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Geschichte 10 Minuten

Wer hat den Countdown erfunden, warum fressen Hasen gar keine Karotten, und wieso ist Islands berühmteste Attraktion ein Abwasserbecken? In "Geschichte 10 Minuten" erzählen Alexander und David jede Woche eine überraschende Geschichte aus Geschichte, Kultur, Technik und Alltag. Kurz, unterhaltsam und gut recherchiert, in rund zehn Minuten. Zum Zuhören für alle, die neugierig sind und gern etwas erfahren, das sie noch nicht wussten.
- 148 - Irland Teil 2: Von der Kartoffelfäule zum Osteraufstand (#148)
Der zweite Teil der Irland-Trilogie führt von einem gebrochenen Versprechen zur größten Katastrophe der irischen Geschichte: Ab 1845 vernichtete die Kartoffelfäule die Existenzgrundlage von Millionen, während London Hilfsprogramme aus Kostengründen zurückfuhr, eine bis heute umstrittene Entscheidung, deren Bewertung zwischen Politikversagen und bewusster Vernichtungspolitik in der Forschung nach wie vor diskutiert wird. Rund eine Million Menschen starben, über eine weitere Million wanderte auf sogenannten Sargschiffen aus. Aus dieser Wunde erwuchs über Jahrzehnte politischer Widerstand, von Parnells Homerule-Bewegung über den gescheiterten Osteraufstand 1916 in Dublin, bei dem Rebellen kurzzeitig zentrale Gebäude besetzten und die Republik ausriefen. Militärisch war der Aufstand ein vollständiger Fehlschlag, doch die anschließenden Hinrichtungen der Anführer verwandelten eine belächelte Splittergruppe binnen eines Jahres in eine Massenbewegung, ein Wendepunkt, der direkt in den irischen Unabhängigkeitskrieg führte.
Sun, 27 Sep 2026 - 11min - 147 - Chatbot: Den gab es schon 1966, nicht erst mit ChatGPT (#147)
1966 sprach der erste Chatbot der Geschichte mit Menschen, ohne ein einziges Wort davon zu verstehen: ELIZA, geschrieben vom MIT-Informatiker Joseph Weizenbaum, simulierte per simplem Schlüsselwort-Trick eine Therapeutin nach dem Vorbild des Psychologen Carl Rogers. Der Effekt überraschte selbst ihren Schöpfer: Seine eigene Sekretärin, die genau wusste, dass nur ein Programm lief, bat ihn eines Tages, das Zimmer zu verlassen, um allein mit ELIZA zu sprechen. Aus dieser Beobachtung wurde ein bis heute gültiger Begriff, der ELIZA-Effekt, unsere Neigung, Verstand dort zu sehen, wo keiner ist. Weizenbaums Originalcode galt jahrzehntelang als verschollen, bis Forschende ihn 2021 im MIT-Archiv wiederfanden und Anfang 2025 auf einem originalgetreu nachgebauten Rechner erneut zum Laufen brachten. Ein Blick von den frühesten Maschinenträumen über den Turing-Test bis zu den Sprachmodellen von heute.
ELIZA zum Ausprobieren (die wiederbelebte Originalversion):
https://sites.google.com/view/elizagen-org/blog/eliza-reanimated
Das ist die Projektseite von "Team ELIZA" mit Hintergrund zur Restaurierung und dem Zugang zur laufenden Original-ELIZA.Das PARRY-Doctor-Gespräch von 1972/73:
https://www.rfc-editor.org/rfc/rfc439Sun, 20 Sep 2026 - 10min - 146 - Irland Teil 1: Wie der Nordirlandkonflikt vor 850 Jahren begann (#146)
Der erste Teil einer dreiteiligen Geschichte Irlands führt von den Wikingern, die ab dem 9. Jahrhundert Dublin gründeten, über die normannische Landnahme 1169 und Heinrich VIII., der sich 1541 zum König von Irland erklärte, bis zur gescheiterten Reformation und der systematischen Ansiedlung protestantischer Siedler ab den 1550er-Jahren. Die Gewalt eskalierte auf beiden Seiten: 1641 wurden tausende protestantische Siedler in Ulster getötet, acht Jahre später landete Oliver Cromwell mit äußerster Härte in Irland, sein Feldzug kostete schätzungsweise ein Fünftel der irischen Bevölkerung das Leben. Nach dem Sieg Wilhelms von Oranien 1690 am Fluss Boyne festigte sich eine protestantische Vorherrschaft, unter der Katholiken jahrzehntelang von Wahlrecht, Landbesitz und Bildung ausgeschlossen blieben. Der gescheiterte Aufstand von 1798 und ein gebrochenes Versprechen der Gleichstellung führten schließlich 1800 zur Auflösung des irischen Parlaments und zur Union mit Großbritannien.
Sun, 13 Sep 2026 - 12min - 145 - Alphabet: Warum A vor B kommt, weiß bis heute niemand (#145)
Sechsundzwanzig Buchstaben, eine feste Reihenfolge, auswendig gelernt seit der Kindheit, und bis heute kann niemand sicher erklären, warum sie ausgerechnet so lautet. Das Alphabet entstand vor rund 3.800 Jahren, vermutlich als semitischsprachige Arbeiter in ägyptischen Bergwerken Hieroglyphen für die Anfangslaute ihrer eigenen Wörter nutzten, aus dem Bild eines Hauses (bayt) wurde so das Beth, aus einem Ochsenkopf das Aleph. Über Phönizier, Griechen und Etrusker gelangte dieses System zu den Römern und zu uns, nur die ursprüngliche Buchstabenreihenfolge selbst bleibt bis heute ein Rätsel. Noch überraschender ist, wie lange es dauerte, bis Menschen diese Ordnung tatsächlich zum systematischen Sortieren nutzten, vom griechischen Gelehrten Kallimachos über das erste vollständige alphabetische Nachschlagewerk 1286 bis zum ersten englischen Wörterbuch 1604. Heute verliert das Alphabet als Zugang zu Wissen an Bedeutung, Suchmaschinen und Sprachassistenten machen das Buchstabieren zunehmend überflüssig.
Sun, 06 Sep 2026 - 10min - 144 - Die Pistole: Als eine Waffe erstmals in die Tasche passte (#144)
2026 feiert Beretta, das älteste durchgehend operierende Waffenunternehmen der Welt, sein 500-jähriges Bestehen, ein guter Anlass für einen Blick auf die frühe Geschichte der Pistole. Die ersten Handfeuerwaffen entstanden bereits im 14. Jahrhundert, deutlich früher als gedacht, wurden aber erst mit der Erfindung des Radschlosses um 1517 zur echten Neuerung: Erstmals ließ sich eine geladene, schussbereite Waffe unbemerkt verstecken, was die ersten gezielten Waffengesetze der Geschichte auslöste. Aus Italiens Bergregion Gardone Val Trompia, wo bis heute rund die Hälfte der regionalen Waffenproduktion entsteht, kommen dabei überraschende Details, etwa von Frauen, die im 16. Jahrhundert bewaffnet und reformationsnah unterwegs waren, sehr zum Missfallen der Obrigkeit. Von Leonardo da Vincis Waffenskizzen bis zu den ersten Schießwettbewerben mit Preisgeldern erzählt diese Folge, wie aus einer anfänglich verpönten Erfindung binnen weniger Jahrzehnte ein alltägliches Statussymbol wurde.
Sun, 30 Aug 2026 - 10min - 143 - Der Zahnwurm: Der älteste Mythos der Medizin (#143)
Zahnschmerz fühlt sich an, als würde etwas im Zahn nagen, und genau diese Beobachtung führte Kulturen auf der ganzen Welt, die nie voneinander wussten, zur selben falschen Erklärung: dem Zahnwurm. Die älteste erhaltene Spur ist eine babylonische Tontafel aus Nippur, rund 1800 vor Christus, doch fast identische Vorstellungen finden sich in Ägypten, Indien, China, bei den Azteken und Maya. Selbst Hildegard von Bingen und der mittelalterliche Chirurg Guy de Chauliac glaubten noch an das Tier im Zahn. Erst der französische Zahnarzt Pierre Fauchard widerlegte den Mythos 1728 unter dem Mikroskop und gilt seither als Begründer der modernen Zahnmedizin. Ganz verschwunden ist der Zahnwurm nie: 1949 kehrte er in einem norwegischen Kinderbuch zurück, als Karius und Baktus, diesmal wissenschaftlich ziemlich treffend.
Titelbild: Zahnwurm, Abbildung aus einem zahnärztlichen Lehrbuch des 18. Jahrhunderts aus dem Osmanischen Reich
Sun, 23 Aug 2026 - 06min - 142 - Modeinfluencerinnen: Die Trendsetterinnen vor Instagram (#142)
Modeinfluencerinnen gab es lange vor Instagram, Frauen, die ihr eigenes Bild bewusst inszenierten und damit ganze Epochen prägten. Königin Alexandra von Dänemark trug wegen einer Narbe hohe Halsketten und machte damit den Choker zum Modeklassiker, während ihr leichtes Hinken zur nachgeahmten Modeerscheinung wurde. Die Comtesse de Castiglione ließ sich über vier Jahrzehnte in immer neuen Rollen fotografieren und gilt heute als Pionierin der Selbstinszenierung durch die Kamera. Weitere Stilfiguren wie die Erbin Daisy Fellowes, die Muse Élisabeth Greffulhe, die als Vorbild für eine Figur bei Marcel Proust diente, und die exzentrische Marchesa Luisa Casati prägten Mode weit über ihre Zeit hinaus. Den Abschluss bildet eine Wienerin: Emilie Flöge, Gustav Klimts langjährige Weggefährtin, befreite mit ihrem korsettfreien Reformkleid Frauen buchstäblich aus dem Panzer ihrer Kleidung.
Sun, 16 Aug 2026 - 11min - 141 - Radithor: Das radioaktive Wundermittel, das seine Kunden tötete (#141)
In den 1920er-Jahren galt Radioaktivität als Gesundheitswunder, und ein Getränk namens Radithor versprach neue Energie: reines Radium, gelöst in destilliertem Wasser. Erfunden hatte es William Bailey, ein Harvard-Abbrecher, der sich als Arzt ausgab und einen frei erfundenen Doktortitel der Universität Wien führte. Sein prominentester Kunde, der Golfmeister und Industriellensohn Eben Byers, trank über Jahre mehr als tausend Flaschen, bis ihm die Zähne ausfielen und der Kiefer zerfiel. Als Byers 1932 an einer Strahlenvergiftung starb, wurde er in einem bleiummantelten Sarg beigesetzt, damit die Strahlung nicht entweichen konnte. Bailey wurde nie verurteilt und trank angeblich bis zuletzt selbst radioaktives Wasser. Erst der Fall Byers führte dazu, dass die US-Behörden solche Mittel überhaupt verbieten durften.
Foto: Sam LaRussa from United States of America, CC BY-SA 2.0via Wikimedia Commons
Sun, 09 Aug 2026 - 07min - 140 - Straßenmarkierung: Wie eine weiße Linie Leben rettet (#140)
Eine weiße Linie gilt als eine der wirksamsten und zugleich unauffälligsten Sicherheitserfindungen der Straße. Ihre Mittellinie soll Edward Hines 1911 in Detroit ersonnen haben, während die Ärztin June McCarroll wenige Jahre später in Kalifornien selbst zum Pinsel griff, nachdem ein Lkw sie von der Fahrbahn gedrängt hatte. Dass Markierungen auch nachts leuchten, verdanken sie winzigen Glasperlen, die das Scheinwerferlicht direkt zum Fahrer zurückwerfen, ein Prinzip namens Retroreflexion. In England kam der Straßenbauer Percy Shaw auf eine verwandte Idee, als seine Scheinwerfer im Nebel die Augen einer Katze erfassten, und erfand daraus das Katzenauge. In Österreich waren die Leitlinien lange gelb und wurden erst 1996 auf Weiß umgestellt, und selbst der Name Zebrastreifen soll auf eine Hamburger Werbeaktion für bremsbereite Autofahrer zurückgehen.
Sun, 02 Aug 2026 - 12min - 139 - Die Blaue Lagune: Islands berühmtestes Wahrzeichen ist ein Abwasserbecken (#139)
Die Blaue Lagune ist die meistbesuchte Attraktion Islands: milchig blaues Wasser mitten im schwarzen Lavafeld. Was kaum jemand weiß: Sie ist keine Naturschönheit, sondern entstand aus Versehen. Nach der Ölkrise setzte Island auf Erdwärme und baute das Geothermalkraftwerk Svartsengi. Das heiße Salzwasser aus der Tiefe sollte im porösen Lavaboden versickern, doch die Kieselsäure darin dichtete das Gestein ab, und es bildete sich ein leuchtend blauer See. Erst hielten alle das dampfende Becken neben dem Kraftwerk für giftig. Bis ein Mann mit Schuppenflechte darin badete und merkte, dass seine Haut besser wurde. Diese Folge erzählt, wie aus einem Abwasserbecken Islands größte Marke wurde, und warum die Lagune heute von Vulkanausbrüchen bedroht ist.
