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Die großen, relevanten Themen unserer Zeit aus Gesellschaft, Wissenschaft, Technologie und Kultur. Wir nehmen uns die Zeit ausführlich und ausgeruht zu berichten, sprechen mit Experten, Betroffenen und Zeitzeugen, sind als Reporter live vor Ort und erzählen euch alles, was ihr zum Thema wissen müsst.

15 - 15.000 Volt – zwei Freunde, ein Zug und ein Stromschlag an der Oberleitung
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  • 15 - 15.000 Volt – zwei Freunde, ein Zug und ein Stromschlag an der Oberleitung

    Sie klettern nachts auf einen Zug. Wenige Sekunden später hört Bene einen lauten Knall. Sein Kumpel Flavio hat einen 15.000-Volt-Stromschlag von der Oberleitung abbekommen. Was genau in der Unglücksnacht passiert ist, haben uns Bene, Flavios Eltern und die Einsatzkräfte erzählt.

    Tue, 25 Aug 2026 - 22min
  • 14 - Legaler Rausch – wann wird Cannabis erlaubt?

    Besitz und Verkauf von Cannabis sollen legalisiert werden

    Die Bundesregierung, bestehend aus der SPD, den Grünen und der FDP, will Cannabis legalisieren und hat damit für viel Aufregung bei Befürwortern und Gegnern gesorgt. Gesundheitsminister Karl Lauterbach erklärte die aktuelle Umgehensweise mit Cannabis für gescheitert. Laut seiner Aussage schwanke die Qualität des Cannabis, der Konsum bei Jugendlichen sei aber nicht zurückgegangen. Warum dauert die versprochene Legalisierung jetzt aber doch so lange? Und was sind eigentlich die Gründe beider Seiten? Im neuen SWR3-Report „Legaler Rausch“ gehen die SWR3-Hauptstadtkorrespondenten Christopher Jähnert und Jim-Bob Nickschas diesen Fragen nach. Sie sprechen mit Befürwortern und Gegnern der Cannabis-Legalisierung, lassen Argumente wissenschaftlich einordnen und hören sich Erfahrungen aus anderen Ländern an. „Wenn man hier durch Berlin läuft, riecht es ja sowieso an vielen Ecken nach Gras“, stellt Jim-Bob Nickschas zu Beginn der Folge fest. Diesen Eindruck teilt auch Christopher Jähnert:
    Manchmal könnte man sich fast schon denken, dass Kiffen schon lange legal ist. Ist es aber gar nicht. Also der Konsum an sich ist nicht verboten – aber der Besitz und der Verkauf.

    Bessere Cannabis-Qualität durch die Legalisierung

    Einer der Beweggründe für die Legalisierungspläne: Weniger Risiko wegen schlechter Qualität. Die Regierung habe den Plan, die Gesetze an die Realität anzupassen, erklärt Jim-Bob Nickschas. Trotz Cannabis-Verbot steige nämlich die Zahl der Konsumenten. „Indem Gras dann ganz legal gekauft werden kann, [...] soll auch die Qualität besser kontrolliert werden, weil man auf der Straße eben nicht immer genau weiß: Was für ein Zeug bekomme ich da eigentlich, was ist da drin?“, ergänzt Christopher Jähnert.

    Medizinische Folgen des Cannabis-Konsums

    Bei einer Cannabis-Legalisierung spielen auch medizinische Argumente eine Rolle. Davon erzählt Linus Neumeier im SWR3-Report. Er hatte nach seinem Cannabis-Konsum mit psychischen Problemen zu kämpfen. Eva Hoch beschäftigt sich mit dem Thema seit Jahren an der Uniklinik München und ordnet die Gefahr des Konsums ein:
    Man würde sagen, Cannabis ist ein Trigger. Ein Drittel der Bevölkerung hat die Veranlagung für eine Psychose und wer weitere Stressoren in seinem Leben hat, ist anfälliger dafür, bei Cannabis-Konsum eine Psychose zu entwickeln. Viele wollen ihre Symptome damit lindern, ihre Probleme lösen – das ist möglicherweise dann der Einstieg in eine Abhängigkeit, wie auch bei Alkohol oder anderen Substanzen.

