus Schrecknissen, die meinen Großeltern und meiner Mutter widerfuhren. Die Konsequenz war: nichts Deutsches im Haus. Nun ja, nicht ganz: […] Ich habe noch heute eine Schwäche für Schnitzel und Strudel“. Eine Art Comic Relief in einer nachdenklichen Rede, in der Sands seine deutschen Freunde im Publikum begrüßte – unter anderem Niklas Frank, Sohn des NS-Kriegsverbrechers Hans Frank.Literarischer Anspruch und historische Präzision
„Das genaue Hinsehen macht ihn aus“, meint Schröder über den Preisträger. Die Laudatio auf den britischen Juristen hielt die Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München, Mirjam Zadoff, auch sie lobt diesen Aspekt seiner Arbeit: „Wir ehren einen Geschichtenerzähler, dessen Bücher hohen literarischen Anspruch mit historischer Präzision verbinden.“Ein schwaches Ende
Tosenden Applaus erntete Philippe Sands für seine Betonung nach der Wichtigkeit, die Ukraine in ihrem Kampf während des russischen Angriffskriegs zu unterstützen. Dort würden die Prinzipien des Völkerrechts, die der Nürnberger Prozesse, verhandelt: „Jetzt ist die Zeit, für sie einzutreten, nicht zu schweigen; Zeit, den Tatsachen ins Auge zu sehen, unsere Prinzipien hochzuhalten, auf sie zu bauen. Zeit, um zu widerstehen, nicht um zu verzagen, denn für das Rechtsstaatsprinzip braucht man einen langen Atem.“ Die präzise Argumentation ließe jedoch zum Ende von Sands Rede nach, meint Christoph Schröder. „Zu Israel, zum Gazastreifen und zum Westjordanland ist das deutsche Schweigen bis heute laut“, so Sands. „Mir ist auch bekannt, dass einige deutsche Führungspersönlichkeiten in ihrer Kritik an den Handlungen Israels allmählich schärfere Töne anschlagen. Das ist richtig, auch wenn es noch sehr zögerlich und verhalten geschieht,“ betonte der 65-Jährige. „Da wurde es sehr aktivistisch und der Applaus spärlicher, weil ihm die Präzision verloren gegangen ist,“ findet Christoph Schröder. Trotzdem ist er sicher: „Er ist ein würdiger Preisträger!“Der Friedenspreis
Seit 1950 vergibt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Preisträgerinnen und Preisträger waren unter anderem Albert Schweitzer, Astrid Lindgren, Václav Havel, Jürgen Habermas, Susan Sontag, Navid Kermani, Margaret Atwood, Serhij Zhadan, Salman Rushdie, Anne Applebaum und im vergangenen Jahr Karl Schlögel. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert.Sun, 11 Oct 2026 - 06min - 8100 - „Wir müssen auf die nachwachsende Generation sehr setzen und ihr viel zutrauen“
Erwachsene unterschätzen Jugendliche manchmal
„Besonders bei Jugendbüchern, wenn die Hauptcharaktere in eine kindliche Situation gebracht werden, dass sie jünger dargestellt sind, als ihr Alter halt entspricht.“ Die 16-jährige Babett Finta findet: Erwachsene unterschätzen Jugendliche manchmal ganz schön. Sie gehört zur Jugendjury des Deutschen Jugendliteraturpreises, der auf der Frankfurter Buchmesse sein 70-jähriges Bestehen gefeiert hat. Ausgezeichnet werden Bilderbücher, Kinder-, Jugend- und Sachbücher.Gute Bücher dürfen etwas zumuten
Ausgerechnet im Jubiläumsjahr fällt auf: die ausgezeichneten Bücher muten den jungen Leserinnen und Lesern einiges zu – und das zu Recht, findet Iris Kruse, Vorsitzender der Erwachsenenjury: „Ja, es ist jetzt und hier tatsächlich ein sehr politisches Preis Jahr gewesen. ich glaube, wir alle haben es in den Blick bekommen, dass wir auf die nachwachsende Generation sehr setzen müssen und dass wir ihnen viel zutrauen müssen und auch können.“ In Maja Nielsens „Das falsche Leben“, Siegertitel der Kategorie Jugendbuch, erfährt ein Junge, dass sein Vater für die DDR spioniert. Das prämierte Sachbuch: Birgit Weyhes Graphic Novel „Schweigen“ erzählt von zwei Frauen, die unter politischen Gewaltherrschaften leiden. Und die Jugendjury selbst vergibt einen Preis an „Badjens“ von Delphine Minoui, einen Roman über die mutigen Proteste junger Frauen im Iran. In ihrer Rede loben sie: „Durch seine nahbaren Charaktere und seine Aktualität fordert es dazu auf, aufmüpfig zu sein, statt wegzuschauen.“Lesen öffnet neue Perspektiven
Die Jugendjury gibt es seit 2003, junge Leserinnen und Leser aus sechs verschiedenen Leseclubs in ganz Deutschland entscheiden hier selbst, was gefällt. Mitglied Leo Hanstein aus Berlin ist 19 – er liest viel und alle Genres, Hauptsache es passiert was im Kopf: „Ich kann irgendwie jemand anderem in den Kopf schauen und macht total viele verschiedenen Perspektiven auf und hilft mir total, die Menschen um mich herum besser zu verstehen. Und wenn ich da wirklich eintauchen kann, dann ist es total bereicherndes Erlebnis irgendwie, was ich dann in mein Leben mitnehme.“In der Bibliothek herrscht Totenstille
So selbstverständlich wie für Leo ist der Zugang zu Büchern längst nicht für alle Jugendlichen. Die jüngsten PISA-Ergebnisse zeigen: Fast ein Drittel der 15-Jährigen in Deutschland erreicht beim Lesen nicht einmal das grundlegende Kompetenzniveau. Auch Babett beobachtet, wie selten Gleichaltrige heute noch zu Büchern greifen. Babett Finta: „In unserer Bücherei ist außer dem Leseclub kaum Jugendliche zu sehen. Auch wenn unsere Bücherei sehr viele Angebote für Jugendliche hat, es ist halt einfach Totenstille. Und ich komme auch von der Schule, wo sehr viele einfach das Lesen vermeiden.“ Wie also Kinder und Jugendliche fürs Lesen begeistern? Petra Bahr, Staatssekretärin im Bundesjugendministerium, hat darauf bei der Preisverleihung eine klare Antwort: O-Ton Petra Bahr: „Wir sind fest davon überzeugt, dass die Lust auf das Lesen der entscheidende Trigger für Lesekompetenz ist.“Leseförderung braucht Finanzierung
Doch ausgerechnet bei der Leseförderung wird gespart. Die Bundesförderung für das Programm „Lesestart 1–2–3“ soll Ende des Jahres auslaufen. Bisher versorgt das Programm Familien mit kleinen Kindern kostenlos mit Büchern und Anregungen zum gemeinsamen Lesen. Julia Abel, stellvertretende Vorsitzende des Dachverbands Jugendliteratur, fordert deshalb: „Leseförderung und Literaturvermittlung brauchen verlässliche Strukturen und eine dauerhaft gesicherte Finanzierung. Nicht irgendwann, sondern jetzt.“ Wie wichtig persönliche Begegnungen mit Literatur sind, zeigt Jutta Richter, Autorin von „Der Tag, als ich lernte die Spinnen zu zähmen“ oder „Ich bin hier bloß der Hund“. Sie bekommt den Jugendliteraturpreis für ihr Lebenswerk kündigte an, kostenlos in Schulen zu lesen. Jutta Richter: „Mir ist aufgefallen, dass ich noch nie in Sachsen-Anhalt gelesen habe. Und auch die Kinder in Thüringen habe ich nie kennengelernt. Ich wünsche mir, dass sich das ändert. Dass sich Schulen bei mir melden, die kein Geld für solche Veranstaltungen ausgeben können.“ Der Deutsche Jugendliteraturpreis ist der einzige staatlich finanzierte Preis für Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland und zeigt seit 70 Jahren, wie viel man Kindern und Jugendlichen zutrauen kann. An guten Geschichten mangelt es jedenfalls nicht. Die Herausforderung ist, möglichst vielen jungen Menschen die Chance zu geben, diese Bücher für sich zu entdecken.Sun, 11 Oct 2026 - 04min - 8099 - Frankfurter Buchmesse 2026: Wie sich die Branche trotz Krise neu erfindet
Orientierung im Messe-Labyrinth
Die Verlagsstände sind umgezogen, 2026 präsentiert die Messe ein neues Hallenkonzept. Ob das die Orientierung erschwere? „Ich finde mich auf der Frankfurter Buchmesse grundsätzlich nicht zurecht, weil ich mich immer verlaufe“, sagt SWR Kultur Literaturredakteur Carsten Otte. Hinter den Kulissen sorge die fehlende Halle 6 für „Diskussionen“. Es geht darum, wo die Verlage ihren neuen Stand haben, die Kritik reicht dabei von schlecht belüfteten Hallen bis zu mangelhafter Ausstattung wie in einem „Billigkaufhaus“.Eventisierung und Leerstellen
Dafür gibt es nun in jeder Halle eine Bühne mit Veranstaltungen, mehr als zehn an der Zahl. Die betrachtet Otte mit gemischten Gefühlen: Er fotografierte Reihen von Bühnen „auf denen gar nichts passiert“. Während Superstars wie Sebastian Fitzek für Schlangen sorgen und Genres wie New Adult die großen Shows liefern, erlebt er auch das Programm auf der ARD/ZDF/3Sat-Literaturbühne als „echt super besucht“.Bücher, Krise und KI
Die Stimmung ist aber auch in diesem Jahr gedrückt: Die Lesekriseund 30 Prozent Einbruch bei jungen Käuferinnen und Käufern beschäftigen die Branche. Das zentrale Messethema dreht sich laut Otte um Künstliche Intelligenz: Von KI-geschriebenen Romanen bis zu komplett von KI verfassten Literaturrezensionen - die Technologie prägt Produktion und Rezeption. „KI ist aber auch eine Hilfe“, sagt Carsten Otte und hebt besonders Bildungsangebote hervor, die Kindern den Umgang mit KI erklären.Krieg, Politik und verschobene Märkte
Trotzdem zeigt die Messe sich auch politisch: Am Ukraine-Stand machen verbrannte Bücher und „Ukrainian Writers in Arms“ die Realität des Krieges sichtbar. 13 Millionen Bücher seien während des russischen Angriffskriegs allein im August 2026 zerstört worden. Zugleich berichtet eine israelische Agentin von schwindenden Geschäftsbeziehungen in Europa und neuen Chancen etwa in Indien. Ottes Fazit bleibt vielstimmig: Der Messe-Slogan „This changes everything“ sei „Propaganda“ – Veränderungen entstünden nicht durch einen großen Moment, sondern durch „verschiedene kleine Dinge“.Sun, 11 Oct 2026 - 09min - 8098 - „Ich übersetze nur Texte, in denen ich eine tiefe Melodie höre“: Eva Profousová über das Übersetzen, KI und tschechische Gegenwartsliteratur
Tschechien an der Küste der Weltliteratur
„Tschechien nennt sich selbst Land an der Küste“, erzählt die Übersetzerin Eva Profousová im Ehrengastpavillon der Frankfurter Buchmesse – und vor ihr breitet sich ein Meer aus „vielen kleinen Schiffen von kleinen unabhängigen Verlagen“ aus, das sie besonders begeistert. „Land an der Küste“ ist das Motto des diesjährigen tschechischen Gastland-Auftritts. Dabei sind Namen wie Radka Denemarková und Jáchym Topol sind für sie eher die „großen Schiffe“ in dieser Flotte.Das 19. Jahrhundert – gegenwärtiger als man glaubt
Mitte des 19. Jahrhunderts müht sich Schriftstellerin Božena Němcová an einem patriotischen Märchen ab, an dessen Botschaft sie selbst nicht glaubt. George Sand trotzt in Frankreich den Konventionen und schreibt mit leichter Hand, während in Amerika John D. Rockefeller mit Erdöl zum ersten Milliardär der Geschichte wird. Radka Denemarková erzählt, auf den ersten Blick, eine Geschichte aus dem 19. Jahrhundert. Profousová liest Denemarkovás experimentellen Roman „Schokoladenblut“ als hochaktuelles Buch: „Dieser Kapitalismus, diese patriarchale Gesellschaft, diese Art mit Frauen umzugehen“, das käme alles aus diesem Jahrhundert. Topols Roman „Die Hölle gibt es nicht“ sieht sie hingegen als radikalen Jetzt-Roman, der mit Ukraine-Krieg, Pandemie-Ende und Generationskonflikt fragt: „Wer ist bereit, jetzt noch für etwas zu kämpfen?“ Beide Bücher hat sie aus dem Tschechischen ins Deutsche übertragen.Zwischen Märchen und Kneipe
Fantastische Stoffe junger tschechischer Autorinnen und Autoren, wie Klara Vlasákovás „Die Kugel“ oder Jonáš Zbořil „Flora“ sind für sie kein magischer Realismus, eher „eine sanfte Verflechtung von ausgedachten Sachen und Realität“. Ob das Märchenhafte eine landestypisch Erzähltradition sei? Eva Profousová betont die „Tradition von Mündlichkeit“ der Geschichten, „ob in der Kneipe oder einfach nur so“, die die bedrückende Gegenwart erzählbar machen.Horchen, horten, mopsen, klauen
Ungewöhnlich: Profousová selbst überträgt Texte aus dem Tschechischen ins Deutsche, wobei erstes ihre Muttersprache ist. Übersetzen beschreibt sie als „horchen, horten, mopsen und klauen“: „Alle Wörter, die ich irgendwo finde und schön finde, die muss ich mir irgendwie einverleiben.“ Literarische Übersetzung sei ein Dialog mit der Autorin, ein Hören auf „die tiefe Melodie“ des Textes. Künstliche Intelligenz kann das für sie nicht leisten: „Sie kriegen einen Text, aber er hat keine Stimme, keinen Geist.“Sun, 11 Oct 2026 - 11min - 8097 - Wie der Literaturnobelpreis die Frankfurter Buchmesse aufwirbelt
Wo die Sektkorken knallen
Donnerstagmittag, Halle 5, Stand von S. Fischer. Gerade kam die Nachricht aus Stockholm, der diesjährige Nobelpreis für Literatur geht an die kanadische Autorin Anne Carson. Hier wird Sekt ausgeschenkt, gefeiert. Die Bände „Decreation“ und „Rot“ brachte der Verlag im Deutschen heraus, ebenso wie die Theatertexte der Lyrikerin und Altphilologin. Nicht als einziger Verlag: Carsons Texte sind erhältlich bei Turia und Kant, Wallstein und, seit 2020, veröffentlichte Matthes und Seitz vier ihrer Lyrikbände.Gelenkige, mit Leben gefüllte Sprache
Übersetzt hat sie Marie Luise Knott. Am Verlagsstand in Halle 3, erklärt sie, warum Carson die Auszeichnung verdient: „Das Besondere an ihrer Person ist einfach, dass sie so wahnsinnig vielschichtig ist und eben die Sprache nach dem untersten Grund befragt und gleichzeitig aber das Englische unheimlich gelenkig hin und her wendet und mit Leben füllt. Jedes Wort wird mit Leben gefüllt, das fasziniert mich wahnsinnig." Carsons Bücher liegen hier am Stand noch nicht aus. Heißt für die Mitarbeiter: anpacken. „Die sind jetzt quasi auf dem Weg hierhin sozusagen. Kollegen, die noch kommen, bringen die mit. Das ist der schnellste Weg jetzt, die einfach, glaube ich, direkt mitzubringen. Was bedeutet diese Würdigung für die Verlage – mitten im Frankfurter Messetrubel? Benjamin Vieth, Pressemitarbeiter bei Matthes und Seitz: „Das schauen wir mal. Wir müssen uns erstmal sammeln, so ein bisschen tatsächlich. Also wir sind jetzt irgendwie, das ist ja jetzt gerade direkt der Trubel losgebrochen, erfreulicherweise." Und nach der Buchmesse? Bücher, die nicht mehr auf Lager sind, nachdrucken lassen? Verleger Andreas Rötzer meint: „Wir drucken natürlich sofort nach, die Druckerei ist schon dabei."Lektor Hans Jürgen Balmes über die Preisträgerin
Zurück am Messestand von S. Fischer. Hans Jürgen Balmes, Lektor, hat die deutschsprachigen Übersetzungen von Lyrikerin Anja Utler betreut – und beweist beinahe prophetisches Bauchgefühl. „Ich hatte heute Morgen, bin ich immer ins Arbeitszimmer hochgegangen bei mir zu Hause und habe zwei Exemplare eingepackt, weil ich so eine Vorahnung hatte. Und es waren dann noch die einzigen Exemplare auf der ganzen Messe." An Carson schätzt er besonders ihren Facettenreichtum. „Diese Werke sind so vielseitig von der Graphic Novel über Theaterbearbeitung, Libretti zu dem, was man normalerweise als Gedicht auf der Seite erkennt. Das alles zusammen ist ein ganz komplexes System, das unheimlich viele Zugänge ermöglicht. Dazu kommt, dass sie viele Themen eigentlich innerhalb der Lyrik schon aufgebracht hat, die erst heute zum Teil so stark an Virulenz gefunden haben. Also zum Beispiel die ganze Genderproblematik, die sie in „Autobiography of Red“ entwickelt. Das Buch ist ja 25 Jahre alt und damals war sowas ein richtig mutiger Schritt." Themen, die gerade in vielen Romanen wieder verhandelt werden. Lektor Balmes hat das passende Carson Zitat parat: „Prosa ist ein Haus, aber Poesie ist ein Mann in Flammen, der durch es läuft. Es geht ja drum, die Prosa, die solche Themen fixieren will, immer wieder in Brand zu setzen, um Funken der Erkenntnis zu erzeugen."Wer liest Anne Carson?
Messefreitag, Publikumstag. Durch die Festhalle schieben sich die Massen. Dort sind in diesem Jahr die Stände der Romance, Romantasy-Verlage. Darunter: ein Stand, der sich auf lesbische Genreliteratur spezialisiert hat, der Yvla Verlag mit dem Slogan: Lesbian Romance Sappho would read. Hier geht es um Liebesgeschichten zwischen Frauen, um Nähe, um Happy Ends. Die Literaturnobelpreisträgerin hat Sappho aus dem Altgriechischen ins Englische übersetzt. Ob die Leserinnen hier Carsons Texte schon kennen, der Funke schon übergesprungen ist? Die stöbernden Leserinnen verneinen. Neugierig sind sie trotzdem. „Ich finde, es hört sich durchaus spannend an." Anne Carson gilt als schwer zugänglich: Gedicht, Essay, Übersetzung, alles in einem Buch. Aber der Nobelpreis senkt die Schwelle. Viele, die sich bisher nicht herangetraut haben, werden es jetzt versuchen.Sun, 11 Oct 2026 - 04min - 8096 - Per Los in Tschechien: Geschichten „Jenseits von Prag“
Per Los in Tschechiens Städte – Geschichten „Jenseits von Prag“
Tschechien hat mehr zu bieten als Prag, Kafka und Bier – das zeigt der Band „Jenseits von Prag“. Darin: 12 Kurzgeschichten von deutschsprachigen Autoren und Autorinnen, die einen Monat in einer tschechischen Stadt verbracht haben. Das Los hat entschieden, wo es für Judith Herrmann, Clemens Meyer, Peggy Mädler und Co. hinging.Experiment mit ungewissem Ausgang
Lubomír Sůva ist Lektor und einer der Herausgeber dieses Bandes. Bis die ersten Geschichten ihn erreicht haben, war er etwas in Sorge, ob sein Experiment aufgeht: „Ich war wirklich ein bisschen verängstigt, bis sie [die Autorinnen und Autoren] die Geschichten geschickt haben, weil ich dachte, es wird zu historisch sein. Aber alle haben einen persönlichen Weg gefunden.“ Der übliche literarische Kniff der Schreibenden: „Ich schicke einen Ausländer in die Stadt. Jemanden der dort zu Besuch ist. Ich finde, das ist kein schlechter Trick“, so der Lektor.Gruselig, albern und kritisch
Aber manche der Geschichten gehen auch fantastische Wege. Der Autor Anselm Neft war in Budweis und hatte das Problem, dass die Stadt zu „perfekt und entspannt“ ist, erinnert sich Lubomír Sůva. Nefts Lösung: Sein literarischer Held trifft auf eine Vampirin. Zusammen leben sie ihren Blutdurst aus. „Daraus ist tatsächlich eine sehr spannende, auch sozialkritische und alberne Horrorgeschichte entstanden“, so Lubomír Sůva.Tschechien lesend kennenlernen
Und doch: Die meisten der 12 Schreibenden seien bei ihrem Stil geblieben, ohne sich in der ungewohnten tschechischen Umgebung zu verlieren: „Sie wollten so schreiben, wie sie sind, aber irgendwie einen Weg auch zum Tschechischen finden“, so das Fazit des Lektors und Mitherausgebers. „Jenseits von Prag. 12 Städte. 12 Erzählungen“ ist eine wunderbare Einladung, sein eigenes Bild von Tschechien zu erweitern und unseren Nachbarn lesend neu kennenzulernen.Sun, 11 Oct 2026 - 05min - 8095 - Sehnsucht nach Stabilität
Auch in dieser Familie, von der Philipp Oehmke in seinem zweiten Roman erzählt, liegt einiges im Argen. Emilia Papenburg hat ihren Mann verlassen und ist aus der Uckermark nach New York gezogen. Die beiden Kinder hat sie mitgenommen, andere familiäre Brücken abgebrochen: „In den letzten fünfzehn Jahren hatte sie ihre Eltern erfolgreich aus ihrem Leben verbannt. Ihre Mutter war eine charakterschwache Alkoholikerin, und ihr Vater hatte einfach zu viele Fehler gemacht.“
Erst seit sie selbst Mutter war, fiel ihr auf, wie schlecht ihre eigenen Eltern waren und wie unverzeihlich sie das fand. Sie wollte sich nicht mehr in deren Dreck hineinziehen lassen, in deren ungelöste Probleme, ihre Streits.
Quelle: Philip Oehmke – Papenburg
„Das Leben ist zu kurz, um sich durch dysfunktionale Familien zu quälen“
Thomas Papenburg, Emilias Vater, ist ein Tech-Milliardär auf Sinnsuche. Von ihrer Mutter Katrin, die immer wieder erfolglos versucht, dem Alkohol abzuschwören, hat er sich schon vor Jahren getrennt – und Tochter Emilia damals mitgenommen. Katrin blieb alleine zurück. Verpflichtungen sind in Thomas Papenburgs Familienmodell nicht vorgesehen: „Mein Modell ist moderner, freier. In meinem Modell geht man, wenn es nervt. Denn warum sollte man bleiben? Wenn die Longevity-Forschung weiterhin so langsam vorankommt, bleibt das Leben momentan zu kurz, um sich durch dysfunktionale Familien durchzuquälen.“ Doch dann erfolgt ein Sinneswandel. Der rote Faden des ausladenden Romans von Philipp Oehmke ist die Wiederzusammenführung der Familie Papenburg – und der Schönwalds aus seinem ersten Roman, dieser bundesdeutschen „Betonfamilie“, wie Emilia sie nennt, in der alle Konflikte unter den Teppich gekehrt werden. Vor der Kulisse der USA in der zweiten Amtszeit von Donald Trump verknüpft Oehmke die Schicksale der beiden Familien bis zu einem gemeinsamem, komplett aus dem Ruder laufenden Weihnachtsfest. Benni Schönwald, Emilias Mann und „linksliberaler Funktionsjackenträger“, reist nach New York, um sich dort in Emilias luxuriösen Townhouse nach dem „Nesting“-Prinzip wochenweise um die Kinder zu kümmern.Politische Gesinnungswechsel nach vermeintlichen Notwendigkeiten
Bennis Bruder Chris Schönwald, ehemals gefeierter Literaturprofessor, arbeitet jetzt als Communications Director für die Trump Regierung und unterstützt Thomas Papenburg bei dessen neuestem Projekt, einem Think Tank, der Konzepte für die Sicherheit im Atomkrieg entwickeln soll. Die politische Einstellung seiner Unterstützer ist für Thomas Papenburg, der seine Gesinnung ebenso wie Chris Schönwald den vermeintlichen Notwendigkeiten anpasst, nebensächlich: „Urs Leuthard und Chris Schönwald, man musste sie wohl als rechts bezeichnen, falls diese Begriffe noch etwas bedeuteten. Und seine alten Freunde Thiel, Andreessen und natürlich den furchtbaren Elon sowieso. Thomas war es, ehrlich gesagt, egal, solange er dabei sein konnte. Es waren nur Hüllen. Mal trug man die Hosen eng, dann wieder weit.“ Etwas langatmig sind die Passagen über den Think Tank, etwas bemüht der Versuch, wirklich alle Ereignisse der jüngeren US-Geschichte anzuspielen, von 9/11 über die Erstürmung des Kapitols, die Ermordung George Floyds, die Opioid-Krise bis zum aktuellen gewaltsamen Vorgehen der ICE-Beamten gegen Immigranten, das immer wieder über Bildschirme flimmert.Protestantischer Widerwillen gegen Luxus
Mit Mutter Ruth Schönwald, die zum gemeinsamen Weihnachtsfest mit ihrem Mann nach New York fliegt, nimmt der Roman noch an Fahrt und auch an Komik auf. Tatsächlich ist Mutter Ruth in ihrem protestantischen Widerwillen gegen das Luxusleben der Papenburgs die Figur mit der überzeugendsten psychologischen Zeichnung. Verunsicherung, Verletzungen und Sehnsucht nach familiärer Stabilität werden bei allen Figuren deutlich. Dass Philipp Oehmke lange Jahre als Reporter gearbeitet hat, ist auch sprachlich spürbar und führt zu einem Unterhaltungsroman, der politische Gesinnungswechsel ebenso vor Augen führt wie die fundamentalen Risse, die durch die US-amerikanische Gesellschaft gehen – und durch diese beiden Familien.Wed, 7 Oct 2026 - 04min - 8094 - Freud auf der Couch: Lesen als kritische Praxis
Träume sind diffuse Zerrbilder unseres Erlebens. Und sie sind flüchtig. Traumdeutungen, die in den persönlichen Erzählungen überindividuelle Muster erkennen wollen, sind hingegen überraschend langlebig. Daraus hat sich eine ganze Wissenschaft entwickelt, die Psychoanalyse. Unter dem Namen ihres Urhebers, Sigmund Freud, wird so einiges an Klischees vermengt. Mal münden sie in radikaler Abwertung, mal in beschönigender Idealisierung. Der Philosoph Andreas Mayer hält dem eine differenziertere Perspektive auf Traumdiskurse entgegen: Und begibt sich abseits bekannter Narrative auf Spurensuche: „Freud gegen den Strich. Eine andere Geschichte der Psychoanalyse“ heißt sein neues Buch, das in sechs Essays ein neues Licht auf die Freuds Hauptwerk wirft. Wie also klingt eine solche ‚andere Geschichte‘?
Die Traumdeutung neu deuten
Mayer beginnt damit, sich von früheren, biographischen Lesarten der Traumdeutung zu verabschieden. Ihnen attestiert der Wissenschaftshistoriker eine fragwürdige Zentrierung auf ihren Urheber, und fordert stattdessen:Eine historische Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse. Sie verabschiedet sich von der ‚biographischen Illusion‘.
Jede Biographie macht ihren Protagonisten zum Helden: und stellt ihn dabei auf einen Thron. Hinter jene ‚biographische Illusion‘ zurückzutreten, bedeutet: Ihren vermeintlichen Helden auch mit seinen Schattenseiten zu porträtieren. Mayers Buch ist ein solcher Versuch. Als Mitbegründer der sogenannten New Freud Studies will Mayer damit sein eigenes Fach für das interdisziplinäre Gespräch öffnen. Für die Bedeutung der Psychoanalyse heute bedeutet das: Wer Träume deutet, tut das mit Freud, nach Freud und womöglich auch an Freud vorbei; in jedem Fall muss sich der Rezipient aber zu der Kulturtheorie der Psychoanalyse verhalten – um durch geschichtliches Bewusstsein kritikfähig zu bleiben. Schlaglichtartig beleuchtet Mayer zu diesem Zweck sechs entstehungsgeschichtliche Zusammenhänge der Traumdeutung. Dabei ist er weniger Philosoph als Archäologe, der akribisch und mit historischem Scharfsinn verdeckte Spuren freilegt.Quelle: Andreas Mayer – Freud gegen den Strich
Antike und moderne Methoden der Traumdeutung
Anhand von Fallstudien bringt er antike und moderne Methoden der Traumdeutung miteinander ins Gespräch. Darunter ein Kapitel über die Anfänge der freien Assoziation als Praxis des Spazierengehens oder antike Traumbücher als Wissensmedien. Besonders anschaulich ist dabei ein Exkurs über Francis Galtons Experimente der sogenannten ‚psychometrischen Mischfotografie‘: Dabei sollen mentale Zustände anhand von verzerrten Gesichtscollagen abgebildet werden. Alle Aufsätze eint die Fragestellung: Welche fruchtbaren, aber auch problematischen Folgen hatten die jeweiligen Deutungspraktiken? So thematisiert Mayer unter anderem Freuds durchaus fragwürdige Praxis der Selbstzensur. Der hat nämlich bei der Wiedergabe seiner Träume intime sexuelle Details einfach ausgelassen – um seine eigene wissenschaftliche Autorität nicht zu untergraben. Bestimmte Informationen werden den Lesern vorenthalten. Mayer schließt daraus:Insofern musste nicht nur die Theorie, sondern auch die Deutung zentraler Traumbeispiele unvollständig bleiben. Diese Unvollständigkeit sollte bald zum Problem werden.
Quelle: Andreas Mayer – Freud gegen den Strich
Blinde Flecken der Interpretation
In dieser Diagnose klingt eine allgemeine Mahnung mit: Jede Theorie muss die Grauzonen ihrer eigenen Methodik reflektieren. Darin liegt die Stärke des Buches: Die Essays zeigen, dass jede Interpretation blinde Flecken hat. Und sie fungieren als Anstöße zur Selbstbefragung. Das macht das Buch lesenswert über den akademischen Kreis hinaus: Auch interessierte Laien können hier lernen, wie Lesen als kritische Praxis funktioniert. Auf die Frage ‚Wie Freud heute noch lesen?‘, lautet Mayers Antwort: Durch eine Schulung im historisch-kritischen Lesen. Ein Klassiker wie die Traumdeutung wird dadurch aktuell, dass man ihn im Zusammenhang seiner Entstehung betrachtet. Erst dann wird sichtbar, was er uns noch zu sagen hat.Tue, 6 Oct 2026 - 04min - 8093 - Alles so schön bunt hier! Die Geschichte des Universums in Farben
Ödes Beige
Sie denken, die Farbe des Universums sei schwarz? Da irren Sie. Es ist ein fades, weißliches Beige. Woher wir das wissen? Nun, zu Beginn der 2000er-Jahre haben Astronomen das Licht von hunderttausenden von Galaxien statistisch gemittelt, um die „Farbe des Universums“ zu bestimmen. Heraus kam ein ödes Beige, farblich angesiedelt irgendwo zwischen Milchkaffee und Rentnerhose. Die Forschenden verpassten der Farbe, um das Ganze etwas aufzumotzen, den Namen „Cosmic Latte“. Florian Freistetter hält das ganze Projekt für irreführend. In Wirklichkeit, so erklärt er in seinem Buch, schillert das Universum in tausend Farben.Das Universum ist so viel mehr und so viel bunter als der schwarze Hintergrund mit seinen wenigen leuchtenden Punkten, den wir typischerweise sehen, wenn wir in der Nacht zum Himmel schauen.
Quelle: Florian Freistetter – Die Farben des Universums
Die Farben des Regenbogens
Vom rostigen Rot der Marsoberfläche zum gläsernen Grün des planetarischen Nebels IC 1295: Florian Freistetter durchmisst das Weltall in seinem populärwissenschaftlichen Buch mit bemerkenswerten Entertainment-Qualitäten. Die einzelnen Kapitel hat der Wiener Astronom nach den Farben des Regenbogens benannt, was Freistetter Gelegenheit zu allerlei Ausflügen in die Kuriosologie unseres Kosmos gibt.Wir leben in einem bunten Universum, und jede einzelne Farbe darin erzählt ein anderes Kapitel der großen kosmischen Geschichte.