Sun, 26 Jul 2026 - 10min - 138 - Alexander der Große: Was bleibt, wenn man den Mythos abzieht (#138)
Alexander der Große kennt jeder, aber vieles an seiner Geschichte ist anders, als der Mythos erzählt. Sein Feldzug gegen Persien beginnt nicht aus Eroberungslust, sondern aus Geldnot: Die Staatskasse ist leer und sein Heer will bezahlt werden. Diese Folge erzählt vom Erbe seines Vaters Philipp II., der die schlagkräftigste Armee ihrer Zeit aufbaute, vom erzwungenen Unterricht bei Aristoteles, vom Abstecher zum Orakel in der Wüste, der Alexander zum Sohn eines Gottes machte, und von seinem Tod mit 32 Jahren in Babylon, für den heute nicht Gift, sondern verseuchtes Trinkwasser als wahrscheinlichste Ursache gilt. Und sie stellt die Frage, was von diesem Feldherrn bleibt, wenn man die Legende abzieht: ein taktisches Ausnahmetalent ohne politisches Konzept, dessen Erbe vor allem Zerstörung war.
Sun, 19 Jul 2026 - 10min - 137 - Der Schienenzeppelin: Der Propellerzug, der 1931 einen Weltrekord fuhr (#137)
1931 rast in Brandenburg ein silberner Zug mit einem Flugzeugpropeller am Heck über die Schienen, entworfen vom Luftschiff-Ingenieur Franz Kruckenberg. Der Schienenzeppelin erreicht 230 km/h und stellt damit einen Weltrekord für Schienenfahrzeuge auf, der ganze 24 Jahre hält. Trotzdem wird aus der Sensation nichts: Der Wagen kann nicht rückwärts fahren, keine weiteren Wagen ankuppeln, und der rotierende Propeller ist auf vollen Bahnsteigen schlicht zu gefährlich. Am Ende fließen seine Ideen in den berühmten Fliegenden Hamburger ein, während das einzige Exemplar 1939 verschrottet wird. Die Geschichte einer genialen Fehlkonstruktion aus der Weimarer Republik.
Bilder zum Schienenzeppelin finden Sie u.a. hier!
Titelfoto-Quelle: Franz Jansen (†), Erkrath / CC BY-SA 3.0 -
Sun, 12 Jul 2026 - 07min - 136 - Der Bart: Das älteste Statussymbol der Menschheit (#136)
Warum Männer überhaupt Bärte haben, weiß die Forschung bis heute nicht sicher. Sicher ist nur, dass kaum etwas so oft umgedeutet wurde: Der Bart stand mal für Kraft und Macht, mal für Dekadenz, das glatte Gesicht mal für Reinheit, mal für Fortschritt. Diese Folge spannt den Bogen vom künstlichen Pharaonenbart über Alexander den Großen, der sich und seine Armee glatt rasieren ließ, bis zu Kaiser Hadrian, der Reformation und King Camp Gillette mit seiner Einwegklinge. Und sie zeigt, dass der Bart bis heute selten neutral ist, sondern fast immer eine Botschaft. Eine Kulturgeschichte über ein paar Haare im Gesicht und die Macht, die in ihnen steckt.
Sun, 05 Jul 2026 - 12min - 135 - Das Voynich-Manuskript: Das Buch, das niemand lesen kann (#135)
Ein rund 600 Jahre altes Buch, vollgeschrieben in einer Schrift, die zu keinem bekannten Alphabet passt, bebildert mit Pflanzen, die es nicht gibt, und rätselhaften Sternkarten. Das Voynich-Manuskript ging durch die Hände von Kaiser Rudolf II., Prager Alchemisten und den besten Codeknackern des 20. Jahrhunderts, darunter William Friedman, der im Krieg den japanischen PURPLE-Code knackte. Niemand von ihnen konnte ein einziges Wort entziffern. Bis heute ist unklar, ob darin eine verlorene Sprache steckt, eine geniale Verschlüsselung oder der teuerste Schwindel des Mittelalters. Eine Geschichte über das berühmteste ungelöste Rätsel der Buchgeschichte.
Link zum Voynich-Manuskript: https://collections.library.yale.edu/catalog/2002046
Sun, 28 Jun 2026 - 07min - 134 - God Save the King: Vom Jakobitenlied zur Königshymne (#134)
Fast 300 Jahre alt, der Komponist bis heute unbekannt, vereinnahmt von Royalisten wie von Punks: God Save the King. Ihren Durchbruch erlebt die Hymne im Herbst 1745, als Bonnie Prince Charlie in Schottland landet und in London Panik ausbricht. In einem Londoner Theater stimmen die Schauspieler das Lied an, binnen Wochen singt es das ganze Land. Die Ironie dabei: Ursprünglich war es wohl ein Lied der Jakobiten, also genau jener Seite, die der hannoversche König bekämpfte. Später übernehmen rund 20 Staaten die Melodie, von der Schweiz bis Liechtenstein, das sie bis heute nutzt. Und 1977 macht die Punkband Sex Pistols daraus eine Abrechnung mit der Monarchie. Die Geschichte eines Lieds, das man ohne Übertreibung den ersten Popsong der Welt nennen kann.
Sun, 21 Jun 2026 - 13min - 133 - Der Kluge Hans: Das Pferd, das rechnen konnte (#133)
Berlin um 1900: Ein Pferd namens Kluger Hans rechnet, liest und buchstabiert vor Publikum. Sein Besitzer, der Mathematiklehrer Wilhelm von Osten, ist überzeugt, dem Tier echtes Denken beigebracht zu haben. Eine 13-köpfige Kommission unter dem Psychologen Carl Stumpf findet keinen Betrug. Erst Stumpfs Student Oskar Pfungst löst das Rätsel und beschreibt, was heute als Kluger-Hans-Effekt bekannt ist. Die Geschichte einer ehrlichen Selbsttäuschung und eines Phänomens, das die Wissenschaft bis heute beschäftigt.
Sun, 14 Jun 2026 - 08min - 132 - Dom Pedro II.: Der Kaiser von Brasilien, der lieber forschte als regierte (#132)
Brasilien war einmal ein Kaiserreich, und über vierzig Jahre regierte es ein Mann, der lieber Meteoriten suchte und Gedichte schrieb, als auf dem Thron zu sitzen. Dom Pedro II. spricht ein Dutzend Sprachen, baut sich Labore und eine Sternwarte in den Palast und korrespondiert mit Victor Hugo, Richard Wagner und Friedrich Nietzsche. Doch sein Reich steht auf dem Fundament der Sklaverei, und als diese 1888 endlich abgeschafft wird, wenden sich die Kaffeebarone von ihm ab. 1889 stürzt ihn das Militär, Pedro II. geht ins Exil und stirbt zwei Jahre später einsam in einem Pariser Hotel. Die Geschichte vom Gelehrten auf dem Thron, der bis heute als einer der größten Brasilianer gilt.
Sun, 07 Jun 2026 - 14min - 131 - Schani Breitwieser: Der Robin Hood von Wien (#131)
Wien, kurz nach dem Ersten Weltkrieg: Johann „Schani" Breitwieser knackt Tresore mit dem Schweißbrenner und wird vom Meidlinger Proletariat als Robin Hood gefeiert. Der „Einbrecherkönig" bricht in Villen, Ringstraßenpalais und sogar das Kriegsministerium ein. Bei einem Coup in der Hirtenberger Munitionsfabrik erbeutet er eine halbe Million Kronen. 1919 stellt ihn die Polizei in St. Andrä-Wördern. Die Geschichte vom „König von Meidling", dem Robin Hood von Wien.
Sun, 31 May 2026 - 08min - 130 - Die 90 Prozent: Das wahre Leben im Römischen Reich (#130)
Kaiser, Schlachten, Senatoren: Davon handeln die meisten Geschichten über Rom. Diese Folge erzählt die andere Seite, das Leben der einfachen Leute, die das Imperium tatsächlich trugen. Die Archäologin Kim Bowes nennt sie in ihrem Buch "Surviving Rome" die 90 Prozent: Kleinbauern, Handwerker, Sklaven, Gastwirte und Weberinnen, die von ihrer eigenen Arbeit leben mussten. Funde aus Britannien bis Ägypten zeigen, dass selbst arme Haushalte importierten Wein, indischen Pfeffer und Parfüm besaßen, Teil einer frühen Form von Globalisierung. Eine Geschichte über Arbeit, Frauen und Kinder und darüber, wie die große Mehrheit im Römischen Reich wirklich lebte.
Titelbild: KI
Sun, 24 May 2026 - 08min - 129 - William Buckland: Der Forscher, der jedes Tier der Welt essen wollte (#129)
William Buckland war einer der wichtigsten Geologen des 19. Jahrhunderts, und der Mann, der sich vorgenommen hatte, jedes Tier der Welt zu probieren. Diese Folge erzählt von Hyänenhöhlen, dem ersten wissenschaftlich beschriebenen Dinosaurier und Mäusen auf Toast. Und von der Frage, wofür ein Mensch am Ende in Erinnerung bleibt.
Sun, 17 May 2026 - 07min - 128 - Niccolò Machiavelli: Gefoltert, verbannt, unsterblich (#128)
Gefoltert, verbannt, mittellos: So beginnt das wichtigste Kapitel im Leben von Niccolò Machiavelli. Nach dem Sturz der Florentiner Republik verliert er 1512 sein Amt, wird verhaftet und auf einen heruntergekommenen Bauernhof verbannt. Genau dort schreibt er "Il Principe", den Fürsten, bis heute der berühmteste Ratgeber der Macht. Die Folge erzählt, wie aus dem unscheinbaren Notarssohn ein Spitzendiplomat im Florenz der Medici wurde, was im "Fürsten" wirklich steht, und warum sich ausgerechnet Machiavelli selbst kaum an seine eigenen Ratschläge hielt.
Sun, 10 May 2026 - 09min - 127 - Die Taube: Vom Kriegshelden zur Ratte der Lüfte (#127)Sun, 03 May 2026 - 09min
- 126 - Alfred der Große: Der König, der England rettete (#126)
In England kennt ihn fast jeder, bei uns kaum jemand: Alfred der Große, der einzige englische König mit diesem Beinamen. Als die "große heidnische Armee" der Wikinger im 9. Jahrhundert ein angelsächsisches Königreich nach dem anderen überrennt, bleibt Wessex als letztes übrig. Alfred wird in die Sümpfe von Somerset getrieben, sammelt seine Männer neu und schlägt die Wikinger 878 in der Schlacht von Edington. Danach baut er Wessex zur Festung um, fördert Bildung und legt das Fundament, auf dem sein Enkel das erste Königreich England errichtet. Die Geschichte vom König, an dessen Werk man bis heute den Anfang Englands festmacht.
Sun, 26 Apr 2026 - 12min - 125 - Thomas Nast: Der Mann, der den Weihnachtsmann erfand (#125)
Thomas Nast kam als Sechsjähriger aus der Pfalz nach New York und wurde zum einflussreichsten politischen Karikaturisten Amerikas. Seine Zeichnungen brachten den korrupten New Yorker Stadtchef William „Boss" Tweed zu Fall, halfen Ulysses S. Grant ins Weiße Haus und prägten politische Symbole, die bis heute gelten. Mit einer Zeichnung zu Weihnachten 1862 schuf er außerdem das Bild des modernen Weihnachtsmanns – rundlich, bärtig und gut gelaunt.
Weihnachtsmann-Zeichnung: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Merry_Old_Santa_Claus,_by_Thomas_Nast,_1881.jpg
Sun, 19 Apr 2026 - 12min - 124 - Haushaltsbücher: Das Google des 19. Jahrhunderts (#124)
Bevor es Google und KI gab, schlug man im Haushaltsbuch nach: Wie kauft man Fleisch ein, wie verbindet man eine Wunde, wie kommt man mit dem Geld über den Monat? Im 19. Jahrhundert standen diese Ratgeber in fast jedem bürgerlichen Haushalt, manche wichtiger als die Bibel. Die Folge erzählt von den drei großen Namen: der Engländerin Isabella Beeton, deren Werk seit 1861 nie vergriffen war, der Deutschen Henriette Davidis und der Österreicherin Katharina Prato, deren "Süddeutsche Küche" über eine Million Mal verkauft wurde. Nebenbei verraten diese Bücher viel darüber, welche Rolle Frauen damals zugeschrieben wurde und wie sehr sich das seither verändert hat.
Mon, 13 Apr 2026 - 12min - 123 - Sci-Hub: Robin Hood der Wissenschaft oder Kriminelle? (#123)
Alexandra Elbakyan ist eine kasachische Programmiererin, die 2011 mit Sci-Hub eine Plattform aufgebaut hat, die wissenschaftliche Artikel kostenlos zugänglich macht und damit gegen die milliardenschwere Wissenschaftsverlagsbranche antritt. Seither wird sie von manchen als Heldin der Wissenschaft gefeiert, von anderen als Kriminelle verfolgt. Diese Episode erzählt, wie eine junge Frau aus Almaty mit einem Laptop und einem Gefühl für Ungerechtigkeit eine der meistgenutzten wissenschaftlichen Ressourcen der Welt geschaffen hat.
Sun, 05 Apr 2026 - 09min - 122 - Josiah Wedgwood: Der Töpfer, der das Marketing erfand (#122)
Produktkataloge verschicken, Läden als Erlebnisraum gestalten, Prominente als Markenbotschafter einsetzen, Waren künstlich verknappen: Das klingt nach modernem Marketing, stammt aber aus den 1770er Jahren. Erfunden hat es der englische Töpfer Josiah Wedgwood. Aus einer Töpferfamilie in den Midlands baut er eine der ersten echten Marken der Geschichte auf, beliefert Königin Charlotte und Zarin Katharina die Große und macht aus Keramik ein Statussymbol. Wedgwood engagiert sich gegen die Sklaverei, ist mit James Watt befreundet, und über seine Familie wird er zum Großvater von Charles Darwin. Die Geschichte eines Mannes, der das Verkaufen erfunden hat, lange bevor es das Wort Marketing gab.