    Quelle: Eva Hoch, Uniklinik München

    Steuerersparnis und zusätzliche Einnahmen durch Cannabis-Legalisierung

    Argumente, die unter anderem Hubert Wimber, Polizeipräsident a. D. überzeugen: Durch die Legalisierung von Cannabis würden Steuern gespart und zusätzliche Einnahmen geschaffen werden, weil Gerichte und die Polizei entlastet wären. Satte 1,4 Milliarden Euro könnten so gespart werden. Das wurde in einer Studie der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf festgestellt.
    Alles in allem zusammengerechnet mit anderen Effekten wie Arbeitsplätzen und so weiter könnte der Staat mit 5 Milliarden Euro Plus aus der Nummer rauskommen – jedes Jahr. Und auch das wird natürlich mitdiskutiert, wenn es um die Legalisierung geht.

    Quelle: Jim-Bob Nickschas im SWR3-Report

    Torsten Zelgert war wegen seines Konsums bereits im Gefängnis und hilft mittlerweile anderen Betroffenen. Er glaubt, dass sich Betroffene tendenziell eher Hilfe holen würden, wenn der Cannabis-Konsum nicht mehr unter Strafe stünde.

    Legalisierung nicht so schnell wie geplant

    Warum der Weg bis zur Legalisierung trotz des Vorhabens der Bundesregierung noch länger dauern könnte, wissen Burkhard Blienert, Bundesdrogenbeauftragter, und SPD-Politikerin Carmen Wegge. Das sei vor allem eine Folge des Jugendschutzes.
    Wir haben im Verkehrsrecht natürlich Regelungen zu treffen, es geht um die Lieferketten, deshalb sind auch fast alle Ministerien beteiligt. Und darauf baut sich letztendlich auch nochmal die europa- und völkerrechtliche Frage auf.

    Quelle: Burkhard Blienert, Bundesdrogenbeauftragter

    Eine Prognose, wann es so weit sein könnte, möchte Blienert nicht abgeben. Neben Blienerts Argument sieht Carmen Wegge aber noch ein weiteres zeitliches Hindernis:
    Wir haben die UN Single Convention on Narcotic drugs, die uns theoretisch die Legalisierung verbietet. Da müssen wir austreten, das kann man nur einmal im Jahr machen, das nächste Austrittsdatum ist für uns der 1.1.2024. Dann haben wir einen EU-Rahmenbeschluss, bei dem auch noch die Frage ist, welche Auswirkungen der auf unsere Legalisierung hat. Und dann brauchen wir selbstverständlich auch noch die Zustimmung des Bundesrats.

    Quelle: Carmen Wegge, SPD-Politikerin

    Thu, 18 Aug 2022 - 1h 15min
  • 13 - Wie Tiktok die Popmusik verändert

    Was ist Tiktok?

    Tiktok ist eine Social-Media-Plattform, auf der kurze Videos zu sehen sind. Ausgespielt werden sie auf der sogenannten For You Page, die direkt beim Öffnen der App angezeigt wird. 2020 war Tiktok die am schnellsten wachsende Social-Media-Plattform der Welt. Vor 2018 hieß die Vorgänger-App Musically, die wie eine Karaokeparty, aber online und mit Videos, funktionierte. Auch heute geht es bei Tiktok zum Großteil um Musik. Es gibt Tanzvideos, Sketche, Challenges oder Comedy-Clips. Das wichtigste Stichwort bei Tiktok ist Interaktion. Manche Inhalte drehen sich auch um politische und gesellschaftliche Themen, manche Inhalte sind einfach nur zum Quatsch und Zeitvertreib gedacht. Im weitesten Sinne passiert bei Tiktok Videokunst. Die Nutzungsdauer liegt laut Tiktok in Deutschland bei 50 Minuten pro Tag, User rufen die App dabei zehn Mal auf. 70 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer, die Videos konsumieren oder selbst drehen, sind zwischen 16 und 24 Jahre alt.
    Viele junge Menschen entdecken heute ihre neue Musik über Tiktok.