Er sei zwar Wissenschaftler, so Florian Freistetter, einen gewissen Sinn für die Poetik des Universums habe er sich aber trotzdem bewahrt: „Für mich ist der Anblick des Himmels nicht weniger schön oder ästhetisch-romantisch als für andere Menschen. Nur, weil ich weiß, was im Universum vor sich geht, wird es nicht weniger schön. Das Wissen bringt immer nur mehr Schönheit dazu.“Quelle: Florian Freistetter – Die Farben des Universums
Unsere Sinne täuschen
Mithilfe moderner Technologie kann die Astronomie heute Farben und Phänomene sichtbar machen, die uns sonst verborgen geblieben wären. Dazu gehören etwa alle Arten von Infrarot-, Röntgen- und Ultraviolettstrahlung. „Man glaubt ja immer: das, was man mit eigenem Auge sieht oder mit den eigenen Sinnen wahrnimmt, das ist die beste Informationsquelle – was nicht der Fall ist. Es gibt kaum etwas Schlechteres als unsere eigenen Sinne“ , so Freistetter. „Unsere Sinne täuschen uns auf so viele verschiedene Arten, dass es eigentlich ein Wunder ist, dass wir überhaupt ein halbwegs vernünftiges Leben führen können.“ Florian Freistetter ist ein exzellenter Schreiber und ein noch exzellenterer Erklärer. Im Nebenberuf als Wissenschafts-Kabarettist bei den „Science Busters“ tätig, versteht der 49-Jährige, selbst die kompliziertesten Sachverhalte so zu beschreiben, dass auch naturwissenschaftlich Minderbemittelte sie verstehen können. Freistetter lockert seine Ausführungen immer wieder mit kleinen Jokes und verblüffenden Alltagsvergleichen auf, das erhöht das Lesevergnügen.Elon Musk würde die Puste ausgehen
In seinen Einlassungen zum Mars, unserem roten Nachbarplaneten, beschäftigt sich der Autor auch mit den Möglichkeiten einer Mars-Besiedelung – bekanntlich einem der feuchten Träume Elon Musks und Co. „Das Problem ist, dass es nicht so einfach ist, zum Mars zu kommen. Das ist eine Umwelt, die komplett lebensfeindlich ist. Da gibt es keine Atmosphäre, die wir atmen können. Es gibt kein Magnetfeld, das die Menschen vor kosmischer Strahlung schützt. Und es gibt kein Wasser, mit dem man etwas anpflanzen könnte.“ Die Atmosphäre auf dem Mars besteht so gut wie ausschließlich aus CO2, zudem herrscht auf dem „Roten Planeten“ eine Durchschnittstemperatur von minus 60 Grad. Da dürfte selbst einem Elon Musk rasch die Puste ausgehen. Florian Freistetter freilich atmet die frische, klare Luft des wissenschaftlichen Erkenntnishungers in seinem Buch. Macht Spaß, das zu lesen. „Die Farben des Universums“: ein Band, der erhebliche Leuchtkraft entfaltet.Mon, 5 Oct 2026 - 04min - 8092 - Jedes Leben ist eine Uraufführung: die Prager Autorin Lenka Reinerová
Viele Lebensgeschichten, die das 20. Jahrhundert mit all seinen Katastrophen und totalitären Schrecken hervorgebracht hat, sind voller Einschnitte und Widersprüche, Leid und Erschütterungen. Manche dieser Lebensgeschichten erscheinen im Nachhinein fast unwirklich, weil sie sich entlang der großen Bruchlinien abgespielt und mit etlichen bedeutenden Persönlichkeiten gekreuzt haben. Ein bisschen etwas von dieser Überraschung, nicht nur Zeitzeugin, sondern auch selbst eine faszinierende Protagonistin dieses Zeitalters der Extreme gewesen zu sein, lässt sich in Lenka Reinerovás Memoir „Die Premiere“ ablesen. Vordergründig beschreibt die große Prager Autorin darin einen Theaterabend im Jahr 1963, aber bevor sie zu diesem Ereignis kommt, schweifen ihre Gedanken immer wieder ab, berühren Erinnerungen …
… die gleich fest verschlossenen Muscheln im Menschen versunken sind und doch lebendig. Denn bei jeder heftigeren Bewegung können sie sich öffnen, diese Muscheln des Nichtvergessens.
Quelle: Lenka Reinerová – Die Premiere
Hell schimmernde Perlen
Es sind viele Muscheln, die sich in diesem mäandernd erzählten, assoziativ das eigene Leben erfassenden Buch öffnen. Sie sei keine Schriftstellerin, hat Reinerová einmal der Jüdischen Allgemeinen anvertraut, sondern Erzählerin: So viel habe sie gesehen und erlebt, da müsse sie keine Handlung mehr erfinden. Erfinden lässt sich diese, ihre Geschichte tatsächlich nicht: Das Gymnasium kann sie nur vier Jahre lang besuchen und leidet zeitlebens darunter, „ungebildet“ zu sein. Sie schlägt sich in jungen Jahren als Bürokraft durch, sucht aber nicht nur den Kontakt zu kommunistischen Gruppen, sondern auch zu Intellektuellen und Kulturmenschen. Eine Aufführung von Erich Kästners „Pünktchen und Anton“ findet die junge Reinerová „schal“ und „zu bürgerlich“, also schreibt sie Kästner, dass sie das Buch gerne selbst dramatisieren und mit einer Kindergruppe aufführen würde. Der Coup gelingt, Max Brod und andere Prager Prominenz sind bei der Aufführung dabei, in den Feuilletons wird darüber geschrieben. Mit diesem Abend öffnen sich ihr auch die Türen zur Zeitungswelt. Der Blick zurück aber hat zugleich etwas Schwermütiges.Von unserer Besetzung, von ‚meinen Kindern‘ sind viele, allzu viele nicht mehr am Leben. Auch unser Fräulein Andacht, meine kleine Schwester – Ravensbrück, Auschwitz! –, zählt zu ihnen.
Quelle: Lenka Reinerová – Die Premiere
Die langen Jahre des Exils
Viele ihrer Familienmitglieder werden von den Nazis getötet, viele Freunde. Reinerová gelingt die Flucht. Das Exil führt sie nach Bukarest, nach Frankreich, Marokko und Mexiko. Dort trifft sie mit alten Bekannten zusammen, etwa mit Jan Šverma, Führer der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, oder mit dem „rasenden Reporter“ Egon Erwin Kisch. 1948 kehrt sie nach Prag zurück – und gerät gleich mitten hinein in die stalinistischen Säuberungsprozesse. 15 Monate lang ist sie inhaftiert, rehabilitiert wird sie erst Jahre später. Nach dem Prager Frühling bekommt sie Publikationsverbot. Aber das greift schon voraus.Porträt vergessener Literaten und Künstler
Ihr Erinnerungsbuch „Die Premiere“ nämlich läuft, auf schönen erzählerischen Umwegen und mit anekdotischen Unterbrechungen, auf das Jahr 1963 zu. Jean-Paul Sartre ist damals in aller Munde, sein Stück „Die Eingeschlossenen von Altona“ wird in seiner Anwesenheit in Prag aufgeführt. Nicht aber an das Stück erinnert sie sich, sondern an das, was an diesem Abend noch geschieht und im Zuschauerraum schnell die Runde macht:Kennedy erschossen, der Präsident der USA. Warum? Von wem? Was wird jetzt geschehen, was kann daraus werden?
„Die Premiere“, 1989 erstmals erschienen, jetzt wiederaufgelegt mit einem Nachwort von Reinerovás Tochter Anna Fedorová bietet wunderbar skizzierte Porträts heute teils vergessener Literaten und Künstler.Quelle: Lenka Reinerová – Die Premiere
Aber es ist vor allem das Zeugnis eines bewussten und widerständigen Lebens in einer Epoche historischer Umbrüche: „Was haben wir bloß für eine Zeit mitbekommen!“, schreibt Reinerová einmal. Und fügt hinzu: „Trotz allem war es unsere Zeit“.Sun, 4 Oct 2026 - 04min - 8091 - Rachel Cusk: Das Leben der M
Eine Schriftstellerin schreibt die Autobiografie einer Schauspielerin. Wie soll das gehen? Eine Reflexion über das Scheinbare und das Offensichtliche.
Sun, 4 Oct 2026 - 18min - 8090 - Shida Bazyar: Die Lücken
Eine Tiefenbohrung in Sachen Heimat. Bazyar folgt den Lebensläufen im fiktiven Hunsrück-Dorf Heimesbach von den 1920er Jahren bis in die Gegenwart.
Sun, 4 Oct 2026 - 17min - 8089 - Emma Cline: In die Schweiz
Auf der Booker Prize-Longlist: Was geschieht, wenn ein Mensch sich selbst zum Fremden wird? Eine Abschiedstour mit der Frage: Was bleibt?
Sun, 4 Oct 2026 - 14min - 8088 - SWR Bestenliste Oktober
Vier Bücher und so gut wie kein Dissens, ist das möglich? Judith von Sternburg, Paul Jandl und Hubert Spiegel aus der Jury der SWR Bestenliste stellten vor allem die literarischen Qualitäten der ausgewählten Bücher heraus. Die Veranstaltung im ausverkauften Schießhaus begann mit dem Roman „Das Leben der M“ von Rachel Cusk, den Eva Bonné für den Suhrkamp Verlag ins Deutsche übertragen hat und der auf Platz 5 der SWR Bestenliste im Oktober steht. Zwar konnte sich die Runde nicht darauf einigen, ob der Text tatsächlich als „Roman“ zu bezeichnen sei, aber die Art und Weise, wie Cusk die Identität einer prominenten Schauspielerin dekonstruiert, überzeugte das Podium. Der Roman „Die Lücken“ von Shida Bazyar (Platz 4) wird in Heilbronn als Großwerk der Erinnerungsliteratur gefeiert. Vor allem die migrantische Perspektive auf das fiktive Hunsrück-Örtchen Heimesbach wird von Juror Hubert Spiegel (FAZ) gelobt. Etwas „zu gemütlich“ findet hingegen Judith von Sternburg den Erzählton in Ingo Schulzes Roman „Das Wasser im August“ (Platz 2), die Kritikerin der Frankfurter Rundschau freut sich aber, dass der Autor für ein verbales Abrüsten in den gegenwärtigen Ost-West-Debatten plädiert. Bei der Spitzenreiterin der Bestenliste im Oktober gab es dann großes Lob für die Erzählkunst der Schriftstellerin Emma Cline. Ihr neuer Roman „In die Schweiz“ steht nun im zweiten Monat hintereinander auf Platz 1, und die Jury zeigt sich begeistert von der Geschichte des demenzkranken David Hastings, der sich für einen assistierten Suizid in Zürich entschieden hat. Dabei zeigt sich auch auf sprachlicher Ebene, worunter die Hauptfigur leidet: Die Gegenwart jedenfalls weiß David immer schwerer einzuordnen, während vergangene Erlebnisse ihm weiterhin zu schaffen machen. NZZ-Kritiker Paul Jandl zeigt sich beeindruckt von der Empathie der jungen Autorin für die Gebrechen des alten Mannes und empfiehlt die Lektüre des herausragenden Buchs. Aus den vier Büchern lasen Antje Keil und Dominik Eisele. Durch den Abend führte Carsten Otte.
Sun, 4 Oct 2026 - 1h 07min - 8087 - Ingo Schulze: Das Wasser im August
Eine Erinnerung an einen Sommer im Jahr 1979. Und eine Hauptfigur, die im Publikum sitzt und zuhört. Raffiniert konstruiert, mit großer Sogwirkung.
Sun, 4 Oct 2026 - 17min - 8085 - Die zerstreute Macht: Donatella Di Cesares „Demokratie und Anarchie“ | Buchkritik
Als sich vor über zweihundert Jahren in ganz Europa demokratische Bewegungen formierten, entstand auch eine neue Begeisterung für die Kultur der Griechen und ihre Geschichte. Galt das Land doch als Wiege der Demokratie und hatte nicht nur den Begriff der begehrten Staatsform geprägt, sondern auch, was darunter zu verstehen ist. Seitdem kommt keine Geschichte der Demokratie ohne Verweis auf den geschichtlichen Ursprung unserer politischen Vorstellungen in den antiken Stadtstaaten aus. Dabei sind nicht nur die Unterschiede beträchtlich, sondern es ist auch bis heute umstritten, worin genau die demokratische Revolution im alten Athen eigentlich bestand.
Die vorbildliche Demokratie
In ihrem Essay „Demokratie und Anarchie“ hat die italienische Philosophin Donatella di Cesare daher einen neuen Versuch unternommen, diese Frage vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Krisen zu beantworten. Den Ausgangspunkt ihrer Analyse bildet eine Skepsis gegenüber den gängigen Bildern, die wir uns von der athenischen Demokratie gemacht haben: „Wenn man den geläufigsten Mustern gemäß über die athenische Demokratie nachdenkt, kommt einem wohl das Volk in den Sinn, wie es zur Versammlung zusammentritt. Diese könnte beinahe als eine Allegorie der direkten Demokratie gelten. Doch wie neuere Studien gezeigt haben, sind […] ihre wesentlichen Merkmale ganz andere.“Die direkte Demokratie
Unter der athenischen Demokratie wird allgemein eine Herrschaft des Volkes verstanden, bei der die Mehrheit per Abstimmung entscheidet. Abgesehen davon, dass weder Frauen noch Sklaven an den Versammlungen teilnehmen durften, sehen darin auch heute noch viele ein Vorbild für ein umfassenderes Mitspracherecht als bei einer repräsentativen Demokratie. Im Unterschied zu dieser Auffassung arbeitet di Cesare sorgfältig heraus, dass das entscheidende Merkmal der athenischen Demokratie nicht im Mehrheitswillen des Volkes bestand. Viel wichtiger sei der Wechsel der Machtausübung gewesen, erzwungen durch die unablässige Rotation der Ämter und die alleinige Vergabe dieser Ämter per Losentscheid: „Das Schicksal ist blind und begünstigt die einen nicht mehr als die anderen. Allenfalls schafft das Los Abhilfe gegen eine gewisse Kompetenz, eine gewisse Fähigkeit zur Intrige, die Neigung derer, die alles daransetzen, ihr Amt zu behalten. Diesem Machthunger sollte nicht nachgegeben werden.“Die bodenlose Demokratie
Die eigentliche Revolution im antiken Athen sieht di Cesare daher darin, dass jede Konzentration von Macht durch die Beteiligung zufälliger Bürger an der Macht verhindert werden sollte. Damit sich auch unter demokratischen Bedingungen keine Privilegien gehobener Herkunft herausbilden konnten, sollte die Demokratie wie eine permanente Unterbrechung fungieren. Wie radikal dieser Ansatz war, wird auch an dem einhelligen Urteil der maßgeblichen Philosophen der Antike deutlich, für die Demokratie überwiegend zu den abwertenden Bezeichnungen gehörte. Sahen sie dadurch doch das politische Gemeinwesen stets am Rand einer Anarchie und auf dem sicheren Weg in den Bürgerkrieg: „Der ontologisch-politische Nexus, der Anarchie und Demokratie verbindet, kommt in den Schriften von Platon und Aristoteles zutage, beide stolze Gegner dieser bizarren Regierung des Volkes, einer Nicht-Regierung, einer epochalen Unordnung, dieses Umsturzes aller Prinzipien. Die natürlichen Verhältnisse werden auf den Kopf gestellt.“ Indem di Cesare sich der athenischen Demokratie über den Umweg ihrer Kritiker nähert, zeigt sie beeindruckend, warum diese unterschiedlichen Auffassungen von Demokratie auch für uns heute noch von Bedeutung sind. Umso unverständlicher ist, dass sie nicht auf den aktuellen Diskurs zur Disruption und dessen intimer Nähe zu ihrer eigenen Position eingeht.Wed, 30 Sep 2026 - 04min - 8084 - Liebe und Zeitgeschichte auf dem Dorfe: Alex Capus‘ neuer Roman „Querfeldein“
Zu den vielen nur scheinbar ganz normalen Leuten, von denen der Schweizer Schriftsteller Alex Capus schon erzählt hat, gesellen sich in seinem neuen Buch ein Wirt, seine Frau, die Tochter und ihr Liebhaber. Sie alle verbindet ein Gasthaus im Schweizer Kanton Schaffhausen. „In einem Bauerndorf namens Ramsen nördlich des Rheins gab es vor über hundert Jahren einen Gasthof, der hieß „Zur Moskau“. So viel zumindest ist wahr. Das Haus steht heute noch. Angeblich kam der Name daher, dass auf den umliegenden Feldern einsam und allein ein brummiger alter Bauer namens Peter wirtschaftete. Die Leute nannten sein Gehöft „Peters Burg“.“
Als dann an der Landstraße, die an Peters Burg vorbei über die deutsche Grenze nach Singen führte, ein junger Wirt eine neue Schenke errichten ließ, tauften die Witzbolde des Dorfes sie schon vor der Eröffnung auf den Namen „Moskau“.
Der junge Wirt hört auf den Namen Arnold. Und so beginnt „Querfeldein“. Ein Roman, der nicht nur die Geschichte eines arbeitsamen Mannes mit glücklichem Händchen erzählt, nicht nur von seiner Ehe mit der herb-schönen Betty, die eines Tages hoch zu Ross durch den Schnee ins Dorf geritten kam. Und auch nicht nur von deren ältester Tochter, genannt „die schräge Clara“, weil sie ganze Nächte durch die Wälder streift und für die Avancen der Dorfjugend lediglich lachende Verachtung übrig hat.Quelle: Alex Capus – Querfeldein
So kommt die Zeitgeschichte in die Familiensaga
Eine überzeitliche Saga? Bis zur Hälfte des Buchs wird man gründlich eingewickelt von einem augenzwinkernd-ausgeruhten Erzählton, der sich in die Tradition von Johann Peter Hebel, Jeremias Gotthelf und Gottfried Keller einzureihen scheint. Aber dann schlägt die Leidenschaft zu. Und die Zeitgeschichte. Ins Leben von Arnold und Betty, unterdessen im mittleren Alter, vor allem aber ins Leben der ungezähmten Clara tritt am Morgen des 14. Juni 1933 der junge Schmuggler Hermann. Oder besser, er springt hinein. „Und jetzt war da dieser mächtige Kerl, der mit der plumpen Grazie eines Braunbären unglaublich rasch durchs halbhohe Gras rannte. Arnold stellte seine Tasse ab und erhob sich halb aus seinem Stuhl, um ihn besser sehen zu können. Aus dem Wald klangen scharfe Rufe und japsendes Hundegebell.“Was dem Kindskopf bevorstehen mag
An lichtscheue Grenzgänger ist Arnold gewohnt, an Wilderer, an Politische aus dem deutschen Reich, wo die Nazis die Macht übernommen haben. Aber so einen Kindskopf hat er noch nicht gesehen. Denn der, kaum ist er außer Reichweite der Verfolgermeute, macht sich noch lustig über die. Und der Vater sieht, wie Clara den Auftritt beobachtet, nämlich:„Mit der kühlen, selbstgewissen Ruhe einer Jägerin, die sich ihrer Beute gewiss ist. Da wusste Arnold, dass er den jungen Mann wiedersehen würde. Und eine leise Ahnung befiel ihn, dass ihnen allen etwas bevorstand.“
Alex Capus, ein Virtuose der Vorausdeutung, macht von diesem Mittel in „Querfeldein“ reichlich Gebrauch. Arnolds leise Ahnung bewahrheitet sich. Hermann wird beim Schmuggel kommunistischer Propaganda nach Singen erwischt, kann entkommen und verkriecht sich bei Clara im Gasthof zur Moskau.Quelle: Alex Capus – Querfeldein
Ein kleines Dorf und große diplomatische Verwerfungen
Doch sein Versteck wird verraten, SA- und SS-Männer verletzen die Grenze zur Eidgenossenschaft und verschleppen ihn ins Reich. Und während er in Konstanz im Gefängnis sitzt, entfalten sich vom kleinen Bauerndorf Ramsen aus ungeahnte Kräfte, Erschütterungen bis in höchste Kreise und diplomatische Verwerfungen zwischen Bern und Berlin. Die Entführung des Hermann Weber und seine Befreiung aus den Fängen des Dritten Reichs hat Alex Capus nicht erfunden, die haben sich im Sommer 1933 tatsächlich abgespielt. Aber als listenreicher Erzähler weitet er die unerhörte Begebenheit mit Umwegen und Parallelhandlungen zum Epos der wechselvollen Geschicke eines Dorfs.Zwergenaufstand der Leute von Seldwyla
Dass dieser erste großdeutsche Übergriff nicht als Omen kommender Untaten inszeniert wird, sondern eher als Zwergenaufstand der Leute von Seldwyla, mag aus deutscher Sicht frivol anmuten angesichts all der Verschleppungen, die folgten. Ein Schweizer wie Capus hingegen kann sich eine Prise Harmlosigkeit vermutlich erlauben.Tue, 29 Sep 2026 - 04min - 8083 - Sachbuch „Das fühlende Gedächtnis": Warum Vergessen oft heilsam ist
Viele stellen sich das Gedächtnis vor wie ein chaotisches Filmarchiv, voller Mitschnitte des eigenen Lebens, manche irgendwo tief vergraben oder gesperrt in den Tresor des Unbewussten, dessen Zahlenkombination womöglich der Therapeut unseres Vertrauens kennt. In jüngerer Zeit werden auch gerne Vergleiche aus der Computertechnik bemüht: das Gedächtnis als Festplatte. Alles falsch, lautet nun der Befund der irischen Psychologinnen Ciara Greene und Gillian Murphy. „Es mag reizvoll klingen, dass wir uns bis ins letzte Detail an jedes Ereignis erinnern, doch es wäre eine extreme Belastung für unsere begrenzten kognitiven Kapazitäten. Also hat sich unser Gedächtnis so entwickelt, dass wir uns an die Dinge erinnern, die für uns in Zukunft wichtig sein können, und diejenigen zu vergessen, die das nicht sind.“
Unser Gedächtnis ist kein Computer, der die Vergangenheit perfekt abspeichert.
Vielmehr rekonstruieren wir unsere Erinnerungen immer von Neuem. Dabei werden auch die zugrundeliegenden neuronalen Netzwerke wieder formbar. Manche Details verschwinden, andere werden hinzugefügt, Fehler oder Übertragungen aus anderen Erinnerungen schleichen sich ein. Die Erinnerung wird immer allgemeiner und verwaschener, passt sich den „Schemata“ an, die wir über viele Dinge und Zusammenhänge im Lauf des Lebens entwickelt haben, damit wir uns schneller orientieren können.Quelle: Ciara Greene, Gillian Murphy – Das fühlende Gedächtnis
Falsche Erinnerungen
Weil die Erinnerung immer neu zusammengebaut wird, ist sie oft unzuverlässig. Das zeigen insbesondere die Befragungen der Zeugen von Verbrechen. Es handelt sich jedoch zumeist nicht um vorsätzliche Täuschungen, sondern um unbewusste Fehlleistungen. Dabei können eben jene Schemata eine Rolle spielen, die Erinnerungslücken scheinbar plausibel auffüllen, jedoch auch die Beeinflussung durch die Aussagen und Vorstellungen anderer. Denn die Erinnerung ist wie eine Seite von Wikipedia: Man kann jederzeit Änderungen daran vornehmen, aber – und das ist erschreckend – andere können das auch. Das heikelste Kapitel des Buches handelt davon, wie Ermittler durch suggestive und manipulative Fragetechniken Kindern falsche Erinnerungen an sexuellen Missbrauch eingepflanzt haben. 350 Schüler einer kalifornischen Bildungseinrichtung waren angeblich Opfer geworden, aber am Ende eines der aufwändigsten Prozesse der amerikanischen Geschichte mussten alle Angeklagten freigesprochen werden. Auch die Psychoanalyse mit ihrer Theorie der Verdrängung war geradezu eine Gebrauchsanleitung zum Erzeugen falscher Erinnerungen an vermeintliche frühkindliche Geschehnisse. Inzwischen sind solche wissenschaftlichen „Fehlleistungen“ selbst ein Themenfeld der Gedächtnisforschung. Dass die Autorinnen realen Missbrauch mit ihren Ausführungen nicht relativieren, versteht sich von selbst.Der mentale Entrümpelungsdienst
Der Buchtitel „Das fühlende Gedächtnis“ bezieht sich darauf, dass die Erinnerung stark geprägt und gefiltert wird vom aktuellen Gefühlszustand. So rückt bei einer Depression die Vergangenheit in immer dunkleres Licht. Ansonsten entsorgt das Gedächtnis eher, woran man ungern erinnert wird, insbesondere jene Situationen, in denen wir uns nicht unseren Werten entsprechend verhalten haben. „Stellen Sie sich vor, wie Sie sich fühlen würden, wenn Sie sich jeden Morgen nach dem Aufwachen live und in Farbe an jede demütigende Erfahrung erinnern. Dank eines gesunden Mechanismus des Vergessens können wir alle erhobenen Hauptes durchs Leben gehen, ohne unter Scham und Peinlichkeiten zusammenzubrechen.“ Das Vergessen – so lautet eine der vielen Einsichten dieses faszinierenden Buches – sollte also nicht nur negativ als Fehlleistung und Versagen gewertet werden. Es ist ein ständiger mentaler Entrümpelungsdienst. Das autobiographische Gedächtnis dient ja nicht nur der Bewahrung faktischer Ereignisse, es soll auch helfen, „eine stimmige Wahrnehmung von uns selbst, unserer Identität und unserem Platz in der Welt“ aufrecht zu erhalten. Zwei Aufgaben, die sich mitunter schlecht miteinander vertragen.Mon, 28 Sep 2026 - 04min - 8082 - Liebe in Zeiten der Gefühlsblocker: „Sneaker“ von Kirsten Fuchs
In Sachen Vergangenheit suhlt man sich ja gern im Gefühl wohliger Überlegenheit. Was haben die Menschen früher alles gedacht und geglaubt! Nur dumm, dass uns dieses Schicksal selbst auch einmal blühen dürfte. Beispiel Liebe. In Kirsten Fuchs’ Romandystopie „Sneaker“ gilt sie als hochgradig dysfunktional. Ob man zueinander passt, verraten biochemische Messungen, und fürs lästige Gefühlskarussell gibt es Gefühlsblocker. Wie viel Leid hat dagegen früher die Liebe verursacht, sinniert der 16-jährige Titelheld:
Wegen einer Person. Jemand mit Augen, als ob nicht alle Augen hätten. Aber dann hatte jemand so schöne Augen, dass die ihre Kinder verlassen mussten, obwohl die auch Augen hatten. Oder sie haben eine gut funktionierende Partnerschaft beendet. Wegen Augen!
Eine Welt, die jedes Risiko ausschließen will
Natürlich liegt der Witz dieser altklugen Tirade darin, dass sich Sneaker da schon längst selbst nicht mehr von einem Paar Mädchenaugen losreißen kann. Deren Besitzerin heißt Livt und ist klug genug, Sneakers hektische Suche nach einem Gefühlsblocker als verkappte Liebeserklärung zu deuten. Science-Fiction verlängert gern Fehlentwicklungen der Gegenwart in die Zukunft: Der neue Roman der 48-jährigen Autorin erzählt von einer Welt, die sich nach diversen Kriegen und Klimakatastrophen so verletzlich fühlt, dass sie sämtliche Risiken abschaffen will, nicht zuletzt mittels Künstlicher Intelligenz. Die letzten Menschen leben in Kuppeln, wo sie zum Beispiel damit beschäftigt sind, Pflanzen zu bestäuben, denn Bienen gibt’s leider nicht mehr. Weil der heranwachsende Ich-Erzähler auf Gartenarbeit keine Lust hat, hat er sich ein gefälschtes Attest besorgt. Zu Romanbeginn lebt er zufrieden in Quarantäne in einem Smarthome, irgendwo im Umland, dauerüberwacht von einer fürsorglichen KI. Am liebsten widmet er sich seiner Sneaker-Sammlung – daher auch sein Spitzname.Bewaffnete KI-Drohnen achten auf Nachhaltigkeit
„Sneaker“ ist ein Coming-of-Age-Roman, und zu den Merkmalen dieser Gattung gehört eine Heldenreise mit Gefahren und Erfahrungen, darunter Liebe und Tod. Die Reise des Protagonisten beginnt, als nach einem Sturm der Kontakt zu seinen Eltern in der Stadt abbricht. Draußen gibt es einige Überraschungen: Neuartige KI-Drohnen beobachten plötzlich jeden und bestrafen kleinste Regelverstöße mit Punktabzug; wer sein Konto aufgebraucht hat, wird eliminiert – zum Wohle der Gesellschaft. Zudem findet Sneaker ihm bislang unbekannte Gemeinschaften: In einer „Nachhaltigkeitssiedlung“ sparen Unterprivilegierte wie Livt jene Ressourcen, die die Reichen auch in der Zukunft noch hemmungslos verprassen. Und bei den antiautoritären „Freien“ darf es keine Wertung mehr geben – um jegliche Form der Ausgrenzung zu vermeiden.Fragiles wokes Paradis
Der Preis für dieses woke Paradies ist hoch; die Menschen verzichten gleich völlig auf Liebe und Sex, damit sich niemand am Ende verletzt fühlen muss. Ein fragiles Gesellschaftskonstrukt, das durch den Einzug der beiden hormonberauschten Teenager Sneaker und Livt prompt ins Wanken gerät. „Matoll legt die Hände vors Gesicht. „Ich muss die ganze Zeit daran denken. Du hast gemacht, dass ich daran denken muss, an dich, nackt. Entschuldigung. Es ist einvernehmlich in meinem Kopf. Aber dass ich das in meinem Kopf mit dir mache, ist nicht einvernehmlich. Bitte gib mir dein Okay, so an dich zu denken.“ Man sieht: Kirsten Fuchs geht es weniger um plausible Zukunftsannahmen als um einen satirischen Kommentar auf heutige Debatten. Das könnte eine reizvolle Lektüre sein – wären da nicht die sprachlichen Defizite des Romans, vor allem die reduzierte Rollenprosa des Protagonisten. Am Genre liegt das nicht. Schließlich begeistern Coming-of-Age-Romane mit jugendlichen Erzählern oft gerade durch ihre Sprachlust, von „Der Fänger im Roggen“ bis „Tschick“. Was das angeht, bietet „Sneaker“ leider eine Enttäuschung.Sun, 27 Sep 2026 - 04min - 8081 - Neue Bücher von Louise Kennedy, Franziska Gänsler, Thomas Weiß, Richard Ford, Ilija Matusko und Sabrina JaneschFri, 25 Sep 2026 - 55min
- 8080 - Die Heimat, die es nicht mehr gibt
„Signatur meiner Kindheit“
Der Soziologe Ilija Matusko wurde 1980 geboren; seine Mutter stammt aus Bayern; sein Vater kam in den 1970er-Jahren aus dem damaligen Jugoslawien nach Deutschland. Jahrzehntelang arbeitete der Vater in der Gastronomie in Bayern, stand als Koch in der Küche, sieben Tage die Woche. Der Geruch von Frittierfett, so sagt Ilija Matusko es, wurde „zur Signatur meiner Kindheit“.Der Geruch von Frittierfett
In seinem autobiografischen Essay „Seitenwechsel“ in SWR Kultur erzählte Matusko vom Tennissport und den damit verbundenen Klassenunterschieden, die er selbst in seiner Kindheit erlebt hat. Nun hat Matusko seinen Debütroman vorgelegt, der, wie er im Gespräch erzählt, autofiktional ist. „Jugo“, der Titel, ist doppeldeutig. Zum einen ist er die abwertende Bezeichnung für Menschen wie seinen Vater, für Einwanderer aus dem ehemaligen Jugoslawien. Zum anderen ist es der Name für einen heißen Wind, der über die Adria weht.Rückkehr nach 30 Jahren
Matuskos Vater setzte sich eines Tages, nach 30 Jahren in Deutschland, in seinen Mercedes und zog zurück nach Kroatien. Die Eltern waren zu diesem Zeitpunkt bereits geschieden. Jugoslawien, das Heimatland des Vaters, war bereits in einem brutalen Bürgerkrieg explodiert. Nun kam der Vater als Rückkehrer in einem fremden Land an.Eine Liebeserklärung
Ilija Matusko erzählt im Gespräch von seinem Aufwachsen mit seinen Eltern, „zwei Menschen ohne Sprache“, die in perfektionierten Arbeitsabläufen wortlos miteinander funktionierten. Von einem komplizierten Vater-Sohn-Verhältnis und davon, dass sein Roman letztendlich auch eine Liebeserklärung ist.Fri, 25 Sep 2026 - 13min - 8079 - Sabrina Janeschs neuer Roman „Territorium“: Zeitenwende auf Hawaiianisch
Im Jahr 1893 überschlagen sich in Honolulu die Ereignisse. Lili’uokalani, die Königin Hawaiis, wird in einem Staatsstreich gestürzt. Hinter dem Putsch stehen amerikanische Großgrundbesitzer, die schon bald die Regierungsgeschäfte übernehmen und vor allem ein Ziel verfolgen: den Anschluss Hawaiis an die USA. Durch den Umsturz gerät nicht nur das Leben der Monarchin aus den Fugen, sondern auch das der Journalistin Emma Nāwahī und das von Gertude Wolf, einer früheren Gesellschaftsdame der Königin. Die drei Frauen stehen vor der Frage, in welchem Maß sie sich den neuen Begebenheiten anpassen und in welchem Maß sie Widerstand leisten – das gilt auch Gertrude Wolf: „Um nicht einzuknicken, klein zu werden wie so viele, hält sie sich das selbstzufriedene, hämische Gesicht von Sanford Ballard Dole vor Augen, dem Präsidenten der Provisorischen Regierung. “
Wie niemand sonst steht er für die Gier und die Herrschsucht der Amerikaner, wie niemand sonst steht er für die Auslöschung all jener Prinzipien und Visionen, die Königin Liliʻuokalani politisch durchsetzen wollte.“
Quelle: Sabrina Janesch – Territorium
Detailreich und mit Witz erzählt: Deutsche Einwanderer in Hawaii
Janesch entfaltet in ihrem Roman ein Panorama an Geschichten von deutschen Einwanderinnen und Einwanderern auf Hawaii. Während die einen der Krone die Treue halten, stellen sich andere auf die Seite der provisorischen Regierung. Es ist ein spannender Stoff, den Sabrina Janesch mit vielen Details und Witz zum Leuchten bringt. Sie erinnert zum Beispiel daran, wie der frühere König Hawaiis bei einem Besuch im Kaiserreich den Hofstaat zum Staunen brachte, als er in der Uniform eines Preußischen Generals erschien – Paradefangschnur und Pickelhaube inklusive. All das wäre kurios und possierlich, schreibt Janesch, wenn es nicht so tragisch wäre. Denn die Freundschafts- und Handelsverträge nützen den Hawaiianern nach dem Putsch nichts. Ihr Inselarchipel ist endgültig zum Spielball größerer Mächte geworden. Das sieht auch Getrude Wolf, die in einer Vision die kommenden Konflikte vor Augen hat: „Die Augen verdreht, ging dein Blick nach innen, Nebel auf hoher See, und als er sich lichtete, lag da nicht das Königreich von Hawaiʻi, sondern ein entseeltes, entkerntes Territorium, verloren in den endlosen Weiten des Pazifiks, du sahst Feuer, Fräulein Wolf, Flammen, die alles, was hawaiisch war und gut, verzehrten, vernichteten, den Palast, das Gericht, die Regierungsgebäude, die Schulen, die Oper, selbst die Zinnen des Koʻolau-Gebirges, alles ging in Flammen auf.“Historisch und hochaktuell: Der Kampf um Herrschaftsgebiet
In Zeiten eines erstarkenden Neo-Imperialismus, der sich durch das Denken in Einflusssphären und Herrschaftsgebieten auszeichnet, liest sich der Roman bedrückend aktuell. Er erzählt eine Zeitenwende aus der Sicht derjenigen, die sie hautnah erfahren: Während die Königin versucht, die Monarchie mit diplomatischen Mitteln zu retten, schließt sich Gertrude Wolf der Rebellion an. Die Journalistin Emma Nāwahī beschließt, in ihrer Beobachterrolle zu bleiben – und hat so den klarsten Blick auf die Geschehnisse. Sie macht unter den Hawaiianern drei Typen aus: die Traditionalisten, die eher abwägend sind, die Opportunisten, die vor allem die eigene Geltungssucht ausleben, und schließlich die Heldenhaften. Vor dieser Gruppe graust es ihr am meisten:Natürlich würde auch sie gerne die Souveränität Hawaiis retten, es bewahren vor Annexion durch die USA und einer kulturellen, sprachlichen sowie gesellschaftlichen Gleichschaltung. Aber um welchen Preis – jeden?