Titelfoto: Sean Pathasema/Birmingham Museum of Art - CC BY 3.0
Sun, 29 Mar 2026 - 09min - 121 - Die Cottingley Fairies: Wie zwei Mädchen Sherlock Holmes täuschten (#121)
1917 fotografieren zwei Cousinen aus dem englischen Dorf Cottingley angeblich Feen am Bach. Die Bilder wirken harmlos, doch sie lösen eine landesweite Debatte aus. Selbst Arthur Conan Doyle, der Erfinder von Sherlock Holmes, hält sie für echt und schreibt ein ganzes Buch darüber. Erst 1983 gestehen die beiden Frauen: Die Feen waren aus einem Kinderbuch abgezeichnet, ausgeschnitten und mit Hutnadeln im Gras befestigt. Die Geschichte der Cottingley Fairies erzählt, warum kluge, gebildete Menschen an etwas glauben, das uns heute durchschaubar vorkommt.
(Titelfoto: KI Illustration)
Sun, 22 Mar 2026 - 08min - 120 - Amsterdam: Wie aus einem Sumpf der Kapitalismus entstand (#120)
Amsterdam entstand dort, wo eigentlich nichts entstehen sollte: in einem Sumpf unter dem Meeresspiegel. Aus einer Fischersiedlung, die vom Hering lebte, wurde im 17. Jahrhundert das Zentrum des Welthandels. Hier gründete die Niederländische Ostindien-Kompanie die erste große Aktiengesellschaft der Geschichte, hier entstand die erste Börse und damit der moderne Kapitalismus. Die Folge erzählt, wie eine Stadt durch Zusammenarbeit statt durch Eroberung wuchs, warum religiöse Toleranz zu ihrem Markenzeichen wurde, und wie eng ihre Geschichte mit Namen wie Spinoza, Napoleon und Anne Frank verknüpft ist.
Sun, 15 Mar 2026 - 09min - 119 - Alexander Bogdanow: Marxismus, Mars-Utopie und der Traum vom ewigen Leben durch Blut (#119)
In dieser Episode geht es um Alexander Bogdanow, einen ungewöhnlich vielseitigen Denker, Autor und Revolutionär im Russland der Zarenzeit und der frühen Sowjetunion. Es ist die Geschichte eines Mannes, der sich mit Marxismus, Science Fiction und Systemtheorie beschäftigte und am Ende überzeugt war, dass Bluttransfusionen den Menschen verjüngen könnten.
Sun, 08 Mar 2026 - 08min - 118 - Die sieben Wunder Polens: Von Krakau bis zur Salzmine (#118)
Nicht die antiken Weltwunder, sondern die sieben Wunder Polens, gewählt 2007 von den Leserinnen und Lesern einer großen polnischen Zeitung. Die Folge führt vom größten mittelalterlichen Marktplatz Europas in Krakau über die Renaissance-Idealstadt Zamość und den ungewöhnlichen Elbląg-Kanal zur Marienburg, der größten Burg der Welt. Dazu kommen Toruń, die Geburtsstadt von Nikolaus Kopernikus, der Wawel in Krakau und als Nummer eins die Salzmine von Wieliczka mit ihrer Kapelle ganz aus Salz. Eine Geschichte über ein Land, das viel europäischer ist, als viele denken, und zugleich eine Bucket-List für die nächste Reise.
Sun, 01 Mar 2026 - 12min - 117 - Schlaf: Warum acht Stunden über Gesundheit und Erfolg entscheiden (#117)
Wir verbringen ein Drittel unseres Lebens damit, und doch schlafen zwei Drittel der Erwachsenen in Industrieländern zu wenig. Diese Folge zeigt, was das wirklich kostet: schlechtere Konzentration, ein schwächeres Immunsystem, mehr Verkehrsunfälle und Schäden in Milliardenhöhe für ganze Volkswirtschaften. Sie räumt mit dem Mythos auf, man komme dauerhaft mit fünf Stunden aus, und erklärt, warum Jugendliche morgens nicht aus Faulheit müde sind, sondern aus Biologie. Und sie fragt, was passiert, wenn Schulen einfach später beginnen. Eine Folge über das, was wir jeden Tag tun und trotzdem unterschätzen.
Sun, 22 Feb 2026 - 07min - 116 - Der Streik: Wie schon im alten Ägypten die Arbeit niedergelegt wurde (#116)
Streik klingt nach Industrialisierung, Gewerkschaften und modernem Arbeitskampf. Tatsächlich legten Menschen schon vor über 3000 Jahren kollektiv die Arbeit nieder. Diese Folge spannt den Bogen von den Grabarbeitern unter Ramses III., die als Erste streikten, über die Plebejer im frühen Rom, die einfach die Stadt verließen, bis zu den Unruhen im Konstantinopel des 6. Jahrhunderts. Sie zeigt den Unterschied zwischen Streik und Rebellion, warum auch Spartacus dazugehört, und dass die Reaktion der Mächtigen damals wie heute zwischen Verhandlung und brutaler Gewalt schwankte. Eine Geschichte darüber, dass kollektive Macht so alt ist wie die Arbeit selbst.
Sun, 15 Feb 2026 - 11min - 115 - Winnie: Die echte Bärin hinter Winnie Puuh (#115)
1914 kauft ein kanadischer Tierarzt auf dem Weg an die Front an einem Bahnhof eine verwaiste Schwarzbärin. Er nennt sie Winnie, nach seiner Heimatstadt Winnipeg, und nimmt sie als Maskottchen mit ins Militärlager und über den Atlantik nach England. Als seine Einheit nach Frankreich muss, gibt er Winnie an den Londoner Zoo, wo sie zum Liebling der Besucher wird. Einer dieser Besucher ist ein kleiner Junge namens Christopher Robin, dessen Vater A. A. Milne daraus eine der berühmtesten Kinderbuchfiguren der Welt macht: Winnie Puuh. Die wahre Geschichte hinter dem honigliebenden Bären.
Weitere Bilder von Winnie: https://www.theguardian.com/childrens-books-site/gallery/2015/nov/24/winnie-the-pooh-inspired-by-a-real-bear
Sun, 08 Feb 2026 - 04min - 114 - Der Panzer: Vom Schützengraben des Ersten Weltkriegs bis heute (#114)
Eine Kanone, gepanzert, beweglich im Gelände: Der Panzer entsteht erst im Ersten Weltkrieg, als der Stellungskrieg in den Gräben festgefahren ist. Diese Folge erzählt, wie aus den ersten britischen Ungetümen über die Schlacht von Cambrai der moderne Kampfpanzer wurde, und wie sich seither ein ständiges Wettrennen zwischen Panzerung und Abwehr abspielt. Sie zeigt, warum im Zweiten Weltkrieg oft nicht die beste, sondern die meistgebaute Maschine gewann, vom amerikanischen Sherman bis zum sowjetischen T-34, und warum der Panzer trotz Panzerfaust und Drohnen bis heute nicht ausgedient hat. Eine Geschichte über Technik, Industrie und die Frage, was eine Waffe wirklich entscheidend macht.
Sun, 01 Feb 2026 - 09min - 113 - Elmer McCurdy: Der Räuber, der als Leiche 60 Jahre durch die USA reiste (#113)
Elmer McCurdy war ein ziemlich erfolgloser Zug- und Bankräuber im Amerika der 1910er Jahre, dessen größter Coup ganze 46 Dollar einbrachte. 1911 wird er nach einem Raub erschossen, 31 Jahre alt. Doch seine eigentliche Geschichte beginnt erst nach dem Tod: Seine einbalsamierte Leiche wird zur Jahrmarktsattraktion und reist fast 60 Jahre lang durch die USA, bis niemand mehr weiß, dass es ein echter Mensch ist. Erst 1976 fliegt der Schwindel an einem Filmset auf. Eine wahre Geschichte über einen Mann, der im Tod berühmter wurde als im Leben.
Sun, 25 Jan 2026 - 06min - 112 - Octavian und Augustus: Wie ein junger Erbe Rom unterwarf (#112)
Octavian und Augustus sind nicht zwei Personen, sondern ein und derselbe Mann, und das fasst seine Geschichte gut zusammen. Als Großneffe und Erbe Cäsars steigt er mit Tötungslisten, Enteignungen und Bürgerkriegen zur Macht auf, unter anderem fällt ihm Cicero zum Opfer. Nach dem Sieg über Marcus Antonius und Kleopatra bei Actium wird aus dem brutalen Octavian der Staatsmann Augustus, der erste Kaiser Roms. Er beendet die Bürgerkriege, baut Infrastruktur, lässt die Republik dem Schein nach weiterbestehen und schafft ein System, das in verschiedenen Formen weit über tausend Jahre hält. Eine Geschichte über die Frage, ob man Stabilität bewundern darf, wenn sie auf Blut gebaut ist.
Sun, 18 Jan 2026 - 11min - 111 - Mar-a-Lago: Vom Traum einer Milliardärin zu Trumps Machtzentrum (#111)
Die meisten kennen Mar-a-Lago nur als Anwesen von Donald Trump. Dabei reicht seine Geschichte fast hundert Jahre zurück: Erbaut wurde der Palast in den 1920er Jahren von Marjorie Merriweather Post, einer der reichsten Frauen der USA. Sie vermachte das Anwesen sogar dem Staat, ausdrücklich als Winterresidenz für US-Präsidenten, doch niemand wollte es haben. Erst Trump kaufte es 1985, machte daraus einen exklusiven Club und später ein politisches Machtzentrum. Die Geschichte eines Hauses, das genau das wurde, was seine Gründerin sich erträumte, nur ganz anders, als sie es sich vorgestellt hatte.
Sun, 11 Jan 2026 - 09min - 110 - Propaganda: Wie Großbritannien die Nazis mit Fake-Sendern täuschte (#110)
Bei Propaganda denken die meisten an Goebbels. Diese Folge erzählt die andere Seite: die britische Gegenpropaganda im Zweiten Weltkrieg. In einem Landsitz nördlich von London erfand eine bunte Truppe aus Journalisten, Schriftstellern und Geheimdienstlern getarnte Radiosender, die sich als deutsche Soldaten oder französische Priester ausgaben, eine frühe Form dessen, was wir heute Fake News nennen. Es geht um schwarze Propaganda, um die Frage, wie weit man lügen darf, ohne die eigene Glaubwürdigkeit zu verlieren, und um einen fingierten Agenten, der aus Versehen gleich zweimal live im Radio erschossen wurde. Eine Geschichte darüber, dass Desinformation schon vor dem Smartphone eine ganze Organisation brauchte.
Sun, 04 Jan 2026 - 10min - 109 - Reche Canyon: Der kalifornische Ort und seine wilden Esel (#109)
Rund 95 Kilometer östlich von Los Angeles liegt Reche Canyon, und dort leben schätzungsweise 1000 wilde Esel. Sie stehen auf den Straßen, grasen in Vorgärten und betteln Autofahrer um Futter an, wahrscheinlich Nachfahren entlaufener Lasttiere aus der Zeit des Goldrauschs. Lange galten sie als Plage, doch als die Behörden Ende 2024 begannen, die Tiere nach Texas umzusiedeln, gingen die Bewohner auf die Barrikaden: "We love our donkeys". Diese Folge erzählt vom komplizierten Zusammenleben zwischen Mensch und Esel, von Verkehrstoten, Fütterungsverboten und einer Auffangstation, die verletzte Tiere rettet. Eine Geschichte über einen der wohl eseligsten Orte der USA.
Welcome to Donkey Country, U.S.A.: https://archive.is/2b8RJ
Sun, 28 Dec 2025 - 04min - 108 - Die größten Städte Europas: Von Jericho bis Istanbul (#108)
Welche war zu ihrer Zeit die größte Stadt Europas? Diese Folge macht eine Zeitreise von den ersten Städten der Menschheit wie Jericho über das antike Rom mit fast einer Million Einwohnern bis zum heutigen Istanbul. Dabei zeigt sich ein Muster: Städte wachsen dort, wo ein Reich für Stabilität, Handel und Verwaltung sorgt, und schrumpfen, wenn diese Ordnung zerbricht. So wandert die Spitze von Rom über Konstantinopel und das maurische Córdoba nach Paris und schließlich ins London des Industriezeitalters, das um 1900 zeitweise die größte Stadt der Welt ist. Eine Geschichte darüber, wie eng die Größe einer Stadt mit Macht, Handel und Wissen zusammenhängt.
Sun, 21 Dec 2025 - 10min - 107 - Sandy Island: Die Insel, die es nie gab (#107)
Über hundert Jahre lang stand Sandy Island auf Seekarten, in Atlanten und bis 2012 sogar bei Google Maps, eine Insel im Korallenmeer zwischen Australien und Neukaledonien. Das Problem: Es gab sie nie. Diese Folge erzählt, wie aus einer wohl falsch eingetragenen Sichtung eines Walfangschiffs im 19. Jahrhundert eine Phantominsel wurde, die sich von Karte zu Karte weitervererbte, weil im Zweifel lieber vor einer Gefahr gewarnt wird, als sie wegzulassen. Erst 2012 fährt ein australisches Forschungsschiff die Stelle an und findet dort nur 1400 Meter tiefes Wasser. Eine Geschichte darüber, wie ein einziger Fehler über ein Jahrhundert überleben kann.