    Quelle: SWR3 Radio- und Onlineredakteurin Rebecca Rodrian

    Tiktok ist also nicht nur eine Social-Media-App, sondern auch ein neuer Ausspielweg für Musik und eine neue Plattform für Musikerinnen und Musiker. Musikbusiness im Jahr 2022 – gibt’s nicht mehr ohne Tiktok.

    Der erste Tiktok-Hit und seine Tanz-Challenge

    Das Lied Old Town Road des Rappers Lil Nas X, zusammen mit Country-Star Billy Rae Cyrus, gilt als erster großer Tiktok-Hit. Der bis dahin wenig bekannte Musiker und Influencer Lil Nas X wurde mit dem anfangs nur eine Minute langen Song auf Tiktok berühmt und ist heute einer der erfolgreichsten Newcomer im Pop und Rap. Ein wichtiger Faktor dabei: Die für Tiktok essenziell wichtigen Tanz-Challenges, bei denen User zu einem bestimmten Thema kurze Videos drehen. In diesem Fall, passend zum Text des Songs, verkleideten sich Creator als Cowboys und Cowgirls. Woher die Challenges kommen, ist oft nicht klar und spielt auch eine untergeordnete Rolle. Manchmal geben Künstlerinnen und Künstler selbst Tänze vor, manchmal starten aber auch Fans einen Trend.

    Der Einfluss von Tiktok auf das Songwriting

    Dass neue Plattformen auch das Songwriting und die Produktion von Musik beeinflussen, ist kein neues Phänomen. So gibt es von manchen Songs Radioversionen, in denen zum Beispiel lange Intros gekürzt werden. Da Streaming-Plattformen wie Spotify Aufrufe erst nach 30 Sekunden zählen, beginnen immer mehr Songs direkt mit dem Refrain – um gleich am Anfang dafür zu sorgen, dass das Lied nicht übersprungen und mindestens 30 Sekunden lang gehört wird. Auch durch Tiktok – das mittlerweile ein wichtiges Tool ist, um neue Musik zu promoten – gibt es wiederum neue Veränderungen. Manche Songs werden jetzt so produziert und komponiert, dass sie in die Rahmenbedingungen von Tiktok hineinpassen. Das betrifft zum einen das Musikgenre. Viel von der Musik, die bei Tiktok verwendet wird, basiert auf Rap. Als rhythmische, repetitive und einfach aufgebaute Musikrichtung eignet sich Rap oft gut für Interaktions-Videos und ist außerdem ein von der jungen Zielgruppe vielgehörtes Genre. Zum anderen verändert sich auch der Sound. Musik bei Tiktok wird zum allergrößten Teil über das Smartphone konsumiert. Songs müssen also auch über die einfachen Handy-Lautsprecher gut klingen. Bässe mit tiefen Frequenzen etwa können ohne Bass-Box nicht übertragen werden und kommen daher nicht zur Verwendung.

    Die magischen 15 Sekunden

    Musik bei Tiktok scheint immer berechnender zu sein. Ein wichtiger Begriff dabei ist Hook, der einprägsamste Teil eines Songs, der am ehesten im Kopf bleibt. Meist handelt es sich dabei um den Refrain oder Teile davon. Durch Tiktok verschiebt sich der Begriff Hook aber immer mehr, sodass auch Teile von Strophen, zu denen sich zum Beispiel besonders gut interagieren lässt, zu Hooks werden. Oder der Anfang einer Bridge, wie bei dem Song Drivers License der amerikanischen Sängerin Olivia Rodrigo. Die Teenagerin wurde durch Tiktok zum Weltstar, ihr Song durch unzählige Tiktok-Videos zum Hit des Jahres 2021.
    Songs werden bewusst so geschrieben, dass sie in 15 Sekunden funktionieren. 