„Bei dem Gedanken läuft es ihr kalt den Rücken runter. Größtenteils handelt es sich um hawaiische junge Männer, leicht lassen sie sich aufwiegeln von einem, der die richtigen Worte findet.“ Auch weil Sabrina Janesch beschreibt, wie Gewissheiten in kürzester Zeit verloren gehen, liest sich ihr Roman absolut gegenwärtig. „Territorium“ besticht dabei durch einen spannenden Plot, der in einem Aufstand der Monarchisten gipfelt. Der Roman lässt sich aber auch als Tragödie lesen. Der Ausgang der Geschichte ist schließlich bekannt. Im Palast der Königin residiert heute der US-amerikanische Gouverneur Hawaiis.Quelle: Sabrina Janesch – Territorium
Fri, 25 Sep 2026 - 04min - 8078 - Wie Franziska Gänslers Roman „Orca" Popkultur und Politik verwebt
Orcas versenken Jachten
2020, mitten im Corona-Lockdown, gehen Videos von Orcas viral, die gezielt Boote attackieren. Bilder, die auch die Freundinnen Cora und Olympia beim Scrollen entdecken – in Franziska Gänslers Roman, der jetzt auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis steht: „Orca“. „Von Rosalía sprangen wir zu Joe Exotic, und von ihm kam Olympia auf die Orcas. Sie fragte mich, ob ich das mitbekommen hatte? Dass die angefangen hatten, Jachten zu attackieren? Orcas sind eh einfach krass, sagte sie, extrem schlau. Und matriarchal organisiert.“ Das Verhalten der Schwertwal-Gruppen, das die Meeresbiologie bis heute nicht eindeutig erklären kann, interpretierte das Internet als ein kollektiver, vielleicht sogar erlernter Akt der Auflehnung.Killerwal-Familien in Gänslers drittem Roman
Ausgerechnet gegen Jachten richten sich die Angriffe - und so schön kompromisslos von den Killerwal-Familien! In diesem Resonanzraum legt Franziska Gänsler ihren dritten Roman an. „So kam dieses Bild, von dem ich dann immer mehr gemerkt habe, wie gut das eigentlich passt, weil es ja gerade für Cora immer auch um Zugehörigkeit geht“, erzählt die Autorin.Zugehörigkeit und Freundinnenschaften
Zugehörigkeit – das ist das Stichwort, um das Coras ganzes Leben kreist. Sie ist Stipendiatin an einem privaten Gymnasium, ihr Platz ist abhängig von einem Förderprogramm. Wo die Kinder um sie herum einfach dazugehören, muss Cora es sich erarbeiten, mit einem regelrechten Trainingsplan für den Lockdown: „Alles stand seit Wochen still, unter einer Glasglocke aus Hitze und Pandemie, und ich hatte den Großteil des Lockdowns einem Plan der Anpassung gewidmet, dem Ziel, so auszusehen, als hätten meine Eltern plötzlich mehr Geld. Ich arbeitete an porenfreier Haut, weißen Zähnen und definierten Armen, einem Glow, der mit signifikantem Wohlstand kam.“„Nach und nach politisieren sie sich – aus verschiedenen Gründen“
In dieser Zeit des einsamen Online-Unterrichts trifft Cora ihre alte Freundin Olympia wieder. Die beiden übernehmen das Haus eines wohlhabenden Witwers – „der Elson“ – und aus einem Nebenjob wird über Nacht ein Zuhause für eine Gruppe von Klimaaktivistinnen und -aktivisten, die aus einem geräumten Waldcamp dort einzieht. Olympia schließt sich ihnen an, weil sie an die Sache glaubt. Cora schließt sich an, weil sie an Olympia glaubt: „Nach und nach politisieren sie sich auch aus verschiedenen Gründen und Cora entwickelt auch Ängste, Olympia zu verlieren und wird dadurch irgendwie immer krasser in dem, was sie auch tut und vorschlägt, um Olympia an sich zu binden.“Kompromissloser Klimaaktivismus
Und mittendrin: der Elson selbst, der alte, schwerkranke Witwer, dessen Villa zum Rückzugsort der Gruppe wird. „Ich hatte irgendwie schon sehr früh die Vorstellung von so einem, dass eben verschiedene Generationen an Aktivistinnen da auch verschränkt werden“, verrät Gänsler. „Bei Elson ist es nicht nur, dass er die Villa bereitstellt. Er kommt selbst aus einer Familie, die einen Hof hatte, und er hat einfach viel Wissen, von dem er glaubt, dass das den Folgegenerationen fehlt – wie baut man selber Sachen an, wie lagert man ein, wie bereitet man sich vor?“ „Ich fand es interessant, nicht nur über dieses wie hinterlassen wir die Erde eigentlich folgenden Generationen abstrakt nachzudenken, sondern ganz konkret über Wissen und Fähigkeiten, und wie so eine Utopie innerhalb einer Dystopie aussehen kann, wenn man zusammenarbeitet.“Auf der Suche nach einem Ziel
Die generationsübergreifende Gruppe arbeitet zusammen in der Elson-Villa, baut Gewächshäuser, bereitet sich auf ein Selbstversorgerdasein vor. Mit ihren manikürten Nägeln und dem Wissen aus dem Gymnasium eckt Cora dort an, Olympia nähert sich immer mehr der aktivistischen Ariel an. Cora will sich beweisen, sucht ein Ziel, direct action, wie die Wale, die Jachten versenken: eine Gegnerin im Klimakampf in der Villen-Nachbarschaft.Über Google fand ich sie sofort: Eleonore Brecht, Lobbyistin im Energiesektor.
Quelle: Franziska Gänsler – Orca
Inspiration in der Popkultur
Die Mädchen scheuen bald auch keine Gewalt mehr. Gänsler entblättert diese Zuspitzung in einer Sprache, die sie sich hörbar erarbeitet hat. Denn ihre Ich-Erzählerin Cora ist eine Teenagerin, die Autorin Jahrgang 1987. Die Lebenswelt der Mädchen beschreibt sie – ohne sich anzubiedern – mit zahlreichen popkulturellen Referenzen aus Serien, Musik, und zeichnet so eine überzeugende Lebenswelt der Heranwachsenden in einer politisch turbulenten Gegenwart. „Teilweise ist es eine Ästhetik, die ich auch ansprechend finde, zum Beispiel Euphoria habe ich auch geguckt, oder Rosalía, Nina Chuba – die tauchen schon auch in meinem Feed auf, obwohl ich deutlich älter bin“, erklärt die Autorin. „Aber es war tatsächlich auch viel bewusst, auf Social Media zu gucken: Wie sprechen Mädchen dieser Generation, und natürlich sprechen die auch unterschiedlich – die sind ja nicht alle homogen, aber die, die ich mir vorstelle: Wie würden die sprechen?“Ein tragisches Ende an der Fleischtheke
Wie die Geschichte ausgeht, erfahren die Leserinnen und Leser schon auf den ersten Seiten: nicht gut. Cora landet nicht, wie geplant, als angehende Journalistin auf der Eliteuniversität, sondern an der Fleischtheke im lokalen Supermarkt – einer Umgebung, die die Autorin selbst kennt: „Ich habe selber als Jugendliche in einem Supermarkt an der Fleischtheke gearbeitet, für eineinhalb Jahre, und ich finde diese Intimität, wenn man acht Stunden so eine Schicht zusammen hat, immer auf dieser Zeile zwischen den Schneidemaschinen und der Auslage, wie man sich da kennenlernt – das finde ich einfach eine sehr interessante Szene.“ Und Olympia? Sitzt nach einer Gewalttat im Gefängnis – von einem Teil der Klimabewegung als Märtyrerin gefeiert, vom Rest der Gesellschaft als Täterin verurteilt. Zwei Etiketten für dieselbe Tat, und Cora die Einzige, die beide Seiten kennt. „Ich arbeite gern mit Jugendlichen. Ich find das eine wichtige Zeit, in der man sich findet, in der man viele Entscheidungen trifft, aber vieles auch gar nicht so abschätzen kann. Ich habe dann auch meine alten Tagebücher gelesen und versucht, reinzuspüren: Wer war ich denn in dem Alter? Und ich hoffe, dass das einerseits geglückt ist und da andrerseits eine gewisse Wärme drin ist, mit der ich auf diese Mädchen blicke,“ hofft die Autorin.Keine reine Fallstudie zu Radikalisierung
Diese Wärme ist es auch, die „Orca" davor bewahrt, zur reinen Radikalisierungs-Fallstudie zu werden. Gänsler seziert die ausschlaggebenden Entscheidungen der Teenagerjahre mit psychologischer Schärfe und verbindet Coming-of-Age und politischen Roman, ohne in Thesenliteratur zu kippen. Dabei überwindet sie Genregrenzen: Spannend wie ein Krimi, rasant wie ein Psychothriller, genau wie ein Sozialdrama, beängstigend wie Climate Fiction.Fri, 25 Sep 2026 - 07min - 8077 - Der Tod, der Kampf und die Wunden des Lebens
„Combat toujours perdant“ – das könnte man auch mit „Der Kampf, der stets vergeblich ist“ übersetzen. 1996 lautete der Titel eines Gedichtbandes Houellebecqs noch „Le Sens du combat – Der Sinn des Kampfes“. Jetzt, dreißig Jahre später, hat der Kampf jeglichen Sinn verloren, denn der Tod klopft an das Tor des Lebens – ein lyrisches Memento mori.
Man wird nur noch um einen schmerzlosen Tod bitten, / Eine Kombination verschiedener Mittel, / Um einem ein wenig durch die Nacht zu helfen.
Quelle: Michel Houellebecq –Der stets verlorene Kampf
Der Tod und die westliche Kultur
Das Leben, es ist „ein im Voraus verlorener Kampf“ – ein „Combat perdu d’avance“. Einerseits umfasst das Todesthema den Untergang der westlichen Kultur. Im Gedicht Fin de partie“, Endspiel – der Titel bezieht sich bewusst auf Samuel Becketts Stück – werden wir, die „Occidentaux“ – die „Westler“, die „Abendländischen“ – direkt vom lyrischen Ich angesprochen.: „Ich weiß, das Ende wird traurig sein.“ Erstaunlich ist, dass Michel Houellebecq in fast allen Gedichten mit Strophen und Endreim arbeitet. Damit schreibt er sich in den französischen Symbolismus ein, besonders in die melancholischen Abgesänge eines Charles Baudelaire.Der Tod des je einzelnen
Andererseits umfasst das Thema Tod das Ableben des je einzelnen. In „Tristes falaises / Traurige Klippen“ erträumt man mit Houellebecq zwar das Dasein der Engel, doch der Gedanke an den Tod lässt sich nicht abschütteln.Alles wird in leisem Stöhnen enden, / Ein Pflegebett in einem weißen Vorort. / Es wird Mittwoch, Samstag oder Sonntag sein, / Der ungetröstete Körper wird in aller Ruhe verlöschen.
Der Tod ist „le gouffre“, der unüberwindliche „Abgrund“. Doch genau mit solch Worten schreibt sich Houellebecq in die Tradition französischer Moralisten ein, die den Menschen mit seiner irdischen Vergänglichkeit konfrontierten. Im Gedicht „Den Untergang erkennen“ gilt es, jeglichen Kampf für sinnlos zu erachten. Houellebecq hat sich selbst als Agnostiker bezeichnet und steht den Weltreligionen kritisch gegenüber. Umso erstaunlicher ist es, dass er sich im neuen Gedichtband mit kritischer Distanz dennoch christlicher Anschauung zaghaft annähert. Wer im Angesicht des Todes bewusst sein Leben führt, der wünscht sich eben kein schnelles Hinscheiden.Quelle: Michel Houellebecq –Der stets verlorene Kampf
Wir bitten Gott um einen nicht allzu langsamen Tod.
Quelle: Michel Houellebecq –Der stets verlorene Kampf
Der Tod und die Hoffnung
Im Band findet man auch einen kürzeren Prosatext. Darin wird die katholische Kirche kritisiert, da sie den Tod durch die verheißene Auferstehung instrumentalisieren würde. Und dennoch begleitet einen bei einer Beerdigung ein unerhörter Gedankengang: „Ist es undenkbar, dass das, was einmal gelebt hat, wieder zum Leben erwacht? Jedes Mal, wenn wir die Tore eines Friedhofs durchschreiten, jedes Mal, wenn wir vor einem Grab niederknien, nähren wir tief in uns diese unerhörte Hoffnung.“ „Cette inavouable espérance“ – diese unerhörte, unaussprechbare Hoffnung, die man sich nicht eingestehen möchte – sie ist dennoch da. Man könnte sagen, Hoffnung ist für Houellebecq widersinnig – und dennoch existenziell.„Wir haben alle Mittel ausgeschöpft / Und hoffen nicht mehr auf Erbarmen oder Errettung, / Erdrückt vom Himmel, an dem die Geier kreisen, / Warten wir dennoch auf den undenkbaren Befreier.“
Quelle: Michel Houellebecq –Der stets verlorene Kampf
Die Wunden unserer Zeit
An dieser Stelle muss man die durchaus gelungene Übersetzung von Stephan Kleiner kritisieren. Denn „Befreier“ heißt auf Französisch „liberateur“. Houellebecq schreibt aber „sauveur“. Das ist der „Retter“ und im religiösen Sinn Jesus Christus als „Heiland“. Freilich, dieser Retter bleibt „impensable“, undenkbar, unfassbar – und dennoch in einem lyrisch-existenziellen Sinn sagbar. Michel Houellebecqs Gedichtband Combat toujours perdant. Der stets verlorene Kampf ist bei aller Tristesse keineswegs der Abgesang auf alles Existentielle. Im Gegenteil! Indem er den „Tod“ provokant ins Zentrum setzt, fordert er zum Mitdenken auf. Was haben wir, die „Occidentaux“ – die „Westler“, die „Abendländischen“, dem Abgrund entgegenzusetzen? Welche Werte? Welche Gesinnung? Genau so fragen Moralisten. Lyrisch betörend versetzt der Autor seine Leserschaft in den Zustand absoluter Verletzlichkeit. Wer die Wunden unserer Zeit zu spüren vermag, der wird an Houellebecqs Gedichten nicht vorbeikommen.Wed, 23 Sep 2026 - 04min - 8076 - Eine Biografie zum 200. Todestag des Dichters Johann Peter Hebel
Lob von Goethe
Vielleicht war es Johann Peter Hebel einst gar nicht so recht, dass der berühmte Johann Wolfgang von Goethe seine „alemannischen Gedichte“ rühmte. Jedenfalls nicht, wieer sie rühmte. So erzählt es Thomas Weiß, der genau wie der Autor der berühmten „Kalendergeschichten“ zweihundert Jahre vor ihm ein evangelischer Theologe aus dem Badischen und also ein direkter Hebel-Nachfolger ist. Goethe lobte Hebels „behagliche, naive Sprache“ ein wenig zu sehr von oben herab. Der Weimarer Dichterfürst hatte demnach nicht wirklich verstanden, worum es Hebel mit seiner lyrischen Veredelung des Dialekts ging.Der „Heimatflüsterer“
Thomas Weiß nennt ihn „Heimatflüsterer“ – ein schönes Wort, das die nötige Zurückhaltung gegenüber so zerbrechlichen Gebilden wie der Kindheitslandschaft zum Ausdruck bringt: „Hebel will ja keine Hymnen dichten. Keinen Singsang singen von der hübschen Herzenslandschaft im Wiesental und von seinen Leuten. Nicht die großen Glocken schlagen“, schreibt Weiß. „Was er will: von der Heimat wispern und flüstern und mit zurückgehaltener Stimme erzählen. Damit Leser und Leserinnen – Hebel rechnet mit den gehobenen Ständen – die Ohren spitzen und die Hände von den Augen nehmen.“Damit sie zur Heimat hin lauschen und sie gelten lassen, so, wie sie ist. Nicht, wie die Menschen, gebildet oder ungebildet, oberländisch oder welsch, sie sehen wollen, aus erbärmlichen oder romantischen Gründen.
Quelle: Thomas Weiß - Johann Peter Hebel. Der Heimatflüsterer
Biographische Skizzen mit Charakter
Die biographischen Skizzen, die Thomas Weiß vorlegt, sind Miniaturen, so etwas wie Kalendergeschichten, die von Hebel handeln, und ihm in Stil und Charakter folgen: humorvoll, unaufdringlich, leichthändig. Sie scheuen die große Geste, wollen sich gar nicht erst zur Biografie erheben, sondern aus den Details und einzelnen Momenten heraus den Dichter lebendig werden lassen. Lebendig werden auch die Dinge, die einen eigenen Willen haben, die sich ärgern oder freuen können. So mag die Rheinbrücke in Basel das Gedränge auf ihr und findet sich schon seit Jahrhunderten wichtig. Auch der Friedhof ist stolz auf die bedeutenden Gebeine, die er beherbergt. Und im Hebelhaus erinnern sich Stube, Stuhl, Sessel und Kissen gerne daran, wie die Mutter einst den Säugling stillte.Demut mit Weitblick
Die Bilder, die aufeinander folgen, sind nicht chronologisch geordnet, sondern folgen einer inneren Logik. Es beginnt im Theater in Karlsruhe, wo sich der Achtundvierzigjährige in die Schauspielerin Henriette Hendel verguckt, die seine Gedichte rezitiert. Es folgt eine Szene auf dem Dachboden, wo der elfjährige Knabe im verbotenen Schrank ein Notizbuch des Vaters entdeckt, der an Typhus gestorben war. Und weiter geht es, hinauf auf den hohen Belchen, den Hebel mit seinem Lebensfreund Friedrich Wilhelm Hitzig bestieg: „Es war ein warmer, aber klarer Tag, weite Sicht; jedenfalls lasse ich sie an einem warmen, aber klaren Tag ankommen, ohne Flimmern in der Luft, ohne tiefhängende Wolken und mit einem Ausblick, der begeistert. (…) Da lernt er etwas von Grenzenlosigkeit und Demut, weil die Welt halt weiter ist, als Menschen sehen können, unten, in den vertrauten Tälern.“Nichts bleibt, wie es ist
Der Ausblick über Schwarzwald und Rheintal wird zum prägenden, religiös aufgeladenen Erlebnis, der Belchen gar zum „Altar“. Die dort oben erfahrene Demut hat auch etwas mit dem Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit zu tun. Bei Hebel ist alles, auch die Heimat, dynamisch, eingebunden in einen ständigen Prozess des Werdens und Vergehens. Eines seiner berühmtesten alemannischen Gedichte heißt „Die Vergänglichkeit“. Es feiert das Flüchtige als Bedingung der Schönheit und des unbegreiflichen Lebens. Hebel blieb Zeitlebens unverheiratet. An Gustave, Schwägerin seines Chefs in Lörrach, wo er mit siebenundzwanzig eine Stelle als Präzeptoratsvikar antrat, schrieb er zwar zahlreiche Briefe und machte ihr Hoffnungen, hielt sich aber auch noch in späteren Jahren, wo er als Schuldirektor in Karlsruhe gut gestellt war, für nicht satisfaktionsfähig. Seinem Buch vorangestellt hat Thomas Weiß ein Motto von Rilke, das auch von Hebel sein könnte:Du musst das Leben nicht verstehen, dann wird es werden wie ein Fest.
Hebel sei es wichtig gewesen, dass die menschliche Vernunft sich nicht blenden und verdunkeln lasse. Er war ein Aufklärer, aber auch ein früher Romantiker, der dem Leben sein Geheimnis lassen wollte. So macht es auch Thomas Weiß, der Hebel nicht erklärt, sondern erzählt und damit seine Geheimnisse lässt. Entstanden ist ein wunderbares kleines Buch, ein Schatzkästlein für alle Hebelfreunde.Quelle: Thomas Weiß - Johann Peter Hebel. Der Heimatflüsterer
Tue, 22 Sep 2026 - 05min - 8075 - Nicht weniger streiten, sondern besser streiten
Höflichkeit scheint etwas Altmodisches zu sein. Wir verbinden damit gutes Benehmen und Kinder, die Bitte und Danke sagen. Der Politikwissenschafter Pierrot Raschdorff plädiert dafür, den Begriff Höflichkeit weiter zu fassen: Als Möglichkeit, sich über soziale und politische Unterschiede hinweg konstruktiv zu verständigen. Pierrot Raschdorff will nicht weniger streiten, sondern besser streiten. Er setzt vor allem auf die Kraft eines Dialogs, der den anderen verstehen will.
Eine Haltung der radikalen Offenheit
„Es braucht die innere Haltung der radikalen Offenheit, die zeitgleich immer die Signale wahrnehmen muss, um sich im richtigen Moment abzugrenzen. Unter ‚radikal offen‘ verstehe ich die Haltung, dass meine Meinung nur eine von vielen ist, nicht besser oder schlechter, nicht oben oder unten“, so Raschdorff.Dieser innere Prozess erfordert eine Lernbereitschaft, der das Eingeständnis zugrunde liegt, dass die Welt mehrdeutig ist.
Der Höflichkeits-Begriff von Pierrot Raschdorff ist anspruchsvoll und verlangt die Anstrengung jedes Einzelnen. Er kann nur dann funktionieren, wenn man, wie der Autor, an das Positive im Menschen glaubt. Es geht ihm nicht um das Befolgen von Regeln, sondern um etwas weit Tieferes: Um Mitmenschlichkeit, die kein bloßes Kulturprodukt ist, sondern eine im Menschen angelegte Möglichkeit. In den Medien, sozialen Netzwerken und in der Politik findet man dagegen eher das, was der Autor „Eindrucksmanagement“ nennt. „Wir leben in einer Welt, in der Handlungen zunehmend danach beurteilt werden, wie sie von außen wahrgenommen werden, statt danach, ob sie aus innerer Überzeugung heraus erfolgen. Soziales Verhalten, das in vielen Gesellschaften als Norm hochgehalten wird, wird dadurch oft instrumentalisiert. „Quelle: Pierrot Raschdorff – Die neue Höflichkeit
Die Praxis der Neuen Höflichkeit
Pierrot Raschdorff entwirft eine „Praxis der Neuen Höflichkeit“, die sich in sozialen Räumen entfalten kann: in Sportvereinen, Bürgerhäusern, Bibliotheken. Vor allem brauche die Jugend neue und flexible Angebote, um sich ausprobieren und Unterschiedlichkeit erleben zu können. Es geht darum, Orte der Begegnung zu erschaffen, in denen kollektives Erleben und Mitverantwortung gelebt werden. Der Autor räumt aber auch ein, dass die Teilhabe an diesen Einrichtungen von Bildung, Zeit und materiellen Möglichkeiten abhängt. „Diese Räume sind weit mehr als praktische Problemlöser. Sie sind essenzielle Bausteine für gesellschaftlichen Zusammenhalt und eine lebendige lokale Demokratie, insbesondere dort, wo staatliche Strukturen schwächer werden. Wo Institutionen und Treffpunkte verschwinden, schaffen soziale Räume neue Möglichkeiten für Begegnung und Austausch.“Es ist noch nicht zu spät
Die Voraussetzung für ein zivilisiertes Gespräch, das den anderen verstehen und nicht vernichten will, ist für Pierrot Raschdorff das, was er „Selbstregulation“ nennt. Sie entscheidet, ob wir Gefühle wahrnehmen können, ohne von ihnen bestimmt zu werden, und Wut und Angst aushalten können, ohne sie auszuagieren. Welchen Ton man da anschlagen sollte, zeigt der Autor Raschdorff mit seinem Buch, in dem er genau, aber immer respektvoll analysiert. Es wäre gut, wenn man seine ruhigen Mahnungen inmitten der öffentlichen Erregung hören würde. „Mir geht es nicht um perfektes Verhalten, sondern um den Schutz eines Rahmens, in dem Dehumanisierung zurückgewiesen und nicht noch belohnt wird. Die Neue Höflichkeit ist deshalb eine Einladung zum Dialog und zu einem Miteinander in einer vielfältigen Gesellschaft. Eine Einladung zur Reflexion, zur Übung, zur Verantwortung. Es ist noch nicht zu spät.“Tue, 22 Sep 2026 - 04min - 8074 - Psychothriller für Heterofatalistinnen
Liebe macht blind – selbst die, die es besser wissen müssten. Wie Claire Lancel, die ihre Ehe mit einem Narzissten gerade erst in einem autofiktionalen Buch verarbeitet hat. Doch zu Romanbeginn verliebt sich die Mittfünfzigerin erneut; dieses Mal jedoch in einen Mann, der ein Ausbund an Achtsamkeit und Verständnis zu sein scheint. Dass dieser Theaterregisseur namens Gilles ihren Ex in Sachen Toxizität wie einen Waisenknaben aussehen lässt, erkennt Claire erst viel zu spät.
Eine große Täuschung
Wobei „zu Romanbeginn“ nicht ganz richtig ist. Es dauert seine Zeit, bis man versteht, dass die erzählende Claire in der Gegenwart im Gefängnis sitzt, angeklagt wegen versuchten Mordes an Gilles. Die erste Hälfte von Camille Laurens’ Roman besteht aus Gesprächen, die Claires Anwältin mit ihr, ihrem Agenten und ihren Freundinnen führt, ein vielstimmiger, sich oft auch widersprechender Chor. Wie konnte eine große, leidenschaftliche Liebe so eskalieren? Was geschah an jenem verhängnisvollen Tag im Haus der beiden in Südfrankreich tatsächlich und warum? „Ich wollte, dass die Leser gemeinsam mit mir missverstehen, dass sie sich zu Beginn genauso täuschen wie ich, im ganz großen Stil. Sie wissen nicht, dass man ihnen etwas vormacht. Wie ich glauben sie daran. Was nach der berühmten Definition für den Roman gilt, die „willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit“, gilt auch für die Liebe“, heißt es im Roman.Autofiktionales Verwirrspiel
Ist das Ich, das hier gegen Romanende spricht, die Protagonistin oder die reale Autorin? Die 68-jährige Camille Laurens teilt mit ihrer Hauptfigur Claire Lancel nicht nur die Initialen. Sie ist als Romanautorin selbst Spezialistin für autofiktionale Verwirrspiele. Und hat mit „Was wir uns versprechen“ nun den Roman der Stunde zum sogenannten Heterofatalismus vorgelegt. Also zu jener Desillusionierung und Wut der Frauenwelt angesichts immer neuer Fälle von unentschuldbarem männlichem Beziehungsgebaren. Der Titel verweist auf einen zentralen Moment der Beziehung zwischen Claire und Gilles: Ziemlich genau auf dem Höhepunkt ihres Liebesglücks nimmt der durchtriebene Gilles Claire vorsorglich ein Versprechen ab, nämlich niemals ein Buch über ihn zu schreiben. Im Gegenzug verspricht er ihr, sie niemals zu betrügen. Gehalten wird natürlich keines dieser Versprechen. „Das kann ich Ihnen schon sagen, warum ich es versprochen habe, Frau Rechtsanwältin. In meinen Augen war es ein Leichtes, das Versprechen zu halten, kinderleicht. Warum? Weil glückliche Menschen keine Geschichte haben, darum“, schreibt die Autorin. „Ein Roman über ihn und mich? Aber wovon hätte er gehandelt? Von den Kerzen auf dem Tisch, dem blauen Meer, dem Armkettchen? Das Buch wäre den Lesern nach zwei Seiten aus der Hand gefallen.“Lehrbuchartiger Fall von Gaslighting
Diese Gefahr besteht zum Glück zu keiner Zeit. Vielmehr entpuppt sich „Was wir uns versprechen“ angesichts von Gilles’ Perfidie und Claires wachsender Verzweiflung als regelrechter Pageturner. Und zugleich als lehrbuchartiger Fall von Gaslighting, also der planmäßigen Manipulation und Irreführung des Partners. Im letzten Teil, als Claire sich von einer am Boden zerstörten Geliebten wieder in eine Schriftstellerin verwandelt, seziert sie schonungslos Taten und Denken ihres Liebhabers – der selbst inzwischen im Rollstuhl sitzt und angeblich sein Gedächtnis verloren hat. Mit ihrer in der Du-Form geschriebenen Rekonstruktion ihrer Beziehung hält sie ihm gleichsam den Spiegel vor und besteht unbarmherzig auf der Wahrheit. Womit wir beim einzigen Schwachpunkt dieses Psychothrillers wären: Mehrstimmigkeit wie im ersten Romanteil ist in der Literatur nur sinnvoll, wenn die Wahrheit bis zuletzt doppelbödig bleibt, wenn sich die Leserinnen und Leser zwischen mehreren Deutungsmöglichkeiten entscheiden müssen. Wer hier Opfer, wer Täter ist, daran bestehen aber in dem von Lis Künzli übersetzten Roman nie wirklich Zweifel. Egal. Eine spannende, erschütternde Lektüre bietet „Was wir uns versprechen“ in jedem Fall.Mon, 21 Sep 2026 - 04min - 8073 - Gegenseitige Verknäuelung und Verstrickung: Sebastian Haffners „Der Teufelspakt“
1915, mitten im Ersten Weltkrieg, verfasste der kaiserliche Gesandte Deutschlands in Kopenhagen, Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau, eine einflussreiche Denkschrift: „Es wäre ein folgenschwerer Irrtum, jetzt noch traditionelle Beziehungen zu Russland, das heißt zum Hause Romanow, ernstlich in die Waagschale legen zu wollen“, heißt es in der Schrift. „Der Sieg und als Preis der erste Platz in der Welt ist aber unser, wenn es gelingt, Russland rechtzeitig zu revolutionieren. Bevor das Zarenreich in seinem jetzigen Bestande nicht erschüttert ist, wird dieses Ziel nicht erreicht werden.“
Lenin als deutsche Geheim- und Wunderwaffe
Der Diplomat schlug vor, Russland mit Hilfe der Bolschewisten zu schwächen, damit Deutschland den Zweifrontenkrieg beenden und sich auf den Kampf gegen die die Alliierten im Westen konzentrieren könne. Im Diplomatenkorps ging man ohnehin davon aus, dass die Bolschewisten bald scheitern würden. Der Rest ist bekannt: Lenin reiste 1917 aus dem Schweizer Exil über Deutschland nach Russland. Ein paar Monate später führten die Bolschewisten die Oktoberrevolution an. So Sebastian Haffner: „Für das ganze offizielle Deutschland war Lenin die deutsche Geheim- und Wunderwaffe, die politische Atombombe des Ersten Weltkriegs. Ohne das deutsche Bündnis wäre die Oktoberrevolution unmöglich gewesen.“ Das fatale deutsch-russische Bündnis ist für Haffner der titelgebende „Teufelspakt“: Deutschland verhalf Lenin an die Macht und erhielt dafür einen militärischen Vorteil. 1918 schloss es mit Sowjetrussland in Brest-Litowsk einen Sonderfrieden und konnte dadurch Truppen von der Ost- an die Westfront verlegen.Der deutsche Sonderweg
Der antiwestliche deutsche Kurs setzte sich nach Haffners Deutung 1922 mit dem Vertrag von Rapallo fort, der den Bund von „kommunistischem Russland und antikommunistischem Deutschland“, inzwischen Weimarer Republik, ein weiteres Mal bekräftigte – ein Schritt, den vor allem nationalkonservative Kreise begrüßten. Ab 1933 verengt sich Haffners Perspektive ganz auf das „Duell zweier Männer“:Jetzt gab es nur noch den Willen Hitlers und den Willen Stalins. Wenn man die furchtbare Periode, die jetzt für Deutschland und Russland anbrach, verstehen will, muss man Hitler und Stalin verstehen – nichts weiter.