Sun, 14 Dec 2025 - 06min - 106 - Grenzen: Warum viele Ländergrenzen einfach mit dem Lineal gezogen wurden (#106)
Rund 190 Staaten zeigt eine heutige Weltkarte, doch dieses Bild ist erst wenige Jahrhunderte alt. Diese Folge erzählt, wie aus feudalen Flickenteppichen Nationalstaaten wurden und wie oft ihre Grenzen reine Willkür sind. Warum verläuft eine afrikanische Grenze schnurgerade, weil ein britischer Offizier 1913 einfach zu erschöpft war weiterzumessen? Warum teilt in der Stadt Baarle eine Grenze sogar Wohnzimmer und Esstische? Es geht um Kolonialismus und das Lineal auf der Karte, um die willkürliche Trennung von Europa und Asien und um Grenzziehungen mit dramatischen Folgen wie die Teilung Indiens 1947. Eine Geschichte darüber, wie viel Macht in einer gezeichneten Linie steckt.
Sun, 07 Dec 2025 - 08min - 105 - Die Geschichte von YouTube: Wie aus einer Dating-Idee ein Weltkonzern wurde (#105)
2005 laden drei ehemalige PayPal-Mitarbeiter eine Website hoch, eigentlich als Dating-Seite mit Videos. Das floppt, aber die Technik dahinter, Videos einfach hochladen und im Browser abspielen, wird zur Revolution. Das erste Video: 19 wackelige Sekunden vor dem Elefantengehege im Zoo. Diese Folge erzählt, wie aus diesem Clip die zweitmeistbesuchte Website der Welt mit über 2,5 Milliarden Nutzern wurde, wie Google sie kaufte, wie der Algorithmus zur Watchtime umschwenkte und warum YouTube heute quer durch alle Altersgruppen beliebter ist als fast jede andere Plattform.
Das erste YouTube-Video "Me at the zoo": https://www.youtube.com/watch?v=jNQXAC9IVRw
Buchtipp: "YouTube. Die globale Supermacht: Wie Googles Videoplattform unsere Weltsicht dominiert" von Mark Bergen
Sun, 30 Nov 2025 - 08min - 104 - Oswald Mosley: Der Mann, der Großbritannien den Faschismus bringen wollte (#104)
Er galt als einer der begabtesten Politiker seiner Generation, gehandelt als künftiger Premierminister, und wurde zu Großbritanniens bekanntestem Faschisten. Oswald Mosley, 1896 in eine aristokratische Familie geboren, saß erst für die Konservativen und dann für Labour im Parlament, wo er mit einem für seine Zeit fortschrittlichen Programm gegen die Arbeitslosigkeit auffiel. Als seine Ideen abgelehnt wurden, wandte er sich von den Parteien ab, ließ sich 1932 von Mussolini begeistern und gründete die British Union of Fascists mit ihren uniformierten Schwarzhemden. Eine Massenkundgebung in der Londoner Olympiahalle 1934 kippte die Stimmung, als seine Schlägertrupps Zwischenrufer brutal zusammenschlugen und selbst frühere Unterstützer wie die Presse des Lord Rothermere abrückten. Danach radikalisierte sich Mosley weiter ins Antisemitische, heiratete Diana Mitford heimlich im Haus von Joseph Goebbels und wurde 1940 als Faschist interniert. Politisch blieb er bis zu seinem Tod 1980 bedeutungslos.
Sun, 23 Nov 2025 - 13min - 103 - Lipsi: Der Tanz, mit dem die DDR den Rock ‘n’ Roll besiegen wollte (#103)
1959 präsentiert die DDR stolz ihren eigenen Modetanz: den Lipsi, benannt nach Leipzig. Er soll das ersetzen, was die Staatsführung für kapitalistisch und zersetzend hält, den Rock 'n' Roll. Der Tanz ist im 6/4-Takt, streng paarorientiert und vor allem eines: brav. Die DDR meldet ihn sogar weltweit zum Patent an, doch die Jugend macht nicht mit. In Leipzig ziehen Jugendliche mit dem Ruf "Wir tanzen keinen Lipsi" durch die Stadt, mehrere werden zu Haftstrafen verurteilt. Die Geschichte eines Tanzes, der zeigt, was passiert, wenn Kulturpolitik echte Jugendkultur durch ein Kunstprodukt ersetzen will.
Der Tanz: https://www.youtube.com/watch?v=0Qbc9VUBy_8
Die Flamingos - Alle Tanzen Lipsi: https://www.youtube.com/watch?v=PW6JrGRi7i4
Helga Brauer - Heute tanzen alle jungen Leute: https://www.youtube.com/watch?v=sC1y7BIGYmA
Sun, 16 Nov 2025 - 05min - 102 - Yellow Press: Benannt nach einem Kind im gelben Hemd (#102)
Der Begriff Yellow Press geht auf einen Comic zurück, dessen Hauptfigur ein Kind im gelben Hemd war und um den sich die New Yorker Verleger Joseph Pulitzer und William Randolph Hearst erbittert stritten. Das Wort Tabloid wiederum war ursprünglich ein Markenname für gepresste Pillen, bevor es die verdichtete, schnell konsumierbare Zeitung bezeichnete. Vom frühneuzeitlichen Sensationszettel über die erste britische Massenzeitung Daily Mail bis zu Rupert Murdochs Sun zieht sich die Geschichte des modernen Boulevards. Dazu gehören auch dunkle Kapitel, etwa als der Daily-Mail-Eigentümer Lord Rothermere in den 1930ern offen mit Faschismus und Hitler sympathisierte. Im deutschsprachigen Raum begann alles 1900 in Wien, mit der bis heute erscheinenden Kronenzeitung, benannt nach ihrem Abopreis von einer Krone.
Sun, 09 Nov 2025 - 11min - 101 - Die Ouzel Galley: Das Schiff, das nach fünf Jahren von den Toten zurückkam (#101)
1695 verlässt die Handelsgalere Ouzel Galley den Hafen von Dublin und verschwindet spurlos. Nach drei Jahren gilt sie als verloren, die Versicherung zahlt, die Besatzung wird für tot erklärt, Witwen heiraten neu. Doch 1700 läuft das Schiff plötzlich wieder in Dublin ein, mit vollständiger Mannschaft und einem Laderaum voller Gewürze, Stoffe und Edelmetalle. Der Kapitän erzählt von algerischen Korsaren, die ihn fünf Jahre lang gefangen hielten, doch viele halten die Geschichte für eine Ausrede. Aus dem Streit um die Beute entsteht ein Schiedsgericht, aus dem später die Dubliner Handelskammer hervorgeht. Eine Geschichte, bei der bis heute niemand weiß, was wirklich passiert ist.
Foto: Architecture of Dublin / CC BY-SA 2.0
Sun, 02 Nov 2025 - 07min - 100 - Hauspersonal in England: Die Realität hinter Downton Abbey (#100)
Hinter der glanzvollen Welt von Downton Abbey stand eine harte Realität: Um 1900 war der Hausdienst der größte Arbeitgeber für Frauen in Großbritannien, rund eineinhalb von vier Millionen berufstätigen Frauen schufteten als Dienstboten. Viele begannen mit vierzehn, standen vor allen anderen auf und hatten keine festen Arbeitszeiten, in manchen Häusern durften sie der Herrschaft nicht einmal in die Augen sehen. Die grüne Filztür trennte die vornehme Vorderseite streng von den Küchen und Korridoren dahinter. Der Erste Weltkrieg und die Fabriken lockerten dieses System, und nach 1945 verschwand die alte Hausordnung fast völlig. Was blieb, ist die Unsichtbarkeit der Hausarbeit, bis heute überwiegend von Frauen erledigt. Grundlage ist Lucy Lethbridges Buch Servants.
Sun, 26 Oct 2025 - 11min - 99 - Wikipedia: Wie Freiwillige das größte Wissensprojekt der Menschheit bauten (#99)
2001 startet ein Experiment, von dem viele glauben, es müsse im Chaos enden: eine Enzyklopädie, in die jeder sofort hineinschreiben darf, ohne Redaktion und ohne Prüfung. Heute hat Wikipedia über 60 Millionen Artikel in mehr als 330 Sprachen, geschrieben von Hunderttausenden Freiwilligen und finanziert durch Spenden. Diese Folge erzählt, wie Wikipedia Brockhaus, Encarta und alle anderen Konkurrenten verdrängte, warum sie zum Fundament des modernen Internets wurde, von der Google-Suche bis zu ChatGPT, und warum genau das jetzt zum Problem wird: Wer seine Antworten von der KI bekommt, geht seltener zu Wikipedia, und ohne Leser gibt es auch weniger Menschen, die mitschreiben. Eine Geschichte über das größte kollektive Wissensprojekt der Menschheit und darüber, wie fragil es ist.
Titelbild: Nohat (concept by Paullusmagnus); Wikimedia. CC BY-SA 3.0
Sun, 19 Oct 2025 - 08min - 98 - Römisches Haus: Klimaanlage und Fußbodenheizung vor 2000 Jahren (#98)
Ein römisches Haus kam ganz ohne Strom aus und blieb trotzdem im Hochsommer angenehm kühl. Im Zentrum stand das Atrium, ein lichter Raum mit einer Öffnung im Dach, unter der sich Regenwasser in einem Becken sammelte und beim Verdunsten den Raum kühlte, eine frühe Form der Klimaanlage. Dazu kamen dicke Steinmauern, hohe Decken und schattige Säulengärten, während sich die Reichsten sogar eine Fußbodenheizung leisteten, das berühmte Hypokaustum. Vieles davon übernahmen die Römer von anderen Völkern, das Atrium von den Etruskern, den Säulengarten von den Griechen. Wer arm war, hauste dagegen hinter Läden oder in mehrstöckigen Mietshäusern, während die Ärmsten unter Brücken schliefen. Selbst der Begriff privat bedeutete etwas anderes: Ein Geschäftstreffen zu Hause galt als öffentlich, der Gang zur Gemeinschaftslatrine dagegen als privat.
Foto: Wikimedia Commons / Tobias Langhammer / CC BY-SA 3.0
Sun, 12 Oct 2025 - 10min - 97 - Applaus: Warum wir klatschen und was das über uns verrät (#97)
Schon im alten Rom war Applaus ein codiertes System: flache Hände für normales Lob, hohle Hände für echte Begeisterung, geschwenkte Tücher für den großen Jubel. Und schon damals gab es bezahlte Klatscher. Diese Folge erzählt, wie das Klatschen im Mittelalter aus den vornehmen Sälen verschwand und im bürgerlichen Theater zurückkehrte, warum man in der Oper zwischen den Sätzen schweigt, was es mit den Pariser Claqueuren auf sich hat und warum in Ungarn rhythmisch geklatscht wird. Am Ende geht es um die dunkle Seite: um eine Anekdote aus Stalins Sowjetunion, in der niemand als Erster aufzuhören wagte, und um die minutenlangen Standing Ovations von Cannes. Eine Geschichte darüber, dass Applaus nie nur Applaus ist, sondern immer auch etwas über die verrät, die ihn spenden.
Sun, 05 Oct 2025 - 08min - 96 - Phönizier: Das vergessene Volk, das unser Alphabet erfand (#96)
Die Buchstaben, mit denen dieser Text geschrieben ist, gehen auf ein Volk zurück, das heute kaum jemand kennt: die Phönizier. Von den Hafenstädten Tyros, Sidon und Byblos an der Küste des heutigen Libanon aus beherrschten sie als Seefahrer und Händler das Mittelmeer, lange bevor Griechenland und Rom groß wurden. Sie gründeten Kolonien bis nach Spanien, brachten Zedernholz und das kostbare Purpurrot in die Welt und schufen mit Karthago die größte Rivalin Roms. Ihre wichtigste Erfindung aber war das Alphabet, rund zwei Dutzend Zeichen statt hunderter Silbensymbole, das die Griechen übernahmen und um Vokale ergänzten. Dass die Phönizier heute so wenig bekannt sind, liegt an ihrer verlorenen Literatur und daran, dass das 19. Jahrhundert Griechen und Römer in den Vordergrund rückte. Ihr Erbe aber lesen wir bis heute in jedem geschriebenen Wort.
Sun, 28 Sep 2025 - 08min - 95 - Der große Mond-Schwindel von 1835: Die erste Fake News der Moderne (#95)
Im August 1835 veröffentlicht die New York Sun eine Sensation: Der Astronom John Herschel habe mit einem neuartigen Riesenteleskop Leben auf dem Mond entdeckt. Strände, Wälder, zweibeinige Biber und menschenähnliche Wesen mit Fledermausflügeln. Die Auflage explodiert, andere Zeitungen drucken nach, und angeblich überlegt eine Missionsgesellschaft ernsthaft, Missionare zum Mond zu schicken. Erst nach drei Wochen gibt die Zeitung zu, dass alles erfunden war. Diese Folge erzählt, wie der Schwindel funktionierte, warum Edgar Allan Poe sich darüber ärgerte, und welche drei Tricks von damals sich bis heute in jeder Desinformation wiederfinden.