    Quelle: SWR3 Musikredakteur Benedikt Wiehle

    Mittlerweile können bei Tiktok Videos von bis zu zehn Minuten hochgeladen werden. Doch die anfänglichen 15 Sekunden, so lange wie auch Storys bei Instagram sind, sind noch immer maßgeblich für viele Videos. Produzentinnen, Produzenten und Songwriter bewegen sich also in Denkstrukturen, wie sie eine circa 15-sekündige Hook erschaffen. Beispiel: Eine Steigerung von elf Sekunden und eine Pointe beziehungsweise Auflösung von vier Sekunden. Auf diese Weise ist auch die Hook von Drivers Licenese aufgebaut. Dabei handelt es sich um den Übergang vom Refrain in die Bridge. In einem Interview mit der New York Times hat Olivia Rodrigo erzählt, dass sie die Piano-Überleitung mit einer möglichen Tiktok-Umsetzung im Hinterkopf geschrieben hat. Drivers License erfüllt damit einen Großteil von dem, was einen Tiktok-Hit ausmacht.

    Der Tiktok-Algorithmus

    Je mehr Zeit Nutzerinnen und Nutzer auf der Plattform verbringen, desto besser wird die Videoauswahl auf der For You Page für sie zugeschnitten. Tiktok spielt dann hauptsächlich Videos aus, die vermutlich nicht übersprungen werden. Das Ziel: User sollen möglichst viel Zeit bei Tiktok verbringen. Außerdem in der Mischung enthalten sind Neuentdeckungen. Tiktok ist vor allem für junge Menschen das Entdeckungstool Nummer 1 für Musik geworden und löst damit Plattformen wie Spotify oder Youtube immer mehr ab. Durch diese von Tiktok vorgegebene Mischung aus Videos, die vermutlich gefallen und Neuentdeckungen, haben auch unbekannte Creator mit wenigen Followern die Chance, Hits schaffen.

    Was bedeutet Tiktok für die Radiowelt?

    Als Zusammenhalt-Song wurde Jerusalema während des Corona-Lockdowns zum Hit. Zu dem Song des südafrikanischen Künstlers Master KG tanzten ganze Feuerwehrwachten, Krankenhausbelegschaften oder JVA-Insassen. Begonnen hat der Hype bei Tiktok, Jerusalem wurde schließlich aber auch zum Streaming- und Radiohit. Dieser Prozess war auch bei vielen anderen Hits bereits zu beobachten: Ein Songausschnitt geht bei Tiktok viral, der dazugehörige Song wird gestreamt und schließlich auch im Radio gespielt. Doch nur weil ein Song bei Tiktok viral geht, ist er nicht automatisch auch ein potentieller Radiohit. Viele Songs bei Tiktok sind nicht einmal zwei Minuten lang oder haben überhaupt eine richtige Songstruktur. Es handelt sich oft eher um Snippets oder Soundcollagen – was für eine interaktive Plattform wie Tiktok funktioniert, nicht aber im Radio. Viele der Songs passen auch eher in den Club oder sind keine klassische Popmusik. Interessant fürs Radio sind dagegen noch Tiktok-Wiederentdeckungen. Songs, die schon ein paar Jahre alt sind, werden durch Tiktok-Challenges aus diversen Gründen wieder aufgewärmt. Ein Beispiel aus dem Jahr 2009: Noisettes und Never Forgett You. Durch dieses Aufleben der Songs in den Sozialen Netzwerken, allen voran Tiktok, kommt es auch wieder zu vermehrten Radioeinsätzen.

    Synergien durch Tiktok: Der geklaute Sommerhit

    Die Ursprungsidee von Tiktok war: Interaktion mit Musik und der kreative Umgang damit in Videos. Dabei lassen sich auch Künstlerinnen und Künstler selbst inspirieren, wie zum Beispiel Jason Derulo bei seinem Sommerhit von 2020 Savage Love. Der ursprüngliche Beat und die Instrumentalversion des Songs stammen von Jawsh 685, einem jungen neuseeländischen Produzenten. Sein Song, den er in seinem Kinderzimmer produzierte hat, wurde bei Tiktok für Tanz-Challenges genutzt. Jason Derulo entwickelte eine Melodie, schrieb einen Text und veröffentlichte den Song – zunächst ohne Einverständnis – neu. Ohne Tiktok hätte es diese Verbindung zwischen dem neuseeländischen Schüler und dem Popstar nicht gegeben und der Song, wie wir ihn heute kennen, wäre nicht entstanden. Am Beispiel Jason Derulo zeigt sich auch, dass sich über Tiktok keine Hits erzwingen lassen und Dynamiken schwer vorherzusehen sind. Nach Savage Love veröffentlichte der Sänger einen Song mit einem ähnlichen Beat und einer ähnlichen Tanzchallenge, die floppte. Oft sind die nicht vorgegebenen Challenges bei Tiktok so richtig erfolgreich und selbst, wer sich an die Spielregeln der Plattform hält, hat keine Garantie auf Erfolg. Dafür kann es aber genauso völlige Überraschungshits geben.