Für uns Heutige überraschend hält Haffner den Despoten Stalin für einen – Zitat – „Mann des gesunden Menschenverstandes“. Dagegen sei Hitler ein „Träumer“ gewesen, der sein megalomanes Ziel, die Eroberung und Kolonisierung der Sowjetunion, 1939 mithilfe des Molotow-Ribbentrop-Pakts habe erreichen wollen. Der Nichtangriffspakt, bzw. dessen geheimes Zusatzprotokoll, sollte die kleineren Länder zwischen Berlin und Moskau ausschalten und teilte Ostmitteleuropa zunächst in deutsche und sowjetische Interessensphären auf.Quelle: Sebastian Haffner - Der Teufelspakt
Plädoyer für eine neue Ostpolitik
Haffners Buch endet bei Konrad Adenauer, der die deutsche Westbindung ohne Wenn und Aber durchsetzte. Demgegenüber hätte Haffner die sogenannte Stalin-Note von 1952 favorisiert, die offiziell ein neutrales Deutschland versprach. Vor dem Hintergrund des Kalten Kriegs liest sich das zugleich als Plädoyer für eine neue Ostpolitik. „Der Teufelspakt“ ist ein kompakter und lehrreicher Essay, der personenzentriert und damit methodisch noch im Stil der Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts erzählt. Seiner Zeit voraus war Haffner jedoch darin, Hitlers Krieg gegen die Sowjetunion nicht als „europäischen Normalkrieg“, sondern als Vernichtungsfeldzug zu brandmarken. Die Lektüre zeigt auch, dass die seltsame „tödlich-intime gegenseitige Verknäuelung und Verstrickung“ der Deutschen und der Russen bis weit in die Gegenwart nachwirkte.Sun, 20 Sep 2026 - 04min - 8072 - Ein Geschichtenmesser aus Alaska. Kolonialobjekte aus der Sammlung des Berliner Humboldt Forums
„Dem Messer die Klinge nehmen“ – so lautet das Versprechen im Titel von Cristina Rivera Garzas Büchlein. Mit einem stumpfen Messer will die mexikanische Autorin die Erinnerung an Opfer von Femiziden wachhalten. Dazu hat sie ein sogenanntes Geschichtenmesser aus der Sammlung des Ethnologischen Museums in Berlin ausgewählt. Mit diesem wundersamen Gegenstand beschäftigt sie sich in ihrem Text.
Geschichten in den Schnee zeichnen
Auf Yup’ik, also in einer indigenen Sprache Alaskas, heißt das Objekt Yaaruin.Es wird auch mit „Schneemesser“ übersetzt, weil Mädchen des Yup’ik-Stammes damit in den Schnee oder in nasse Erde zeichneten. Sie untermalten damit ihre mündlichen Erzählungen, deshalb die Übersetzung „Geschichtenmesser“. In einer Art Vergangenheitsbeschwörung holt Rivera Garza die Stimmen dieser Mädchen in die Gegenwart: Wir sind nicht in Berlin, sondern weit weg, in der Arktis, unter einem bedeckten Himmel voller Vorzeichen. Wir sind Mädchen, die die Geschichte eines anderen erzählen und zugleich unsere eigene, uns selbst, in die Erdoberfläche einschreiben. Für immer. Yaaruin, flüstern sie, und zeigen auf das Messer in ihrer Hand. Dann verklingen ihre Stimmen langsam unter der Last der Distanz, ihre Bernsteinfarbe schimmert kaum noch durch den Staub.Der traditionelle Gegenstand
Die kunstfertig gearbeiteten, stumpfen Yaaruin bestehen meist aus Holz oder Knochen. Aus Messing und Kupfer hat Rivera Garzas Ehemann, der Künstler Saúl Hernández-Vargas, ihr auch ein Geschichtenmesser gefertigt. Damit beginnt ihre literarische Umschreibung des traditionellen Gegenstands. Auf zehn Seiten lässt Rivera Garza zunächst die Yup’ik-Tradition durch literarische Imagination lebendig werden. Diese Fantasie kombiniert sie mit Reflexionen zur Verbindung von Erinnerung und Auslöschung. Dies ist der interessanteste Teil des Buches. Leider nimmt er ein jähes Ende, sobald der Text in unsere Jetztzeit springt.Mit Geschichtenmessern an Femizide erinnern
Rivera Garza verwendet ihr eigenes, von ihrem Mann entworfenes Geschichtenmesser neu. Sie malt damit nicht Zeichen in den Schnee, sondern schreibt Namen in den Schlamm. Durch diese Benutzung im Hier und Heute wird es zum Vehikel, um über Femizide nachzudenken. Der Name, den Rivera Garza mit dem Geschichtenmesser in den Schlamm schreibt, lautet Liliana. So hieß ihre Schwester, die mit 20 Jahren von ihrem Ex-Partner ermordet wurde. Von diesem Femizid handelte schon ihr Buch „Lilianas unvergänglicher Sommer“, für den Rivera Garza den Pulitzer-Preis in der Kategorie Memoiren erhielt. Die Bewältigung dieser traumatischen Erfahrung wird nun auch zum Kernstück ihres neuen Textes. So heilsam das Ritual sein mag, so wenig reizvoll liest sich aber der Text, Pathos allein reicht nicht, um aus einer Anekdote Literatur zu machen. „Wir schöpften Wasser aus dem Eimer und sprenkelten es vorsichtig über die Erde auf dem Grab. Das plötzliche Gefühl von Kindheit, die körperliche Wonne, als unsere Hände die Elemente vermischten, bis wir einen dichten, samtweichen Schlamm geschaffen hatten. Eine Tafel. Einen Spiegel. Einen Rahmen. Hier wird dein Name fortdauern, Liliana.“Wer hat das gesagt? Wer sagte „Und dein Geburtsdatum und das Datum deines Todes“?
Quelle: Cristina Rivera Garza – Dem Messer die Klinge nehmen
Politische Gegenwart
An die Stelle der Yup’ik-Tradition tritt die politische Gegenwart Amerikas. Rivera Garza führt erschreckende Femizidraten an. Sie stellt einen Fragebogen vor, anhand dessen Frauen die Gefahr einschätzen können, selbst Opfer von Gewalt zu werden. Sie zitiert den Strafbestand des Femizids aus dem mexikanischen Bundesstrafgesetzbuch zwei Mal. Beim zweiten Mal werden die Merkmale des Femizids unkenntlich gemacht, ausgelöscht. Damit spielt sie auf den argentinischen Präsidenten Javier Milei an, der einen Femizid nicht mehr als gesonderte Straftat anerkennt: Die Botschaft ist deutlich: Frauenrechte sind niemals sicher. Mit der flachen Seite der Klinge der Macht können Gesetzestexte ebenso ausgelöscht werden wie die warnenden Geschichten der Yup’ik-Mädchen.Stumpfheit durch Verschmelzung
Das Geschichtenmesser, das ursprünglich ein Mädchenspielzeug war, ist zu einem politischen Werkzeug geworden. Natürlich sind Geschichten, auch solche von Kindern, nie nur harmlos. Sie können warnen, Strukturen unterwandern, Werte festigen oder hinterfragen. Auf Rivera Garzas Geschichtenmesser lastet aber allein die Schwere des Femizids. Das abgestumpfte Messer, das eigentlich von einer gewaltlosen, spielerischen Verwendung zeugt, wird damit wieder auf Gewalttätigkeit verengt. Anders als der Reihentitel „Objekte widersprechen“ verspricht, wird hier also dem Objekt widersprochen.70 Seiten Genre-Mix
Stilistisch inszeniert sich Rivera Garza in ihrem Werk als ausgefuchste Grenzsprengerin. Sie gibt nicht viel auf Genrekonventionen – die auf dem Buchrücken versprochene ‚Erzählung‘ ist eher ein Essay mit erzählerischen Elementen. Rivera Garzas Überlegungen zum Geschichtenmesser wirken allerdings bunt zusammengewürfelt. In ihrem Mix aus Erinnerungen, Reflexionen, Zitaten, Imaginationen und Gesetzestexten vermisst man Systematik. Sie erzählt von Filmaufnahmen am Grabstein ihrer Schwester. Sie interpretiert Musik, die ihr Sohn zum Geschichtenmesser komponiert hat. All das in einer Live-Performance zu erleben, ist bestimmt bewegend. In einem letztlich recht kurzen Text funktionieren diese disparaten Beschreibungen aber nicht. So folgt dieser Text keinem gedanklichen Prinzip, besitzt nur eine diffuse Hybridität. Rivera Garza nennt das Erzählen „mit scharfem Blick die Welt betrachten“. Eine schöne Formulierung, die sie selbst aber nicht umsetzt. Ihrem eigenen Geschichtenmesser hat sie die Klinge genommen – leider.Fri, 18 Sep 2026 - 06min - 8071 - Zwitschern im Land der traurigen Orangen: Adania Shiblis neuer Roman „Täuschung"
Im Studentenwohnheim gibt es einen Papagei, der „Friede sei mit dir“ kreischt, wenn jemand vorübergeht. Für die Studentin, eine der beiden Hauptfiguren in Adania Shiblis neuem Roman, ist das schwer zu ertragen. Denn sie lebt in einem besetzten Land, dessen Bevölkerung schikaniert, enteignet, überwacht und inhaftiert wird. Auch wenn dieses Land so wenig wie die Städte, Checkpoints und Figuren beim Namen genannt wird – es handelt sich natürlich um Palästina, das Westjordanland, das im Roman gleichsam zum universellen Ort der Unmenschlichkeit und Entrechtung wird. „Täuschung“ spielt um 1990, in der Zeit der Ersten Intifada, auf die die israelischen Sicherheitskräfte mit zunehmender Repression reagieren. Die zweite Hauptfigur, ein junger Mann, der mit der Studentin gemeinsam zur Schule gegangen ist, bekommt das zu spüren. Für das Sprühen von Parolen wird er mit vier Jahren Haft bestraft. Später schlägt er sich mit Jobs unter widrigen Bedingungen durch, bis er schließlich ein karges Auskommen als Olivenholzschnitzer findet.
In ständiger Begleitung des Zwitscherers
Bisweilen kippt der Text vom Realistischen ins Surreale. Da ist zum Beispiel von einem „Zwitscherer“ die Rede, der dem jungen Mann auf Schritt und Tritt folgt. Angesichts des ornithologischen Tons der Beschreibung denkt man zunächst tatsächlich an einen Vogel.Diese Zwitscherer zeigen eine feste Verbundenheit mit den Menschen und deren Ansammlungen; sie bewahren ihre Behausungen im Gedächtnis und vergessen nicht, wo sie im Verlauf des Jahres Nahrung finden.
Bis man versteht, dass mit den „Zwitscherern“ Mitarbeiter des Geheimdiensts gemeint sind. Diese Bildlichkeit verdankt sich womöglich verschwörungstheoretischen Spekulationen darüber, ob der israelische Geheimdienst Vögel mit Überwachungssendern ausstatte. Literarisch steigert sich dadurch die Atmosphäre der Bedrohung. Wenn in jedem Vogel ein Verfolger steckt, wird die Überwachung schier unentrinnbar.Quelle: Adania Shibli – Täuschung
Im Land der traurigen Orangen
Immer wieder werden doppeldeutige Natur-Bilder zu Allegorien der palästinensischen Situation im – wie es heißt – „Land der traurigen Orange“, etwa die Unruhe von Vögeln in der Gefangenschaft während der Zeit des Vogelzugs. Von Brecht stammt der berühmte Vers „Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist.“ Bei Shibli müsste man ihn umkehren: „Was sind das für Verbrechen, die uns die ganze Zeit über Bäume sprechen lassen.“ Je detaillierter in diesem Roman die Feigen-, Mandel- und Olivenbäume oder Kapernsträucher geschildert werden, desto bedrückender wirkt das Unrecht: „Manche dieser Pflanzen wachsen auch an verlassenen Orten und setzen dort das Leben fort – in Dörfern oder Vierteln, aus denen die Bewohner vertrieben oder deportiert wurden… Manche tauchen womöglich hinter den Fenstern oder an den leeren Türen jener verlassenen Gebäude auf.“ Dass in diesem Roman so viel von der Botanik Palästinas die Rede ist, von der Landschaft und vom Wetter – das ist auch Bild und Zeugnis für das Beheimatetsein in einem Land, das man zu verlieren droht.Hebräisch mit Akzent
Zentral ist auch die Thematik der Sprache. Die Studentin hat Probleme, mit ihrem unzulänglichen Schulhebräisch den Vorlesungen zu folgen. Sie fühlt sich verloren in der Universität und verunsichert wegen ihres Akzents; es ist ihr peinlich, wenn sie Worte oder einen Witz nicht richtig versteht. Immer wieder flieht sie vor dem hebräischen Stimmengewirr panisch in die Tiefgarage der Universität. Der junge Mann dagegen kann perfekt Hebräisch, weil er in vier Jahren Haft reichlich Sprechpraxis mit Muttersprachlern hatte – dem Gefängnispersonal. Das ist die Voraussetzung für eine der schmerzlichsten Episoden des Romans. Nachdem er eine Weile im Falafel-Imbiss seiner Mutter geholfen hat, nimmt er einen Job als Strandreiniger an. Eines Abends, als er nach der Arbeit am Meer sitzt, gesellt sich eine junge Frau zu ihm. Sie findet Gefallen an ihm, die romantische Kulisse tut das Übrige, und bei Sonnenaufgang sind sie ein Liebespaar im ersten Stadium.Stereotype Figuren
„Sie lächelt und bemerkt, er sei ein hübscher junger Mann, worauf er erwidert, sie sei sein Licht in der Wildnis. Plötzlich bekennt er, sein wirklicher Name sei nicht Oz. Er nennt den richtigen. Ein arabischer Name, kein Zweifel. Außerdem arbeite er als Reinigungsarbeiter am Strand.“Ihr Blick bleibt auf die Wellen geheftet. Nach einigen Augenblicken steht sie auf, sein Hemd gleitet von ihrem Körper auf den Sand. Sie geht.“
Solche mal deutlichen, mal fast unmerklichen Gesten der Ablehnung sind ein Leitmotiv des Romans. Ein wiederkehrendes Problem der palästinensischen Literatur ist die Verengung auf die eigenen politisch-historischen Narrative und Sprachregelungen. Von den Gründen für die harten Kontrollen und Razzien – etwa den zahlreichen Bus-Attentaten – ist meist ebenso wenig die Rede wie von historischen Fehlern der arabischen Seite. Eine stereotype Figur ist der brutale israelische Besatzungssoldat; palästinensische Terroristen dagegen kommen nicht vor.Quelle: Adania Shibli – Täuschung
Freundlichkeit nützt nichts
Vor diesem Hintergrund erscheint Shiblis Roman jedoch vergleichsweise differenziert, indem er zunächst erstaunlich freundliche und solidarische israelische Figuren zeichnet. Dazu gehört ein Psychiater, für den die Studentin nebenbei arbeitet: Sie putzt die Wohnung einer seiner Patientinnen, die am Messie-Syndrom leidet. Auch diese Israelin ist sehr dankbar für die Arbeit der Studentin, sie bietet ihr schließlich sogar an, ihre Seminararbeiten auf dem Computer abzuschreiben und dabei ihr Hebräisch zu korrigieren. Mehr noch: Diese Frau erzählt davon, dass sie für eine Organisation arbeitet, die sich um Versöhnung bemüht und gemeinsame Projekte von Israelis und Palästinensern finanziert.Friede und Unterdrückung
Die Studentin zuckt dazu nur mit den Mundwinkeln. Aber die Erzählerin bricht die Fiktion an dieser Stelle auf und schreibt, was ihre Figur hier entgegnen sollte:Sie müsste zum Beispiel sagen: Friede wird nicht durch materielle Hilfe, also durch die Verbesserung der Lebensbedingungen im Rahmen der Unterdrückung erreicht, sondern nur durch das Ende der Unterdrückung.
„Oder sie könnte sagen: Die Unterschiede in den Lebensbedingungen zwischen Palästinensern und Israelis rühren daher, dass eine Seite unter Kolonial- und Besatzungsbedingungen lebt, eine andere dagegen diese Bedingungen schafft und aufrechterhält.“ Gemeinsame Kulturprojekte seien unter diesen Bedingungen nichts als „Phantasterei“. Schließlich kommt der Moment, in dem auch diese Frau – wegen der vielen Attentate – die Palästinenser als „Terroristen“ bezeichnet.Quelle: Adania Shibli – Täuschung
Palästinensische Narrative
Dass Adania Shibli von dieser moralischen Verurteilung wenig hält und die Bezeichnung „Terrorist“ für sie wohl nur Sprache der Besatzer und ihrer Sympathisanten ist, zeigt sich, wenn sie den Papagei im Studentenwohnheim am Ende „Friede sei mit dir, Palästinenser Terroristen“ schreien lässt. Ihr Roman ist zum Glück subtiler als die an manchen Stellen durchscheinende Propaganda. Die Lähmung des Lebens und das Unrecht in den besetzten Gebieten, die vielen Demütigungen und enttäuschten Hoffnungen – davon hat man selten so eindringlich gelesen wie in diesem Roman.Fri, 18 Sep 2026 - 07min - 8070 - „Erst verdoppelt, dann verdreifacht“
Zwei große Regale mit englischen Büchern
Immer mehr Buchläden bieten englische Bücher an. Auch Bücher Bender in Mannheim, eine der ältesten Buchhandlungen in Deutschland. Eine rote Teppichtreppe führt ins Untergeschoss. Dort findet man zwei große Regale mit englischen Büchern. „2022, also nach Corona, hatten wir eine Verdopplung an englischen Taschenbüchern“, sagt Buchhändlerin Christine Schneider, die das Fremdsprachensortiment betreut. „Und seit 2023 hat sich der Umsatz sogar verdreifacht.“Keine Schwellenangst bei Bücher Bender
Es sind vor allem junge Leute, die die englischen Bücher kaufen. Die aktuelle PISA-Studie attestiert deutschen 15-Jährigen zwar ein dramatisch abnehmendes Leseverständnis, Christine Schneiders Eindruck im Laden aber ist ein anderer: „Ich habe das Gefühl, dass die jungen Leute wieder mehr lesen und auch keine Schwellenangst mehr haben.“ Früher trauten sich junge Leute oft nicht in die Buchhandlung, erinnert sie sich. „Das sah vielleicht zu elitär aus, schien nur für „Gebildete“. Heute aber laufen die ganz unbefangen in die Läden rein. Sie gucken sich alles an und wollen auch wieder wirklich ein Buch in der Hand haben.“Englische Klassiker im Insel-Verlag
Die Lust am Papierbuch ist sicherlich auch Booktok und Bookstagram zu verdanken, den vielen kleinen Videos, in denen junge Leserinnen und Leser Bücher besprechen und empfehlen. Wichtig ist eine angesagte Gestaltung, oft mit mehrfarbigem Buchschnitt oder beigelegten Charakterkarten zu den Protagonisten. So werden inzwischen auch Klassiker angeboten – und gerne gekauft. Seit 2025 bietet auch der deutsche Insel-Verlag englischsprachige Klassiker an. „Die sind sehr schön gemacht“, sagt Christine Schneider auf SWR Kultur. „Sie kosten nur so viel wie Taschenbücher, haben aber einen festen Einband. Das kommt unheimlich gut an.“Buchhandelsketten unterbieten kleinere Buchläden
Neben Insel verlegen auch die Verlage Hanser und Piper einzelne Titel im englischen Original, etwa von T.C. Boyle und von Allen Levi. Das ist neu, aber bislang doch eher eine Nische. Was wichtig ist: Bücher aus deutschen Verlagen unterliegen der Buchpreisbindung, kosten also überall dasselbe. Bei importierten Büchern hingegen variiert der Preis. Große Ketten wie Thalia können die Bücher etwas billiger anbieten und kleineren Buchläden damit die jungen Käufer wegschnappen. „Die 12 bis 16-Jährigen gucken auf den Preis und holen ihre Bücher eher bei den Ketten“, beobachtet Christine Schneider. Die Generation 20+ aber geht auch gern in die unabhängigen Buchläden. „Die achten dann eher auf die schöne Auswahl. Denen ist der Preis nicht mehr ganz so wichtig.“Fri, 18 Sep 2026 - 08min - 8069 - lesenswert Magazin mit neuen Büchern von Karosh Taha, Adania Shibli, Cristina Rivera Garza, Souvankham Thammavongsa und einem Gespräch über englische Literatur im BuchhandelFri, 18 Sep 2026 - 55min
- 8068 - Die Grenzen des grünen Kapitalismus
Die Atacama-Wüste in Chile gilt als einer der trockensten Orte der Erde. Darunter liegt ein wertvoller Rohstoff: Lithium, das „weiße Gold". Lithium steckt in Batterien von Elektroautos und ist damit ein wichtiger Teil der Energiewende. In der Atacama-Wüste, so weit das Auge reicht: Pumpen, Verdunstungsbecken, riesige Salzseen, die langsam ausgepresst werden. Und am Rand dieser Zone: indigene Gemeinschaften, die um ihr Wasser kämpfen. Wasser, das sie zum Überleben brauchen.
Trotzdem behaupten jene, die sich weniger für die Menschen oder die Ökologie der Region, sondern vor allem für die dort lagernden Rohstoffe interessieren, die Atacama-Salzwüste sei leer und leblos.
Quelle: Thea Riofrancos – Extraktion
Neokoloniales Muster
Mit dieser Exkursion beginnt Thea Riofrancos ihr Buch. Die amerikanische Politökonomin schreibt über bestehende und geplante Lithium-Abbaugebiete in Chile, Argentinien und Australien, in Portugal und Serbien, mit erheblichem Wasserverbrauch und mit toxischen Rückständen. Riofrancos hat mit Angehörigen der indigenen Gemeinden, die gegen die Konzerne klagen, gesprochen. Und mit Bergbaulobbyisten, die sich als Retter des Klimas verstehen. Ihre zentrale These ist unbequem: Wir bekämpfen den Klimawandel mit einer Energiewende, die auf denselben Logiken beruht wie das fossile System, das wir überwinden wollen: Die Ausbeutung von Ressourcen. Lieferketten, deren soziale und ökologische Kosten von armen Gemeinschaften im Globalen Süden getragen werden, während der Nutzen und die Profite bei Autofahrern und Aktionären im Norden landen. Riofrancos nennt das „grünen Extraktivismus“ – und zeigt, wie dieses neokoloniale Muster funktioniert: „Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass der Abbau von Bodenschätzen verringert werden muss. Eines ist klar: Der Wettlauf zu neuen Grenzen der Ressourcenerschließung wird durch den unstillbaren Hunger auf Rohstoffe angefacht, die gebraucht werden, um die Fabriken des globalen Kapitalismus anzutreiben, die vor allem den Konsum der Reichen ermöglichen.“Verschiedene Null-Emissions-Szenarien
Das Buch ist viel mehr als ein politisches Plädoyer: Es ist eine penibel berechnete Analyse. Mit einem Team von Ingenieuren und Verkehrsexperten hat Riofrancos Modelle entwickelt, die verschiedene Null-Emissions-Szenarien miteinander vergleichen. Wenn man, so ihre Erkenntnis, statt des einfachen Austauschs „Verbrenner gegen Elektroauto" einen anderen Weg einschlagen würde – dichtere Städte, massiver Ausbau von Bus, Bahn, Fahrrad, kleinere Batterien, konsequentes Recycling, dann könnte der Lithiumbedarf um zwei Drittel sinken. Das ist keine Utopie, das ist wohlkalkulierte Industrieökologie. Das Klima lässt sich nicht retten, indem man die bestehende Autogesellschaft elektrifiziert. Wer das behauptet, tut das oft nicht aus klimapolitischer Überzeugung, sondern weil mächtige Industrien – Automobilhersteller, Bergbaukonzerne, Finanzinvestoren – von genau diesem Szenario profitieren.Weniger Individualverkehr - mehr Lebensqualität
Heißt das weniger Lebensqualität? Nein, meint Riofrancos. Dichte Städte, kurze Wege, guter öffentlicher Nahverkehr: Das ist kein Rückschritt, das ist eine andere, attraktivere Form des städtischen Lebens.Wir können uns der beängstigenden Realität zunehmender politischer, wirtschaftlicher und ökologischer Instabilität nicht entziehen. Die Turbulenzen erfassen alles einschließlich der materiellen Grundlagen der Energiewende.
Das Buch endet nicht in Resignation. Die Lieferketten des grünen Kapitalismus verbinden Menschen, die meist wenig voneinander wissen: Bergbaugegner in den Anden, Busfahrerinnen in Berlin, Gewerkschaftler in Batteriefabriken in Thüringen, Radaktivisten in Kopenhagen. Diese Menschen kämpfen scheinbar um verschiedene Dinge – aber Riofrancos sieht hier das Potential einer neuen, globalen Koalition, die faktisch gegen dieselbe Logik ankämpft. Sie hat ein Buch vorgelegt, das man in seiner Aktualität kaum überschätzen kann. Wer bei Klimapolitik mitreden möchte, kann diese klarsichtige Analyse nicht ignorieren.Quelle: Thea Riofrancos – Extraktion
Wed, 16 Sep 2026 - 04min - 8067 - Auf „alten Pfaden“ zu neuen Wegen: Alexa Hennig von Langes neuer Roman
Eine Wanderung durch die raue Landschaft der schottischen Highlands verspricht Abenteuer und Magie – und genügend Zeit zum Nachdenken. Für Lilianes Vater Klaus ist diese Wanderung auch eine Rückkehr zu sich selbst. Mit neunundachtzig Jahren möchte er die gleiche Strecke zurücklegen wie einst als junger Architekturstudent. Von Beginn an ist klar, dass dies sein letzter Weg sein soll.
Reise mit Risiko
Sie sah, dass ihr Vater starb.
„Man spürte es, auch wenn man es noch nie zuvor erlebt hatte. So fühlte sich die Gegenwart eines Menschen an, der schon nicht mehr ganz da war, der flüchtig wurde, der sich auflöste. Sie war nicht bereit, ihren Vater gehen zu lassen.“ Also beschließt Liliane, ihren Vater auf der riskanten Reise zu begleiten – entgegen jeglicher ärztlichen Mahnung und dem vernünftigen Rat ihres Ex-Mannes. So stolpert die Schriftstellerin, nur mit luftigen Strandschuhen und einem Stoffbeutel ausgerüstet, ihrem sturen Vater hinterher, der sich selbst aus dem Krankenhaus entlässt, um in die Highlands aufzubrechen.Quelle: Alexa Hennig von Lange - Alte Pfade
Auf den Spuren alter Prägungen
Alexa Hennig von Lange zeichnet ihre Figuren so zerklüftet und rau wie die schottische Landschaft. Sie liefert sie der Natur und ihren Gefühlen schutzlos aus, zwingt sie zur Besinnung.Vielleicht hatte sie sich aus ihrer Ehe befreit; aber gleichzeitig war in ihr noch immer dieses unmündige Kind, das seinem Vater folgte, egal, wohin er ging.
Die alten Pfade der Highlands führen Liliane und Klaus zurück in steinige Erinnerungen und kindliche Muster. Das Verhältnis der beiden ist ambivalent angespannt. Der Vater verachtet jede Art von Schwäche. Diese Eigenschaft erkennt sie auch in sich selbst. Daran ist schließlich auch ihre Ehe gescheitert. Eine Wiederholung der Familienkrise ihrer Kindheit, für die sie ihren Vater verantwortlich macht. Doch dieser trägt seine eigenen Lasten mit sich, die im Laufe der Wanderung immer gewichtiger werden.Quelle: Alexa Hennig von Lange - Alte Pfade
Was am Ende des Weges bleibt
Durch geschickt gewählte Vorgriffe und Rückblicke verleiht Alexa Hennig von Lange ihrem Roman eine authentische Rahmung, die einen packt und unabdingbar Teil der Reise werden lässt.Auch sie fragte sich, ob noch etwas von der jungen Frau in ihr lebte, die einst zwischen Disziplin und Haltlosigkeit am Abgrund entlanggewandelt war; überzeugt, ihr Leben im Griff zu haben.
„Eine Vierundzwanzigjährige, in der sich tektonische Platten verschoben, die so hart arbeitete wie ihr Vater, viel zu viel Alkohol trank und mit viel zu vielen Männern schlief, um sich niemals so abhängig zu fühlen wie ihre Mutter“, erinnert sich die Protagonistin. Die Rückblicke auf Lilianes bewegte Jugend erinnern an „Relax“, den erfolgreichen Debütroman der Autorin. Es scheint, als reflektiert sie in „Alte Pfade“ den jugendlichen Taumel aus der Distanz einer späteren Lebensphase.Quelle: Alexa Hennig von Lange - Alte Pfade
Ein Gefühl der Hoffnung
Alexa Hennig von Lange hat sich viel vorgenommen. Sie erzählt von Kriegstraumata, Beziehungskrisen, Geschlechterrollen, Suizid, von Liebe und Abschied. Bei dieser Vielfalt an gewichtigen Themen fehlt streckenweise leider der nötige Tiefgang. Doch „Alte Pfade“ überzeugt durch das ungeschönte menschliche Gefühl, das aus den aufreibenden Dialogen hervorgeht.Das Leben war voller Herausforderungen. Und Liliane hatte gelernt, sie sofort und ohne Drama anzunehmen. Diese Fähigkeit hatte sie allein ihrem Vater zu verdanken.
Alexa Hennig von Lange stellt wichtige Fragen an das Leben. Nicht immer findet ihr Roman eine Antwort – doch er hinterlässt Hoffnung, auf dem richtigen Weg zu sein.Quelle: Alexa Hennig von Lange - Alte Pfade
Tue, 15 Sep 2026 - 03min - 8066 - Blättern in einem fremden Familienalbum
Die gute Oma Jever. Wer die Martin Schlosser-Romane von Gerhard Henschel kennt, hat auch die nette alte Dame als Herz der Familie kennengelernt. Zwölf Bände der Schlosser-Reihe, vom „Kindheitsroman“ bis zum „Großstadtroman“, liegen derzeit vor, ein Ende ist nicht abzusehen. Henschel bildet damit den eigenen Lebensweg so detailliert und minutiös ab, dass man sich fragt, ob er überhaupt je in der Gegenwart ankommt, weil das Aufschreiben des Lebens und die Rekonstruktion der Sachverhalte vermutlich länger dauern als das Leben selbst.
Briefbogen eines Jahrhunderts
„Oma Jever“ ist nun eine Art Single-Auskoppelung. Damit setzt Henschel noch einmal und noch tiefer in der Vergangenheit an, und zwar genau am 7. August 1906, als Emma Magda Gerhardine Thoben in der Feldartilleriekaserne in Breisach im Breisgau geboren wurde. Zusammen mit ihren Eltern kam sie 1913 an ihrem Lebensort Jever an, wo der Vater eine Stelle als Oberbahnhofsassistent antrat und wo sie 1928 Gepke Lüttjes heiratete. Der Briefbogen reicht bis 1996, deckt also zwei Weltkriege, zwei Republiken, Kaiserreich und NS-Zeit ab, auch wenn von all dem erstaunlich wenig die Rede ist. Im Alltag vollzieht sich Geschichte auf einer anderen Ebene. Die Briefe berichten von Zoobesuchen, von Stirnhöhlenvereiterung und Nierenschwäche, vom Obsteinmachen und von Geldsorgen, vom Wetter, vom Kinderkriegen und bald auch von der wachsenden Enkelschar. Das plaudert und plätschert so dahin und einmal quer durchs 20. Jahrhundert, ganz so, als würde man als Gast bei einer fremden Familie auf dem Sofa sitzen und das Fotoalbum durchblättern müssen, ohne zu wissen, warum man sich für den Abschlussball von Tante Gisela oder den Garten von Opa Friedrich jetzt eigentlich interessieren soll.In diesem munteren Ton hat sie dann noch über sieben Jahrzehnte hinweg ihre Briefe geschrieben, die inzwischen mehrere Ordner in meinem Archivkeller füllen.
Quelle: Gerhard Henschel - Oma Jever
Dokumentation im Maßstab 1:1
Gerhard Henschel hat also sehr viel Material, und es scheint so, als hätte er alles ausgebreitet und nichts weggelassen. Für ihn ist alles interessant, allein deshalb, weil es Vergangenheit versammelt. Sein Ideal ist, das Leben im Maßstab 1:1 einzufangen. Doch wer soll das alles lesen? Das Vorbild Walter Kempowski, mit dem Henschel befreundet war und dessen Literatur ebenfalls aus dem Archiv heraus entstand, ist unübersehbar. Nur: „Oma Jever“ ist – auch wenn das Buch als „Roman“ ausgewiesen wird – keine Literatur. Es bietet keinen erzählerischen Ansatz und bleibt auch als Dokumentation unbefriedigend. Brief folgt auf Brief, dazwischen gibt es lediglich kurze kommentierende oder moderierende Sätze des Präsentators, mal schmunzelnd, …Da wäre man aber gerne dabei gewesen!
… mal besserwisserisch, wenn es im Februar 1945 zu Emmas vom Amt abgelehnter Bitte um einen Bezugsschein für ein paar Schuhe heißt:Quelle: Gerhard Henschel - Oma Jever
Das war der Dank des Vaterlandes für Emmas treue Dienste.
Quelle: Gerhard Henschel - Oma Jever
Alltag und Geschichte
Es ist nun aber doch so, dass man sowohl über den Nationalsozialismus als auch über das bundesrepublikanische innerfamiliäre Schweigen über die Vorgeschichte hinreichend informiert ist. Auch die Erkenntnis, dass der Alltag der Menschen parallel zur Zeitgeschichte verläuft, ist nicht sonderlich originell. Henschel betreibt einen großen dokumentarischen Aufwand mit einem sehr geringen Ertrag. Ja, auch Oma Jever schwärmte für den Führer, und der Opa schickte von der Ostfront antisemitische Tiraden, dass es einem die Schuhe auszieht. Der Rest sind Likörchen und Pralinen zum Muttertag, Rasenmäherlärm von nebenan, Zahnarztbesuche und was das Leben alles so mit sich bringt. Die wenigen interessanten Dokumente gehen in der Masse des Alltäglichen unter. Es ist eben nicht alles Private bewahrens- und mitteilenswert, nur weil es einmal stattgefunden hat.Sun, 13 Sep 2026 - 04min - 8065 - Blick aufs Dasein aus der Fliegenperspektive
Fliegen sehen die Welt anders. In explosiven Zickzack-Flügen jagen sie durch den Raum und nehmen mit ihren Facettenaugen Details wahr, die uns Menschen verborgen bleiben. Genau dieses visuelle Experiment wagt Dora Kaprálová in ihrem neuen Buch: Sie blickt aus der Fliegenperspektive auf das Dasein. Die slowenische Stadt Maribor, wo sich die Autorin zwei Wochen aufhält, wird für sie in ihrem poetischen Essay „zum Labor der Welt“. „Es ist die Frage, was ist das wichtigste Thema dieses Buchs. Ich glaube, dass ich keine eindeutige Antwort habe. Aber im Prinzip geht es immer um das Leben und im Leben geht es vor allem um die Liebe, sonst leben wir nicht mehr,“ beschreibt Kaprálová.