Sun, 21 Sep 2025 - 06min - 94 - Illegale Spione: Als ein Sowjet-Agent echter Botschafter wurde (#94)
Sie leben mit Einfamilienhaus, Rasenmäher und Kindern mitten in der westlichen Vorstadt, und niemand ahnt, dass sie russische Agenten sind. Illegale nennt der sowjetische und russische Geheimdienst jene Spione, die ohne diplomatische Tarnung komplett in ein fremdes Leben eingeschleust werden, oft für Jahrzehnte. Der spektakulärste Fall war ein Ring aus zehn solchen Agenten, den das FBI 2010 in den USA enttarnte. Die erstaunlichste Biografie gehört Iosif Grigulewitsch, der sich einen echten Pass erschwindelte, zum Botschafter Costa Ricas in Rom und Belgrad aufstieg, den Papst traf und beinahe im Auftrag Stalins den jugoslawischen Staatschef Tito ermordet hätte. Erst Stalins Tod 1953 stoppte das Attentat. Von Lenins Untergrund bis zu Putins Neuauflage zieht sich das Programm durch die Geschichte.
Titelfoto: Museum of Yugoslavia - CC BY-SA 3.0
Sun, 14 Sep 2025 - 08min - 93 - Fuggerei: Seit 500 Jahren unter 1 Euro Miete (#93)
In Augsburg gibt es eine Wohnsiedlung, in der die Jahresmiete seit über 500 Jahren gleich geblieben ist: ein Rheinischer Gulden, heute rund 88 Cent. Gestiftet wurde die Fuggerei 1521 von Jakob Fugger, dem reichsten Mann seiner Zeit, der Päpste und Kaiser finanzierte und sogar die Kaiserwahl Karls V. mit seinen Krediten absicherte. Einziehen durfte, wer unverschuldet in Not geraten war, Augsburger, katholisch und von gutem Leumund, gegen die Pflicht, täglich drei Gebete für den Stifter zu sprechen. Bis heute gilt diese Regel, und ein Nachtwächter schließt abends um zehn die Tore der kleinen Stadt in der Stadt. Im 17. Jahrhundert wohnte hier der Maurer Franz Mozart, der Urgroßvater von Wolfgang Amadeus Mozart. Verwaltet wird die älteste Sozialsiedlung der Welt bis heute von der Stiftung Jakob Fuggers, die sich vor allem aus Waldbesitz trägt.
Sun, 07 Sep 2025 - 06min - 92 - Die letzten Heiden Europas (#92)
Als Europa längst christlich war, hielten an seinen Rändern noch ganze Völker an ihren alten Göttern fest, mancherorts bis ins 20. Jahrhundert und darüber hinaus. Litauen war 1387 der letzte heidnische Staat des Kontinents, und selbst dann ließ sich Großfürst Jogaila vor allem aus politischem Kalkül taufen, um König von Polen zu werden. Im hohen Norden lebten die Samen mit ihren schamanischen Trommeln, im Baltikum verehrten Litauer und Prußen heilige Haine und ewige Feuer, und an der Wolga baten die Mari die Waldgeister um Erlaubnis, bevor sie ein Tier erlegten. Weil diese Völker keine Schrift kannten, stammt fast alles, was wir wissen, aus den Berichten ihrer christlichen Gegner. Die Christianisierung verlief mal langsam und leise, mal brutal, etwa als der Deutsche Orden Preußen eroberte. Ganz verschwunden ist das alte Heidentum aber nie, bei den Mari in Russland gibt es bis heute Opferfeste in heiligen Hainen.
Sun, 31 Aug 2025 - 08min - 91 - Kugelmugel: Der Mikrostaat im Wiener Prater (#91)
Als die Behörden sein selbst gebautes Kugelhaus beanstandeten, erklärte der Künstler Edwin Lipburger es kurzerhand für keinen Bau, sondern einen positiv gekrümmten, zweidimensionalen Raum. 1976 ging er noch weiter und rief die eigenständige Republik Kugelmugel aus, mit Grenze, Pässen, Briefmarken und einem Präsidenten. Wegen Amtsanmaßung saß er dafür sogar einige Wochen im Gefängnis. Seit 1982 steht die acht Meter große Holzkugel im Wiener Prater, umzäunt mit Stacheldraht und einem Schild am Antifaschismusplatz. Hinter dem skurrilen Bauwerk steckt ein politisches Gesamtkunstwerk, das die Symbole staatlicher Macht konsequent parodiert. Auch in den USA gibt es solche Spielereien: Die Mikronation Molossia führt bis heute im Scherz Krieg gegen die längst untergegangene DDR.
Sun, 24 Aug 2025 - 06min - 90 - Æthelflæd: Die Kriegerin, die die Wikinger zurückschlug (#90)
Im frühen 10. Jahrhundert, als Frauen kaum politische Macht hatten, führte eine von ihnen selbst die Armeen ins Feld. Æthelflæd war die älteste Tochter von Alfred dem Großen und übernahm nach dem Tod ihres Mannes 911 die Herrschaft über das angelsächsische Königreich Mercia, nicht als Königin, sondern als Lady of the Mercians. In nur sieben Jahren ließ sie ein Netz aus Festungen errichten, aus denen später Städte wie Tamworth und Stafford wuchsen, und eroberte den Dänen wichtige Gebiete wie Derby und Leicester ab. Sogar das Wikingerzentrum York bot ihr die Unterwerfung an, doch sie starb 918, bevor sie es einnehmen konnte. Ihre Tochter Ælfwynn übernahm kurz die Macht, ehe Æthelflæds Bruder Edward Mercia ganz in sein Reich eingliederte. Bei uns kaum bekannt, wird sie in England bis heute als eine der bemerkenswertesten Herrscherinnen ihrer Zeit gefeiert.
Sun, 17 Aug 2025 - 07min - 89 - Lucas Plan: Als Rüstungsarbeiter keine Waffen mehr bauen wollten (#89)
Mitte der 1970er sollte beim britischen Rüstungs- und Luftfahrtkonzern Lucas Aerospace ein großer Teil der Belegschaft entlassen werden. Statt nur zu streiken, entwarfen die Beschäftigten 1976 einen eigenen Gegenplan: Statt Waffen wollten sie sozial nützliche Produkte bauen, von Dialysegeräten über Windräder bis zu Hybridantrieben. Der sogenannte Lucas Plan umfasste über 150 Produktideen samt Marktanalysen, Machbarkeitsstudien und Vorschlägen für weniger hierarchische, demokratischere Arbeitsformen. Die Unternehmensführung lehnte den Plan ab und trennte sich später von führenden Köpfen wie dem Ingenieur Mike Cooley, der die Idee im Buch Architect or Bee? weiterdachte. Bis heute gilt der Lucas Plan als früher Entwurf einer sozial und ökologisch orientierten Produktion und inspirierte spätere Bewegungen von Italien bis Argentinien. Für den Friedensnobelpreis war er 1979 sogar nominiert.
Titelbild: Prototyp eines durch die Belegschaft entwickelten Schienen-Straßen-Omnibusses - Quelle: Lucas Aerospace Workers Road-Rail Bus, Bishops Lydeard, WSR 27.7.1980 (Gillett's Crossing from Bristol, United Kingdom) / CC BY 2.0
Doku: THE PLAN that came from the bottom up
Sun, 10 Aug 2025 - 04min - 88 - Festa del Redentore: Venedigs Fest gegen die Pest (#88)
Jedes Jahr im Juli verwandelt sich Venedig in ein Meer aus geschmückten Booten, Feuerwerk und Dankbarkeit, und der Anlass ist eine Katastrophe. Die Festa del Redentore geht auf die Pest von 1575 zurück, die in zwei Jahren rund ein Drittel der Venezianer dahinraffte. In ihrer Not gelobte die Stadt dem Erlöser eine Kirche, und als die Seuche 1577 endete, ließ sie Andrea Palladio auf der Insel Giudecca die strahlend weiße Erlöserkirche errichten. Venedig war zugleich ein Pionier der Seuchenbekämpfung: Von hier stammen die systematische Quarantäne und die vierzig Tage Isolation, die dem Wort Quarantäne den Namen gaben, und über das erste Pesthospital sogar der Begriff Lazarett. Bis heute überqueren die Gläubigen an dem Fest über eine schwimmende Brücke den Kanal zur Kirche, während am Abend zuvor ein riesiges Feuerwerk den Himmel erleuchtet. Im Ausland kaum bekannt, ist es in Norditalien ein Höhepunkt des Jahres.
Foto: Wikender - CC BY-SA 3.0
Sun, 03 Aug 2025 - 08min - 87 - Die Simpsons: Vom Lückenfüller zur TV-Legende (#87)
Die weltberühmte gelbe Familie begann als billiger Lückenfüller. Ab 1987 liefen die Simpsons als einminütige Trickfilme in der Sketch-Comedy-Reihe The Tracey Ullman Show, gezeichnet von Matt Groening, der die Figuren kurzerhand nach seiner eigenen Familie benannte und Bart als Anagramm von brat, also Göre, anlegte. 1989 wagte der junge Sender Fox das Risiko einer Zeichentrickserie zur Primetime, obwohl das seit den Flintstones niemand mehr versucht hatte. Die Simpsons trafen sofort einen Nerv, respektlos gegenüber dem American Dream und bissig gegenüber der eigenen Gesellschaft. Anfangs galten Bart und Homer als schlechte Vorbilder, sogar Präsident George Bush senior schimpfte über die Serie, was sie beim Publikum nur beliebter machte. Bis heute prägt kaum eine andere Serie die Comedy und die Welt der Animation so stark.
Foto: Unsplash
Sun, 27 Jul 2025 - 07min - 86 - SOE: Die echten Vorfahren von James Bond (#86)
Winston Churchill gründete 1940 einen Geheimdienst, der Europa in Brand setzen sollte: die Special Operations Executive, kurz SOE. Ihre Agenten sprangen mit dem Fallschirm über dem besetzten Europa ab, verübten Sabotageakte hinter den feindlichen Linien und unterstützten den Widerstand, ausgebildet im lautlosen Töten und mit falschen Identitäten. Zu ihren Erfolgen zählte die Zerstörung einer norwegischen Schwerwasseranlage, die Hitler den Weg zur Atombombe verbauen sollte, ausgeführt von Kommandos, die auf Skiern entkamen. Ihre Ausrüstung, von der geräuschlosen Pistole bis zur explodierenden Ratte, wirkt wie aus einem Agentenfilm, und tatsächlich diente die SOE dem früheren Marinegeheimdienstler Ian Fleming als Vorbild für James Bond. Sogar ein Attentat auf Hitler war geplant, die Operation Foxley, wurde aber verworfen. Nach dem Krieg 1946 aufgelöst, blieb die SOE lange geheim, auch weil ein Großteil ihrer Akten verbrannte.
Sun, 20 Jul 2025 - 14min - 85 - Edward Bernays: Freuds Neffe, der die PR erfand (#85)
Der Mann, der maßgeblich erfand, wie man Meinungen und Kaufentscheidungen lenkt, war ein Neffe von Sigmund Freud. Edward Bernays kam 1891 in Wien zur Welt, wuchs in den USA auf und übertrug die Ideen der Psychoanalyse auf die Beeinflussung ganzer Gesellschaften. Weil das Wort Propaganda nach dem Ersten Weltkrieg verbrannt war, prägte er dafür einen neuen Begriff, Public Relations. Berühmt wurde seine Kampagne, mit der er das Rauchen für Frauen als Zeichen der Emanzipation inszenierte und Zigaretten zu Fackeln der Freiheit erklärte. Weit dunkler war seine Arbeit für die United Fruit Company, die 1954 mithalf, in Guatemala einen gewählten Präsidenten aus dem Amt zu putschen. In seinem Buch Propaganda hielt Bernays offen fest, dass eine unsichtbare Elite die öffentliche Meinung formt, für ihn eine Voraussetzung moderner Demokratie.
Sun, 13 Jul 2025 - 07min - 84 - Mercia: Das vergessene Königreich, aus dem England entstand (#84)
Fast niemand kennt es heute, dabei liegen die Wurzeln des vereinten England ausgerechnet in Mercia. Das angelsächsische Königreich in der Mitte der Insel, dessen Name schlicht Grenzland bedeutet, wurde vom heidnischen Kriegerkönig Penda begründet und im 8. Jahrhundert von nur zwei außergewöhnlich langlebigen Herrschern geprägt, Æthelbald und Offa. Offa war so mächtig, dass er mit Karl dem Großen auf Augenhöhe verhandelte, was prompt zu einem diplomatischen Eklat samt Handelsembargo führte. Seine Frau Cynethryth ließ als einzige angelsächsische Königin eigene Münzen mit ihrem Porträt prägen. Nach Offa zerfiel Mercia, und seine Infrastruktur aus Römerstraßen und Flüssen half ausgerechnet den Wikingern bei der Eroberung, ehe Wessex das Erbe antrat und daraus England formte.