    Tiktok und das Musikbusiness

    Das Musikbusiness verändert sich durch Tiktok. Die Währung dabei ist die Reichweite. Je mehr sich ein Song oder ein Snippet verbreitet – umso besser. Plattenfirmen arbeiten daher mit Tiktok-Creatorn zusammen und Tiktok selbst schüttet Geld für Videos aus, die eine bestimmte Reichweite haben. Agenturen stellen Kontakte zwischen Tiktokerinnen und Tiktokern und der Musikbranche her und für Songs von neuen Künstlerinnen und Künstlern wird eine Tiktok-Strategie entwickelt. Plattenlabels arbeiten professionell mit Tiktok als Marketing-Tool. Sie fahren Kampagnen, Challenges werden gestreut, neue Songs begleitet und schon vor Release beworben. Außerdem dient Tiktok als wichtiges Analyse-Tool. Was gefällt den Leuten? Welcher Sound, welche Acts, welche Art von Musik ist gerade im Trend?
    Tiktok sorgt dafür, dass die Entscheider ein kleines bisschen entmachtet werden und das ganze Musikbusiness demokratisiert wird.

    Quelle: SWR3 Musikredakteur Benedikt Wiehle

    Auch die Art und Weise, wie Plattenfirmen heute neue Talente entdecken, hat sich verändert. Früher waren Talentscouts bei Festivals und haben sich Vorbands angeschaut oder auf Soundcloud nach neuer Musik gesucht. Viel davon passiert jetzt bei Tiktok – mit Unterstützung der riesengroßen Community, die selbst Tiktok-Stars und Talente durch das Schauen der Videos hervorbringt. Laut dem Musikchef von Tiktok haben 70 Künstlerinnen und Künstler, die über Tiktok bekannt wurden, im Jahr 2020 einen Majorlabel-Deal bekommen, die meisten davon in den USA. Damit haben sie die Chance, hauptberuflich als Musikerinnen und Musiker zu arbeiten und so Geld zu verdienen. Doch die Situation ist hier aktuell ähnlich wie beim Streaming: Finanziell profitieren nur die großen Acts. Anfangs gab es keine offiziellen Deals, mittlerweile haben die Plattenfirmen Lizenzverträge mit Tiktok geschlossen. Für die allermeisten Künstlerinnen und Künstler ist Tiktok dennoch keine große Einnahmequelle, sondern eine kreative Plattform, um entdeckt zu werden.

    Vom Postboten zum Plattenvertrag: Karrierestart bei Tiktok

    Mit einem alten neuseeländischen Seefahrerlied hat Nathan Evans plötzlich einen Shanty-Trend losgetreten – ein Video, das er aus Spaß für seine Freunde aufgenommen hatte – ganz ohne Instrumente, den Rhythmus mit der Faust geklopft. Das Video des Schotten hat ein so gut wie ausgestorbenes Genre wieder populär gemacht und Tiktok war voller Shanty-Songs oder Popsongs als Shanty-Version. Jetzt hat Nathan Evans einen Plattenvertrag bei einem großen Label und arbeitet nicht mehr als Postbote, sondern professionell im Musikbusiness – alles durch sein kleines Spaßvideo bei Tiktok.

    Wiederentdeckungen bei Tiktok

    Ein Song, der nach 40 Jahren wegen Tiktok zurück in den Charts kam, war Dreams von Fleetwood Mac. Der Grund: Das Skatevideo von einem Tiktoker aus den USA, der im Sonnenuntergang fährt, aus einer Cranberry-Flasche trinkt und im Hintergrund läuft der Song. Dieses Video des bis dahin unbekannten Creators hat offenbar einen Nerv getroffen, denn davon ausgehend haben viele Tausende Tiktokerinnen und Tiktoker diesen Song auch für ihre eigenen Videos benutzt. Tiktok wird so auch zu einer Generationsverbindung. Viele junge Tiktok-User lernen Songs wie Dreamsdurch die Plattform kennen und kommen so mit Musik ihrer Eltern oder Großeltern in Kontakt.