Ein bizarres Liebespaar
Tatsächlich sträubt sich das Buch dagegen, auf einen Punkt gebracht zu werden. Kaprálovás stroboskopisches Erzählen schafft immer neue Assoziationsräume. Mit insektenhafter Leichtigkeit tupft sie unterschiedlichste Bereiche an, springt von der dokumentarischen Erkundung der Stadt „an der Grenze zwischen Licht und Dunkel“ übergangslos ins Phantastische. Und sie schaut gleich einer wachsamen Träumerin aus der unübersichtlichen Gegenwart zurück auf die gewalttätige Geschichte des 20. Jahrhunderts. Inmitten der politischen Wirren bewegt sich ein bizarres Liebespaar wie enthoben vom Gewicht der Welt mit spielerischer Eleganz: der Hypnotiseur Leo Svengali und seine Gehilfin Elis. „‚Sie haben Blumen auf Ihrem Kleid, sind das zufällig Pfingstrosen?‘, sagt Svengali in reinem Slowenisch, ohne ungeschickt zu stottern und verbeugt sich leicht. ‚Damit ich Sie besser sehen kann. Die Pfingstrosen sind meine Augen …‘, summt die zierliche Frau ihre Antwort anmutig. Elis, stellt sie sich vor und Leo küsst ihre Hand.“ Neben den beiden Verliebten geraten immer wieder historische Figuren ins Blickfeld: der jugoslawische Staatschef Tito, der von Elis besessen und daher für einen Moment machtlos ist, oder der russische Wanderprediger Rasputin. Sie alle bewegen sich durch den Text wie allegorische Traumgestalten. Der tschechische Satiriker Jaroslav Hašek steht als literarischer Pate für den humorvoll-melancholischen Ton des Buches im Hintergrund, den Dora Kaprálová so charakterisiert: „Humor funktioniert nur zusammen mit Melancholie für mich. Humor ist eine ganz ernste Sache und eine Waffe, die hilft, innere Freude zu finden oder diese fröhliche Beklommenheit.“Weiße und schwarze Magie
Der Hypnotiseur Svengali wird nicht nur zum Fixpunkt des Buches, sondern auch zu einem literarischen Spiegel der Autorin. Seine Magie und ihr Schreiben sind eng verwandt. Svengali ist ein Grenzgänger, der – wie Dora Kaprálová – die Trennlinie zwischen Realität und Fiktion verwischt. Seine Kunst ermöglicht es den Menschen, die Schönheit und den Schrecken des Seins gleichzeitig zu erleben. Schon als Kind hat er verstanden:Dass Illusionen einen vorübergehenden Trost bringen können, auch wenn sie mit zunehmender Zeit verheerend sind.
„Man zählt nur die, die nicht schaden, Illusionen des vergänglichen Augenblicks, die gar nichts mit der heimtückischen Fiktion zu tun haben, die sich in unserer Welt wie Fliegenpest ausbreitet.“Quelle: Dora Kaprálová – Die Mariborhypnose
Was Desinformation mit einer Gesellschaft macht
Der Buchtitel „Die Mariborhypnose“ bezeichnet exakt diese Ambivalenz. Svengalis menschenfreundliche „weiße Magie“ prallt auf eine zerstörerische „schwarze Magie“. Dora Kaprálová macht erfahrbar, wie leicht Gesellschaften durch gezielte Desinformation in kollektive Trancezustände und Massenhysterie versetzt werden können. Sinnbild dafür ist Daša, eine einsame 80-Jährige, die empfänglich für Gehirnwäsche ist und in Wladimir Putin den Retter der Welt sieht. „Wenn ich gegen etwas schreibe, dann gegen Fanatismus, gegen diese düstere, dunkle Seite der menschlichen Seelen. Aber vielleicht würde ich das andersrum sagen, ich schreibe aus innerer reiner Freude, ich möchte diese unglaubliche Schönheit des Lebens zeigen.“ Dora Kaprálová setzt genau hier an: Sie zeigt mit „radikaler Zärtlichkeit“ die Schönheit des Lebens, ohne die Grausamkeit auszublenden. „Für alles ist es zu spät, nur nicht für die Liebe“, schreibt sie am Ende. Ihr Buch ist nicht zuletzt eine Feier der Liebe als höchste Form der Hypnose.Fri, 11 Sep 2026 - 04min - 8064 - „Eine sehr tschechische Art, nichts ernst zu nehmen“: Übersetzerin Daniela Pusch über „Der Vorhang“
Eine Familie bucht eine Zeitreise in die stalinistische Tschechoslowakei der 1950er-Jahre. Was als historisches Rollenspiel beginnt, gerät in Ondřej Hübls Roman „Der Vorhang“ zunehmend außer Kontrolle. Für Übersetzerin Daniela Pusch liegt gerade in diesem Spiel mit Kulisse und Wirklichkeit der besondere Reiz des Romans.
Die Parallelen zwischen Gestern und Heute
Hübl blickt auf die kommunistische Vergangenheit in Tschechien aus einer sehr heutigen Perspektive. Künstliche Intelligenz, autonomes Fahren und digitales Datensammeln treffen auf die Überwachung der 1950er-Jahre. Daniela Pusch sieht darin eine interessante Parallele: Menschen konnten auch damals erstaunlich „gläsern“ sein – ganz ohne moderne Technik.Wenn Humor übersetzt werden muss
In Tschechien wurde „Der Vorhang“ auch kontrovers diskutiert: Darf man die totalitäre Vergangenheit derart überzeichnen und zur grotesken Kulissenwelt machen? Gerade daraus entsteht für Pusch die Spannung des Romans – zwischen leichter Unterhaltung und einem „Gruseln im Hintergrund“. Für die Übersetzung war vor allem Hübls Humor eine Herausforderung. Wortspiele, Anspielungen und kulturelle Erinnerungen funktionieren im Deutschen nicht automatisch. Pusch erkennt darin auch eine tschechische Neigung zur Selbstironie: Selbst ernste Dinge würden gerne „durch den Kakao gezogen“ – manchmal bis hin zum Galgenhumor.Fri, 11 Sep 2026 - 08min - 8063 - Neue Bücher von Jarka Kubsova, Jonáš Zbořil, Dora Kaprálová, Dorota Ambrožová und Ondřej HüblFri, 11 Sep 2026 - 55min
- 8062 - Leseland Tschechien
Die Germanistin Barbora Sramkova blättert in gebundenen Notizbüchern. Sie sind außen himmelblau und innen eng auf Tschechisch beschrieben. „Ich habe hier drei Hefte von mir. Meistens steht da ‚Ctenarsky a kulturni denik – also Lesetagbuch und Kulturtagebuch.‘ Wir sollten damals auch unsere Theaterbesuche oder andere kulturelle Erlebnisse festhalten“, beschreibt sie. „Das älteste ist aus der fünften Klasse, Jahrgang 83/84. Ja, hier haben wir den Shakespeare. Das ist die Geschichte der tragischen Liebe von Romeo und Julia. 1,2,3,4 Seiten.“
Zehn Bücher pro Jahr
Diese Lesetagebücher mussten früher alle tschechischen Schülerinnen und Schüler führen. Sie wurden benotet, waren aber auch eine gute Vorbereitung für das Abitur. Rund zehn Bücher sollten pro Jahr gelesen werden, erinnert sich die heutige Deutschlehrerin. Neben Weltliteratur vor allem tschechische und slowakische Klassiker. Auf dem Gymnasium erhielt sie ein rettendes Geschenk von ihrem Vater. Ein altes Heft von der Großmutter seines Mitschülers. „Das war ein Lesetagebuch, das diese Frau in den Zwanzigern des 20. Jahrhunderts geschrieben hat. Es deckte sich zum großen Teil mit unserer Lektüre. Evzen Onegin von Puschkin. Svatopluk Cech oder die Babicka von Bozena Nemcova.“ Sie gibt zu: „Ich kann mich erinnern, dass ich ein bisschen abgeschrieben habe. Natürlich musste ich die Sprache ändern, dass es nicht so veraltet klingt. Aber es hat mir schon geholfen, das gebe ich zu nach 40 Jahren.“ Ihrem Sohn nützt das 100 Jahre alte Lesetagebuch an seinem Gymnasium nicht mehr so viel. Pflichtlektüre gibt es nicht mehr – außerdem werden viel mehr zeitgenössische Autorinnen und Autoren aus Tschechien und der ganzen Welt gelesen.Lesetagebücher sind immer noch beliebt
Literatur spielt aber noch immer eine große Rolle. Tschechien definiert sich als Kultur- und Sprachnation. Manche Schulen setzen weiterhin auf klassische Lesetagebücher. Andere sind flexibler, wie die Jecna-Schule im Zentrum von Prag, an der Barbora Sramkova unterrichtet. Praktisch jede Schule hat eine Bücherei und arbeitet darüber hinaus mit Stadtbüchereien zusammen – zum Bücheraustausch, für Workshops und um Kinder früh zu Leserinnen und Lesern zu machen. Tschechien verfügt über das dichteste Bibliotheksnetz der Welt. Nach 1919 musste jeder Ort mit mehr als 400 Einwohnern eine öffentliche Bücherei einrichten, erklärt Vendula Havrdova. Sie leitet hier die Bücherei und unterrichtet Kinder bis zur 9. Klasse: „Wir freuen uns, dass unser Bibliotheksraum bald renoviert wird. Denn wir wollen aus ihm einen Treffpunkt machen, wo Kinder lesen und sich unterhalten können.“ Für ihren Unterricht erstellt die Tschechisch-Lehrerin eigene Lese-Arbeitsblätter. Sie lässt Comics zeichnen oder Theaterszenen entwerfen: „Ich erinnere mich, dass ich mit 17 Jahren Kafka lesen musste. Damals war das für mich unzugänglich. Also habe ich eine Inhaltsangabe aus irgendeinem Literaturlexikon abgeschrieben. Das bringt nichts.“ „Meine Lesetagebücher funktionieren anders: Die Schüler beschreiben eine Situation aus einem Buch, die sie nie erleben wollen oder sie tragen vor, was sie der Hauptperson raten würden. Jüngere zeichnen eine Hand und schreiben fünf Eigenschaften der Hauptfigur dazu und überlegen, was sie gemeinsam haben.“Auch in Tschechien wird weniger gelesen
Tschechinnen und Tschechen besitzen noch oft große Hausbibliotheken. Sie lesen überdurchschnittlich viel und lang. Aber immer weniger. In der aktuellen PISA-Studie schneiden tschechische Jugendliche vor allem bei der Lesekompetenz schlechter ab. Sie sind zwar noch besser als die Deutschen und die meisten anderen OECD-Länder. Auch beim Lernen in der digitalen Welt ist Tschechien überdurchschnittlich gut. Doch auch die Abhängigkeit des Lese- und Lernerfolgs von sozialen Faktoren besorgt die Fachwelt. Umso wichtiger sind die Schulen, findet die Tschechisch-Lehrerin Lucie Odvarkova: „Wir bemühen uns sehr, diesen Trend aufzuhalten. Es gibt kaum noch klassischen Literaturunterricht mit Auswendiglernen von Inhalten. Wir arbeiten zum Beispiel mit Lese-Werkstätten, wo jedes Kind ein eigenes Buch mitbringt, im Unterricht liest und dann zu Hause weiter“, so die Lehrerin. „Ich versuche auch, ganz unterschiedliche Bücher anzubieten. Ich habe weder etwas gegen Comics, gegen Sportler-Biografien oder gegen Mangas.“ In den sozialen Medien folgt die Lehrerin Influencern, die neue Bücher für bestimmte Klassenstufen empfehlen.Bookfluencer werden wichtiger
Auch Bibliotheks-Youtuber gibt es inzwischen in Tschechien: Mit Tipps zur Einrichtung von Lese-Ecken oder für Krimi-Workshops in Schulen. Ohnehin erweist sich das traditionsbewusste Tschechien als ausgesprochen experimentierfreudig, wenn es darum geht, Lust am Lesen zu wecken. E-Books und Tablets sind häufig Teil des Unterrichts. Auch Podcasts oder Hörbücher mit dazugehörigen Texten zum Mitlesen nutzen die Lehrerinnen. Besonders im Tschechischen sei das wichtig. Die slawische Sprache gilt als äußerst anspruchsvoll. Der Unterschied zwischen gesprochener und geschriebener Sprache ist groß. Lucie Odvarkova sieht folgende Möglichkeiten: „Lesen kann den Schülern beim Tschechisch lernen helfen. Gleichzeitig ist es für Kinder, die mit der Sprache kämpfen, schwieriger, ganze Bücher zu lesen. Zum Glück gibt es Comic-Bearbeitungen von bekannten Werken oder Klassiker in leichter Sprache. So versuchen wir, diesen Teufelskreis zu durchbrechen.“ Die Lese-Expertin Irena Prazova von der Prager Karls-Universität gibt den beiden Lehrerinnen recht: „Unsere Untersuchungen zu Pandemie-Zeiten haben uns gezeigt, dass wir digitale Technologien nicht verurteilen sollten. Sie sind ein Bestandteil unseres Lebens und wir sollten sie nutzen, um Kinder auf die eine oder andere Art zum Lesen zu bringen. Dabei ist es egal, was sie lesen. Hauptsache sie lesen.“Fri, 11 Sep 2026 - 06min - 8061 - Der neueste Weird-Fiction-Erfolg aus Tschechien: Jonáš Zbořils Debütroman „Flora“
Es ist heiß in dieser Romanwelt, auch im Winter - Umweltkatastrophen sind alltäglich geworden. In der Steppe vor den Toren einer Stadt erobert sich die Natur ein Areal zurück. Es wuchern Süßgras, Bärlauch und Staudenknöterich. Hier lebt das junge Paar Sára und Adam. Auf einem nächtlichen Spaziergang finden sie ein kleines, fragiles Wesen, weder Mensch noch Tier. Aus seinem Körper ragen dünne Kabel wie Insektenbeine. Sie nehmen es mit nach Hause, in ihre Datsche, füttern es, geben ihm Babykleidung und legen es in einen Kinderwagen.
Vorsichtig schlage ich die grüne Fleecedecke zurück. Darunter ist es heiß. Hervor guckt ein gräulicher, runzeliger Kopf, ein paar krisselige Härchen, dunkelgläserne Augen – einem Fremden müssen sie leer erscheinen.
Quelle: Jonáš Zbořil – Flora
Ein Kind – aber so eins?
Sie nennen dieses stille, schnell wachsende Geschöpf Flora. Während Sára sofort Muttergefühle entwickelt, ist Adam eher abgeschreckt von „ihr“. Eigentlich wünschen sich Sara und Adam schon lange ein Kind. Aber so eins? Flora verändert die beiden auf eine Weise, die sie sich niemals hätten vorstellen können. Im Laufe eines Jahres wird „sie“ immer unheimlicher: „Technisch gesehen, sei das Ding eine neue Lebensform, behauptet Sára. Ich dachte, so etwas wie neue Lebensformen gibt es überhaupt nicht mehr. Mir ist gar nicht in den Sinn gekommen, dass es auf der Erde nicht nur ein Artensterben, sondern auch ein Artenentstehen geben könnte.“ Wo Flora ist, so scheint es, wird Totes wieder lebendig, wuchern neue Pflanzen, regnet es Insekten. Jonáš Zbořil entwirft in seinem Debütroman „Flora“ eine geheimnisvolle, beunruhigende, stellenweise sogar horrorartige Atmosphäre, stets nur mit Andeutungen: Nie ist ganz klar, ob von Flora Gefahr ausgeht oder ob sie vielmehr etwas zurückbringt, das die Menschen längst zerstört haben. „Nach der Arbeit experimentiere ich mit Flora. Ich lege verschiedene Sachen vor sie hin. Ein Buch. Ein altes Spielzeug. Sie reagiert jedes Mal gleich. Als ob sie die Sachen nicht berühren, nur etwas zu ihnen aussenden müsste. Das stärkste Interesse bekundet sie an lebenden Dingen: getestet an einem Blumentopf mit Ranken.“Vor allem aber scheint mir, dass das Interesse, das Flora an ihrer Umgebung zeigt, auch umgekehrt besteht. Die Umgebung zeigt Interesse an ihr.
Quelle: Jonáš Zbořil – Flora
Ein Wesen zwischen künstlich und lebendig
Die Steppe, von der Zbořil erzählt, gleicht einer Müllhalde, in der es nach reifem Obst riecht, obwohl sich in ihr alles sammelt, womit die Stadt nichts mehr anfangen kann. Hier leben die letzten unangepassten Menschen. Es ist eine raue Landschaft zwischen Zivilisation und Natur – so wie Flora ein Wesen zwischen künstlich und lebendig ist. Zbořil interessiert sich für das Hybride, das Dazwischen und was es hervorbringt. So muss man in seinem Roman auch zwischen den Zeilen lesen. Gerade dort, im Dazwischen, entfaltet er seine literarische Kraft. „Was erhält man, wenn man die Biosphäre umstülpt? Polymere? Pixel? Displays? Der helle Schein des Bildschirms stammt aus der Natur. Das Unterseekabel, durch das das Internet fließt, ist aus Natur. Meine Anmeldedaten sind aus Natur. Ich weiß nicht, ob es mich mit Staunen erfüllt, dass die Natur ihre Moleküle so zu verändern vermochte, dass daraus ein Cursor entstanden ist. Oder mit Angst.“ Klingt nach Science-Fiction? Ist aber gar nicht so abgefahren, wie es sich anhört. Die Welt in „Flora“ ist unserer Gegenwart nämlich gar nicht so unähnlich – nur leicht verschoben und überzeichnet. Forschende experimentieren tatsächlich mit sogenannten Xenobots: winzigen Strukturen aus lebenden Zellen, die sich bewegen und sogar weitere solcher Strukturen hervorbringen können. Zbořil treibt diese reale Forschung ins Fantastische weiter.Sára hat mir früher einmal davon erzählt. Von Wissenschaftlern, die biologische Maschinen aus Froschzellen gezüchtet haben. Künstliches Leben. Die Maschinen pflanzen sich eigenständig fort.
Quelle: Jonáš Zbořil – Flora
Weird Fiction – überraschend zärtlich
„Flora“ ist Weird Fiction, botanischer Horror und eine gruselige Novelle über Klimawandel, Elternschaft und Care-Arbeit, aber so überraschend zärtlich geschrieben, dass sie verwundert und verzaubert. Sophia Marzolff hat sie in einer klaren Sprache ins Deutsche übertragen. „Ich ziehe Flora langsam aus, streife den Schlafanzug über die Kabel, ziehe ihr die Schlafsocken an. Sie hängen an den kleinen Strümpfen herab. Dann nehme ich Flora auf den Arm, lege den harten Körper an meine Brust. Ich erzähle ihr vom roten Ballon.“ Adam liest Flora auch vor, unter anderem ein Gedicht, das auf das in Tschechien bekannte Märchen von Otesánek verweist: Ein kinderloses Paar nimmt einen Baumstumpf als Kind an – bis das zum Leben erwachte Wesen unstillbaren Hunger entwickelt. Auch Zbořil erzählt von einem Paar mit unerfülltem Kinderwunsch. Doch er versetzt das alte Motiv in eine Welt von Klimakrise und Biotechnologie. Aus dem Märchen vom unheimlichen Wunschkind wird ein Zukunftsmärchen über die Frage, was wir als lebendig, natürlich und schließlich als Familie begreifen. Außerdem kommt das Buch selbst ein wenig märchenhaft daher. Die Schrift schimmert leicht grün. Es gibt viel Weißraum und Illustrationen, die aussehen wie Gräser, die der Buchfalz entwachsen. Jonáš Zbořil setzt in „Flora“ ganz auf die Kraft der Fantasie, eine abgefahrene Mischung aus skurril, bedrohlich und hingebungsvoll.Fri, 11 Sep 2026 - 05min - 8060 - Die schwierigen Jahre: „Göre“ von Dorota Ambrožová
Wir sind ein Interessendreieck. Jeder von uns interessiert sich für einen der beiden anderen.
Hanka ist fünfzehn, als sie sich in den 33-jährigen „Doc“ verliebt. Er ist verheiratet mit Anna und Vater eines kleinen Sohnes. Mit seiner Familie lebt er im Haus gegenüber von Hanka, in einer namenlosen tschechischen Kleinstadt. Für Hanka allerdings steht fest: Zwischen ihr und dem erwachsenen Mann besteht etwas Besonderes. Sie beobachtet ihn aus dem Fenster, und wartet auf jede Gelegenheit, ihm näherzukommen. Als Anna an Krebs erkrankt, wittert Hanka ihre Chance: Sie bietet an, auf den Sohn der beiden aufzupassen.Quelle: Dorota Ambrožová – Göre
„Mama ahnt nicht, was für eine gefährliche Idee sie da hatte. Ich weiß es nur zu gut, und gerade deshalb geht sie mir nicht mehr aus dem Kopf.“
Quelle: Dorota Ambrožová – Göre
„Lolita“ mal anders
Die Ausgangslage erinnert an Nabokovs „Lolita“, doch Ambrožová dreht die Perspektive um. Im Mittelpunkt steht nicht die Rechtfertigung eines erwachsenen Mannes, sondern Hankas Blick auf ihr eigenes Begehren. Wir erleben ihre Schwärmerei unmittelbar und erkennen dabei zugleich etwas, das Hanka selbst noch nicht begreift: Dass sie den Doc begehrt, entbindet den Erwachsenen nicht von seiner Verantwortung. Der Doc weiß, dass Hanka minderjährig ist, und versucht zwar immer wieder, Abstand zu schaffen. Trotzdem bleibt sein Verhalten ambivalent, weil er Hankas Annäherungen nicht immer eindeutig zurückweist. Besonders heikel wird die Situation, als Anna bereits schwer krank ist: „Anna liegt im Sterben, fügt er nach einer Weile hinzu. Niemand weiß, wie lange sie noch leben wird. Ich nicke, aber seine Botschaft erreicht mich nicht. In meinem Kopf passiert gar nichts. Ich will denken, aber es geht nicht. Erneut neige ich mich zu ihm, erneut küssen wir uns.“Eine einsame Protagonistin
Man versteht Hankas Begehren, ohne es gutheißen zu müssen. Die Protagonistin selbst macht es einem nicht leicht. Sie ist zynisch, selbstgerecht und oft gemein. Mit ihrer Familie kommt sie schlecht zurecht, in der Schule langweilt sie sich und provoziert. Der Titel „Göre“ passt deshalb zunächst gut zu ihr. Doch je länger man Hanka begleitet, desto deutlicher wird, dass hinter ihrer demonstrativen Gleichgültigkeit ein großes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Anerkennung steckt. Gerade hier zeigt sich eine der Stärken des Romans: Ambrožová nimmt die großen Emotionen eines Teenagers ernst, denn Hanka ist vor allem eins: unglücklich. Sie zieht sich zurück und verliert das Interesse an Dingen, die eigentlich wichtig sein sollten. Ihre Zukunft lässt sie kalt: „Weihnachten naht schon wieder. Ich finde, immer naht irgendwas. Irgendwelche Meilensteine. Weihnachten, Ferien, Aufnahmeprüfungen an der Uni. Ich lebe von einem wichtigen Moment, der mich gar nicht interessiert, zum nächsten, der mich noch weniger interessiert.“Der Wunsch nach Anerkennung
Hanka möchte unbedingt als klug und begabt wahrgenommen werden, hält die Erwartungen, die daraus entstehen, aber kaum aus. Als ihre Lehrerin ihr sagt, sie könne an jeder Universität angenommen werden, kann die Ich-Erzählerin das kaum annehmen:„‚Du bist jetzt dabei, den Grundstein für deine Zukunft zu legen. Ich erwarte viel von dir, enttäusch mich nicht.‘ Damit killt sie mich. Vollends. Ich weine sogar auf dem Klo.“
Ambrožová begleitet Hanka über mehrere Jahre. Aus dem fünfzehnjährigen Mädchen wird langsam eine junge Frau, ohne dass es dabei den einen großen Moment der Erkenntnis gibt. Das ist eine wohltuende Abkehr vom klassischen Coming-of-Age-Muster: Hanka bekommt keine fertigen Antworten und wird auch nicht plötzlich vernünftig. Stattdessen verschiebt sich ihr Blick auf die Welt fast unmerklich.Quelle: Dorota Ambrožová – Göre
Eine gereifte Wahrnehmung der Menschen
Besonders überzeugend ist, dass dabei auch ihre Fixierung auf den Doc an Bedeutung verliert. Anna wird für Hanka irgendwann mehr als die Frau, die zwischen ihr und ihrem Wunsch steht. Sie beginnt, andere Menschen als eigenständige Personen mit eigenen Bedürfnissen und Verletzungen wahrzunehmen, und wird zunehmend reifer. Zu diesen neuen Beziehungen gehört auch ein literaturinteressierter Student, den Hanka selbst „den Literaten“ nennt. Er ist kein Retter und schon gar kein Ersatz für den Doc. Das ist eine kluge Entscheidung: Statt Hanka einfach die nächste romantische Beziehung zu geben, zeigt Ambrožová eine andere Form von Nähe. Bei ihm muss Hanka nicht begehrt werden, um sich wahrgenommen zu fühlen. Auch die Malerei wird für sie wichtiger. Sie bietet ihr einen Raum, in dem sie nicht darauf warten muss, von jemand anderem gesehen zu werden.Hankas Stimme überzeugt
Wie wenig geradlinig dieser Prozess ist, zeigt ein späterer Moment:„Ich beende mein Praktikum und informiere die Studienabteilung, dass ich mein Studium bis auf Weiteres unterbreche. Ich bin planlos und frei.“
Die größte Stärke des Romans ist Hankas Stimme. Ambrožová schreibt direkt, manchmal roh und mit einem trockenen, bissigen Humor.Quelle: Dorota Ambrožová – Göre
„Als mich meine Klassenlehrerin während der persönlichen Beratung in ihrem Büro fragt, wo ich mal hinwill, antworte ich, ins Bett vom Nachbarn.“
Quelle: Dorota Ambrožová – Göre
Der Blick auf sich und andere
Ihre Sätze wirken, als kämen sie unmittelbar aus dem Kopf einer Fünfzehnjährigen: übertrieben und überzeugt davon, dass ein einzelner Moment über das ganze Leben entscheidet. Hankas Gedanken springen und verrennen sich, Gefühle werden innerhalb weniger Sätze zu Gewissheiten und lösen sich ebenso schnell wieder auf. „Göre“ fesselt deshalb weniger durch große Wendungen als durch Hankas innere Unruhe und die fast unmerklichen Veränderungen in ihrem Blick auf sich und andere. Immer wieder öffnet Ambrožová den Blick über Hanka hinaus auf Familie, Schule, Arbeit und gesellschaftliche Erwartungen, doch diese Aspekte bleiben eher im Hintergrund. Ihre eigentliche Stärke liegt jedoch in der genauen Beobachtung ihrer Protagonistin, die sich erst einmal entwickeln darf. Vielleicht braucht sie dafür vor allem eines: Zeit. Und einen heranwachsenden präfrontalen Kortex, der bei den nächsten Entscheidungen hoffentlich etwas stärker mitredet.Fri, 11 Sep 2026 - 05min - 8059 - „Die Viktorka ist immer eine Leerstelle“
Jarka Kubsova ist für ihren neuen Roman „Im Licht des neuen Tages“ einer der rätselhaftesten Figuren der tschechischen Literatur gefolgt: Viktorka, bekannt aus Božena Němcovás Roman „Die Großmutter“. Doch Viktorka war keine Erfindung. Die junge Frau hat im 19. Jahrhundert tatsächlich gelebt.
Die wirkliche Frau hinter der Romanfigur
Über Viktorkas Leben ist nur wenig bekannt. Historische Dokumente legen jedoch nahe, dass ihr Schicksal anders verlief als in der literarischen Überlieferung. Besonders schwer wiegt die Behauptung, sie sei eine Kindsmörderin gewesen. Jarka Kubsova erzählt Viktorkas Leben nicht einfach historisch nach, sondern verwebt es mit dem einer Schriftstellerin, die in den böhmischen Wäldern Ruhe sucht.Zurück zu den eigenen Wurzeln
Auch für Kubsova selbst wurde die Arbeit am Roman zu einer Wiederannäherung an Tschechien. Sie kam als Zehnjährige aus der damaligen Tschechoslowakei nach Deutschland und entfernte sich lange von ihrer Herkunft. Durch die Recherche, sagt sie, habe sie diesen „Faden“ wieder aufgenommen, las viele tschechische Autorinnen und Autoren neu. Etwas begegnete ihr immer wieder: eine besondere „Gewitztheit“, ein kluger, ironischer und widerständiger Humor. Sie findet ihn bei Němcová ebenso wie beim „braven Soldaten Schwejk“ – und in der tschechischen Gegenwartsliteratur.Fri, 11 Sep 2026 - 07min - 8058 - Die Widerständigkeit der ukrainischen Literatur. Ukrainische Erzählungen zusammengestellt von Katja Petrowskaja
„Der Schaffner wollte die Kerzen nicht anzünden“, so heißt der sechste Band der im Wallstein Verlag entstehenden Ukrainischen Bibliothek. Es handelt sich dabei um eine Anthologie mit Erzählungen aus dem späten 19. Jahrhundert bis in die 1930er. Nur eine Ausnahme findet sich: Hryhir Tjutjunnyks „Drei Kuckucke und eine Verbeugung“ stammt aus dem Jahr 1976. Mychajlo Kozjubynskyi nimmt uns mit auf eine Zugfahrt, bei der ein patriotischer Landjunker, drei Frauen und ein schöner Offizier aufeinandertreffen. Der hält dem phrasenhaften Chauvinismus des Landjunkers nicht nur Worte entgegen, sondern auch die zunächst noch unter einem Mantel verborgenen Stümpfe seiner im Krieg verlorenen Arme.
„Aus der Ecke erklang unterdrücktes Stöhnen, dann Schluchzen. Die Hände der Frauen schnellten in die Luft, darin ihre Schirme mit glänzenden Spitzen, und wie Hagelkörner prasselten die Hiebe auf den Melonenkopf des dicken Junkers nieder.“
Quelle: Mychajlo Kozjubynskyi
Symbole der Grausamkeit
Mychajlo Kozjubynskyi, ein Klassiker der ukrainischen Literatur, erzählt von der Befremdung und dem Ekel, die ein junger Student bei der Rückkehr in sein Heimatdorf empfindet: Es ist Ostern, und ihm zu Ehren wird ein wahres Schlachtfest begangen. Blut und Tod als Feier der Wiederkunft erscheinen dem jungen Mann unerträglich, Symbole der Grausamkeit, nicht der Freude. Die Tage sind die reinste Qual, und überall lauern Anzeichen von Dekadenz und mörderischer Gedankenlosigkeit. Selbst der Mond … „… wurde immer voller und bräsiger, setzte immer mehr Speck an und stellte seinen aufgeblähten Bauch zur Schau, wie ein satter Bankier, auf dessen Brust eine schwere Goldkette prangte. Des Abends hing er niedrig am Himmel, böse, rot, wie ein Vampir, der sich an Blut sattgetrunken hatte, und sogar die Schatten flohen vor seinem unheilvollen Anblick, wobei sie sich erschrocken auf die Erde drückten.“Die Mystik der Physiologie
Iwan Franko gehört ebenfalls zu den bekannteren Namen dieser Anthologie – er lässt während eines Opernbesuchs die verborgenen, tiefen Wünsche einer Frau auf die oberflächliche Konvention ihres Geliebten prallen. Olha Kobyljanska wird mit einer längeren Novelle vorgestellt, die heute als das „erste Werk des ukrainischen Feminismus“ gilt. Warwara Tscherednytschenko wiederum konfrontiert in einem Krankenhauszimmer eine Bäuerin, die sich an einem Pogrom beteiligt hat, mit dessen jüdischen Opfern. Und der Futurist Geo Schkurupij ist mit einem ironischen Text über die gleichmachende Maschinerie des Militärs vertreten; es finden sich darin wunderbare, entlarvende, rätselhafte Sätze.„Angst ist die Mystik der Physiologie. Sie blendet die Augen und vernebelt das Hirn wie eine Religion.“
Irina Bondas hat die Geschichten sorgfältig, mit Anklängen an die Entstehungszeit und erläuternden Kommentaren ins Deutsche gebracht; die Schriftstellerin und Journalistin Katja Petrowskaja hat sie ausgewählt und herausgegeben.Quelle: Geo Schkurupij
Unterwegs in die Stadt der Frauen
Wer bislang nur oberflächlich mit ukrainischer Literatur in Berührung gekommen ist, kann hier wahre Entdeckungen machen, unterteilt in vier Abteilungen: „Unterwegs“, „Die Stadt der Frauen“, „Die Umbrüche“ und „Die Nachfolger“. In diesen Überschriften spiegeln sich gesellschaftliche Entwicklungen und Phasen: Unterwegs war man Anfang des 20. Jahrhunderts mit Zügen, und mit ihnen ließen sich weite Distanzen zurücklegen. Die „Stadt der Frauen“ steht für emanzipatorische Bestrebungen, die sich in der Literatur abbildeten; die revolutionären Umbrüche und ihre Folgen gingen ebenfalls nicht spurlos an den Autoren vorbei; und schließlich wurde der Staffelstab an die nächste Generation weitergereicht.Reichtum, der in Sprache und Menschen überlebt
Was in vielen Texten aufscheint, ist ein expressiver Gestus, vor allem aber Widerständigkeit. Irina Bondas beschreibt das so: „Die ukrainische Literatur, unterdrückt und immer wieder ausgelöscht, trotzt allein schon durch ihr Weiterbestehen seit jeher den Unterdrückern und ihren Herrschaftsansprüchen.“ Und dadurch erzählt sie auch immer von den zerstörerischen Zeitläuften – und von einem Reichtum, der in der Sprache und den Menschen überlebt.Wed, 9 Sep 2026 - 04min - 8057 - „Das Pfarrhaus“ - Carys Davies erzählt von Indien und seinen Konflikten
Konflikten geht Hilary Byrd am liebsten aus dem Weg. Genauer gesagt meidet der Bibliothekar aus dem Südostens Londons jedwede Auseinandersetzung mit anderen Menschen. Der ruhige Beruf passt also gut zu ihm. Als es in seiner Bibliothek immer lebhafter zugeht und die Besucher zu Musikveranstaltungen kommen oder Goldschmiedekurse belegen, wird es Byrd allerdings zu viel. Er verfällt in Schwermut und versucht, in Frühpension zu gehen. Der Befreiungsschlag soll ausgerechnet mit einer Reise nach Indien gelingen. Byrd kümmert sich – was ungewöhnlich für ihn ist – selbstständig um alle anstehenden Vorbereitungen. Vor Ort angekommen wirkt er aber fehl am Platz.