Sun, 06 Jul 2025 - 12min - 83 - Glückspilze: Klinisch tot, dann zweimal im Lotto gewonnen (#83)
Manche Menschen entkommen dem Tod so knapp, dass es kaum zu glauben ist. Der Australier Bill Morgan war nach einem Herzstillstand 14 Minuten lang klinisch tot, erwachte aus dem Koma und gewann kurz darauf gleich zweimal im Lotto, den zweiten Gewinn ausgerechnet vor laufender Kamera. Der Japaner Tsutomu Yamaguchi überlebte 1945 in Hiroshima den ersten Atombombenabwurf, kehrte verletzt nach Hause zurück und erlebte dort drei Tage später den zweiten in Nagasaki, als bislang einziger offiziell anerkannter Überlebender beider Abwürfe. Und der niederländische Radprofi Maarten de Jonge will nach eigenen Angaben Tickets für die verunglückten Malaysia-Airlines-Flüge MH370 und MH17 gehabt und beide in letzter Minute umgebucht haben. Drei Geschichten über das schmale Band zwischen Unglück und Glück.
Video von Bill Morgan: https://www.youtube.com/watch?v=B1Ik-uFNKSQ
Sun, 29 Jun 2025 - 07min - 82 - Chinesischer Luxus: Vom Ursprung der Weltluxusgüter zum größten Käufer (#82)
Lange bevor Europa eigene Luxusmarken hatte, kam das Begehrteste der Welt aus China: Seide, die niemand sonst herstellen konnte, und ein weißes Porzellan, das im Westen schlicht „China" hieß. Jahrhundertelang hütete das Kaiserreich seine Herstellungsgeheimnisse streng, und über die Seidenstraße floss dafür ein Vermögen an Silber nach Osten. Erst als Europa das Rätsel von Seide und Porzellan knackte, verlor China seine Sonderstellung. Heute hat sich das Bild gedreht, denn kaum ein Markt entscheidet über die großen westlichen Luxusmarken so stark wie der chinesische. Aus dem einstigen Lieferanten des Weltluxus ist dessen wichtigster Kunde geworden.
Sun, 22 Jun 2025 - 11min - 81 - Disney-Stadt Celebration: Als der Konzern die perfekte Stadt bauen wollte (#81)
In den 1990er Jahren verwirklichte der Disney-Konzern eine ungewöhnliche Idee: eine echte Stadt zum Wohnen, nicht als Freizeitpark. In Florida entstand Celebration, geplant als perfekte amerikanische Kleinstadt mit Vorgärten, Gemeinschaftsgefühl und nostalgischem Kleinstadtcharme, inspiriert von Walt Disneys altem Traum einer idealen Musterstadt. Tausende zogen in die heile Welt. Doch mit der Zeit zeigte sich, dass sich echtes Leben nicht durchplanen lässt: Es gab Streit über die strengen Regeln, Probleme mit der Bausubstanz und sogar einen aufsehenerregenden Kriminalfall, der nicht recht ins makellose Bild passen wollte. Diese Folge erzählt, wie Disney versuchte, das perfekte Zusammenleben zu bauen, und was dabei aus der Utopie wurde.
Bilder der Stadt findet man auf der offiziellen Webseite von Celebration.
Sun, 15 Jun 2025 - 08min - 80 - Schottische Aufklärung: Wie ein armes Land die moderne Welt erdachte (#80)
Ausgerechnet als Schottland seine politische Eigenständigkeit verlor, erlebte das Land im 18. Jahrhundert einen beispiellosen Ideenschub. Mit nur rund 1,2 Millionen Einwohnern brachte es Denker wie David Hume, der sich mit zwölf Jahren an der Universität Edinburgh einschrieb, und Adam Smith hervor, dessen Werk Der Wohlstand der Nationen die moderne Ökonomie begründete. Anders als die französische Aufklärung war die schottische praktischer und weniger kirchenfeindlich ausgerichtet, viele ihrer Denker waren selbst Pfarrer, und ihr zeitgenössischer Name lautete schlicht Improvement, Verbesserung. Getragen wurde sie von offenen Universitäten und Debattierklubs, in denen sich Ideen zu Sozialwissenschaft, Medizin und Architektur verbreiteten. Bis heute erinnert Edinburghs klar geplante Neustadt an diese Zeit, die den Boden für spätere Schotten wie James Watt, David Livingstone und Alexander Fleming bereitete.
Foto: Kim Traynor / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0
Sun, 08 Jun 2025 - 09min - 79 - The Monkees: Die erste künstliche Boygroup der Geschichte (#79)
Die Monkees waren keine gewöhnliche Band, sondern ein Fernsehprodukt: 1965 wurden vier junge Männer per Casting zusammengestellt, um in einer US-Sitcom eine fiktive Popband zu spielen, inspiriert von den Beatles. Ausgewählt wurden Micky Dolenz, Michael Nesmith, Peter Tork und der Brite Davy Jones. Der Clou: Aus der erfundenen Band wurde eine echte, mit Nummer-eins-Hits und Millionen verkaufter Platten. Anfangs durften die vier ihre Musik nicht selbst einspielen, das übernahmen Studiomusiker. Doch sie lehnten sich gegen diese Bevormundung auf und erkämpften sich die künstlerische Kontrolle. Diese Folge erzählt, wie aus einer für das Fernsehen erfundenen Boygroup echte Musiker wurden, und warum die Monkees als Vorläufer heutiger Casting-Bands gelten.
Sun, 01 Jun 2025 - 07min - 78 - Bilderberg-Konferenz: Das Geheimtreffen der Mächtigen (#78)
Seit 1954 treffen sich einmal im Jahr rund 130 Spitzenpolitiker, Wirtschaftsvertreter und Wissenschaftler zu einer Konferenz ohne Presse, ohne Protokoll und ohne veröffentlichte Tagesordnung, benannt nach dem niederländischen Hotel de Bilderberg, in dem alles begann. Ziel war ursprünglich die transatlantische Verständigung im Kalten Krieg, heute reicht die Themenliste von Wirtschaft über Sicherheitspolitik bis zum Klimawandel. Wer teilnimmt, unterliegt der Chatham-House-Regel: Inhalte dürfen weitergegeben werden, Namen nicht. Genau diese Geheimhaltung macht die Konferenz zur Projektionsfläche, für die einen ein notwendiger Rahmen für offenen Austausch, für andere ein Symbol undurchsichtiger Elitenmacht. Ähnliche, ebenfalls einflussreiche Zirkel gibt es mit Chatham House in London und dem Council on Foreign Relations in den USA, deren Mitglieder sich seit Jahrzehnten in denselben Kreisen bewegen.
Titelbild-Foto: M.M.Minderhoud / CC BY-SA 4.0
Sun, 25 May 2025 - 06min - 77 - Titanic: Die Geschichte des deutschen Satiremagazins (#77)
Titanic, das ist nicht nur das Schiff, sondern auch das bekannteste Satiremagazin im deutschsprachigen Raum. 1979 in Frankfurt gegründet, aus dem Umfeld der legendären "Neuen Frankfurter Schule", machte sich das Blatt einen Namen mit bissiger Satire, Verballhornungen von Politik und Prominenz und Aktionen, die immer wieder für Skandale und Gerichtsprozesse sorgten. Berühmt wurde etwa der gefälschte Brief, mit dem die Titanic angeblich die Vergabe der Fußball-WM 2006 an Deutschland beeinflusste. Diese Folge erzählt, wie aus einem Nischenblatt eine Institution der deutschen Satire wurde, die bis heute aneckt.
Titelbild: Erstes Cover der Titanic 1979
Sun, 18 May 2025 - 08min - 76 - Risorgimento: Wie aus Kleinstaaten Italien wurde (#76)
Als Italien 1861 zum Königreich wurde, sprach nur ein winziger Bruchteil der Bevölkerung überhaupt Italienisch, ein Land, das es in dieser Form noch nie gegeben hatte. Das Risorgimento, wörtlich Wiedererstehung, führte kleine Fürstentümer, Habsburger Provinzen und den Kirchenstaat zwischen 1815 und 1870 zu einem Nationalstaat zusammen. Getragen wurde die Bewegung von Denkern wie Giuseppe Mazzini, der später ins Exil nach London floh und dort in scharfen Streit mit Karl Marx geriet, und vollendet vom charismatischen Giuseppe Garibaldi, der Sizilien und Neapel eroberte und die Gebiete dem König von Piemont-Sardinien übergab. Nicht alle vorherigen Herrscher waren Tyrannen: Der Habsburger Großherzog Leopold von Toskana etwa schaffte als erster europäischer Herrscher überhaupt die Todesstrafe ab. Am Ende stand ein geeintes Italien, dessen Regionen bis heute ihre eigene Identität bewahrt haben.
Sun, 11 May 2025 - 08min - 75 - Die Geschichte des Podcasts: Vom Nischenhobby zum Massenmedium (#75)
Podcasts sind heute ein Massenmedium, doch das Format ist noch gar nicht so alt. Der Name entstand 2004 als Kofferwort aus "iPod" und "Broadcast", geprägt von einem Journalisten des Guardian. Möglich wurde das Ganze durch eine simple Technik: Audiodateien über RSS-Feeds automatisch abonnieren zu können. Anfangs war Podcasting ein Nischenhobby von Technikbegeisterten, bis große Plattformen wie Apple und später Spotify das Format einem Massenpublikum zugänglich machten. Diese Folge erzählt, wie aus einer Bastelidee eines der einflussreichsten Medien unserer Zeit wurde, und ganz nebenbei, wie auch dieser Podcast dazugehört.
Sun, 04 May 2025 - 07min - 74 - Deutscher Orden: Vom Feldlazarett zum Staat im Baltikum (#74)
Direkt neben dem Fußballstadion von Rapid Wien liegt eine Straße, die an eine der einflussreichsten Ordensgemeinschaften des Mittelalters erinnert, den Deutschen Orden. Gegründet 1190 während der Belagerung von Akkon als improvisiertes Feldhospital für kranke Kreuzfahrer, wuchs er rasch zu einem straff geführten Ritterorden mit eigenen Territorien heran. Ab dem 13. Jahrhundert baute er im heutigen Polen und Baltikum einen eigenen Ordensstaat auf, der zu seiner Blütezeit wirtschaftlich und administrativ zu den fortschrittlichsten Gemeinwesen Europas zählte. Die dortige Ausbreitung ging allerdings mit gewaltsamer Missionierung und Unterwerfung der heidnischen Bevölkerung einher, weshalb sie bis heute kontrovers bewertet wird. Nach Napoleons Auflösung des Ordens überdauerte er nur mehr in Österreich, wo er bis heute mit Sitz in Wien vor allem karitativ tätig ist. Sein schwarzes Kreuz auf weißem Grund lebt bis heute weiter, etwa im preußischen Eisernen Kreuz und im Hoheitszeichen der Bundeswehr.
Sun, 27 Apr 2025 - 09min - 73 - Die Straßburger Tanzwut: Als sich Menschen zu Tode tanzten (#73)
Im Sommer 1518 begann eine Frau in Straßburg auf offener Straße zu tanzen, ohne erkennbaren Grund, tagelang, ohne aufzuhören. Bald schlossen sich Dutzende, dann Hunderte Menschen an. Sie tanzten bis zur Erschöpfung, manche angeblich bis zum Tod durch Herzinfarkt oder Schlaganfall. Die Obrigkeit war ratlos und ließ die Tanzenden zunächst sogar gewähren, in der Hoffnung, sie würden sich "austanzen". Bis heute ist nicht restlos geklärt, was die Tanzwut auslöste, diskutiert werden Massenhysterie, Vergiftungen durch Mutterkorn und religiöse Panik. Diese Folge erzählt eines der rätselhaftesten Ereignisse der Geschichte, das tatsächlich so passiert ist.
Sun, 20 Apr 2025 - 07min - 72 - US-Zölle: Wie ein Zoll die erste US-Regierung finanzierte (#72)
Zölle gehören zu den ältesten Werkzeugen amerikanischer Politik: Schon das zweite Gesetz, das George Washington 1789 unterzeichnete, führte einen Importzoll von 5 Prozent ein, damals fast die einzige Einnahmequelle einer jungen Regierung ohne direkte Steuerhoheit. Der erste Finanzminister Alexander Hamilton machte daraus mehr als eine Geldquelle: In seinem Report on Manufactures forderte er, die aufstrebende US-Industrie gezielt durch Zölle vor billigeren Importen zu schützen. Über das 19. Jahrhundert stiegen die Sätze deutlich, befeuert auch durch den Krieg von 1812, ehe erst die Einführung einer Bundeseinkommensteuer die USA von den Zolleinnahmen unabhängiger machte. Nach 1945 wurde das Land zum Motor des weltweiten Freihandels und der Zollsenkungen über GATT und die Welthandelsorganisation. Damit spannt sich ein jahrhundertelanger Bogen zwischen Protektionismus und Freihandel, der die USA von Beginn an begleitet.
Sun, 13 Apr 2025 - 07min - 71 - Die Schlacht von Karánsebes: Als eine Armee sich selbst besiegte (#71)
In der Nacht des 17. September 1788 erlitt die österreichische Armee eine schwere Niederlage, und das ganz ohne Feind. Im Russisch-Österreichischen Türkenkrieg lagerten rund 100.000 erschöpfte Soldaten bei Karánsebes im heutigen Rumänien. Alles begann mit einem Streit um Schnaps zwischen Husaren und Infanteristen. Dann fiel der Ruf "Die Türken!", in der Dunkelheit brach Panik aus, und weil die Armee ein Sprachengewirr aus Deutschen, Ungarn, Italienern und Kroaten war, verstand niemand mehr die Befehle. Am Ende schossen die eigenen Einheiten aufeinander, während kein einziger Osmane in Sicht war. Diese Folge erzählt eines der bekanntesten und kuriosesten Beispiele für Friendly Fire, und warum die Geschichte trotzdem mit Vorsicht zu genießen ist.