    Wie Tiktok die Popmusik verändert

    Jede Woche wird andere und neue Musik auf verschiedenste Art und Weise bei Tiktok eingesetzt – und manchmal werden daraus richtige Hits. Verschiedene Parameter lassen erkennen, warum manche Songs zu Tiktok-Hits wurden. Die Vermutung liegt nahe: Der Einfluss von Tiktok auf die Musikindustrie wird – wie auch die Nutzerzahlen – in Zukunft noch weiterwachsen und die Industrie wird sich noch mehr auf die Plattform einstellen. Tiktok hat Macht – aber nur, solange die Creator das Spiel mitmachen und der Interaktionscharakter erhalten bleibt.
    Fri, 5 Aug 2022 - 30min
  • 12 - 2035 – wie wir in Zukunft leben werden

    In den letzten drei Jahren ist viel passiert: erst die Corona-Pandemie, dann der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und jetzt die Inflation. Für unsere Zukunft muss es doch auch gute Nachrichten geben. Wir entwickeln uns technisch ja ständig weiter – oder? Das hat sich SWR3-Reporterin Franziska Ehrenfeld gefragt und nach Antworten gesucht. Das sind die Themen, die wir uns näher angeschaut haben:

    Bauen und WohnenPflegeDatenAutonomes Fahren und ÖPNVErnährungEnergie und Klima

    Kaum Veränderung beim Bauen und Wohnen

    Die Immobilienpreise sind hoch und jetzt steigen auch noch die Zinssätze für Kredite. Für einige Menschen bedeutet das: Ciao, Traum vom Eigenheim. 2017 hatte der Immobilienexperte Peter Hettenbach noch vorausgesagt, dass der Quadratmeterpreis in einigen Jahren für die Kaltmiete auch in Ballungsräumen bei nur fünf bis sechs Euro liegen könnte. Heute rudert er stark zurück. Es werde zwar Fortschritte in der Baubranche geben, zum Beispiel durch 3D-Drucker, die ganze Häuser oder zumindest einzelne Mauern effizienter hochziehen können. Allerdings sieht Peter Hettenbach die Zukunft generell nicht im Neubau, sondern im Bestand. Bereits existierende Gebäude müssten besser genutzt werden. Und wer sich sein Haus selbst herrichtet, könne sich das auch eher leisten.
    Mit dem Krisenmodus, in dem wir sind, glaube ich, dass die Welt in zehn Jahren noch ziemlich genauso aussehen wird wie heute.

    Quelle: Dr. Peter Hettenbach, Immobilienexperte

    Zukunft der Pflege: Unterstützung durch Roboter

    Auch im Bereich Pflege wird es zwar technische Neuerungen geben, eine Pflegekraft werden Roboter aber auf absehbare Zeit nicht ersetzen können. Wenn Seniorinnen und Senioren nur noch technische Geräte zu Gesicht bekommen würden, wäre das natürlich ein sehr einsames Leben. Außerdem müssen auch Roboter bedient und gewartet werden. Laut der Soziologin Cordula Kropp wird es in Zukunft aber einige technische Hilfsmittel geben, die alten Menschen und ihren Pflegenden das Leben erleichtern können.
    Der Roboter ist zuverlässig im Abzählen von Medikamenten. Der kann das Aussortieren, der kann das zeitgerecht anbieten. (...) Er kann auch Unterhaltungen anbieten, also Spiele, kleine Rätsel, die dann auch angepasst sind an die Vorstellungen der zu Pflegenden und auch an ihre kognitiven Leistungen.

    Quelle: Prof. Dr. Cordula Kropp – Soziologin, Universität Stuttgart

    Auch Entwicklungen im Bereich „Smart Home“ werden für Erleichterung sorgen, zum Beispiel Putzroboter. Außerdem könnten Sensoren überwachen, ob Senioren aus ihrem Bett fallen, auf der Treppe stürzen und – im Fall von Bewegungsdrang im Zusammenhang mit Demenz – sogar die Haustür abriegeln. Solche Formen der Überwachung sieht Cordula Kropp aber auch kritisch. Für die Verwendung solcher Systeme würden enorm viele, sensible Daten anfallen.