Eine Reise nach Indien als Neuanfang
„Auf die klebrige, drückende Hitze des Flachlands war er nicht gefasst gewesen. Er hatte sich gefühlt wie ein Braten im eigenen Saft, den seine bleiche Haut permanent abgesondert und gegen den er sich irgendwann nicht mehr gewehrt hatte. Eine Woche lang war er nicht vor die Tür gegangen; stattdessen hatte er bei laufender Klimaanlage und eingeschaltetem Deckenventilator im Hotelzimmer gesessen.“ „Dann, eines Abends, war er in die Bar hinuntergegangen, wo sich ein paar deutsche Touristen über einen alten, blauen Bummelzug mit verzierten Fenstern unterhielten. Angeblich beförderte er die Leute aus dem glühenden Hexenkessel der Tiefebene ins kühle Gebirge.“ Im Gebirge kommt Byrd im Missionarsbungalow eines Pfarrers unter. Mit der Kirche hat der Bibliothekar wenig am Hut und bekommt so gut wie nichts mit von den religiösen Spannungen im Land.Eine Liebesgeschichte inmitten religiöser Konflikte
Dabei sorgen die Unruhen zwischen Hindus und Muslimen seit Jahren für Schlagzeilen – ebenso wie die Übergriffe auf Christen. Diese Konflikte haben sich unter Indiens amtierenden Premierminister Narendra Modi noch einmal zugespitzt. Das spürt auch der Pfarrer, der Byrd bei sich wohnen lässt:Von dem Brand in der Kirche letztes Jahr hatte er seiner Tochter nichts erzählt. Genaugenommen hatte er niemandem davon erzählt.
„Es hätte die Leute nur beunruhigt, und das wollte er auf keinen Fall. Der Schaden war ohnehin nicht groß gewesen, bloß ein paar verbrannte Notenblätter und Gebetbücher neben der Tür, ein Häuflein kalte Asche und versengtes Leder am frühen Samstagmorgen, als er gekommen war, um die welken Blumen im Altarraum gegen frische auszutauschen.“ Vor diesem Hintergrund erzählt Carys Davies auch eine Liebesgeschichte: Denn in Byrd werden Gefühle für Priscilla wach, die verkrüppelte Haushälterin des Pfarrers. Der will für sie einen „guten Christen“ finden. Also beginnt Byrd, sonntags in die Kirche zu gehen und den Bibelkreis zu besuchen. Beide wissen nicht, dass Priscilla längst in einen anderen verliebt ist.Quelle: Carys Davies – Das Pfarrhaus
Roman legt Kolonialgeschichte offen
Dass die Männer im Dunkeln darüber tappen, was in der Haushälterin vorgeht, macht auch deutlich, dass Davies ihre Geschichte entlang fortwirkender Machtstrukturen erzählt: Denn Priscilla gehört zur ethnischen Gruppe der Toda, die bereits in der Region lebte, als die Briten sie für sich beanspruchten. Über deren Ankunft informiert sich Byrd in der Bibliothek und notiert über die Gründung des Gebirgsstation im frühen 19. Jahrhundert: „Es war wie zu Hause, erzählten sie bei ihrer Rückkehr in die Kaserne im Tiefland, und dann dauerte es nicht lange, bis die ersten Handwerker und Ingenieure eintrafen. Schon bald entstanden Läden, Häuser und eine Kirche. Ein Club wurde gegründet, und ein Militärkrankenhaus.“Wechselnde Perspektiven
„Schon bald gab es eine Bibliothek, eine Pferderennbahn und einen Jagdverein […]. Sie errichteten große, luxuriöse Villen mit Kaminen, Tennisplätzen und Blumengärten“. beschreibt Byrd die Situation. Carys Davies wechselt in ihrem Roman geschickt die Perspektiven: So folgt die Geschichte nicht nur dem Bibliothekar und dem Pfarrer, sondern auch Priscilla, dem Dienstmädchen, einem Rikscha-Fahrer und seinem Neffen. Die Stärke ihres Erzählens liegt darin, dass der Fokus immer auf den Figuren mit ihren Ansichten und Lebenswelten liegt. In der Verschränkung dieser Perspektiven deutet ihr feinfühlig erzählter Roman an, dass eine Verständigung möglich ist – auch in den aufgeheizten Konflikten unserer Gegenwart.Tue, 8 Sep 2026 - 04min - 8056 - Eine literarische Baumumarmung
Bäume haben viel zu erzählen, meint Aya Kōda: „Bäume haben, genau wie die Menschen, einen eigenen Werdegang. Jeder Baum gibt durch seinen Holzkörper Aufschluss, wie sein Leben verlaufen ist: wie alt er ist, wie gut und sorglos er gewachsen ist, ob er Leid ertragen musste.“ Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschäftigte sich die japanische Essayistin und Romanschriftstellerin Aya Kōda nicht nur mit den vielfältigen Baumarten Japans, sondern auch mit den Gefühlen, die diese in den Menschen auslösen können.
Eine Reise durch Flora und Fauna
Aufgewachsen im damals noch ländlich geprägten Stadtteil von Tokio, entdeckte sie schon als kleines Mädchen durch ihren Vater die faszinierende Tier- und Pflanzenwelt. Ihr Vater, selbst ein leidenschaftlicher Naturfreund und Schriftsteller, nahm sie oft auf Spaziergänge durch die Wälder mit, wo sie die Schönheit des Blauregens (Wisteria) bewunderte. „Denn im Angesicht des Schönen, Erhabenen spürt man stets die eigene Unzulänglichkeit. Das Herz wird einem schwer, denn wie sehr ist man doch selbst von solcher Schönheit entfernt, weiter geht es wohl kaum. Dabei übersieht man, dass das Staunen darüber ja in Wirklichkeit die Verbindung zu ihr ist, die man vermisst.“ Im Laufe ihres Buches entfaltet Kōda nicht nur eine malerische Reise durch die Flora und Fauna der japanischen Natur in kunstvoll romantisierter Weise, sondern gewährt auch tiefe Einblicke in ihre eigene Familiengeschichte. Mit großer Sensibilität schildert sie prägende Ereignisse ihres Lebens: Den schmerzhaften Verlust ihrer Schwester, den bittersüßen Abschied von ihrer Tochter, als diese in die Ehe eintritt, und schließlich die unausweichliche Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Vergänglichkeit.Jahr für Jahr kehren die Jahreszeiten wieder: Die Knospen sprießen, die Blumen blühen, die Früchte reifen, welke Blätter taumeln zu Boden. Mein Herz schmerzt beim Anblick dieses Naturschauspiels. Meine Tochter verlobte sich.
Quelle: Aya Kōda – Bäume
Die Einheit von Mensch und Natur
Kōda gelingt es dabei, die Natur nicht lediglich als Kulisse oder Metapher für das menschliche Leben darzustellen, sondern sie durch ihre meisterhafte Sprache untrennbar mit den Emotionen und Erfahrungen des Lebens zu verweben. Wie Ranken, die sich ineinander verschlingen, wachsen Natur und Mensch in ihren Worten zu einer untrennbaren Einheit zusammen. Ihre Beschreibungen der Bäume, Pflanzen und Landschaften werden so zu Spiegelbildern menschlicher Gefühle – von Trauer und Abschied bis hin zu Hoffnung und Neubeginn.Der Regen und der Wald waren so schön, der Anblick machte mich regelrecht freudetrunken.
Quelle: Aya Kōda – Bäume
Bäume als Spiegel und Begleiter
Mit jedem Kapitel, mit jedem neuen Baum und mit jeder Reise entdeckt Kōda auch im hohen Alter immer wieder unbekannte Seiten an sich selbst. Die Bäume, die sie beschreibt, werden so zu stillen Begleitern auf ihrer Reise nach innen. Sie spiegeln ihre Ängste, Hoffnungen und Erinnerungen wider, während sie gleichzeitig neue Perspektiven eröffnen. Es ist ein Prozess des Wachsens und Werdens, der Koda zeigt, dass Selbstentdeckung kein Privileg der Jugend ist, sondern eine lebenslange Aufgabe, die mit jedem Schritt und jedem Blick in die Natur fortgeführt werden kann. Doch es war nicht allein das natürliche Habitat dieser teils imposanten Giganten, dass Kōda in ihren Bann zog. Vielmehr waren es die Geschichten, Mythen und Sagen, die sich um diese Gewächse ranken und ihnen eine fast mystische Dimension verleihen. Dass dieses Buch schließlich einem Tagebuch ihrer Reisen gleichen würde, hatte die Schriftstellerin vermutlich nicht erwartet. Und doch ist es genau das geworden: ein intimes und poetisches Werk, das den hohen Wert der Verbindung von Mensch und Natur wiederentdeckt und feiert.Mon, 7 Sep 2026 - 03min - 8055 - Der neue Schriftstellerroman von Michael Kleeberg: „Achilles in Taormina“
Michael Kleeberg hat Hemingway – wie so viele – als junger Mann für sich entdeckt. Zum Interesse für die Literatur sei rasch die Faszination für die Biografie des legendenumwobenen Schriftstellers gekommen, sagt Kleeberg: „Bei Hemingway geht das eine ja nie ohne das andere. Genauso sehr, wie mich als 17-18-Jähriger die Geschichten interessiert haben, hat mich eben auch diese Expertise vom guten Leben interessiert: Reisen machen, gut trinken, gut essen.“
Besessen von Hemingway
Das Interesse am Schreiben Hemingways habe jedoch bald nachgelassen, andere Autoren seien für ihn wichtiger geworden. Dem Ich-Erzähler des Romans, der so wie der Autor heißt, aber außer ein paar Lebensdaten nicht viel mit diesem gemein hat, geht es anders. Die Leidenschaft des fiktiven Dr. Michael Kleeberg für Hemingway flaut ein Leben lang nicht ab. Mehr noch: Der Roman-Kleeberg macht den schillernden Großschriftsteller und Kriegsfreiwilligen nicht nur zum Zentrum seines Lebens, er ahmt ihn obsessiv nach.Ich war so im Banne Hemingways, dass ich sein Leben eins zu eins kopieren wollte, vielleicht in dem Glauben, dass nur ein solches Leben zu einer solchen Literatur befähigen konnte.
Quelle: Michael Kleeberg – Achilles in Taormina
Ein Ticket in den Krieg
So zu schreiben wie das Vorbild, das klappt nicht. Einfacher ist es da schon, sich ein Ticket nach Nicaragua zu besorgen und in den Krieg zu ziehen. Aber auch dort wartet nur die nächste Desillusionierung: nicht das ersehnte Heldentum, sondern vor allem Ignoranz und Sinnlosigkeit. Kleeberg beschreibt: „Er ist eigentlich ein wenig ein vermindertes Zerrspiegel-Porträt von Hemingway, weil natürlich alles vier Nummern kleiner ist. Und weil er, das wird ihm ja dann irgendwann auch direkt auf die Nase gebunden, die Eigenschaften, die Hemingway zu Hemingway gemacht haben, nicht besitzt.“ So bleibt für den fiktiven Dr. Kleeberg nur ein Forscherleben im Dienste Hemingways. Und diese Forschungen sind das eigentliche Zentrum und der spannende Kern des Romans. Denn der reale Michael Kleeberg lässt seinen Erzähler nicht nur mit akademischer Gründlichkeit den Hemingway-Sound analysieren. Der deutsch-amerikanische Journalist, der es schließlich bis zum Professor bringt, trifft vor allem eine ganze Reihe von Menschen, die für Hemingway wichtig waren, darunter Geliebte, Freunde, seine drei Söhne und – ein Höhepunkt des Romans – Martha Gellhorn, die verhasste dritte Ehefrau des Schriftstellers. Vorbild sei für ihn Thomas Manns „Lotte in Weimar“ gewesen, der Roman also, in dem Goethe in konzentrischen Zirkeln umkreist wird, sagt der echte Michael Kleeberg.Radikale Selbsterkundung
„Die Lotte kommt nach Weimar und trifft alle möglichen Leute aus Goethes Umkreis, die dann Goethe spiegeln, meistens extrem negativ. Und so entsteht dann also eine Negativform, die Goethe aber besser erklärt. Und ähnlich habe ich das eben auch gemacht.“ Der fiktive Dr. Michael Kleeberg geht der Frage nach, warum Hemingway in seinen letzten 21 Lebensjahren kaum noch etwas veröffentlichte, obwohl er unablässig schrieb und 3000 Manuskriptseiten füllte. Die Antwort des Romans: Hemingways Schreiben war zuletzt vor allem radikale Selbsterkundung, ohne dafür jedoch eine überzeugende literarische Form zu finden. „Er muss sich eingestehen, dass sein Leben eine große Lüge ist. Dass er sich sehr viel in die Tasche gelogen hat und dass das jetzt mit zunehmendem Alter alles auf ihn selbst zurückkommt. Die Macho-Pose, die er sich abzwingen muss. Man weiß ja mittlerweile, dass er zu Hause im Bett sehr gerne so androgyne Spiele machte.“Dichtung und Wahrheit
Der Hemingway des Romans ist ein Mann voller Widersprüche: ein androgyner Künstler, der mit Nachdruck seine Männlichkeit inszenierte. Aber gerade dadurch, dass die Klischees und Mythen rund um den Abenteurer und Macho durchbrochen werden, gewinnt der Mensch und Schriftsteller unverfälscht Kontur. Michael Kleebergs Buch, das elegant Erfindung und Wahrheit verbindet, macht jedenfalls Lust, Hemingway wieder zu lesen und ihn im Licht der Erkenntnisse des Romans womöglich auch neu zu entdecken.Sun, 6 Sep 2026 - 04min - 8054 - Auf der Suche nach den Lücken in der HundeheimatSun, 6 Sep 2026 - 59min
- 8053 - Brückenbauen statt „Traumastriptease“: Don Pablo Mulemba über „Hundeheimat“
Wer bist du in Hundeheimat?
Don Pablo Mulemba wurde 1995 in Eberswalde in Brandenburg geboren. Seine Mutter ist Ostdeutsche, sein Vater kam als Vertragsarbeiter aus Angola nach Deutschland. Sein Vater stellte ihm als Jungen immer wieder die Frage „Wer bist du in Hundeheimat?“. Hundeheimat sei dabei aber nicht gleichzusetzen mit Deutschland, betont Don Pablo Mulemba. Für ihn stehe sie symbolisch für die großen Fragen rund um Identität, Zugehörigkeit und Rolle innerhalb einer Gesellschaft. Heute würde er seinem Vater antworten: „Ich bin Don Pablo Mulemba, ein ganz normaler Afro-Ossi.“Die DDR war nicht nur weiß
Die Selbstbezeichnung Afro-Ossi sei keine, die er sich auf die Stirn schreibe, so Mulemba: „Ich fand es interessant, diesen Begriff in den Diskurs einzustreuen. Mir ist schon so oft zu Ohren gekommen, dass Leute nicht wissen, dass es zu DDR-Zeiten schon seit Jahrzehnten und über Generationen hinweg Menschen aus anderen Ländern, Menschen aus Afrika gab. „Durch die Verwendung dieses Begriffs wollte ich diese Realität sichtbar machen und auch greifbar machen“, erläutert der Debütautor.Von wegen Bruderliebe zwischen Bruderstaaten
Don Pablo Mulembas Vater kam als Vertragsarbeiter aus dem damals vom Bürgerkrieg erschütterten Angola in die DDR nach Eberswalde. Ihm wurde versprochen, Luft- und Raumfahrttechnik studieren zu können. Doch vor Ort musste er schnell feststellen, dass er eine billige Arbeitskraft in der DDR ist. Im großen Stil wurden Menschen wie ihm Möglichkeiten versprochen, die nicht existierten, resümiert Don Pablo Mulemba. Menschen aus vermeintlichen Bruderstaaten wurden nicht aus einem Akt der Nächstenliebe in die DDR geholt, sondern aus „Verwertungszwecken“, bringt es der Autor auf den Punkt.Rassismus der 90er Jahre
In „Hundeheimat“ schildert Mulemba auch, welche rassistischen, menschenverachtenden Erlebnisse seine Eltern und seine Schwester in Eberswalde der 1990er Jahre durchmachen mussten. So musste sein Vater unter anderem mit ansehen, wie sein Freund Amadeu Antonio von Neonazis ermordet wurde. Auch seine Eltern und seine jüngere Schwester wurden von Rechtsextremen in ihrer Wohnung bedroht. Dass er diese Seite seiner Familiengeschichte erzählt, sehe er als Gesprächsangebot. In der Hoffnung, dass die andere Seite, die das nicht erlebt hat, ins Mitfühlen und Nachdenken komme.Umdeutung von rechts der Baseballschlägerjahre
Bestürzend und brutal sind diese Schilderungen, die Don Pablo Mulemba nicht ausspart. Und sie sind umso wichtiger in einer Zeit, in der eine als gesichert rechtsextreme eingestufte Partei wie die AfD in Sachsen-Anhalt die Deutungshoheit über die Vergangenheit anstrebt. Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt, wirbt im Landtagswahlkampf für die Rückkehr zu einem „alten, sicheren Deutschland“ und nennt die 1990er- und 2000er-Jahre als Vorbild für innere Sicherheit und Freiheit. Er möchte nicht, dass der Begriff „Baseballschlägerjahre“ sein positives Bild der 90er Jahre in Frage stellt. Das zeuge von einem großen Maß an Skrupellosigkeit, findet Don Pablo Mulemba. Von James Baldwin habe er im Zuge seiner Recherchen für „Hundeheimat“ diesen Gedanken behalten: Natürlich könne man an das Gewissen und an die Menschlichkeit der Masse, die nicht von rassistischer Gewalt betroffen ist, appellieren. Aber wenn diese Empathie nicht vorhanden sei, dann gäbe es nichts, woran man appellieren könne.Das eigene Leid als Brücke
Ein Interview mit James Baldwin war es auch, das Don Pablo Mulemba davon überzeugte, die diskriminierenden Erfahrungen seiner Eltern und seine eigenen in „Hundeheimat“ aufzuschreiben. Baldwin sagte in einem Gespräch mit der Schriftstellerin Nikki Giovanni: „Einem wird klar, dass das eigene Leiden einen nicht isoliert. Dass das eigene Leiden die Brücke ist. Dass viele Menschen vor einem gelitten haben, dass viele Menschen um einen herum leiden. Und das wird immer so sein. Und alles, was du tun kannst, ist, hoffentlich ein wenig Licht in dieses Leiden zu bringen.“Herausarbeiten von Gemeinsamkeiten
Dieser Gedanke habe Don Pablo Mulemba dazu gebracht, seine rassistischen und diskriminierenden Erfahrungen in seinem Buch zu schildern: „Nicht um einen mitleiderregenden Traumastriptease abzulegen“, so Mulemba, „sondern, damit Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, sehen, ich bin gar nicht allein. Da gab es auch schon in den 2000ern jemanden, der Ähnliches durchgemacht hat.“ Sein Wunsch ist es, dass Leserinnen und Leser, sich vielleicht in kleinen Dingen wiederfinden, auch wenn sie nicht Schwarz sind, nicht migrantisch sind oder nicht in Ostdeutschland aufgewachsen sind. Das Herausarbeiten von Gemeinsamkeiten kann zu Solidarisierung führen, so Don Pablo Mulembas Hoffnung.Sun, 6 Sep 2026 - 12min - 8052 - Kühner Roman von Emma Cline: „In die Schweiz“
In fünf Tagen wird David Hastings sterben. Dann wird er in der Schweiz einen vorbereiteten Medikamentencocktail nehmen, der ihn tötet. Assistierter Suizid. Die Formalitäten sind geregelt, nur ein letzter Check wartet noch.
Besser jetzt abtreten, wo die Welt noch Elemente von Verständlichkeit enthielt. Bald würde sie gänzlich fremd sein, jemandem wie ihm überhaupt keinen Halt mehr bieten.
David Hastings hat Alzheimer, er fürchtet die Veränderungen, die ihm bevorstehen und will deshalb sterben, solange er diese Entscheidung noch treffen kann. Der Mitte 70-Jährige steht im Zentrum von Emma Clines Roman „In die Schweiz“ – eine Figur, die man kennt aus der US-amerikanischen Literatur: weiß, wohlhabend, geschieden, kultiviert. Ein Mann, der tat, was getan werden musste, sich in seine Arbeit im Finanzwesen geflüchtet und die gesellschaftlichen Erwartungen erfüllt hat. Nun hat er sein Sterben geplant: Mit zwei Zwischenstationen bei seiner Tochter in London und einem Schulfreund aus Frankreich reist er nach Zürich. Vertraute Erzählmuster als Ausgangspunkt Diese Reise gibt diesem faszinierenden Roman den äußeren Rahmen; auch das ein vertrautes Erzählmuster. Davids Demenz jedoch erschüttert alles Vertraute, sie verändert das Erzählte und das Erzählen. Das zeigt sich am deutlichsten in der Erzählperspektive: Wie in ihren vorherigen Romanen erzählt die 1989 geborene Emma Cline auch hier personal: Sehr nah bei David, aber doch mit etwas Abstand zu ihm. Und sie spielt die Stärken dieser Erzählweise gekonnt aus: Wichtig ist allein, was für David wichtig ist. So braucht er zwar seinen Assistenten Cody dafür, dass die Planung funktioniert und er sein Ziel erreicht. Als Figur aber bleibt Cody schemenhaft. Vielmehr führt dieser Roman in die eigene Welt eines Demenzkranken. Lange konnte David den Schein des Gesundseins aufrechterhalten, durch Umwege, Ausflüchte, die er sich zurechtgelegt hat: Lächeln. Über Dinge im Raum sprechen, wenn man nicht weiß, wo man eigentlich ist. Doch zunehmend verliert er diese Fähigkeit, klammert sich an sein Notizbuch, in dem er – möglicherweise – alles Wichtige notiert. In kurzen, aber niemals verwirrenden Absätzen springen Davids Gedanken zwischen der Gegenwart, fragmentarischen Erinnerungen, wiederkehrenden Gedanken, Orientierungsversuchen, Zitaten aus Liedern, Texten. „Verwirrt. Das war die Sorte von altmodischem Euphemismus. Für das Stottern in Davids Verstand. Diese Zufallswiedergabe anderer verschwundener Dinge – Bilder, Fakten, Namen, bedeutsame und unbedeutende Zeitabschnitte. The quick brown fox. Ich werde alt, Mr Bones. Ha-ha.“ Die Bindung zur Welt verlieren Mit fast schon beängstigender-hypnotischer Ruhe erzählt Cline, wie Davids Demenz sein Bewusstsein, seine Wahrnehmung zersplittert – dabei korrespondiert dieser Erzählstil mit Davids einst kontrollierter Persönlichkeit. Doch nun entstehen immer mehr Risse, mehr Splitter, David zieht sich stärker in sich selbst zurück, verliert die Bindung zur restlichen Welt. Das ist teils friedlich, teils bitter-humorvoll– vor allem, wenn David Gegenstände oder Worte missversteht: Das deutsche Wort „Ausfahrt“ klingt für ihn wie „assfart“, also englisch für „Arschfurz“. Aber Emma Cline spart auch Davids Verzweiflung, seine zunehmende Aggressivität und die körperlichen Veränderungen nicht aus. „Aber das Leben, das dieses Hotelzimmer umfasste, umfasste auch die an seinen Oberschenkeln getrocknete Scheiße und das eine Mal, als er sich allein und von der hochstehenden Sonne wie betäubt auf einem Parkplatz wiedergefunden hatte, und den Umstand – einen Umstand, den er nie aus dem Gedächtnis verlor –, dass er eines Tages aufhören würde zu schlucken.“Quelle: Emma Cline - In die Schweiz
Der Körper würde sich weigern.
Andere lassen sich nicht mehr täuschen Dieses innere Zersplittern kontrastiert Emma Cline mit Episoden, in denen David auf seiner Reise auf die Gegenwart der Anderen trifft: Das Zusammentreffen mit seiner Tochter Rebecca in einem exklusiven englischen Club, in dem er sich zwar bemüht, dass sie nichts merkt, seine Gedanken aber abschweifen.Quelle: Emma Cline - In die Schweiz
Warum ich/warum nicht ich – so gingen manche Leute mit schlechten Nachrichten um. Akzeptieren, dass man eben doch nichts Besonderes war. Rebecca hatte das noch nicht gelernt. Er in gewisser Weise schon.
„Der Fluch hatte ihn ereilt, es war zu spät. Die Vitamine blieben in der Schublade. Er ließ sein Gehirn bei Wörtern abschalten, ohne zu versuchen, sie aufzuspüren.Quelle: Emma Cline - In die Schweiz
The quick brown fox, the lazy dog. The lazy – Wie nannte man sie doch gleich, die kleinen Halbgardinen an den Fenstern?“ Oder eine leider unnötige Episode in einer Hotelbar, in der David auf eine Frau – vermutlich eine Prostituierte – trifft. Hier wiederholt Emma Cline nur, was längst klar ist: Dass David nur noch die Versöhnung mit seinem Schulfreund begehrt, sonst nichts und niemanden. Dieses Gespräch mit dem Schulfreund läutet das starke Ende des Romans ein. Hier zeigt sich noch einmal, wie viel emotionale Kraft in Emma Clines präzise-distanziertem Stil stecken kann. Es gibt keine tränenreiche Vergebung, kein Abschied, kein kitschiges Lebewohl. Nur zwei alte Männer, die sich nichts zu sagen haben. Kein Roman über Sterbehilfe Emma Clines trotz einiger Längen beeindruckender und berührender Roman „In die Schweiz“ handelt nicht von dem Für und Wider von Sterbehilfe: Für David steht der Entschluss fest. Als er am letzten Tag das Gift nimmt, das ihn töten wird, ändert sich für einige Absätze die Perspektive des Erzählens: Aus dem Er wird ein Du – und in diesen Absätzen steckt letztlich die Essenz von Davids Leben, von den kleinen Momente, die wirklich zählen. Es sind andere als man glauben mag. Denn letztlich erzählt „In die Schweiz“ auch davon, dass niemand ein anderes oder gar sein eigenes Leben jemals vollständig verstehen wird.Fri, 4 Sep 2026 - 05min - 8051 - Mary Shelleys „Frankenstein" als ComicFri, 4 Sep 2026 - 11min
- 8050 - Geistreich und herrlich grotesk: „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“ von Valeria Gordeev
Verwandlungszauber
„Ich bin dann mal weg“, könnte man den Titel dieses Romans deuten. Den Satz „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“ hat Valeria Gordeev einer Sammlung chinesischer Weisheiten entlehnt, den 36 Stragemen – Strategien, wie man sich in Konflikt- und Krisensituationen verhalten kann. Zum Beispiel, indem man eben den schillernden Panzer abwirft und sich still und heimlich aus dem Staub macht. Man kann den Titel aber auch anders lesen: als Verwandlungszauber. Das Insekt durchbricht sein Außenskelett und wird in einem anderen Körper neu geboren. Schon mit dieser Eröffnung ist klar: wir sind mit diesem Roman im Hier und jetzt. Vor dem Hintergrund naher und ferner Kriegsbedrohungen beschäftigen Valeria Gordeev vor allem zwei Beobachtungen: „Das finde ich interessant, dass es Leute gibt, die ihre Lebenszeit tatsächlich als die Zeit begreifen, in der sie aktiv daran mitarbeiten können, dass ihr Leben eventuell nicht oder nicht so schnell endet“, so die Autorin. „Und das ist ja auch ein Gegenpol zu dieser anderen starken Einflussgröße, die mit diesen aufkommenden faschistoiden Tendenzen überall zu spüren ist, diese Todesnähe, die damit immer einhergeht. Das war die Triebkraft, die mich bei diesem Buch interessiert hat.“Ein furioser Gegenwartsroman
Tod und Leben sind die beiden Pole, um die Valeria Gordeev eine wahrlich große und originelle Geschichte gestrickt hat. Eigentlich sind es zwei entgegengesetzt laufende Handlungen, die mit dem Geschwisterpaar Lada und Konstantin verbunden sind. Lada wohnt in Berlin und hat damit zu kämpfen, dass ihr Haus luxussaniert, ihr Alltag gezielt durch Zementfräsen, Löcher in Wänden und Böden und nicht abgeholtem Müll sabotiert wird: „Ihr fiel ein, einmal gelesen zu haben, viele Stewardessen seien im Grunde genommen obdachlos, weil es sich durch das ständige Unterwegssein wohl nicht lohnen würde, irgendwo fest zur Miete zu wohnen. Im selben Artikel hatte sie gelesen, dass das Trinkwasser, mit dem der Kaffee an Bord zubereitet wurde, häufig mit Keimen belastet sei.“ Und weiter: „Wahrscheinlich hatte ihr Bruder Lada den Artikel weitergeleitet, um sie vor den Bakterien zu warnen, ihr Bruder, dem sie nichts von dieser Reise erzählt hatte, nachdem sie wie lange schon nicht mehr miteinander gesprochen hatten?“In seinem Kriegsverbrecherland hockend, als hätte er dort irgendwelche Verpflichtungen. Ihr Bruder, mit dem sie im Streit lag.
Quelle: Valeria Gordeev – Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle
Ein Mausoleum mit unheimlicher Unterwelt
Denn Konstantin arbeitet in Moskau in einem geheimen Forschungslabor unter dem Kreml daran, den Leichnam Lenins für die Ewigkeit zu präparieren. Das unterirdische Institut gleicht einem eigentümlichen Totenreich, in dem sich Schränke, Vitrinen, Truhen meterhoch türmen und wo ganze Galerien an Kühlschränken mysteriöse Gefäße mit trüben Flüssigkeiten und Pilzkulturen beherbergen. Für seinen Patenonkel Boris Bogdanov, der ganz versessen auf alle Studien über das Altern, Nichtaltern und die Unsterblichkeit ist, lässt Konstantin immer mal wieder ein paar Dinge aus dem Forschungslabor mitgehen. Ohne davon zu wissen, lässt sich Lada von demselben Onkel für einen Kurierdienst einspannen. Mit einem Bus fährt sie nach Kiew, um dort ein zweifelhaftes Päckchen für Boris abzuholen. Unterwegs erfährt sie von einem Mitreisenden von einer Studie mit Medikamenten zur Lebensverlängerung, für die noch weibliche Probanden gesucht werden. Ein verlockendes Angebot: die Bezahlung ist super und Lada kann dadurch ein paar Tage ihrer schrecklichen Wohnungssituation daheim entfliehen. Valeria Gordeev erzählt ihre Geschichte in vielen einzelnen Episoden, in denen sich noch so einige andere Figuren und Stimmen zu Wort melden: „Weil für mich die Frage, wie man diese Gegenwart verhandeln kann, so wichtig war, dass das auch gar nicht anders geht als über das Zulassen verschiedener Stimmen und Perspektiven. Es ist ja auch so, dass diese Solo-Perspektive der eigenen Blase das einfach nicht abbildet. Dass ich wirklich auch zugrunde gehe, wenn ich immer in der Enge meiner eigenen Perspektive bleiben muss.“Instabile sprachliche Gemeinsamkeit
In einer kühnen Dramaturgie entwickelt Valeria Gordeev eine rasante Szenenabfolge, die wie ein Rädchen ins andere greift, die Figuren in einen Dialog bringt, obwohl sie wie die beiden Geschwister gar nicht miteinander reden. Lada und Konstantin sind zweisprachig russisch-deutsch aufgewachsen, entfernen sich aber sprachlich voneinander, weil die eine vor allem deutsch, der andere hauptsächlich russisch spricht. Sogar im Text macht die Autorin diese instabile sprachliche Gemeinsamkeit sichtbar, indem sie stellenweise deutsche Wörter in kyrillischen Buchstaben schreibt. Vor allem aber schüttet sie ein Füllhorn grotesker Geschichten aus. So verschwindet der russische Staatspräsident auf ungeklärte Art und Weise. Sein Nachfolger wird ein 12-jähriger Artist und Unterhaltungskünstler, der bei einem Friedensgipfel in Mexico City jedoch ein irritierendes Verhalten an den Tag legt. Und schon schießen die Spekulationen ins Kraut:In der Diskussionssendung Auf den Punkt brachte der bekannte Sachbuchautor Nikita Orlow eine aufsehenerregende These ein. So habe er Anhaltspunkte gefunden, die nahelegten, der Staatschef Arkadij könne eine Wiedergeburt aus dem Hause Romanow sein.