Sun, 06 Apr 2025 - 04min - 70 - The Great Stink: Wie Gestank London zur Kanalisation zwang (#70)
Im Hitzesommer 1858 wurde die Themse so übel riechend, dass die Arbeit im britischen Parlament direkt am Fluss fast unmöglich wurde, Abgeordnete tränkten die Vorhänge in Chlorkalk und erwogen einen Umzug aus London. Der Great Stink war die Folge einer sanitären Revolution: Immer mehr Wasserklosetts spülten die Abwässer einer auf 2,5 Millionen Menschen wachsenden Stadt direkt in einen Fluss, der wegen der Gezeiten kaum Fließgeschwindigkeit besaß. Cholera-Epidemien mit zehntausenden Toten hatte der Arzt John Snow schon Jahre zuvor auf verseuchtes Wasser statt auf schlechte Luft zurückgeführt, doch erst der unerträgliche Gestank brachte die Politik zum Handeln. Der Ingenieur Joseph Bazalgette baute daraufhin ein gewaltiges Kanalsystem, das London bis heute als Rückgrat seiner Abwasserentsorgung dient und der Stadt gleichzeitig ihre bis heute beliebten Themse-Uferpromenaden schenkte.
Sun, 30 Mar 2025 - 10min - 69 - Timothy Dexter: Der Mann, der alles falsch machte und trotzdem reich wurde (#69)
Timothy Dexter hatte kaum Schulbildung, keinen Geschäftssinn und traf eine absurde Entscheidung nach der anderen. Trotzdem wurde er einer der reichsten Männer im Neuengland des 18. Jahrhunderts. Als man ihm spöttisch riet, Bettwärmer in die tropische Karibik oder Kohle ins Kohlerevier Newcastle zu verschiffen, machte er ausgerechnet damit Gewinn. Später schrieb er eine Autobiografie ganz ohne Satzzeichen und lieferte die Kommas auf einer Extraseite zum "nach Belieben einstreuen" nach. Und einmal täuschte er sogar seinen eigenen Tod vor, nur um zu sehen, wer zu seiner Beerdigung käme. Diese Folge erzählt die Geschichte eines Mannes, bei dem bis heute niemand weiß, ob er ein Idiot mit unfassbarem Glück oder ein verkanntes Genie war.
Artikel über Timothy Dexter: Lord Timothy Dexter of Newburyport, Massachusetts: Wealthy by Mistake?
Dexters Autobiografie: "A Pickle for the Knowing Ones"
Sun, 23 Mar 2025 - 04min - 68 - Fashion Police in Rom: Wie die Toga zum Statussymbol wurde (#68)
Im alten Rom verriet die Kleidung sofort, wer du warst, ohne Ausweis, aber mit klaren Regeln. Die Toga, ein aufwendig gewebtes Wolltuch, durften nur männliche römische Bürger tragen, für alle anderen war sie gesetzlich untersagt. Ganz in Purpur gekleidet sein durfte allein der Kaiser, während sich die Elite mit einem Purpurstreifen begnügte, jener kostbarsten aller Farben. Selbst Kinder trugen eine eigene Toga mit Purpurbesatz, bis sie mit einem Fest zur Erwachsenenkleidung wechselten. Weil Kleidung oft der teuerste Besitz eines Römers war, wurde sie auch gern gestohlen, wie Fluchtafeln aus dem britischen Bad Bath zeigen, auf denen Bestohlene die Götter gegen Diebe anriefen. Bis heute gilt Italien als Herzstück der europäischen Mode, ein Erbe, das bis in die Antike zurückreicht.
Sun, 16 Mar 2025 - 10min - 67 - Kaiser Norton I.: Der Bankrotteur, der Kaiser der USA wurde (#67)
Nachdem er sein Vermögen mit einer Reisspekulation verloren hatte, erklärte sich ein bankrotter Geschäftsmann 1859 kurzerhand zum Kaiser der Vereinigten Staaten. Joshua Abraham Norton, in England geboren und über Südafrika nach San Francisco gekommen, regierte fortan als Kaiser Norton I., später auch Schutzherr von Mexiko, per Erlass in den Zeitungen der Stadt. Er befahl die Auflösung des Kongresses, verteilte selbst gedrucktes Geld und trug eine prächtige Fantasieuniform, und San Francisco spielte mit: Restaurants bewirteten ihn gratis, die Stadt schenkte ihm eine neue Uniform, und als ein Polizist ihn in eine Anstalt einweisen wollte, protestierte die Öffentlichkeit so laut, dass sich der Polizeichef entschuldigte. Einer seiner Erlasse forderte eine Brücke über die Bucht, Jahrzehnte vor dem Bau der Bay Bridge. Als Norton 1880 mittellos auf der Straße zusammenbrach, folgten Tausende seinem Sarg.
Sun, 09 Mar 2025 - 05min - 66 - Das Bett: 200.000 Jahre Menschheitsgeschichte (#66)
Schon vor 200.000 Jahren schliefen Menschen in Afrika auf sorgfältig angelegten Grasbetten mit insektenabweisenden Pflanzen, ein Komfortanspruch, der sich bis heute hält. Die Römer polsterten ihre Betten mit Federn und kostbaren Stoffen, im Mittelalter kamen Himmelbetten mit Baldachin auf, doch für die meisten Menschen blieb Stroh über Jahrhunderte die einzige Unterlage. Zum wahren Machtsymbol wurde das Bett am Hof Ludwigs XIV., der sein Aufstehen und Zubettgehen zur öffentlichen Zeremonie machte und dessen Schloss Versailles rund 400 kunstvoll bestickte Betten beherbergte. Erst mit der Massenproduktion wurde das einst so exklusive Möbelstück für fast jeden erschwinglich. Ein Drittel unseres Lebens verbringen wir bis heute darin, Grund genug für einen Blick auf seine lange Geschichte.
Sun, 02 Mar 2025 - 09min - 65 - Jakob Maria Mierscheid: Der deutsche Abgeordnete, den es nie gab (#65)
Seit 1979 sitzt im Deutschen Bundestag ein Abgeordneter, der nie eine Rede gehalten hat, weil es ihn nicht gibt. Jakob Maria Mierscheid ist eine Kunstfigur, erfunden von zwei SPD-Abgeordneten im Restaurant des Bonner Bundeshauses, offiziell geboren am 1. März 1933 in Morbach im Hunsrück und angeblicher Freund der geringelten Haubentaube. Über die Jahre bekam das Phantom eine vollständige Biografie auf der Bundestagsseite, einen Wanderweg im Hunsrück und sogar eine Brücke im Regierungsviertel, den Jakob-Mierscheid-Steg. 2013 gratulierte ihm Bundestagspräsident Norbert Lammert im Plenum unter Gelächter zum 80. Geburtstag. Nach ihm ist auch das satirische Mierscheid-Gesetz benannt, das den Stimmenanteil der SPD an die westdeutsche Rohstahlproduktion koppelt und jahrzehntelang verblüffend genaue Prognosen lieferte.
Mierscheids Biografie auf der Webseite des Bundestags: https://web.archive.org/web/20210410112005/https://www.bundestag.de/abgeordnete/mierscheid
Mierscheids Biografie auf der Webseite der SPD: https://www.spdfraktion.de/abgeordnete/mierscheid?wp=13
Videomitschnitt der Feier des 90. Geburtstags von Jakob Maria Mierscheid im Rathaus Morbach: https://www.morbach.de/leben-arbeiten/unsere-gemeinde/persoenlichkeiten/jakob-maria-mierscheid/
Sun, 23 Feb 2025 - 07min - 64 - Jakobäa von Bayern: Viermal verheiratet, nie besiegt (#64)
Mit 16 Jahren Witwe, musste eine junge Wittelsbacherin plötzlich ein reiches Erbe in den Niederlanden verteidigen, in einer Zeit, in der Frauen kaum als Herrscherinnen galten. Jakobäa von Bayern, 1401 geboren, war einst als Kind mit dem französischen Thronfolger verlobt und wurde nach dessen frühem Tod Gräfin von Holland, Seeland und Hennegau. Vier Ehen, darunter eine mit dem Bruder des englischen Königs, sollten ihr helfen, ihre Länder gegen den mächtigen Herzog von Burgund zu behaupten, sie führte sogar selbst Truppen in die Schlacht. Am Ende musste sie ihre Herrschaft im Haager Vertrag von 1433 abtreten und starb nur wenige Jahre später mit 35. In den Niederlanden gilt sie bis heute als eine Art heimische Jeanne d'Arc, eine Frau, die sich gegen alle Widerstände ihren Platz erkämpfte.
Sun, 16 Feb 2025 - 10min - 63 - Alan Smithee: Hollywoods geheimes Pseudonym für gescheiterte Filme (#63)
Er hat bei über 150 Filmen Regie geführt und existiert trotzdem nicht. Alan Smithee ist ein Pseudonym, das die Directors Guild of America ab 1969 einsetzte, wenn ein Regisseur seinen Namen von einem Film zurückziehen wollte. Entstanden ist der Tarnname beim Western Death of a Gunfighter, als sich Regisseur Robert Totten und Hauptdarsteller Richard Widmark zerstritten und Don Siegel übernahm, aber keiner der beiden allein genannt werden wollte. Wer das Pseudonym nutzte, musste strenge Regeln einhalten und durfte den Film weder öffentlich kritisieren noch die Beantragung publik machen. Auch bekannte Namen wie David Lynch und Dennis Hopper griffen darauf zurück, bevor die Komödie An Alan Smithee Film: Burn Hollywood Burn den Trick 1998 endgültig enttarnte. Seit dem Jahr 2000 empfiehlt die Directors Guild das Pseudonym nicht mehr.
Sun, 09 Feb 2025 - 05min - 62 - Kulinarische Traditionen: Pizza kam aus New York, nicht aus Neapel (#62)
Viele Gerichte, die als uralte Nationalküche gelten, sind überraschend jung: Wiener Schnitzel und Kaiserschmarrn lassen sich erst ab dem späten 19. Jahrhundert belegen, und die erste Pizzeria Wiens eröffnete sogar erst 1975. Auch die berühmte italienische Küche steht dabei im Zentrum, der Wirtschaftshistoriker Alberto Grandi zeigt in seinem vielbeachteten Buch, dass Klassiker wie moderner Parmesan, Panettone als Weihnachtsgebäck oder bestimmte Herkunftstomaten erst im 20. Jahrhundert entstanden. Selbst die Pizza wurde erst durch italienische Auswanderer in den USA zum Massenphänomen, lange bevor sie in Italien selbst als Nationalgericht galt. Dahinter steht ein größeres Muster, das auch der schottische Kilt zeigt, der erst seit dem 17. statt seit der Antike existiert: viele Traditionen sind erfunden, oft aus Marketing, Nostalgie oder nationaler Selbstvergewisserung.
Sun, 02 Feb 2025 - 08min - 61 - Trofim Lyssenko: der Mann, der die Genetik verbot (#61)
Ein Agronom versprach Stalin, die Ernten der Sowjetunion mit einfachen Mitteln zu retten, und stürzte stattdessen eine ganze Wissenschaft ins Chaos. Trofim Lyssenko lehnte die Vererbungslehre und die Existenz von Genen ab und behauptete, Pflanzen ließen sich allein durch Umwelteinflüsse umformen. Mit Stalins Rückendeckung setzte er ab 1948 die klassische Genetik in der UdSSR faktisch außer Kraft und ließ Kritiker verfolgen, unter ihnen den Genetiker Nikolai Wawilow, der 1943 in Haft an Unterernährung starb. Seine Anbaumethoden hielten nicht, was er versprach, und verschärften die angespannte Ernährungslage. Als Mao dieselben Ideen während des Großen Sprungs nach vorn übernahm, trugen sie zur verheerenden Hungersnot in China bei. In der DDR verhinderten Genetiker um Hans Stubbe am Institut in Gatersleben, dass sich der Lyssenkoismus vollständig durchsetzte, bis prominente Wissenschaftler Lyssenko 1965 entmachteten.
Sun, 26 Jan 2025 - 07min - 60 - Die erste Autobahn der Welt: Schon vor 2.000 Jahren gebaut (#60)
Schon die Römer bauten ein rund 80.000 Kilometer langes Straßennetz, fast genauso lang wie das heutige europäische Autobahnnetz. Begonnen 312 vor Christus mit der berühmten Via Appia, verband es das gesamte Reich mit schnurgeraden, kunstvoll geschichteten Straßen samt Brücken, Stützmauern und sogar Tunneln. Entlang der Strecke sorgten Raststationen, Pferdewechselplätze und Meilensteine für Orientierung und Versorgung, ein System, das dem heutigen Autobahnnetz mit seinen Raststätten und Streckenmeistereien erstaunlich ähnelt. Viele moderne Straßen, von einer Autobahn nördlich von Lincoln bis zu deutschen Fernstraßen entlang der alten Bernsteinstraße, folgen bis heute genau diesen antiken Trassen. Fast 2.000 Jahre später eröffnete Konrad Adenauer 1932 als Kölner Oberbürgermeister die erste kreuzungsfreie Autostraße Deutschlands zwischen Köln und Bonn, wenige Jahre nach der noch älteren Rennstrecke AVUS in Berlin.