    Geld für Daten?

    Laut dem Zukunftsforscher Eike Wenzel ist das Generieren von Daten unabdingbar. Vertrauenswürdige Institutionen sollten personenbezogene Daten für sich nutzen können, fordert er. Internet-Giganten wie Facebook sollten dagegen nicht mehr ohne Weiteres von unseren Daten profitieren. Eike Wenzel ist das Meinung, wir sollten dafür Geld bekommen:
    Es wird neue Produkte geben, die unsere Daten unbedingt brauchen. (…) Dafür müssen wir entlohnt werden und das ist durchaus möglich.

    Quelle: Dr. Eike Wenzel, Zukunftsforscher

    Viele Entwicklungen, die wir in Zukunft für uns nutzen können, basieren laut Eike Wenzel auf dem Sammeln von Daten. Um in Bereichen wie dem autonomen Fahren weiterzukommen, sieht er keinen Weg daran vorbei.

    So weit sind wir 2035 beim autonomen Fahren

    Das autonome, also selbstständige Fahren von Fahrzeugen wie Autos aber auch Bussen wird im Moment stetig weiterentwickelt – zum Beispiel von Daniel Grimm. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungszentrum Informatik (FZI) in Karlsruhe und promoviert zu diesem Thema. Im Viertel Weiherfeld-Dammerstock erprobt er einen autonomen Mini-Shuttlebus schon jetzt im öffentlichen Verkehr. Er rechnet damit, dass solche Fahrzeuge bis 2040 standardmäßig unterwegs sein könnten. Bezogen auf den Individualverkehr schätzt er, dass autonome Autos dann zumindest auf der Autobahn schon komplett selbstständig fahren können. In einigen Jahrzehnten werden Autos dann wahrscheinlich keine Lenkräder und Pedale mehr haben, meint Daniel Grimm. Die Sitze sind dann einander zugewandt und wir können während der Fahrt arbeiten, Filme schauen oder schlafen. Eike Wenzel sieht in solchen Fahrzeugen außerdem den Vorteil, dass autonome Fahrzeug selbstständig Menschen abholen können. Wir brauchen dann also vielleicht kein eigenes Auto mehr, sondern fordern eines an, wenn wir es brauchen. Das Auto fährt uns zum Ziel und wenn wir fertig sind, holt uns ein anderes ab. Dann kann ein einzelnes Fahrzeug viel öfter genutzt werden und benötigt weniger Parkfläche – was Umwelt und Klima zugute kommt.
    Wir müssen den Privatbesitz an Automobilität abgeben. Natürlich von heute aus gesehen ein Irrwitz, aber ich glaube, es ist möglich.

    Quelle: Dr. Eike Wenzel, Zukunftsforscher

    Außerdem könnte es zu ungünstigen Zeit wie nachts vor allem auf dem Land ein besseres Verkehrsangebot geben, weil keine Fahrerinnen und Fahrer mehr gebraucht werden.

    Die Zukunft des ÖPNVs auf dem Land

    Auch die „Öffis“-App könnte den ÖPNV auf dem Land revolutionieren: In einer einzigen App sollen in Zukunft alle Verkehrsmittel vereint werden. Neben Bussen, Bahnen, Leihfahrrädern, E-Scootern, Taxis und Carsharing sollen auch Privatpersonen ihre Routen eintragen und für Mitfahrer anbieten können. Bisher wird das nur für einzelne Firmen angeboten. Ab 2023 werden laut Gründer Daniel Teigland aber auch erste Landkreise in das System einsteigen. Das Ziel der Entwickler ist es, auch im ländlichen Raum einen Zehn-Minuten-Takt hinzubekommen. Außerdem arbeiten sie an Fahrradrouten – also daran, dass die App fürs Fahrrad optimierte Routen vorschlägt und navigiert.