Quelle: Valeria Gordeev – Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle
Ein Füllhorn grotesker Geschichten
In dem Moskauer Forschungslabor kämpfen Konstantin und seine recht betagten Kolleginnen und Kollegen währenddessen gegen mysteriöse rote Flecken, die sich immer wieder auf Lenins Leichnam zeigen. In der Not suchen sie Hilfe bei der christlichen Konkurrenz, bei einem Blutwunder-Spezialisten aus Bolivien. Immer wieder meldet sich die Pilzberatungsstelle der Mykologischen Gesellschaft zu Wort, in der Ladas Mutter arbeitet. Dazwischen eingestreut, Nachrichtenmeldungen, Fernsehberichte, Prüfungen und Stellungnahmen, Lexikonartikel, Rezensionen, Interviews. Die Kampftruppe Wagner dringt ins Moskauer Stadtgebiet ein, eine fast 100jährige Blockade-Überlebende beglückt die Forscher unter dem Kreml mit zweifelhaften Piroggen. Sekten und Verschwörungstheorien finden auch noch ihren Platz. Ein Feuerwerk, das bewusst überfordert, das auf die allgegenwärtige Orientierungslosigkeit verweist, die viele Menschen empfinden.Nur die Realität ist absurder
Und wie zur Entspannung ziehen sich kleine Zeichnungen oder auch Cartoons als zusätzliche Erzählebene durch das ganze Buch, die das Geschehen illustrieren, kommentieren oder zeigen, was die Figur gerade denken mag: „Also ich mag das selbst, wenn ich in den Büchern das Gefühl habe, wirklich mit im Kopf einer Person zu sein. Und es gibt den Text und das, was man sich vorstellt. Da passiert eigentlich die Literatur. Und es gibt ein paar Stellen, da habe ich die Hoffnung, dass das gelungen ist, dass über die Visualisierung einer Idee tatsächlich etwas telepathisch übermitteln kann, dass da ein Bild konkret wird.“ Mit ihrem Roman ist Valeria Gordeev ein wahrhaft großer Wurf gelungen: unterhaltsam, geistreich. Alles ergibt am Ende auf magische Art und Weise einen tieferen Sinn. Denn in den grotesken Überzeichnungen spiegelt sich eine Gesellschaft wider, die mit Machbarkeitsfantasien und modernen Heilsversprechern nur zu gern selbst dem Extremen verfällt. Die Realität ist vielleicht noch absurder.Fri, 4 Sep 2026 - 06min - 8049 - Ein komisch-zärtlicher Roman über zwei Brüder: „Frankie und Freddie“ von Sven Regener
Westberlin, 1980
Man kann das neue Buch von Sven Regener so zusammenfassen: zwei Brüder suchen eine Tasche. Westberlin am 23. Dezember 1980. Frankie und sein älterer Bruder Freddie jagen der verlorenen Tasche hinterher, denn darin sind Freddies Pass und die Flugtickets nach New York, ohne sie kann er seine Reise vergessen. Klingt überschaubar – Sven Regener sieht das etwas anders.So viel Action wie ein Indianer-Jones-Film
„Also für mich ist ja nicht weniger Action als in einem Indiana-Jones-Film oder so. Ich meine, die jagen so einer Tasche hinterher mit gutem Grund, entwickeln dabei eine gehörige Paranoia, marodieren dreimal quer durch die Stadt“, beschreibt es der Autor. Indianer Jones auf Regener Art. Mit dieser irren Regener Syntax: Mäandernden Sätzen, die geradewegs in den Kopf von Frank Lehmann führen, der in dieser Geschichte noch von allen Frankie genannt wird. Immer wenn Frankie zu denken beginnt, entwickeln die Sätze ein Eigenleben, rattern im Takt von einem Gedanken zum nächsten: „Wieso denke ich immer so einen Scheiß, wenn ich mit meinem Bruder zusammen bin, fragte er sich rhetorisch, denn natürlich wusste er die Antwort ganz genau, weil es eben sein Bruder war und genau dafür ist so ein Bruder ja wohl auch da, dachte er, dass er einen an früher erinnert, als man noch klein war und alles eine große Bedeutung hatte.“Es geht um viel mehr als die verlorene Tasche
Und genau darum geht es in „Frankie und Freddie“: Was passiert, wenn man mit Anfang 20 versucht, erwachsen zu werden – und neben einem plötzlich wieder der Mensch steht, der einen noch als Kind kennt? Frankie ist erst seit ein paar Wochen in Berlin. Auch wegen seines großen Bruders ist er überhaupt erst in die Stadt gekommen. Von Freddie hat er sich ein bisschen Orientierung erhofft – aber Freddie ist angeschlagen, er hat an einer Medikamentenstudie teilgenommen und leidet seitdem unter Panikattacken.Frankie und Freddie streiten um alles Mögliche
Menschenmengen machen ihm Angst, U-Bahn fahren kann er nicht mehr - und ausgerechnet jetzt will er nach New York, mit einem Künstlerstipendium. Es geht also um viel mehr als um Freddies Tasche. Frankie und Freddie streiten um alles Mögliche: „Es geht natürlich darum, dass es so etwas wie Bruderliebe gibt und dass sie versuchen, das auszuloten, wie weit das geht und was das eigentlich bedeutet“, erzählt der Autor. „Das Interessante, aber auch melancholische an diesem Alter, in dem sie sich befinden, ist, dass da schon die ersten Türen zugeschlagen sind. Man hat schon die ersten Entscheidungen gefällt und sieht zum ersten Mal, welche Tragweite die haben.“Den Regener-Humor muss man mögen
Melancholisch ist das durchaus. Schwer fühlt sich „Frankie und Freddie“ trotzdem nie an. Vorausgesetzt, man kann mit Regeners sehr spezieller Art von Humor etwas anfangen. Man muss es komisch finden können, wenn Menschen minutenlang aneinander vorbeireden, sich an einem einzigen Wort festbeißen oder mit größtem Ernst alte Familienrollen verhandeln. „Freddie! Du bist der Ältere von uns beiden. Ich will gar nicht wieder mit der Große-Bruder-Enttäuschung anfangen, als die du dich immer mehr entpuppst, aber ich will dich mal darauf hinweisen, dass du, wenn du hier einen auf Rad-ab machst, deinem kleinen Bruder nicht gerade ein Vorbild bist.“„Du redest wie unsere Mutter!“
Quelle: Sven Regener – Frankie und Freddie
Die großen Veränderungen im Leben
Sven Regeners Komik ist nicht auf Pointen hin konstruiert. Sie entsteht aus seinen Figuren: aus ihrer Rechthaberei, ihren Missverständnissen, dem Schwirren um vermeintliche Kleinigkeiten – und aus der ungeheuren Ernsthaftigkeit, mit der sie all das betreiben. „Ich sehe Komik oder eben Humor in solchen Romanen eher als ein Mittel, dass man zwischendurch als Leser wie auch als Autor eine gewisse Distanz gewinnt zu den Gefühlen, mit denen man die ganze Zeit sozusagen belastet ist. Denn wenn man sich da wirklich hineinversenkt in das, was die Leute erleben, ist das teilweise sehr melancholisch“, sagt Regener. Sven Regener erzählt in „Frankie und Freddie“ von den großen Veränderungen im Leben, indem er ganz genau auf die kleinen schaut. Dabei sind Frankie und Freddie keine Figuren, die für irgendetwas stehen müssen. Sie dürfen rechthaberisch sein und ungerecht, ängstlich, albern, anstrengend – so viel lustiges, menschliches Gewusel! „Frankie und Freddie“ ist ein sehr komischer zärtlicher Roman über zwei Brüder – und über all das, was man miteinander ins Erwachsenenleben schleppt.Thu, 3 Sep 2026 - 04min - 8048 - Die Vergangenheit mitdenken – Shida Bazyar und ihr Roman „Die Lücken“Thu, 3 Sep 2026 - 06min
- 8047 - Wie hältst du es mit Europa? „Spaltungslinien“ von Philip Manow
Früher war die Welt einfach: Hier das Kapital, dort die Arbeit. Aber ist das traditionelle Rechts-links-Schema noch tauglich, um gegenwärtige Entwicklungen zu erklären? Warum wählen Arbeiter die AfD? Die gängige Erklärung geht so: Wähler werden populistisch aufgehetzt und verraten ihre eigenen Interessen. Sie haben einen „autoritären Charakter“ und sind unfähig, mit kulturellen Modernisierungsprozessen Schritt zu halten.
Europa Haltung wichtig
Philip Manow misstraut solchen Einschätzungen, die Konzentration auf kulturelle Konfliktlinien lehnt er ab. Um Klarheit zu gewinnen, empfiehlt er, den Machtzuwachs suprationaler Institutionen wie der EU und die damit einhergehenden Verwerfungen in den Blick zu nehmen. „Es sind die gesellschaftlichen Verwerfungen gemeint, die aus einer zunehmend porösen und ungewissen Nationalstaatlichkeit resultieren – die an Zahl und Intensität zunehmenden Konflikte, die aus der Dekonsolidierung des Nationalstaats und seiner Integrations- und Schutzversprechen folgen.“ Wer auf die Positionen der Parteien zu Europa blickt, stellt fest: Die zustimmende oder ablehnende Haltung zum europäischen Projekt sortiert sich nicht nach links oder rechts, sondern nach Mitte oder Rand. „Je mittiger, desto EU-freundlicher“, führt Manow pointiert aus.Liberal versus illiberal
Damit ist das neue Konfliktfeld jedoch noch nicht hinreichend beschrieben. Manow beobachtet vielmehr, dass rechtspopulistische Parteien in ökonomischer Hinsicht nach links rücken und eine protektionistische Agenda verfolgen. Linkspopulistische Strömungen würden sich gesellschaftspolitisch nach rechts orientieren. Aus diesen Überlegungen entwickelt Philip Manow ein Konfliktschema, das die alte Links-rechts-Unterscheidung ablöst und stattdessen zwischen den Polen liberal und illiberal aufgespannt ist. „Aus dem Protest gegen das supranationale Projekt, aus der Mobilisierung derjenigen, die es – aus politischen, ökonomischen, gesellschaftlichen Gründen – ablehnen, bildet sich in einer besonderen Fusion eine neuartige politische Position heraus, die in beiden Dimensionen ‚illiberal‘ Stellung bezieht.“Öffnung der Märkte
Mit den „beiden Dimensionen“ meint Manow sowohl sozio-kulturelle als auch sozio-ökonomische Konfliktdimensionen. Warum sollten sich, so fragt er, ökonomische, politische und gesellschaftliche Verwerfungen immer nur kulturell artikulieren. Ist Kritik an der Migration wirklich nur aus Angst vor dem Fremden zu verstehen, oder werden mit dem Einspruch gegen Zuwanderung nicht auch verteilungspolitische Fragen artikuliert? Der kühl analysierende Philip Manow, der sich moralischer Bewertungen komplett enthält, blickt aber nicht nur auf den illiberalen Pol, sondern auch auf sein Gegenüber. „Die selbsterklärte politische Mitte unterstützt mit ihrer Parteinahme für Offenheit nolens volens die doppelt-liberale Dimension des transnationalen Projekts und ist daher in diesem politischen Raum nicht Mitte, sondern bildet den einen Pol einer neuen Konfliktachse.“Wählerschwund
Erst die liberalen Koalitionen der Mitte, die eine Öffnung der Identitäten und der Märkte propagierten, hätten die Herausbildung eines zweiten, illiberalen Pols provoziert. Philip Manow ist überzeugt: Für Wähler, die dem europäischen Projekt und der damit einhergehenden Schwächung nationaler Souveränität kritisch gegenüberstehen, ist das europafreundliche Angebot der etablierten Parteien der linken und rechten Mitte, die immer weniger unterscheidbar sind, nicht attraktiv. „Keine konsistente, in sich schlüssige programmatische Position bezüglich der immer bedeutsamer werdenden neuen politischen Konfliktdimension, des transnationalen Prozesses, formulieren zu können, übersetzt sich für beide Parteitypen in ihren elektoralen Niedergang.“ Philip Manow beschränkt sich auf die Analyse. Ratschläge sind nicht seine Sache. Der komplexe, anspruchsvolle Essay, mit dem der Autor an frühere Überlegungen anknüpft, zeigt keine Lösungen auf. Er ermuntert dazu, die Problemlagen neu zu betrachten.Wed, 2 Sep 2026 - 04min - 8046 - Rekonstruktion eines kurzen Lebens: „Cedrick“ von Gish Amit
Cedrick ist tot. Vor acht Jahren war er mein Schüler.
Aus der Zeitung erfährt Gish Amit von Cedricks Tod. Zwar fiel dieser im Unterricht nicht auf, war passiv und still, doch auf dem Foto, das den jungen Filipino in der Uniform der israelischen Armee zeigt, erkennt sein ehemaliger Lehrer ihn sofort. Er beschließt, über ihn zu schreiben. Über Cedrick, dessen Mutter in Israel als Putzkraft arbeitet und dessen Vater kurz nach seiner Geburt aus dem Land ausgewiesen wurde. Über einen jungen Mann, der vorübergehend in die Drogenkriminalität abrutschte und die Armee als Chance sah, sein Leben ins Positive zu wenden.Quelle: Gish Amit - Cedrick
Tatsächlich hatte er sich geändert, hatte darum gekämpft, zur Armee gehen zu können.
„Seine Mutter erzählte, er habe das Schreiben zerrissen, in dem die Armee ihm mitteilt, man sei an seinem Militärdienst nicht interessiert. Gleich am nächsten Tag, so erzählte sie, sei er zur Einberufungsstelle gegangen und habe verlangt, einen Musterungsoffizier zu sprechen, und letztendlich sei es ihm gelungen.“Quelle: Gish Amit - Cedrick
Das Recht, für sein Geburtsland zu sterben
Das schreibt Gish Amit. Mit der Aufnahme in Israels Armee erkämpfte sich Cedrick, der staatenlose Gastarbeiter-Sohn, ein Stück Zugehörigkeit zu dem Land, in dem er auf die Welt gekommen war. Er erkämpfte sich auch das Recht, für sein Geburtsland zu sterben. Am 7. Oktober 2023, dem Tag des Terrorüberfalls der Hamas auf Israel mit mehr als 1.200 Toten, fuhr der Reservist Cedrick Garin sofort zu seiner Einheit. Drei Monate später, im Januar 2024, wurde er, 24-jährig, bei einem Militäreinsatz im Gaza-Streifen getötet. Ausgehend von diesem tragischen Tod rekonstruiert der Autor Cedricks kurzes Leben, setzt ihm auf warmherzige Weise ein Denkmal. Er geht zu Beerdigung und Trauerfeiern, verabredet sich mit den Eltern, der Witwe, den ehemaligen Mitschülern. Durch ihre Aussagen lernen wir Cedrick als liebevollen Sohn und Ehemann, guten Freund und engagierten Soldaten kennen. Aber Gish Amit hat kein rührseliges Heldenepos verfasst.Empathie für die Migranten und ihre Kinder
In „Cedrick. Der Preis der Zugehörigkeit“ ist er Beobachter und Erzähler. Anschaulich beschreibt er Situationen und Menschen aus dem Milieu der Gastarbeiter und Geflüchteten in Israel. Dabei ist Amits Empathie für die Migranten und Migrantinnen und ihre Kinder unverkennbar. Als Philosophie-Lehrer unterrichtet er selbst seit vielen Jahren Jugendliche aus asiatischen und afrikanischen Ländern. Der Ton seines Buchs ist mal distanziert, gar ironisch, mal sehr persönlich. Seine Zuneigung zu Cedricks Freunden, seinen ehemaligen Schülern, bringt der Autor unverhohlen zum Ausdruck. Und auch die Bewunderung dafür, wie sie ihr Leben meistern – in einem Staat, zu dem sie gehören wollen, der es ihnen aber nicht leicht macht. „Offen und ohne einen Anflug von Groll sprechen sie über all die Genehmigungen, die ihr Leben diktieren und es in einem unsichtbaren, aber sehr greifbaren Netz aus Beschränkungen, Verboten und Gefahren gefangen halten, die ihnen überall und jeden Tag aufs Neue auflauern.“Ein berührendes, aufschlussreiches Buch
Gish Amit wirft einen äußerst kritischen Blick auf die prekären Lebens- und Arbeitsverhältnisse vieler nichtjüdischer Migranten in Israel. Er erzählt von Reinigungs- oder Pflegekräften, denen bei Kündigung ihres Jobs die Ausweisung droht. Von Menschen, die mit ständiger Angst vor Razzien und Verhaftungen leben. Oder von Cedricks Vater, dem ein Minister nach dem Tod des Sohnes die israelische Staatsbürgerschaft verspricht, um die sich der Filipino dann bei den Behörden vergeblich bemüht. Amits berührendes, aufschlussreiches Buch bringt uns Lebenswelten nah, die hierzulande und wohl auch in Israel selbst wenig bekannt sind. Seine Würdigung von Menschen, deren Liebe zur neuen Heimat oft nicht erwidert wird, ist aber auch universell lesbar.Tue, 1 Sep 2026 - 04min - 8045 - Freddie Mercurys Leben in seinen Liedern: „Ein Leben in Songs" von Mary Austin
Private Fotos und Erinnerungen an Freddie Mercury
„Build your own boat“ hätte die Band von Freddie, Brian, John und Roger heißen sollen. Jedenfalls wenn es nach Mary gegangen wäre. Bei ihrem ersten Zusammentreffen hatte Freddie sie gefragt und nach ihrer Antwort nur gelächelt. War es ein Test? Es war der Beginn einer lebenslangen Verbundenheit– einige Jahre als Paar, dann als Freunde. Mary Austin hat diese innige Liebe zwischen ihr und einem der wohl größten Künstler der Musikgeschichte nun zwischen Buchseiten geschnürt. Sie präsentiert private Fotos, Autographen und ihre Erinnerungen an Freddie Mercury als ein „Leben in Songs“. Zwischen allen Zeilen dieser persönlichen, aber niemals zu privaten Beschreibungen tritt immer wieder ein hoch sensibler, suchender, zweifelnder Mensch und Künstler hervor, der verbindliche Beziehungen über alles schätzte und dem der Weg zu sich selbst alles andere als leicht fiel.Ein Mann auf der Suche nach sich selbst
Wenn ich die Zeile „Can anybody find me somebody to love?“ höre, klingt das für mich nicht wie eine rhetorische Frage, sondern wie jemand, der mit seiner Kraft am Ende ist.
Der Song entstand 1976, dem Jahr, in dem sich Mary Austin und Freddie Mercury trennten. Bereits ein Jahr zuvor hatte er „Bohemian Rapsody“ geschrieben. Für seinen persönlicher Assistenten und Freund Peter Freestone verarbeitete der Sänger darin bereits sein Coming out.Quelle: Freddie Mercury, Mary Austin – Ein Leben in Songs
„Bohemian Rapsody“
Wie diese zwischen Rock und Oper changierende Komposition entstanden, die ein Meilenstein der Musikgeschichte wurde, lässt sich im Buch anhand von zahlreichen Autographen nachvollziehen. Auf lose Zettel, wie von der Fluggesellschaft British Midland, kritzelte Freddie Mercury mit Bleistift Textzeilen, Akkorde oder Titelideen. So sollte dieser Song erst „Mongolian Rhapsodie“ heißen.Deshalb sind diese Blätter so faszinierend. Sie bezeugen die Arbeit, den Auswahlprozess. Sie zeigen, wie er eine Idee zu Papier brachte und dann zur nächsten überging – manchmal auf demselben Blatt. Alles, was in seinem Leben vor sich ging, konnte er auf dem Papier zum Leben erwecken.
Auch auf vielen der privaten Fotos des sorgfältig zusammengestellten Bandes sieht man Freddie Mercury mit einem Notizbuch oder vor einem Stoß Papier sitzen. Und dann gibt es die Fotos vom Künstler auf der Bühne. Dort steht er, der grandiose Queen-Frontmann in seinen extravaganten hautengen Overalls, schwarzen Lederkombinationen oder Muskelshirts. Singt, tanzt, performed wie kaum ein Zweiter.Quelle: Freddie Mercury, Mary Austin – Ein Leben in Songs
Beste Liveperformance aller Zeiten
Eine Zeitlang schlug Freddie Mercury sogar eine Solokarriere ein, dann aber kam der 13. Juli 1985. Zwanzig Minuten lang versetzte er, wiedervereint mit Queen, im Wembley Stadion beim Life Aid Konzert das Publikum in Ekstase. Der Auftritt des Sängers ging als eine der besten Performances in die Rockgeschichte ein. 1987 erfuhr er, dass er Aids erkrankt war. Nur Mary Austin und die Band wussten davon. Alle arbeiteten weiter, kreierten neue Songs, drehten Videos, brachten Anfang 1991 ein neues Album heraus. Und dann kam das letzte Lied: „These are the days of our lives“.Die Single erschien am 5. September 1991, Freddies 45. Geburtstag, in den USA. Im November gab er bekannt, dass er an AIDS litt. Schon am Tag darauf kam die Nachricht, dass er in seinem Haus, der Garden Lodge, verstorben war.
Fünfunddreißig Jahre später lässt Mary Austin mit ihrem Buch endgültig los. Nun gibt sie auch ihre Erinnerungen ab an die Leser. Wer nicht schon vorher Fan war, wird spätestens nach der Lektüre Freddie Mercury lieben. Als Mensch und als Künstler.Quelle: Freddie Mercury, Mary Austin – Ein Leben in Songs
Tue, 1 Sep 2026 - 04min - 8044 - Der Krieg mit anderen Mitteln: „Die Liebeshungrigen“ von Karine Tuil
Sie gehören zu den Spitzen der Pariser Gesellschaft: der prominente Politiker, die erfolgreiche Schriftstellerin, die bewunderte Schauspielerin, der genialische Filmemacher. Sie sind „Die Liebeshungrigen“ in Karine Tuils gleichnamigem Roman. Doch in Wahrheit gleicht ihre Welt einer einzigen Konfliktzone. Denn der Hunger nach Liebe, um den es hier geht, bringt vor allem unkontrollierbare Leidenschaften, Ängste, Gier und Gewalt hervor. Weshalb der Titel der französischen Originalausgabe unverblümt vom „Krieg mit anderen Mitteln“ spricht.
Angst vor dem Absturz
Dan Lehmann hatte es bis zum Staatspräsidenten geschafft, doch nach der gescheiterten Wiederwahl geht es mit ihm bergab. Das muss er sogar vor seiner Frau verheimlichen.Er konnte ihr nicht gestehen, dass er trank, weil es ihm schlecht ging und er traurig war. Dass er in einem Leben ohne politischen Kampf keinen Sinn fand. Dass er seit seinem Auszug aus dem Élysée-Palast spürte, wie er allmählich zugrunde ging.
Lehmann ist in diesem Roman nicht der einzige Problemfall. Seine Ex-Frau Marianne, die Schriftstellerin leidet an Selbstzweifeln, weil sie für eine Jüngere verlassen wurde. Seine gegenwärtige Gattin Hilda, die Schauspielerin, fürchtet mit zunehmendem Alter um ihren Marktwert im Filmgeschäft. Der Regisseur Romain dagegen hofft noch immer auf den Ruhm und verschafft sich seine Erfolgserlebnisse unterdessen als rücksichtsloser Schürzenjäger.Quelle: Karine Tuil - Die Liebeshungrigen
Feministinnen in der Krise
Die Frauenfiguren dagegen verhalten sich in Beziehungsfragen und beim Sex erstaunlich unterwürfig. „Sie bezeichnete sich als Feministin, engagierte sich für Vielfalt und Inklusion, und nun heulte sie um einen Typen! Zu ihrer Freundin hatte sie am Telefon gesagt, das sei »total inkonsequent«, und die Freundin hatte gelacht, so sei die Libido nun mal – ein Hort des Widerspruchs.“ Es ist der alte Krieg der Geschlechter in neuester Auflage: Erotische Machtspiele, toxische Männlichkeit, sexualisierte Gewalt, Feministinnen im Krisenmodus. Karine Tuil verwendet viel Raum darauf, die Befindlichkeiten ihrer Figuren zu beleuchten. Doch über lange Strecken versäumt sie es, das zu tun, was Erzählen leisten sollte: nämlich ihre aktuellen Themen vom Allgemeinen ins Individuelle zu vertiefen. Allzu oft dominiert eine Tendenz zum Leitartikel. Szenisches Leben kommt erst in die Romanhandlung als der Macho Romain nach dem Buch von Marianne einen Film über toxische Männergewalt mit Hilda in der Hauptrolle dreht. Trotzdem lässt er es sich nicht nehmen, gleich drei der Protagonistinnen sexuell auszubeuten und sich mit einem MeeToo-Skandal zu blamieren.Showdown in Cannes
Als alle beim Filmfestival in Cannes zusammentreffen, ist der dramatische Höhepunkt des Romans erreicht. Der Regisseur darf nicht auf die Bühne, der Expräsident versinkt im Nebel von Tabletten und Alkohol und die Schriftstellerin beschließt dem 50-plus-Alter mit guten Vorsätzen zu begegnen.Freiheit gibt es nicht umsonst – ich musste meine Denkweise auf eine neue Grundlage stellen, meine Erziehung hinterfragen, einen Teil meiner selbst dekonstruieren.
Nein, große Literatur ist das nicht. Immerhin aber hat Karine Tuil viel von dem, was die Zeitgeist-Spatzen von den Dächern pfeifen, unterhaltsam und mit glamouröser Garnitur zwischen zwei Buchdeckel gepackt.Quelle: Karine Tuil - Die Liebeshungrigen
Sun, 30 Aug 2026 - 04min - 8043 - Freiheit, Barbarei und AliensSat, 29 Aug 2026 - 55min
- 8042 - Fortwährender Hass auf Juden – Maxim Billers „Schwarze Samstage“
Eine neue Zeitrechnung beginnt
In der Vorrede zur „Dialektik der Aufklärung“ von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno beschreiben die beiden Autoren den Kern dieser philosophischen „Fragmente“, nämlich herauszufinden, „warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt.“ Ari, die Hauptfigur in Maxim Billers Roman „Schwarze Samstage“, denkt ganz ähnlich: Nach den 1970er Jahren und einer Flucht aus der kommunistischen Tschechoslowakei geht er davon aus, er habe „das Schlimmste“ hinter sich. Doch dann lernt er in Hamburg linke Gymnasiasten und Studenten der Post-68er-Generation kennen, die sich ein Ende Israels wünschen. Billers Ich-Erzähler erlebt – im Rückblick auf die lange und verheerende Geschichte des Antisemitismus – dann aber doch eine kurze und glückliche Epoche, in der die Hoffnung wächst, mit dem Hass auf Juden könne es, zumindest in Deutschland, vorbei sein. Die 80er Jahre jedenfalls nimmt der inzwischen in München lebende Ari als glorreiche Phase einer Popkultur wahr, in der antijüdische Ressentiments als gesellschaftliches Randphänomen gelten und in kulturellen Räumen kaum anzutreffen sind. Mit dem Massaker der palästinensischen Terroristen am 7. Oktober 2023 in Israel beginnt für Ari eine neue Zeitrechnung.Jedem, der mich in diesen Stunden panisch anrief, sagte ich, er solle sich und mich nicht so aufregen, das goldene Zeitalter für die Juden sei zu Ende.
Quelle: Maxim Biller - Schwarze Samstage
Statt Mitleid mit den Opfern gibt es Solidarität mit den Tätern
Aus der Vorahnung wird eine Gewissheit. Die bundesrepublikanische Aufklärung der vergangenen Dekaden löst sich in Luft auf, schlägt um in eine neue Art der Barbarei. „Schwarze Samstage“ liest sich schon bald als Autofiktion im Real-Life-Format: In Israel wüten die Mörder und Vergewaltiger noch, als sich überall in Europa die Umwertung bisher gültiger Werte rasend schnell vollzieht. Terroristen heißen plötzlich Widerständler, und die bestialische Folterknechte, die ihre unvorstellbaren Taten mit eigenen Videokameras dokumentiert haben, werden keineswegs nur von Islamisten als „Freiheitshelden“ gefeiert. Der einsetzende Kulturkampf, der sich gegen den sich wehrenden Staat Israel richtet, betrifft alle gesellschaftlichen Bereiche. Ari, inzwischen erfolgreicher Schriftsteller, kann es nicht fassen, dass die Mehrheit auch und gerade im deutschen Literaturbetrieb weniger Mitleid mit den israelischen Opfern empfindet, sondern sich mit den palästinensischen Tätern solidarisiert. „Noch am Abend des 7. Oktobers bekam eine freundliche Deutsche, die seit Jahren höflich versuchte, mich in ihren Bücherpodcast einzuladen, Jubelnachrichten ihrer politisch interessierten Freunde aufs Telefon. Die meisten schrieben ihr einfach nur ‚Free Palestine!‘, mehr nicht.“Dialektik der Regression
„Schwarze Samstage“ stellt das Pogrom der Hamas und ihrer genozidal gesinnten erbündeten in den historischen Kontext antijüdischer Pogrome seit der Antike. Selbst nach dem Holocaust und dem gebetsmühlenhaft vorgetragenen „Nie wieder!“ – das zeigt der Roman sehr überzeugend – sind die uralten Ressentiments nicht verschwunden. Für Ari ist der Antizionismus der radikalen Linken, der immer auch antisemitische Narrative bediente, eine Wiederkehr des Immergleichen. Das Buch verliert sich aber keineswegs in historischen Exkursen. Nahezu nebenbei wird die Familiengeschichte der Hauptfigur erzählt, in der sich der Irrsinn des 20. Jahrhunderts widerspiegelt. Angesichts des Grauens, das nicht aufzuhören scheint, fragt der Ich-Erzähler schon in den ersten Sätzen nach der Verantwortung Gottes in der Welt. Bei Maxim Biller folgt danach keine Abhandlung zur Theodizee, eher ein Abgesang auf unsere Zivilisation in Analogie zu Adorno und Horkheimer, nur dass es nicht mehr um Aufklärung, sondern um eine Dialektik der Regression geht.Wer, so wie ich, nicht an Gott glaubt, wundert sich, was für überraschende Ideen er manchmal hat. Die Öfen von Majdanek. Nagasaki. Der frierende Napoleon in Russland.
„Und wie sonst soll ich mir das Unvorstellbare erklären, das (…) an einem ruhigen Spätsommertag im Süden Israels passiert ist? Konnten sich wirklich Menschen allein ein Blutbad von dieser Wucht ausdenken (…)? Was für eine (…) Wendung im ewigen Weltroman des angeblich Allmächtigen!“Quelle: Maxim Biller - Schwarze Samstage
Im Fadenkreuz
An die Vernunft im gesellschaftlichen Diskurs mag der Ich-Erzähler angesichts einer „weltumspannenden antijüdischen Free-Gaza-Raserei“ nicht mehr glauben. Wenn es um die Reaktion Israels auf den Angriff der Hamas ging, sprechen inzwischen Extremisten im linken wie im rechten Lager in erschreckend ähnlichen Floskeln. Im Kulturbetrieb scheint es manchmal nur noch am Rande um lesenswerte Literatur, schlechte Filme oder interessante Theaterstücke zu gehen. Fast jede Bühne wird, wie der Roman an vielen Beispielen illustriert, zum Aufmarschgebiet der Aktivisten aus der sogenannten „Palästina-Solidarität“, die nicht begreifen, dass sie, wie es bei Biller treffend heißt, „willige Helfer der Marketingabteilung der Hamas, des Islamischen Dschihad, der iranischen Revolutionsgarden“ sind. Für den Erzähler Ari – und nicht nur für ihn – steht leider fest:Jetzt ist alles wieder normal. Ab jetzt leben wir wieder im Fadenkreuz. Überall.
Quelle: Maxim Biller - Schwarze Samstage
Für viele der Roman des Jahres
Maxim Biller hat einen Roman geschrieben, über den sich viele Leute aufregen werden – wenn sie ihn denn lesen. Das Buch ist wichtig, allein weil es sich um eine Dokumentation und Analyse der antiisraelischen und antijüdischen Stimmungsmache nach dem 7. Oktober handelt. Manche Beschreibungen der Mordtaten wirken wie ausgedacht, entsprechen aber vermutlich in jedem blutigen Detail den historischen Fakten. Wer den feinsinnigen Biller vermisst, der zuletzt „Mama Odessa“, ein Meisterstück der Familienprosa, oder die herrlich melancholische Novelle „Der unsterbliche Weil“ veröffentlicht hat, wird sich in diesem Prosawerk auf die Suche nach den leisen Tönen machen müssen, aber zwischen den Zeilen durchaus fündig werden. Der Autor, der eigentlich keine Romane mehr schreiben wollte, hat aus lauter Verzweiflung einen literarischen Angriff veröffentlicht, der an seine Kolumnen erinnert, aber in seiner stilistischen Qualität die sprachlich oft mauen Werke der sozialkritischen Autofiktion wie etwa die von Didier Eribon weit überragt. „Roman eines Jahres“ nennt Maxim Biller sein Buch. „Schwarze Samstage“ wird, für einige, vielleicht doch nicht so wenige Leserinnen und Leser, auch der Roman des Jahres sein.Sat, 29 Aug 2026 - 06min - 8041 - Die Welt in einer Kneipe
Die norwegische Schriftstellerin Vigdis Hjorth, geboren 1959, hat mehr als zwanzig Bücher veröffentlicht. In Deutschland wurde sie allerdings erst in den vergangenen Jahren mit so großartigen Romanen wie „Ein falsches Wort“ oder „Wiederholung“ entdeckt. Romane, die im Original bereits vor einigen Jahren erschienen sind. Zumeist geht es darum um traumatische Erlebnisse in einer Familie; Erlebnisse, die bereits Jahrzehnte zurückliegen.