Sun, 19 Jan 2025 - 10min - 59 - Fahrstuhl: die Erfindung, die das Dachgeschoss zum Luxus machte (#59)
Vor dem Aufzug war die beste Wohnung im Haus die untere: Wer es sich leisten konnte, wohnte in der Belle Étage im ersten Stock, während unter dem Dach die Dienstboten hausten. Der Fahrstuhl drehte diese Ordnung um und machte aus dem Dachgeschoss das Penthouse mit der besten Aussicht. Möglich wurde das durch die Sicherheitsbremse, die Elisha Otis 1853 entwickelte und kurz darauf auf der Weltausstellung in New York vorführte, indem er das Tragseil einer Kabine kappen ließ. Die Idee, dass diese Vorführung im Alleingang die Angst vor Aufzügen beseitigte, gilt unter Historikern allerdings als Legende. Sicher ist, dass sichere Aufzüge zusammen mit der Stahlbauweise den Bau von Hochhäusern erst praktikabel machten, vom Empire State Building von 1931 bis zur modernen Skyline. Das Prinzip kannten schon die Römer: Im Kolosseum hoben bis zu 60 Aufzüge Tiere in die Arena.
Sun, 12 Jan 2025 - 06min - 58 - Skifahren: 8.300 Jahre alt und aus Russland (#58)
Skifahren ist keine skandinavische Erfindung: Die ältesten bekannten Skifragmente wurden im Norden Russlands entdeckt und sind rund 8.300 Jahre alt, lange bevor der Ski zum Wintersport wurde. Jahrhundertelang diente er vor allem als Transportmittel im flachen Gelände, bis er im 19. Jahrhundert auch militärisch entdeckt wurde, mit dramatischer Wirkung im finnisch-sowjetischen Winterkrieg 1939/40. Populär als Freizeitsport machte ihn der norwegische Polarforscher Fridtjof Nansen, dessen Buch über seine Grönlanddurchquerung 1888 Tausende junge Europäer zum Skifahren inspirierte. Den entscheidenden Schritt zum modernen Skifahren machte aber ein Österreicher: Mathias Zdarsky aus Lilienfeld erkannte, dass die langen nordischen Ski für steiles Gelände ungeeignet waren, sägte sie kurzerhand auf 1,80 Meter und erfand damit den Alpinski samt fester Bindung. Vom Transportmittel zum globalen Wintersportmarkt, der heute sogar Skigebiete in der saudi-arabischen Wüste plant.
Sun, 05 Jan 2025 - 09min - 57 - 10.000 Schritte: Ein Marketing-Gag aus Japan (#57)
Die berühmte Zahl auf deiner Smartwatch stammt nicht aus einem Labor, sondern aus einer Werbekampagne. Als Japan sich für die Olympischen Spiele 1964 in Tokio begeisterte, brachte die Firma Yamasa einen Schrittzähler namens Manpo-kei auf den Markt, wörtlich „10.000-Schritte-Zähler". Die runde Zahl klang gut und ließ sich leicht merken, ein wissenschaftliches Fundament hatte sie nicht. Über Fitbit und später das Smartphone wurde daraus ein globaler Standard. Studien zeigen inzwischen, dass viele positive Effekte schon deutlich früher einsetzen, bei älteren Menschen etwa ab rund 4.400 Schritten, und dass regelmäßiges Gehen sogar Depressionen vorbeugen kann. Mehr Bewegung bleibt gesund, die magische 10.000 ist es nicht.
Links zur Episode:
Eine Studie, die zeigt, dass bereits 4.400 Schritte pro Tag bei älteren Menschen gesundheitliche Vorteile bringen können: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31141585/
Informationen der University of Massachusetts Amherst zu einer Studie, die für Menschen unter 60 Jahren eine Schrittanzahl von 7.000 pro Tag als gesundheitsfördernd einstuft: https://www.umass.edu/news/article/steps-day-matter-middle-age-not-many-you-may-think
Eine Meta-Studie aus dem Jahr 2024 mit dem Titel „Daily Step Count and Depression in Adults – A Systematic Review and Meta-Analysis“ - ein ergänzender Artikel des ORF Science zur Meta-Studie: https://science.orf.at/stories/3228087/
Das japanische Schriftzeichen für 10.000: 万
Sun, 29 Dec 2024 - 06min - 56 - Christkind vs. Weihnachtsmann (#56)
Wer bringt an Weihnachten wirklich die Geschenke? Im Mittelalter war der 6. Dezember, der Nikolaustag, der eigentliche Bescherungstermin, bis Martin Luther im 16. Jahrhundert die Heiligenverehrung ablehnte und die Beschenkung auf den 25. Dezember verlegte, wo bis heute in katholisch geprägten Regionen wie Österreich das Christkind bringt. Der Weihnachtsmann, heute weit präsenter, ist dagegen eine junge, erst im 19. Jahrhundert popularisierte Figur, entstanden aus einer Verschmelzung des heiligen Nikolaus mit vielen europäischen Bräuchen. Fast jedes Land hat seine eigene Version: den Krampus in Österreich, Sinterklaas in den Niederlanden, Väterchen Frost in Russland oder die nordischen Wichtel, aus denen der Brauch des Wichtelns stammt. Eine Reise durch die überraschend junge und vielfältige Geschichte der weihnachtlichen Geschenkefiguren.
Sun, 22 Dec 2024 - 08min - 55 - Río Rico: Das Dorf, das vergaß, dass es zu den USA gehörte (#55)
1906 grub eine Bewässerungsfirma ohne Genehmigung einen Kanal in den Rio Grande und begradigte den Grenzfluss zwischen Texas und Mexiko. Damit landete ein Stück US-Boden, der Horcón Tract, plötzlich auf der mexikanischen Seite. Weil das Völkerrecht nur natürliche Flussverläufe als Grenze anerkennt, blieb das Land juristisch amerikanisch, während dort faktisch Mexiko regierte. Während der Prohibition wurde das Dorf Río Rico zum Ausflugsziel durstiger US-Bürger, mit Bars, Glücksspiel und Gerüchten über Al Capones Geld. Erst 1967 fiel dem Geografen James Hill auf, dass Río Rico offiziell zu den USA gehörte, und ein Deportationsfall um den dort geborenen Homero Cantú brachte die Gerichte dazu, alle zwischen 1906 und 1972 Geborenen als US-Bürger anzuerkennen. 1970 einigten sich beide Länder darauf, den Landzipfel endgültig Mexiko zu überlassen.
The border town that 'forgot' it was part of the US - BBC News: https://www.youtube.com/watch?v=kK_T0_ZyO8E
Foto: Asaavedra32 /Wikimedia Commons/CC BY-SA 3.0
Sun, 15 Dec 2024 - 05min - 54 - Siesta: Der viel ältere Powernap (#54)
Die Siesta gilt vielen als überholtes Klischee, dabei ist sie in Spanien lebendiger, als man denkt: 2023 erließ die Regierung sogar ein Gesetz, das Arbeitgeber verpflichtet, Beschäftigte im Freien während der größten Hitze zu schützen. Der Name geht auf das lateinische hora sexta zurück, die sechste Stunde nach Sonnenaufgang, wenn die Hitze am größten ist. Trotz Klimaanlage, die den Mittagsschlaf eigentlich überflüssig machen würde, halten viele Spanierinnen und Spanier weiter daran fest, manche mieten dafür sogar stundenweise ein Hotelzimmer. Ähnliche Traditionen wie die Pausa in Italien oder das Nachmittagsschläfchen in China zeigen, dass ein Mittagsschlaf weltweit verbreiteter ist als gedacht. Und medizinisch spricht einiges dafür: Studien bringen regelmäßige Siesta mit einem deutlich geringeren Risiko für tödliche Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung.
Sun, 08 Dec 2024 - 07min - 53 - Kaugummi: Schon über 10.000 Jahre alt und bis heute gekaut (#53)
Der älteste Kaugummi der Welt ist rund 10.000 Jahre alt und steckt voller menschlicher DNA. In Schweden fanden Archäologen Klumpen aus gekautem Birkenpech mit den Zahnabdrücken von Kindern, aus denen sich das Erbgut dreier steinzeitlicher Menschen auslesen ließ. Gekaut wurde seit jeher überall: Die alten Ägypter mischten Myrrhe gegen Mundgeruch, in der Antike war das Harz Mastix ein begehrtes Handelsgut, und die Maya kauten Chicle vom Breiapfelbaum. Der moderne Kaugummi entstand eher zufällig, als der Erfinder Thomas Adams um 1870 mit dem Chicle des mexikanischen Ex-Präsidenten Santa Anna experimentierte und daraus statt Gummi eine Süßigkeit machte. Zum Massenprodukt wurde er durch William Wrigley, der weniger auf das Rezept als auf die Werbung setzte. Über die US-Soldaten der Weltkriege wurde Kaugummi schließlich zum Symbol des American Way of Life.
Sun, 01 Dec 2024 - 09min - 52 - Zeitrechnung: Wer eigentlich festlegt, welches Jahr wir schreiben (#52)
Warum schreiben wir gerade dieses Jahr, und wer hat das eigentlich festgelegt? Die Antwort ist komplizierter, als man denkt: Juden zählen ihre Zeitrechnung ab der Schöpfung und stehen aktuell bei 5785, während der bis heute in orthodoxen Kirchen genutzte julianische Kalender dem gregorianischen 13 Tage nachläuft, weshalb dort Weihnachten erst am 7. Januar gefeiert wird. Erst 1582 führte Papst Gregor XIII. den bis heute gültigen gregorianischen Kalender ein, doch die Umstellung zog sich in manchen Ländern bis ins 20. Jahrhundert, in Russland kam sie erst nach der Oktoberrevolution, in Griechenland sogar erst 1923. Auch der Startpunkt der Zählung selbst war lange umstritten, vom Jahr eins nach Christi Geburt über die islamische Zeitrechnung ab der Hidschra 622 bis zu kurzlebigen Experimenten wie dem französischen Revolutionskalender oder Mussolinis faschistischer Zeitrechnung. Eine Reise durch die überraschend junge und wacklige Geschichte unseres Kalenders.
Sun, 24 Nov 2024 - 12min - 51 - Franziska Donner: Wie eine Österreicherin First Lady Koreas wurde (#51)
Dass eine gebürtige Wienerin zur First Lady von Südkorea wurde, klingt unwahrscheinlich, ist aber wahr. Franziska Donner, 1900 in Wien geboren, lernte in den 1930er Jahren den koreanischen Unabhängigkeitskämpfer und späteren Präsidenten Rhee Syng-man kennen und heiratete ihn. Als Rhee 1948 erster Präsident der Republik Korea wurde, stand an seiner Seite eine Österreicherin, in Korea bekannt als Francesca Rhee. Sie erlebte die turbulente Gründungszeit des Landes, den Koreakrieg und den späteren Sturz ihres Mannes an vorderster Front mit. Diese Folge erzählt die außergewöhnliche Lebensgeschichte einer Frau aus Wien, die zur einflussreichen First Lady eines fernen Landes wurde.
Foto: LIFE Magazine (10.Oktober 1950) / Lizenz: CC BY-SA 4.0
Sun, 17 Nov 2024 - 08min - 50 - Wilhelm der Bastard: Wie England fast Holländisch spräche (#50)
Wilhelm, unehelicher Sohn des normannischen Herzogs Robert, trug lange den Beinamen "der Bastard", bevor er 1066 mit dem Sieg bei Hastings englische Geschichte schrieb. Doch die eigentliche Eroberung begann erst danach: Wilhelm setzte systematisch normannische Vertraute in Verwaltung und Kirche ein, ließ Burgen bauen, schlug Aufstände nieder und erfasste mit dem Domesday Book erstmals den gesamten Landbesitz Englands. Seinen Anspruch auf den Thron leitete er von einem Treffen mit dem kinderlosen König Edward dem Bekenner ab, der einen Großteil seines Lebens im Exil in der Normandie verbracht hatte. Die vielleicht folgenreichste Veränderung war sprachlich: Normannisches Französisch wurde zur Sprache der Oberschicht und vermischte sich über Jahrhunderte mit dem Angelsächsischen zum heutigen Englisch, ohne Wilhelm klänge die Sprache heute vermutlich eher wie Niederländisch oder Deutsch.
Mon, 11 Nov 2024 - 09min - 49 - Kuriose Heilmittel: Von Crystal Meth bis zu zermahlenen Mumien (#49)
Was heute wie ein schlechter Scherz klingt, war jahrhundertelang ernst gemeinte Medizin. Diese Folge erzählt von Heilmitteln der Vergangenheit, die aus heutiger Sicht kurios bis grauenhaft wirken. Manche hatten eine reale, aber gefährliche Wirkung: Heroin etwa kam 1898 bei Bayer als Husten- und Schmerzmittel auf den Markt, Kokain gab es frei in der Apotheke, und das Methamphetamin Pervitin wurde als Lifestyle-Medikament verkauft. Andere Mittel waren schlicht wirkungslos, allen voran Mumia, ein Pulver aus zermahlenen ägyptischen Mumien, das bis in die 1920er Jahre gegen fast alles helfen sollte. Und dann sind da noch die Bezoarsteine, verhärtete Klumpen aus Tiermägen, die als Schutz gegen Gift galten. Eine Geschichte darüber, woran Menschen glaubten, bevor die moderne Medizin Klarheit brachte.
Sun, 03 Nov 2024 - 06min
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