    Ernährung 2035: Algen, Insekten und Laborfleisch

    Neben dem Verzicht aufs eigene Auto können wir auch mit unserer Ernährung die Klimaerwärmung erheblich beeinflussen. Wir Deutschen essen im Durchschnitt immer noch mehr als ein Kilogramm Fleisch pro Woche. Das verbraucht viel Energie und Land – nicht nur für die Tierhaltung, sondern vor allem für den Futteranbau. Außerdem stoßen Kühe klimaschädliches Methan aus. Unter dem Strich ist Fleisch essen also schlecht fürs Klima. Trotzdem brauchen wir aber Proteine. Die sind nahrhaft und wir essen von ihnen tendenziell zu wenig. Sie sind ein wichtiger Faktor, um die wachsende Weltbevölkerung nachhaltig ernähren zu können. Wie wir das schaffen können, daran forscht die Ernährungswissenschaftlerin Sonja Floto-Stammen. Für die Zukunft sieht sie allerlei Neuheiten in den Supermarktregalen: Laut ihr wird es künftig zum Beispiel Produkte auf Algen- und Insektenbasis geben. Insekten verbrauchen weniger Ressourcen als andere Nutztiere, sie können sich von Abfällen ernähren. Aber das ist noch nicht alles:
    Ich bin fest davon überzeugt, dass wir in Europa auch Laborfleisch in Zukunft – also bis 2035 ganz sicher – haben werden.

    Quelle: Dr. Sonja Floto-Stammen, Ernährungswissenschaftlerin

    Laborfleisch basiert auf Stammzellen, die einem Tier operativ entnommen werden. Das Tier kann weiterleben und die Zellen werden im Labor vermehrt und später zu Fleisch geformt. Außerdem verbraucht die Laborfleisch-Produktion wahrscheinlich deutlich weniger Fläche als Tierhaltung. Ob die Herstellung von Laborfleisch auch weniger Energie verbraucht und Treibhausgase ausstößt, wird oft als weiterer Pluspunkt angeführt, ist aber umstritten. 2020 wurde Laborfleisch in Singapur erstmals zugelassen.

    Ein neues Energiesystem für ein besseres Klima

    Laut Eike Wenzel liegt die Zukunft unseres Energiesystems in der Elektrifizierung. Wir müssen mehr nachhaltigen Strom produzieren, dann könnten wir damit sogar heizen, sagt er. Verbrennen sollten wir möglichst nichts mehr, auch kein Holz. Stattdessen sollten wir daraus nachhaltige Häuser bauen, fordert der Zukunftsforscher. Außerdem sieht Eike Wenzel Potenzial in der sogenannten Kreislaufwirtschaft. Also dass wir Geräte und darin verbaute Rohstoffe möglichst oft wiederverwenden, recyclen oder sogar upcyclen.

    Wie wird also unser Leben 2035?

    Es gibt einiges, auf das wir uns jetzt schon freuen können. Aber es gibt auch viel zu tun – nicht nur für den Klimaschutz. Wie 2035 wirklich wird, kann niemand sicher wissen. Eike Wenzel fasst es so zusammen:
    Wir müssen jetzt akut in den nächsten zehn Jahren handeln, das wissen wir. (...) Wenn wir das schaffen, bin ich eher positiv gestimmt.

    Quelle: Dr. Eike Wenzel, Zukunftsforscher

    Fri, 25 Nov 2022 - 1h 12min
  • 11 - K-Pop: Was steckt hinter dem Musik-Phänomen?

    Entstanden in den Neunzigern, ist K-Pop heute bedeutend mehr als nur Pop-Musik mit koreanischen Texten. Es gibt unzählige K-Pop-Bands und eine mächtige weltweite Fan-Community. K-Pop ist Lebenseinstellung und Philosophie, ein riesiges Geschäft. Benedikt Wiehle und Rebecca Rodrian aus der SWR3-Redaktion nehmen das Genre unter die Lupe und beleuchten Bands und ihre Entstehung. Sie berichten über die engagierten Fans, über politische Aspekte und auch die Kritik am System der Talentagenturen mit ihrem Leistungsdruck, den Schönheitsidealen und Beziehungsverboten.

    Mon, 10 Oct 2022 - 40min
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