Gescheiterte Existenzen
Nun gibt es ein brandneues Buch von Vigdis Hjorth, wie ihre vorangegangenen Romane von Gabriele Haefs ins Deutsche übersetzt. „Der gute Mensch von Sandvika“ ist in einem anderen Milieu angesiedelt als Hjorths vorherige Romane. Der Hauptschauplatz ist eine herunter gekommene Kneipe in der Kleinstadt Sandvika. Dort treffen sich Existenzen vom Rand der Gesellschaft: Sozialhilfeempfänger, Trinker, Gestrandete, Gescheiterte. Mittendrin: die Ich-Erzählerin, Schriftstellerin von Beruf, und ihr Hund.Eine bemühte Geschichte
Sandra Kegel, Mitglied der Jury der SWR-Bestenliste ist eine bekennende Anhängerin von Vigdis Hjorth, wird mit diesem neuen Roman aber nicht warm. Die Autorin, so Sandra Kegel, bekomme dieses Milieu schriftstellerisch nicht in den Griff, möglicherweise, weil es ihr so fern liege. Die Geschichte wirke ausgedacht und in ihrer Suada bemüht.Tragischer Lottogewinn
Angelehnt an Bertolt Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ stelle Hjorth zwar die Frage, wieviel Güte in der Welt sei, aber, so Sandra Kegel, auch die am Ende tragisch zugespitzten Erzählung einer Frau, der ein hoher Lottogewinn zum Verhängnis wird, sei eher aufgesetzt und rette den Roman im Ganzen nicht. Leider.Fri, 28 Aug 2026 - 07min - 8040 - Zurecht gehyped? Sci-Fi-Reihe „Dungeon Crawler Carl“
Intergalaktisches Reality-TV-Format
Ein Mann in Unterhose und eine Perserkatze mit Laseraugen kämpfen gegen drogendealende Lamas, Goblins und mutierte Zirkusaffen. Das ist „Dungeon Crawler Carl“: US-Autor Matt Dinniman erzählt von Ex-Küstenwächter Carl und Prinzessin Donut, der sprechenden Katze seiner Exfreundin. Eine Alien-Invasion hat den Großteil der Menschheit ausgelöscht und die Erde in ein gigantisches Reality-TV-Format verwandelt. Wer überleben will, muss mitspielen. Und das loben die Fans auf Social Media. Was im Netz gerade gefeiert wird, begann als Self-Publishing-Projekt, inzwischen sind die Romane ein Millionenseller. Acht Bände sind im Original erschienen, zehn sollen es werden, eine TV-Adaption ist in Arbeit. Besonders erfolgreich sind die Hörbücher, lebhaft interpretiert von Sprecher Jeff Hayes. Der Erfolg ist dabei nicht schwer zu erklären. „Dungeon Crawler Carl“ verbindet die Dramaturgie eines Computerspiels mit dem Tempo und Humor eines Internet-Memes: Witze über eine KI mit Fußfetisch oder einen Ich-Erzähler, der in Herzchen-Boxershorts kämpft, weil das Spiel ihm keine Hose gönnt.Lit-RPG, also Literary Role Playing Game
Erfahrungspunkte, Mobs, Loot, Level, Achievements, NPCs und Quests: Gaming-Vokabular gehört zur Grammatik des Romans. Lit-RPG, also Literary Role Playing Game heißt dieses Science-Fiction-Subgenre, das Videospiel-Ästhetik mit Fantasy-Elementen mischt. „Ich kannte mich bestens aus, da ich schon Fan war, bevor ich selbst in diesem Genre zu schreiben begann. Zudem war ich schon lange davor Gamer – ich gehöre also genau zur Zielgruppe, “ das schreibt mir Dinniman, er ist gefragt, Zeit für Interviews bleibt ihm kaum. Anders als seine Figuren: In den Dungeons zählt nicht nur, klar, das Überleben, sondern auch das Sammeln von Erfahrungspunkten und Fähigkeiten. Und: der Unterhaltungsfaktor. Das Duo erweist sich als schlagfertig im doppelten Sinne: Während Carl Strategie und Schlagkraft übernimmt, wird die Showkatze Donut zum Talkshowliebling. Ihre Popularität bringt ihnen Spenden und die Gunst der Zuschauer. Die außerirdischen Spielmacher reagieren auf Quoten; aus dem Computerspiel wird so eine Medienökonomie, regiert von einem Profit-orientierten Alien-Syndikat.Der Kapitalismus hat das Ende der Welt überlebt
Die Welt ist zwar untergegangen, aber die Logik, nach der sie funktioniert, ist erstaunlich vertraut. Es gibt Zuschauerzahlen, Rohstoffgewinn, Rankings, Influencer, Sponsoren, Tech-Milliardäre, und eine Ökonomie der Aufmerksamkeit. Man könnte sagen: Der Kapitalismus hat das Ende der Welt überlebt. Das ist als sanfte Systemkritik lesbar, erinnert aber gleichzeitig an den Kulturkritiker Mark Fisher und seinen Begriff des „kapitalistischen Realismus“: die Vorstellung, dass es leichter geworden sei, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus. Die Gesellschaftskritik der Romane richtet sich gegen die Exzesse des Systems, nicht gegen dessen Logik. Sie zeigt die Absurdität einer Welt, in der Leid zur Unterhaltung wird, fragt aber kaum, ob eine andere Ordnung denkbar wäre. Hier wird das Potential des Science-Fiction-Genres verschenkt.Potential des Genres verschenkt?
Auch bei den Figuren bleibt diese Vorstellungskraft begrenzt. Ein Bossgegner etwa ist eine übergewichtige Frau, die im Müll lebt, Spanisch spricht und Kakerlaken spuckt. Die Figur soll grotesk sein, funktioniert aber zugleich als Bündel aus Fettfeindlichkeit, Fremdenfeindlichkeit und Sexismus. Man könnte argumentieren, dass genau das Teil der Satire ist: Die außerirdischen Produzenten bedienen sich bewusst menschlicher Klischees, um ihr Publikum zu unterhalten. Der Roman macht diese Mechanik sogar selbst zum Thema. Nur reicht diese Erklärung nicht immer aus. Denn an anderen Stellen werden Stereotype nicht mehr erkennbar ausgestellt, sondern einfach übernommen. Afrikanische Mitspieler etwa erscheinen als bewaffnete Warlords, ableistische Witze über körperliche und psychische Beeinträchtigungen gibt’s zuhauf. Die vermeintliche Distanz zum Klischee verschwindet und die Literatur, die so stark aus der Gaming-Kultur schöpft, übernimmt deren Perspektiven und blinde Flecken unkommentiert.„Wer ein Problem hat, kann seine Meinung gerne äußern"
Dinniman selbst zeigt wenig Interesse daran, diese Kritik, die auch online verhandelt wird, zu diskutieren. Auf die Frage, wie er damit umgehe, antwortet er: „Gar nicht. Wer ein Problem damit hat, was oder wie ich schreibe, kann seine Meinung gerne in Foren und Rezensionen äußern.“ Dabei zeigt der Roman durchaus, dass er genau hinschauen kann. Ein skrupelloser Gegenspieler Carls etwa trägt unverkennbare Züge eines ICE-Agenten – ein Seitenhieb auf die US-amerikanische Migrationspolitik. Trotzdem gelingt Dinniman etwas Bemerkenswertes: Er spricht ein Lesepublikum an, das sonst eher nicht zum Buch greift. Die einfache Sprache, die klare Dramaturgie und das vertraute Vokabular machen den Einstieg niedrigschwellig. Die Mischung, die an eine Melange aus „Per Anhalter durch die Galaxis“, „Hunger Games“, „Warcraft“ und das Pen-and-Paper-Spiel „Dungeons and Dragons“ erinnert, ist rasant und fantasievoll.„Sie überraschen mich immer wieder“
Vielleicht ist die Reihe noch nicht auserzählt, nicht nur erzählerisch, sondern auch ideologisch. Dinniman sagt selbst, er wisse nicht, welches Schicksal Carl und Donut ereilen werde: „Ich denke mir alles beim Schreiben aus. Sie überraschen mich immer wieder.“ Das könnte die größte Chance der kommenden Bände sein. Denn „Dungeon Crawler Carl“ hat bereits bewiesen, dass es sich eine Welt vorstellen kann, in der beinahe alles möglich ist. Bislang bleibt es bei der alten – nur mit Laseraugen, Goblins und einer sehr scharfzüngigen Katze.Fri, 28 Aug 2026 - 06min - 8039 - „Anton und Alma“ – Der neue Roman von Dana Vowinckel
Es gibt literarische Figuren, von denen weiß man schnell: Sie werden einen nicht loslassen. „Anton und Alma“ sind zwei solche literarischen Figuren. Nachdem man sie über 500 Seiten lang begleitet hat, geht es einem ein wenig wie Anton selbst:
Alma war für Anton wie ein Wort, das man nie gekannt hatte und das einem, nachdem man es gelernt hatte, auf einmal überall begegnet.
Quelle: Dana Vowinckel – Anton und Alma
Es könnte eine Liebesgeschichte sein
Alma und Anton, Anton und Alma - Auf den ersten Blick erzählt Dana Vowinckel die bittersüße Geschichte von zwei jungen Menschen, die sich verlieben, zusammenziehen, das Studium beenden, die nächsten Schritte planen. Also, eine Liebesgeschichte, eine Romanze vielleicht? Es könnte eine sein, wäre da nicht die sogenannte Gegenwart. „Die Gegenwart war immer eine Tragödie. Nur mit Abstand konnte man das, was einmal Gegenwart gewesen war, anders betrachten, konnte man den Humor darin sehen, eine kleine Komödie schreiben, oder es erzählen als Überwindung des Bösen, eine Romanze, hin zum bestmöglichen Ende der Geschichte, oder doch als Satire. Aber die Tragödie war schon jetzt.“Die Gegenwart als Antagonistin
Unsere überfordernde Gegenwart ist die Antagonistin in diesem Roman. Weil sie in die Biografien dieser beiden Liebenden wirkt: Anton kommt aus einer großbürgerlichen, jüdischen Akademikerfamilie. Am Fußknöchel trägt er einen Davidstern - das Relikt eines betrunkenen nächtlichen Abstechers in ein Tattoostudio in Tel Aviv. Ein ironischer Gag unter zwei Freunden. Doch was sagt dieser Davidstern über Anton, über seine Identität als Jude zwischen Deutschland, Amerika oder Israel? „Es gab keine normalen Juden, weil es keine normale Geschichte gab. Weil jeder Jude auf der Welt eine eigene, spezifische Beziehung zur Schoa hatte. Man konnte der Tatsache der Vernichtung nicht entkommen. Auch er nicht. Auch er hatte eine Beziehung zum Grauen, zum Schlimmstmöglichen.“ Durch Anton bekommt Alma zum ersten Mal Einblick in eine jüdische Lebenswelt, wobei seine Familie nicht besonders religiös ist. So wird an Chanukka auch mal eine Platte nicht-koschere Austern verspeist. Eine Premiere für Alma, die zögert: „‚Alma ist die Koscherste von uns allen‘, sagte Orna. ‚Du musst sie nicht essen, Alma.‘ Alma nickte, kippte sich die Auster in den Mund, rannte zum Waschbecken, spuckte den Glibber aus, sie sah Anton entgeistert an, sagte, ‚Das esst ihr doch nur, weil es verboten ist.‘“Anton liebte sie wie nie zuvor in diesem Moment, sah sie ganz kurz wie einen fremden Menschen, nicht wie die ihm mittlerweile so vertraute Alma.
Quelle: Dana Vowinckel – Anton und Alma
Die Gleichzeitigkeit des Lebens einfangen
In Szenen wie dieser zeigt Dana Vowinckel ihr herausragendes Talent, die Gleichzeitigkeit des Lebens in Literatur einzufangen. Liebe und Witz stecken hier drin, ebenso wie ein kleiner dramaturgischer Vorausgriff: Alma wird tatsächlich wenige Jahre später koscherer als Anton leben. Sie, die in schwierigen Familienverhältnissen großgeworden ist, findet in der jüdischen Gemeinde Berlins einen Ort, der ihr Halt gibt. „Alles linderte den Schmerz: das Gebet, der Halt, die Gemeinschaft. Sie lernte dazu. Nach den Gottesdiensten am Samstag blieb sie für Shiurim, in denen es um jüdische Fragen ging, die immer auch Fragen der Gegenwart waren, sie wurde dort geschätzt für ihre Beiträge. Sie wusste, mit welchem Argwohn Deutsche wie sie betrachtet wurden. Sie verstand ihn, zumindest glaubte sie das.“Religion und Familienvergangenheit
Alma ist keine der Philosemiten, über die Anton so gern spottet. Deutsche, die aus einem Schuldgefühl heraus konvertieren, um am Ende die besseren Juden zu sein. Sie setzt sich mit ihrer Familiengeschichte kritisch auseinander: Alma Bormann ist eine Ururnichte Martin Bormanns - Hitlers Trauzeuge und Privatsekretär. Der Jude und die Nazi-Nachkommin - der Grat ist schmal, hier nicht in Klischees abzurutschen. Dana Vowinckel balanciert gekonnt auf diesem Grat, indem sie ihre Figuren hadern lässt, ihnen Zeit gibt, die Dinge auszuloten, keine schnellen und vor allem keine einfachen Antworten gibt. Sie zeigt, dass eine solche Liebesgeschichte wie die von Anton und Alma niemals unberührt bleiben wird, von den fatalen Verhältnissen unserer Zeit. Und so schafft es dieser großartige Roman, der sich über mehrere Jahre bis in unsere unmittelbare Gegenwart zieht, auch schon Fragen unserer jüngsten Vergangenheit zu verhandeln: Die Corona-Pandemie, Russlands Invasion der Ukraine. Den 7. Oktober.Die Verhältnisse unserer Zeit torpedieren die Liebe
Er sah Bilder, die er nie wieder vergessen würde. Er öffnete Twitter und hörte nicht mehr auf, die Bilder zu sehen, sah sie nicht an, konsumierte sie nicht, sah sie einfach wie Albträume, gefangen in ihnen.
Der Terrorangriff der Hamas auf Israel im Oktober 2023. Obwohl tausende Kilometer entfernt, ist Antons Leben danach ein ganz anderes. Das hässliche Gesicht des Antisemitismus, westliche Studierende, die plötzlich in allen Israelis Kindermörder sehen, auf der anderen Seite Antons Vater, der den Krieg in Gaza rechtfertigt und für den kein Palästinenser dort unschuldig ist - Anton versucht sich in diesem Strudel zu behaupten. Doch wie bei den großen tragischen Liebesgeschichten wird das nicht gelingen. Anton und Alma - fast wie Romeo und Julia oder Tristan und Isolde - es gibt diese herzergreifenden Liebesgeschichten, die an den bitteren Zeitläuften zerbrechen müssen, die einfach keine Liebe mehr kennen.Quelle: Dana Vowinckel – Anton und Alma
Fri, 28 Aug 2026 - 05min - 8038 - Und täglich grüßt das Sommerhaus
„Und täglich grüßt das Murmeltier“
Wir haben nicht den 2. Februar wie in dem sprichwörtlich gewordenen Filmklassiker „Und täglich grüßt das Murmeltier“, sondern den 17. Juni 1986. Diesem Tag setzt sich Vidar Åkeby, Mitte 40, von Beruf Lehrer, wohnhaft in Stockholm, im Jahr 2023 immer wieder aus.Stell dir vor, du findest mit fünfundvierzig plötzlich die Telefonnummer, die zu einem Haus gehört, in dem du als Kind deine Sommerferien verbracht hast. Es gibt dieses Haus nicht mehr, deine Eltern sind krank oder bereits gestorben.
„Du bist allein. Und du sitzt da mit dieser Telefonnummer und hast plötzlich so ein Gefühl. Du rufst an, und da passiert etwas völlig Verrücktes. Es tutet, obwohl die Nummer nicht mehr vergeben ist, und jemand nimmt ab, ein Kind, und weißt du auch, wer?“ Es ist er selbst. Der 8-jährige Vidar. Und damit nimmt Alex Schulmans Roman „Jetzt beginnt das Leben“ surreale Züge an. 37 Jahre liegen zwischen den beiden Telefonhörern, zwischen ein und derselben Person.Quelle: Alex Schulman – Jetzt beginnt das Leben
Anrufe, Schieflagen und die Gegenwart
Nach einigen Anrufen, die, je nach Uhrzeit, von ihm selbst, seinem Vater, der Mutter, selten auch seiner Schwester, angenommen werden, wird klar, dass am anderen Ende des Hörers stets derselbe Tag ist: Der 17. Juni 1986. Vidar ruft in seiner Kindheit an, und je häufiger er anruft, je mehr Fragen er sich stellt, desto deutlicher gerät dieser vermeintlich friedliche Sommertag am anderen Ende der Leitung in eine Schieflage. Das betrifft auch die Gegenwart, denn es läuft ein Verfahren gegen diesen telefonierenden Vidar; er wird der Körperverletzung an einem Schüler beschuldigt. So kommt der Roman in Form eines zweifachen Verhörs daher, das die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart zunehmend verschwimmen lässt. Während sich die Schlingen der Gegenwart um den suspendierten Lehrer zuziehen, nähert sich Vidar in immer enger werdenden Kreisen der Quintessenz des 17. Juni. In diesem Tag liegt etwas im Verborgenen, was unbedingt ans Licht will.Die Ausweglosigkeit eines tonnenschweren Tages
Aber die Vergangenheit verschließt und entzieht sich seinem Zugriff, was eine manchmal nur schwer erträgliche Ausweglosigkeit hervorruft: „Ein Klicken, und die Verbindung war unterbrochen, der Junge verließ die Bühne, verschwand aus dem 17. Juni 1986, betrat das Funkloch.“ So verschwindet die Kindheit von Vidar. „Die letzte Spur von ihm: dieses Geräusch des Stuhls, als er aufstand, das Schnarren auf dem Holzboden, dann war er weg, und wie immer lebte sein Bild noch eine Weile in mir fort, so wie der Faden einer Glühbirne noch einen kurzen Moment glimmt, nachdem man sie ausgemacht hat, und ich sah ihn in der Küche, sah zu, wie er Mamas Weg zum Haus hinauf verfolgte.“Da war er, der kleine Junge, der sich an einem tonnenschweren Tag abschleppte.
Quelle: Alex Schulman – Jetzt beginnt das Leben
Aufarbeitung, Trauma und Verdächtige
Das dringliche, ja fast manische Bedürfnis, diesen Tag zu rekonstruieren, ist ein Versuch, diesen Jungen und das, was ihm widerfahren ist, ähnlich einem Verdächtigen, zu orten, um Auskunft über den erwachsenen Vidar zu erhalten. Und damit sind wir mittendrin im Schulman‘schen Stoff, der immer wieder die Kindheit und die aus ihr hervorgehenden Traumata fokussiert. So ist auch die Erkenntnis in „Jetzt beginnt das Leben“, dass die Mutter, die auch in diesem Roman die zentrale Figur ist, überall und zugleich nirgends war, eine Feststellung, an der sich Schulmans Figuren fortwährend abarbeiten.Beharrliche Vergangenheitsbefragung
Was diesen Roman auszeichnet, ist die Verbindung einer beharrlichen Vergangenheitsbefragung mit der Spannung eines Kriminalromans. Streckenweise erinnert „Jetzt beginnt das Leben“ in seiner Komposition an Paul Austers New York Trilogie, in der ein Detektiv den Auftrag erhält, sich selbst zu beschatten. Am Ende steht die Frage, ob das Ereignis, auf das der Roman unaufhörlich und mit zunehmender Geschwindigkeit zusteuert, tatsächlich von der erwarteten Wucht und Größe ist – oder ob die Wahrnehmung Vidars der Eigenlogik der Kindheit geschuldet ist, in der selbst kleine Erschütterungen existenzielle Ausmaße annehmen. Gekonnt hält Schulman diese Frage in der Schwebe – auch darum ist sein Roman eine spannende Lektüre.Fri, 28 Aug 2026 - 04min - 8037 - Fundiert Fluchen: „Die hohe Kunst des Schimpfens“
Schimpfen wie ein Rohrspatz – wer möchte und macht das nicht ab und zu. Auch wenn stilvolles Schelten – wie es der gefiederte Geselle vorlebt – nicht des Menschen Pläsier zu sein scheint. Am wenigsten in einer Gegenwart, die durchfurcht ist von tumben Gehässigkeiten eines amerikanischen Präsidenten, Plumpheiten hetzender Populisten oder Hassreden in sozialen Medien.
Das weite Feld der Beschimpfungen
Dabei ist Sprache so gehaltvoll, um das weite Feld der Beschimpfungen originell zu bestellen, historisch zu düngen und mit literarischen Stilblüten zu schmücken.Aasknochen, Blutunke, Klügling
Tobias Roth und Wolfgang Hörner begaben sich auf die Suche, erschlossen entlegene, alte Quellen, wühlten in Wörterbüchern, erforschten Dialekte und schauten virtuosen Beleidigern deutschen und internationalen Schrifttums aufs Maul und in die Bücher. Sie brachten reiche Ernte ein, die sie nun in ihrem so kurzweiligen wie bibliophilen Büchlein präsentieren. Auf nahezu jeder Doppelseite ein üppiger Garten neuer Schimpfwörterlüste. In einem wüten Klassiker gegen Klassiker: „Ein Erzwindbeutel Ruft Johann Heinrich Voss in Richtung Clemens Brentano Eine völlige Null Nennt Wilhelm von Humboldt Matthias Claudius. Oder: Mit größerer Majestät ist wohl noch nie ein Verstand still gestanden Wettert Georg Christoph Lichtenberg gegen Friedrich Gottlieb Klopstock."Quelle: Wolfgang Hörner, Tobias Roth (Hg.) – Die hohe Kunst des Schimpfens
Ein derb grantelnder Mozart
Einer, der derb granteln konnte wie kaum ein zweiter und dann auch noch in Wort und Musik findet sich ein paar Seiten weiter: Mozart. Sein sechsstimmiger Kanon aus dem Jahr 1782 fordert, was er auch in unzähligen Briefen immer wieder verlangte: man möge ihn am bzw. im Hinterteil lecken. Für seine Cousine Maria Thekla Mozart hält er sich diesbezüglich zurück. Mit umso größerem kreativen Eifer:Poz Himmel Tausend sakristey, Cruaten schwere noth, teüfel, hexen, truden, kreüz-Battalion und kein End.
Ein Füllhorn der Flüche: Mozart wie das gesamte Buch. Es findet sich musikalisches Schelten darin ebenso wie dramatisches, lyrisches oder prosaisches, episches oder auch postalisches. So der Brief der Saporoger Kosaken an den türkischen Sultan Mehmet IV. zu Beginn des osmanisch-russisches Krieges 1676. Er ist wohl ein Höhepunkt diplomatischen Levitenlesens. Wer Ilja Repins berühmtes Gemälde „Die Saporoger Kosaken schreiben dem türkischen Sultan einen Brief“ vor Augen hat, sieht und hört sie förmlich fluchen und fabulieren: „Dein Heer fürchten wir nicht, werden zu Wasser und Lande uns mit dir schlagen, Du Babylonischer Küchenchef, Du Mazedonischer Radmacher, Alexandrinischer Ziegenmetzger, Jerusalemitischer Bierbrauer, Erzaushalter des großen und des kleinen Ägypten“, schimpft Mozart. „Du armenisches Schwein, Du Tartarischer Geißbock, Du Henker von Kamenetz und Taschendieb von Podolsk, Du Enkel des leibhaftigen Satans und Narr der ganzen Welt und Unterwelt, dazu unseres großen Gottes Dummkopf. Schweineschnauze, Stutenarsch, Metzgerhund, ungetaufter Schädel!“ Man kann in diesem sorgsam zusammengetragenen Almanach immerzu vor und zurück blättern und stößt allenthalben auf neue Sentenzen, Gedichte, Histörchen, Dialekte oder Kanonaden.Quelle: Wolfgang Hörner, Tobias Roth (Hg.) – Die hohe Kunst des Schimpfens
Auch die Rezensentin kann beschimpft werden
Bravourdeutsche, Detailkanaille, Fleischverbandsfeuilletonist, Foxtrottel, Vollgermane.
Vom wahren Könner Karl Kraus und dem nicht minder gewandten Schopenhauer über Ovid bis Catull zetern sich Große und Kleine durch die Weltgeschichte. Wer die so vergnügliche wie kenntnisreiche „Hohe Kunst des Schimpfens“ studiert hat, ist gewappnet. Kann fürderhin fundiert fluchen. Gegebenenfalls auch gegen die Rezensentin:Quelle: Wolfgang Hörner, Tobias Roth (Hg.) – Die hohe Kunst des Schimpfens
Beckmesser, Literarischer Neuntöter, Rezensentenhund, Cerberus!
Quelle: Wolfgang Hörner, Tobias Roth (Hg.) – Die hohe Kunst des Schimpfens
Wed, 26 Aug 2026 - 04min - 8036 - 500 Jahre gewaltsame Kulturkontakte: Karin Harassers „Des Teufels Leibspeise“Werner Herzog reproduzierte am Set von „Fitzcarraldo" jene kolonialen Strukturen, die der Film vorgeblich kritisierte. Im peruanischen Regenwald formierte sich Widerstand gegen das rücksichtslose Vorgehen der deutschen Filmgesellschaft. Er mündete in die Vertreibung der Filmcrew vom ursprünglich vorgesehenen Drehort. Produzent Walter Saxer ärgerte sich noch Jahrzehnte später über den international bekannten Sprecher der rebellierenden Awajún. Evaristo Nugkuak habe, wenn er in die Stadt gefahren sei, Ray-Ban und Cowboystiefel getragen, meinte Saxer in einem Interview. Damit hatte er in den Augen des Produzenten offenbar seine Legitimität als „echter Indio“ verwirkt.
Indigenität als Werkzeug für soziale Kämpfe
Karin Harrasser, die diese Begebenheit in ihrem neuen Buch „Des Teufels Leibspeise“ schildert, hält nichts von einem derartig essentialistischen Kulturbegriff. Indigenität sieht sie viel mehr als „Prozess und Kraft“ innerhalb der Globalisierung, ein Werkzeug für soziale Kämpfe. „In Fitzcarraldo können die Indigenen, nachdem sie das Schiff über den Berg geschleppt haben, dieses für ihre eigenen Zwecke requirieren, als Geschenk an die Götter und Vehikel einer Fahrt in die Zukunft. Sowohl für die Awajún als auch für die Ashéninka/Asháninka war der Film vielleicht so ein Vehikel, zumindest aber ein Moment für die Politisierung ihrer Anliegen.“ In sehr unterschiedlichen, fünf Jahrhunderte umspannenden Kapiteln erzählt die Kulturwissenschaftlerin Geschichten gewaltvoller Kulturkontakte zwischen Südamerika und Europa. Sie bedient sich dabei einer ungewöhnlichen Metapher:Der Begriff [- das Verschlungene -] ermöglicht uns, noch einmal andere transatlantische Verschlingungsgeschichte und -geschichten zu schreiben.
„Sie handeln davon, wie sich Europa den Rest der Welt einverleibt hat, aber auch davon, was sich dieser Einverleibung widersetzt hat - was unverdaulich, nicht assimilierbar blieb. Und davon, wie umgekehrt Europa einverleibt wurde.“Quelle: Karin Harrasser - Des Teufels Leibspeise
Kreative Einverleibung des Fremden
Indigene Gruppierungen sind in diesen Erzählungen keine passiven Opfer imperialer Beutezüge, sondern Akteure, die sich gekonnt und gewitzt widersetzen und Fremdes kreativ inkorporieren. In einem Kapitel über jesuitische Musik stellt Harrasser die Frage, warum sich die bolivianischen Chiquitanos für diese Musik interessierten, die ihrer eigenen Missionierung in den Jesuitenreduktionen diente. Warum sangen sie mit? Die mögliche Antwort, die Harrasser in Praktiken der brasilianschen Araweté erkundet, fällt aus europäischer Sicht überraschend aus: „Die Feinde haben auch die Funktion, neue Lieder zu bringen. Diese Art der Musik trägt bei den Araweté den Namen maraka hin, Zukunftsmusik. In dieser Hinsicht stellt sich das Interesse der Indigenen an der neuen, der europäischen, barocken Musik, die die Missionare brachten, ganz anders da.“Die Musik der Fremden (der Feinde) wurde dann vielleicht absorbiert, um Zukunftsmusik zu gewinnen und um das Gemeinwesen zu stärken.“
Quelle: Karin Harrasser - Des Teufels Leibspeise
Gegen scheinbar selbstverständliche europäische Grundannahmen
Der fundamentale Wert, den es hier zu bewahren gilt, ist der Austausch, nicht die Identität. Immer wieder konfrontiert uns Harrasser mit europäischen Grundannahmen, die nur auf den ersten Blick selbstverständlich sind. Anhand der Begeisterung des Chronisten Peter Martyr für das mittelamerikanische „Kakaogeld“ zeigt sie etwa, dass unsere gegenwärtige Form globalen Wirtschaftens nichts anderes ist als eine „lokale Praxis“, die sich erst im 16. Jahrhundert im Zuge der europäischen Expansion universalisierte. „Des Teufels Leibspeise“ ist kein Buch, das sich in Bullet Points zusammenfassen ließe, keine zügige Reise von A nach B, sondern eher ein geduldiges Auskundschaften von Trampelpfaden. Selbstreflexiv und theoretisch anspruchsvoll sucht und findet Harrasser Auswege aus dem „Spiegelkabinett europäischer Projektionen“.Tue, 25 Aug 2026 - 04min - 8035 - Ein vielschichtiges und lebendiges Bild des Sudan
Die 1960er Jahre im Süden des Sudan. Elf Kinder hatte Eddo geboren, zehn sind gestorben. Deshalb hat sie Angst, dass das noch überlebende kleine Mädchen auch sterben wird. Auf Anraten einer älteren Frau nennt sie es Irinu – die Vielscheißerin. Mit diesem Namen sollte selbst der Tod Abscheu vor ihr haben! Tatsächlich überlebt Irinu, wird von christlichen Missionaren in Lucy umbenannt und eine reizende junge Frau. Am Todestag ihrer Mutter macht ihr der junge Mann Marco einen Antrag. Sie nimmt ihn an – und wird fortan erfüllen, was ihre Mutter vor ihrem Tod von ihr verlangt hat: All die Kinder zu bekommen, die Eddo verloren hat. So wundersam beginnt Stella Gaitanos Roman „Eddos goldenes Lächeln“ – voller Mythen und Spiritualität, voller starker Frauen, die es mit dem Tod und gewalttätigen Männern aufnehmen. Doch die Kämpfe um die Unabhängigkeit des Südsudan rücken näher: „Dann breitete sich Bedrücktheit aus im Dorf, Kugeln zerteilten die Himmelskuppel in der tiefen Finsternis, sirrten eine Zeit lang in der Luft, bis ihr Licht schließlich erlosch wie verirrte Sterne. Menschen suchten Zuflucht in ihrem Dorf und brachten Nachrichten von Tod und Feuer mit, auf den Kleidern getrocknetes Blut von Opfern, die sie nicht hatten bestatten können.“
Neues Leben in Karthum
Marco und Lucy fliehen in den Norden des Landes, in die Hauptstadt Karthum. Sie ziehen zu Marcos Studienfreund Peter und seiner Familie. Das Urbane und das Arabische brechen in Lucys Leben ein – und der Tonfall des Romans verändert sich, der Personen- und Erzählstimmenkreis erweitert sich: Peter erzählt seine Geschichte. Er ist mittlerweile Offizier in der sudanesischen Armee. Auch er kommt aus dem Süden, ist aber bei einem arabischen Kaufmann aufgewachsen und anders als Lucy das Leben in der Stadt gewöhnt. Eine andere Perspektive gehört seiner beeindruckenden Ziehschwester – eine feministische Rechtsanwältin – in deren Leben nicht Mutterschaft im Zentrum steht. Die verschiedenen Stimmen lassen sich in der überzeugenden Übersetzung von Larissa Bender mühelos am Tonfall unterscheiden und im Zusammenspielt mit dem episodischen Erzählen entsteht ein vielschichtiges und lebendiges Bild des Sudan bis in die 1980er Jahre hinein. Die politischen Ereignisse – das Abkommen von Addis Abeba, der zweite Bürgerkrieg – schwelen lange im Hintergrund, dann erreichen bewaffnete Kämpfe auch Karthum. Durch die Konzentration auf die Figuren wird deutlich, wie die Politik alle Lebenswege beeinflusst, wie das Misstrauen größer wird, die Gewalt allgegenwärtiger. Aber auch der Gedanke, dass das Zusammenleben verschiedener Religionen und Sprachen grundsätzlich möglich wäre.Fast schon prophetisch
Stella Gaitano wurde 1979 in Karthum geboren, aber ihre Eltern stammen aus dem Süden des Sudans. Mit der Unabhängigkeit des Südsudans 2011 verloren ihre bisherigen Ausweispapiere ihre Gültigkeit und sie musste den Norden verlassen. Seit 2022 lebt sie in Deutschland. Dieser Roman ist im arabischen Original bereits 2018 erschienen – und manche Passagen lesen sich angesichts der Gegenwart im Sudan fast prophetisch:Obwohl ich Offizier der bewaffneten Streitkräfte bin, bin ich gegen die Herrschaft des Militärs über einige der zivilen Institutionen. Das ist einer unserer historischen Fehler, der uns wie ein Fluch verfolgen wird.
„Das Fieber der Militärputsche, wenn sie von Parteien unterstützt werden, genau wie wir unsere Regierungszeit begonnen haben, wird leider nicht abnehmen, sondern sie werden sich vermehren wie Algen. Selbst der dümmste Soldat hat angefangen, von der Macht zu träumen.“ Der kluge und komplexe Roman spart Konflikte und Gewalt nicht aus, aber wie schon in ihrer Kurzgeschichtensammlung „Endlose Tage am Point Zero“ gibt es viel Wärme, Humor und sehr originelle Bilder. Da erscheint Lucy der Himmel nackt, „weil er sich seine Wolken nicht übergezogen hatte“ oder brennt die mutige Sonne mit „Kühnheit auf die Köpfe“. Es ist ein einzigartiger Stil einer sehr talentierten Autorin. Hoffentlich wird es noch mehr von Stella Gaitano zu lesen geben!Quelle: Stella Gaitano - Eddos goldenes Lächeln
Mon, 24 Aug 2026 - 04min
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